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23. Februar 2010, 08:20 Uhr

Käßmann drohen üble Konsequenzen

Ihre trunkene Tour durch Hannover hat für Bischöfin Margot Käßmann ein Nachspiel. 1,54 Promille ergab die Blutprobe. Ab 1,1 handelt es sich um eine Straftat. Die möglichen Konsequenzen sind vielfältig. Vorsorglich hat die Kirchenfrau alle Termine für die kommenden Tage abgesagt.

Margot Käßmann, EKD-Ratsvorsitzende, betrunken, Käßmann, 1,3 Promille, Bischöfin

"Ich bin über mich selbst erschrocken": EKD-Chefin Margot Käßmann© Jörg Sarbach/AP

Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann, hatte bei ihrer Trunkenheitsfahrt am vergangenen Samstag sogar 1,54 Promille Alkohol im Blut und nicht 1,3 wie zunächst angenommen. Dies habe ihre Blutprobe ergeben, sagte Staatsanwalt Jürgen Lendeckel am Dienstag in Hannover. Der Bischöfin drohen ein einjähriger Führerscheinentzug und eine Geldstrafe von einem Monatsgehalt. Ob Käßmann bei der erneuten Beantragung des Führerscheins eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung - den so genannten Idiotentest - absolvieren muss, wird die Führerscheinstelle entscheiden müssen.

Viel gravierender für Käßmann: Die EKD kann noch nicht sagen, ob die Alkoholfahrt von ihrer Seite aus Folgen haben wird. Es werde beraten, erklärte die Kirche. Für die kommenden Tagen hat Käßmann erst einmal alle Termine abgesagt. Sie war am Dienstag ursprünglich in Osnabrück zum Jubiläum der evangelischen Fachschulen und am Abend in Hildesheim im Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst erwartet worden. Hannovers Bischöfin hatte das Spitzenamt erst vor vier Monaten vom Berliner Bischof Wolfgang Huber übernommen, der aus Altersgründen ausschied.

"Ich bin über mich selbst erschrocken"

Käßmann selbst gibt sich reuevoll. "Ich bin über mich selbst erschrocken, dass ich einen so schlimmen Fehler gemacht habe", ließ Käßmann über die EKD mitteilen. "Mir ist bewusst, wie gefährlich und unverantwortlich Alkohol am Steuer ist. Den rechtlichen Konsequenzen werde ich mich selbstverständlich stellen." Der Sprecher der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers sagte der Nachrichtenagentur DAPD, Käßmann sei auf einem privaten Termin gewesen. Grundsätzlich könne die Bischöfin für Termine einen Fahrer anfordern, doch der habe "auch irgendwann mal Feierabend".

Einige Äußerungen der Kirchenfrau aus dem vergangenen Jahr dürften die trunkene Fahrt zur Fastenzeit für Käßmann noch peinlicher machen als ohnehin schon. Im März 2009 hatte sie "Spiegel Online" gesagt, dass das Fasten "eine Chance für einen neuen Blick auf das Leben" bringe. Man habe in der Fastenzeit den Raum, sich mit existenziellen Fragen zu beschäftigen wie "Was bedeutet Gott für mich?". Käßmanns Rat: "Nur Mut, versuchen Sie es!". Auf diesen Versuch hat EKD-Vorsitzende in diesem Jahr offenbar verzichtet. Schon 2009 hatte sie gesagt, dass der Verzicht auf Alkohol während der Fastenzeit schwer falle. "Ich merke auf einmal, wie sehr ein Glas Wein am Abend zur Gewohnheit werden kann."

Betrunken über eine rote Ampel

2010 fiel es ihr dann offenbar so schwer, dass die dem alkoholischen Genuss nicht mehr widerstehen konnte. Aufgefallen war die Trunkenheit am Steuer nur, weil Käßmann eine rote Ampel überfahren hatte. Polizisten hatten sie daraufhin in der Hannoveraner City gestoppt. Bei der Kontrolle hatten die Beamten dann Alkohol gerochen und Käßmann einem Atemalkoholtest unterzogen. Das Ergebnis hatte beim ersten Check laut "Bild"-Zeitung bei etwa 1,3 Promille gelegen.

