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Linie 901 - einmal NRW im Kleinen

Im Mai wird in Nordrhein-Westfalen gewählt. Welche Themen die Menschen dabei bewegen? Das erfährt man in der Straßenbahn von Duisburg nach Mülheim.

Von Rolf-Herbert Peters

Als Fahrgast der 901 kommt man auch am Stahlwerk von Thyssen-Krupp vorbei, das einst der ganzen Region Arbeit gab und fährt enlang des ehemaligen Arbeiterviertels Marxloh

Als Fahrgast der 901 kommt man auch am Stahlwerk von Thyssen-Krupp vorbei, das einst der ganzen Region Arbeit gab und fährt enlang des ehemaligen Arbeiterviertels Marxloh

Sanft schließen die Türen. Stephan Schwarzmann drückt einen blinkenden Knopf auf seinem Pult, die Waggons zucken und rollen dann los. Seit mehr als 25 Jahren lenkt er die 901, von Duisburg-Obermarxloh im Norden nach Mülheim an der Ruhr im Süden, 22 Kilometer, 46 Stationen. Seit diesem Vierteljahrhundert beobachtet er aus der Perspektive seiner Fahrerkabine, wie draußen Fassaden verrotten und Brücken zerbröseln, wie die Stadt sich verändert und die Menschen, die in ihr leben. Wenn sie in seine Bahn steigen, liest Schwarzmann in ihren Gesichtern. "In der 901", sagt er, "begegnet man vielen Problemen, die hat."

Wer eine Schicht mitfährt, wer Schwarzmann und seinen Fahrgästen zuhört, kann sich vorstellen, wie es dem Land geht. Am 14. Mai ist Landtagswahl – und die Probleme in NRW sind größer als anderswo. In der 901 hört man nichts von Trump oder Putin, es geht hier um Integration, Arbeit, Bildung und kaputte Straßen, um die Fragen des Alltags: Wie leben wir zusammen? Wie verdienen wir Geld? Welche Zukunft haben unsere Kinder?

"Jetzt ist auch die Trinkhalle zu."

Wie immer hat Schwarzmann die 901 am Hauptbahnhof übernommen, beim Fahrerwechsel. Den blauen Dienstblouson hat er an den Haken neben sich gehängt. Jetzt geht es 62 Minuten hin und 62 Minuten her. Wohl keiner der Fahrgäste fährt alle Stationen mit, die meisten kauern sich nur für ein paar Haltestellen hinter ihm auf die Plastiksitze, hängen ihren Gedanken nach, spielen an einer Gebetskette oder am Smartphone.

Auf ihrer Strecke überquert die 901 die Ruhr und viele Kanäle, hier entlang der Ruhrorter Straße

Auf ihrer Strecke überquert die 901 die Ruhr und viele Kanäle, hier entlang der Ruhrorter Straße

Im Norden beginnt die Linie an der Station Obermarxloh-Schleife. Surrend geht es die Markgrafenstraße hinab nach Marxloh, wo früher vor allem Zechenarbeiterfamilien lebten. "Da!" Schwarzmann zeigt nach draußen. "Jetzt ist auch die Trinkhalle zu." Von Station zu Station blickt er auf immer mehr verwaiste Geschäfte. Seine Waggons füllen sich mit Afrikanern, Osteuropäern, Syrern, Libanesen. Es wird laut hinter ihm, ein babylonisches Sprachgewirr. Draußen hängt ein Wahlplakat der CDU: "Zuhören. Entscheiden. Handeln."

Haltestelle Marxloh-Pollmann

Ein kleiner Mann mit grauem Bart steigt zu, die Hände tief in die Jackentasche gegraben: Hans-Werner Schwarz. 1954 wurde er hier geboren, arbeitete lange in einer Montagefirma. Schon als Junge ist er mit der 901 gefahren, sie ist eine der ältesten Linien im Revier. Als Ende der Achtziger immer mehr Fabriken schlossen, zog Schwarz mit seiner Familie fort. Sein Geburtshaus in der alten "Schweinesiedlung" ist längst plattgemacht, da parken heute Gläubige der Merkez-Moschee. Doch der Rentner besucht seine Heimat immer wieder, er ist gern hier.

Aus der Perspektive seiner Fahrerkabine sieht Stephan Schwarzmann, wie sich Land und Leute verändern. Seit einem Vierteljahrhundert fährt er regelmäßig auf der Linie 901 von Duisburg-Obermarxloh bis Mülheim Hauptbahnhof

Aus der Perspektive seiner Fahrerkabine sieht Stephan Schwarzmann, wie sich Land und Leute verändern. Seit einem Vierteljahrhundert fährt er regelmäßig auf der Linie 901 von Duisburg-Obermarxloh bis Mülheim Hauptbahnhof

Aus dem Fenster blickt er auf die Weseler Straße. "Wenn ich früher mit der Linie fuhr, sah das alles noch anders aus", erzählt er. "Hier war die Partymeile. Dahinten der 'Country Club', links der 'Saloon', und da das 'Atlantis'-Kino, wo es große Premieren gab." Jetzt schaut er auf türkische Brautmodeläden. "Die glänzenden Schaufenster verdecken doch nur das Elend in den Seitenstraßen", sagt er. Vermüllte Hinterhöfe. Mietwucherer, die in schimmligen Kellern ausbeuten. Bulgarische und rumänische Clans, die das Revier terrorisieren. "EU-Bürger, die unsere Regeln nicht kennen." Schwarz schnaubt.

Wie kann man all die Migranten eingliedern?

Marxloh ist zum Inbegriff einer misslungenen Integrationspolitik geworden. 17 300 meist mittellose Osteuropäer und 7000 Flüchtlinge haben Duisburg überfordert. Wie kann man all die Migranten eingliedern? Für 42 Prozent der Wähler hat diese Frage laut einer Infratest-Umfrage für den WDR Priorität, mehr als jede andere. Ein Viertel der Einwohner in NRW hat einen Migrationshintergrund, bei den Klein- und Vorschulkindern sind es sogar 41 Prozent.

Dabei konnte NRW anfangs Integration. Im Wirtschaftswunder kamen Tausende Italiener, Spanier, Griechen, Polen, Koreaner und Türken nach Deutschland. Ein Großteil der 14 Millionen Gastarbeiter zog in den Pott, später ein Großteil der 5,3 Millionen Asylsuchenden. "Wir haben zusammengehalten", erzählt Schwarz, "viele wurden Freunde." Er selbst arbeitet ehrenamtlich für den türkischen Fußballverein FSV , der nur einen deutschen Spieler im Kader hat. "Auf’m Platz funktioniert Integration", sagt er. Aber hier? An der Linie 901? Und jetzt hat NRW auch noch mehr als 27 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen.

Über Jahrzehnte hat Schwarz SPD gewählt, "was sonst?" In der Hamborner Halle jubelte er einst Willy Brandt zu. Heute sitzt er für die AfD in der Bezirksvertretung. "Alle fünf Jahre mein Kreuzchen zu machen, das hat mir nicht mehr gereicht." Euro, Gender, GEZ, so viel laufe schief. Eine Lösung hat er nicht, von "Null-Toleranz" abgesehen. Aber die versucht die SPD-Stadtverwaltung schon lange.

Die 901 saust die Kaiser-Wilhelm-Straße hinunter. Fahrer Schwarzmann sagt, er habe in der Gegend oft ein mulmiges Gefühl. Abends komme es häufiger zu Rangeleien im Waggon. "Da streiten sich schon mal die Nationalitäten untereinander." Sein Arbeitgeber, die Duisburger Verkehrsgesellschaft DVG, hat ihn in Deeskalationskurse geschickt, er soll die Wut mit Worten beschwichtigen. Oder über Funk die Polizei rufen. Unter den Fahrern ist die 901 nicht gerade beliebt, es gibt attraktivere Linien, auch Schwarzmann fährt lieber auf der 79, nach Düsseldorf.

Rechts taucht jetzt das Stahlwerk von auf. Aus der Bahn sind die kilometerlangen Rohrleitungen zu sehen, die rostbraunen Hallen, die Hochhöfen, hinter denen weißer Rauch aufsteigt. Schwarzmann kräuselt die Nase. "Als ich hier 1991 anfing, war der noch gelb und rot" , sagt er. Dieser Koloss hat lange fast das ganze Ruhrgebiet am Leben gehalten, heute arbeiten hier noch 13 000 Leute. Tausende Stellen sind einfach verschwunden. "In meinen ersten Jahren war die 901 proppenvoll mit Arbeitern", sagt Schwarzmann. "Jetzt fahren nur wenige mit."

Haltestelle Thyssen Verwaltung

Einer von ihnen ist Patrick Weber, ein Kerl von einem Mann mit filmreifem Kahlschädel. Er trägt noch grauen Arbeitsanzug und Schutzhelm. Schichtende, Weber muss zum Hauptbahnhof, 29 Minuten von hier. Seit 1999 pendelt er täglich von Dortmund nach Duisburg, auch mit der 901. "Ich bin mit Leib und Seele Stahlwerker!", sagt er. Mit 17 hat er in der Hermannshütte in Dortmund angefangen – wie sein Vater, sein Onkel und sein Großonkel. Damals hieß es: "Bisse einmal aufe Hütte, wirse da auch Rentner." Er kaufte sich "ein Werkshäusken von 1921, vonne Pieke auf renoviert". Chinesen übernahmen seine Fabrik, die Hochöfen erloschen, Weber konnte zum Glück nach Duisburg wechseln.