Die ersten Reaktionen auf die Alkoholtour fielen am Dienstag moderat aus. Der Wittenberger Theologe Friedrich Schorlemmer nahm die EKD-Ratsvorsitzende in Schutz. "Das ist ein Blackout, der leider immer wieder Leuten passiert, die in öffentlichen Ämtern unter Dauerstress stehen", sagte er der "Leipziger Volkszeitung". Gleichwohl sei die Alkoholfahrt eine Verfehlung, die nicht einfach zu rechtfertigen sei. Der Vorsitzende der konservativen Protestanten, der Hamburger Pfarrer Ulrich Rüß, erklärte in derselben Zeitung, es sei jetzt nicht angebracht, von außen einen Rücktritt zu fordern. Käßmann sei "sensibel genug" die entsprechenden Konsequenzen selbst zu ziehen. Die Unions-Kirchenpolitikerin Maria Flachsbarth bezeichnete Käßmanns Alkoholfahrt zwar als "klare Verfehlung". Sie glaubt aber nicht, "dass ihr Amt Schaden daran nimmt. Sie ist und bleibt eine herausragende Theologin."

Alkohol und seine Wirkung Die Alkoholkonzentration im Blut hängt von verschiedenen Faktoren ab - Alter, Gewicht und Geschlecht zählen dazu. Nach dem Genuss von zwei Gläsern Bier oder einem Viertelliter Wein haben die meisten Menschen ungefähr 0,5 Promille im Blut, wobei ein Promille knapp einem Gramm Alkohol pro Liter Blut entspricht. Das Auto sollte man dann besser stehen lassen.

Ab 1 Promille fangen die meisten an, zu lallen und zu torkeln. Um auf ungefähr 1,4 Promille im Blut zu kommen, muss eine 65 Kilogramm schwere Frau entweder fünf kleine Gläser (0,125 Liter) elfprozentigen Wein oder fünf bis sechs kleine Bier (0,25 Liter) getrunken haben. Frauen bauen Alkohol in der Regel langsamer ab als Männer. Zum einen, da sie weniger wiegen. Zum anderen, da ihr Körper einen höheren Fett- und einen geringeren Wasseranteil hat. Die Leber verarbeitet daher den Alkohol langsamer, im Blut wird er weniger stark verdünnt. 0,085 Gramm Alkohol pro Kilogramm Körpergewicht baut der weibliche Körper im Schnitt in einer Stunde ab. Männer liegen da etwas besser, sie kommen auf 0,1 Gramm.

Um den Alkohol aus einem kleinen Glas Bier (0,25 Liter) abzubauen, braucht die Leber etwa eineinhalb Stunden, hat die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) berechnet. Wer sich nicht sicher ist, wie viel Alkohol er nach ein paar Bier oder Wein im Blut hat, kann das auf einer Internetseite der BZgA nachrechen.

DAPD/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 130)
 
Administrator (23.02.2010, 16:33 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
Facti (23.02.2010, 15:53 Uhr)
Mein vollstes Verständnis für Sie
denn dieses Land, seine Politiker und Funktionäre sind imho nur noch im Suff zu ertragen. Sie hätte ein Taxi nehmen sollen, aber unter Alk tendiert man zur Selbstüberschätzung
Malure (23.02.2010, 15:48 Uhr)
OHNE SÜNDE?
Wer ohne Sünde ist - der werfe den ersten Stein!!!
journalclown (23.02.2010, 15:44 Uhr)
Menschlich,
nur allzu menschlich, mit Unzulänglichkeiten und Fehlern. Gerade dies mach sie so sympathisch. Es sind zwar (gottseidank) keine Menschen durch diese Trunkenheitsfahrt zu Schaden gekommen, doch Margot Käßmann wird aus diesem Fehler lernen. Eine aufrichtige Frau. weil sie Fehler zugeben kann. Unsere Politiker sollten sich ein Beispiel nehmen und auch ihre Fehker eingestehen.
Ich finde Käßmann klasse!!
kaeptenH (23.02.2010, 15:20 Uhr)
Schade! Das war mehr als dumm.
Leider hat sie sich durch diesen Fehler selber in die Defensive gebracht. Sie wird es jetzt sehr schwer haben, glaubwürdig ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Und ehrlich gesagt, muß sie jetzt die Konsequenzen tragen - dass würde ich ja auch bei mir deutlich unsympathischeren Menschen fordern. Mich selber einbezogen.
Kippi (23.02.2010, 15:16 Uhr)
Trunkenheitsfahrt
Was ist das für ein Hochfest für die Schmuddelpresse, für die Afghanistan-Befürworter und die Westerwelles unserer
Gesellschaft. Endlich hat man jetzt tagelang ein Gesprächsthema, nämlich die Trunkenheitsfahrt von Bischöfin Keßmann. Zweifellos hat sie ein ganz erhebliches Fehlverhalten an den Tag gelegt. Sie sollte daher genauso behandelt werden, wie jeder andere Bürger in dieser Situation auch. Nicht besser, aber auch nicht schlechter. Die Entscheidung, ob sie noch weiterhin an der Spitze der Evangelischen Kirche tätig sein will, sollte man jedoch ganz allein Ihr überlassen. Diese Gewissensentscheidung wird sie sich nicht leicht machen+++
bob-der-meister (23.02.2010, 15:05 Uhr)
@lake tahoe
das mit der Vorbildfunktion gegenüber radikalen Islamisten ist doch Unsinn.

Erstens hat Margot Kässmann meines Wissens nach nicht vor, einen Gottesstaat zu errichten und zweitens sollten sich die westlichen Gesellschaften ohnehin hüten, sich überall in der Welt zu Vorbildern zu erklären!
laketahoe (23.02.2010, 14:51 Uhr)
@bob-der-meister
Als Oberhaupt der evangelischen Kirche sollte Frau Käßmann lernen, den Ball in jeder Hinsicht flacher zu halten ..... mag sein, dass bei der Kritik an Ihrer Tat manche der Kritiker ein anderes Kalkül verfolgen. Mir ist diese Art Argumentation fremd.

Ich finde, in Deutschland ist es hoch an der Zeit, mal wieder alle Kirchenvertreter und Politiker daran zu erinnern, dass Religion reine Privatsache ist....... ich empfinde es jedenfalls hoch problematisch, dass ständig von christlichen Leitbildern und Werten gesprochen wird, wenn es um politische und gesellschaftliche Entscheidungen geht.... und Frau Käßmann ist mir leider auch nicht gerade als zurückhaltend aufgefallen...

Wie wollen wir gerade in Deutschland Vorbild für radikale Moslems, etc sein..... wenn Kirchenleute ständig zur Gestaltung von Staat und Politik ungebetene Wortspenden abgeben und Einfluß nehmen wollen?

bob-der-meister (23.02.2010, 14:47 Uhr)
@J4NN3K / Re: Luther
Luther wird aber auch der folgende Satz zugeschrieben:
Ein feiger Arsch lässt keinen mutigen Furz.

Trotzdem sollte man auch kirchlicherseits betrunken keine(n) fahren lassen.
sachsenwini (23.02.2010, 14:37 Uhr)
Natürlich ist Trunkenheit am Steuer kein Kavaliersdelikt

Aber wahrscheinlich hätte die Öffentlichkeit nie etwas davon erfahren, wenn es sich nicht gerade um jene unbequeme Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland handeln würde, welche so deutliche und wahre Worte zum Krieg in Afghanistan geäußert hatte.

Sie sollte nicht anders behandelt werden als jeder andere Bürger dieses Landes, und es wäre schön, wenn das für unsere Volksvertreter und ranghohen ausländischen Diplomaten auch gelten würde.
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