1970 malochten 264 000 Menschen in der nordrhein-westfälischen Stahlbranche, heute sind es noch 48 000. Jahrzehntelang lebte das Land vor allem von den Erträgen der Montanindustrie; Städten und Menschen ging es gut. Dann jedoch traf sie die Globalisierung heftiger als anderswo. Erst wurde die Ruhrkohle zu teuer, später der Stahl. Seitdem muss sich NRW neu erfinden, einen Strukturwandel schaffen. Nur gelingt der bislang nicht so recht. Weiterhin ist unklar, wovon die Menschen hier in Zukunft leben sollen. Und natürlich ist auch das eines der großen Themen vor der Wahl. In Duisburg sind über 13 Prozent der Menschen arbeitslos, in ganz NRW 7,6 Prozent – mehr als doppelt so viele wie in Bayern oder Baden-Württemberg.

Auch Patrick Weber fürchtet um seinen Job – "und 90 Prozent der Kollegen tun dat auch", sagt er. Erst vergangene Woche hat Thyssen-Krupp Steel angekündigt, Hunderte Stellen zu streichen, auch in Duisburg. Was, wenn ihr Werk verkauft oder gar geschlossen wird? "Dat wäre fatal für ganz NRW", sagt er, "30 000 Stahlarbeitsplätze reißen 90 000 andere mit – und wenn et nur der kleine Metzger umme Ecke is."

Vorn in der Bahn drückt Schwarzmann den grünen Knopf. Und weiter. Die 901 schlängelt sich durch die Gassen von Duisburg-Ruhrort. An manchen Hausfassaden ist noch der Gründerzeitstuck zu erkennen. "Ich habe gelesen, dass die Stadt in den Fünfzigern die reichste Deutschlands war", sagt Schwarzmann. Heute ist sie eine der schuldenreichsten. Hätte er Kinder, würde Schwarzmann ihnen raten, in der Ferne einen Job zu suchen. "Wenn man über Duisburg redet, kann man auch über Krefeld oder andere Städte in NRW reden, da gibt es die gleichen Probleme. Man muss sehen, wo man bleibt."

Haltestelle Karlstraße

Neben den Gleisen erhebt sich das alte Bruchsteingebäude der Aletta-Haniel-Gesamtschule. Mit den Kindern steigt auch Christa Klingen zu, sie will kurz in die City. Seit 1986 leitet sie die Gesamtschule, nächstes Jahr erreicht sie das Pensionsalter. Es ist ein Knochenjob, nur 20 Prozent ihrer Schüler sind Deutsche, der Rest stammt aus 40 Nationen.

An der Haltestelle Karlstraße steigt Schulleiterin Christa Klingen mit Schülern der Aletta-Haniel-Gesamtschule zu

An der Haltestelle Karlstraße steigt Schulleiterin Christa Klingen mit Schülern der Aletta-Haniel-Gesamtschule zu

Was ihre Hoffnung sei, wenn sie all diese Kinder um sich sehe? "Ein vernünftiger Schulabschluss für jeden."

Ob das realistisch sei? Nun, einen wachsenden Teil der Zeit müssten ihre 84 Kollegen der Erziehung opfern. "Bitte. Danke. Freundlich grüßen." Und der Einübung von Selbstständigkeit. "Manche Schüler verpassen Bewerbungsgespräche, weil sie die Eingangstür der Firma nicht finden."

Ob es besser werden könne? "Man muss viel investieren in Kinder." Und sie erzählt von einem privat geförderten Programm mit der Haniel-Stiftung, in dem 25 bis 30 Kinder bis zum Schulabschluss gecoacht werden. Die Ergebnisse seien toll, die Hälfte mache Abitur, es gehe also.

Solche Beispiele sind Ausnahmen in NRW. Trotz wachsender Etats verlassen über sechs Prozent der Kinder die Schule ohne Abschluss. Der "Bildungsmonitor 2016" verortet das Land auf Platz 14 – nur Brandenburg und Berlin schneiden schlechter ab. Auch das erklären Forscher zum Teil historisch: Schulbildung hat keine Tradition im Arbeiterland, bis 1962 gab es nicht mal eine Uni im Ruhrgebiet. Als Folge einer jahrelangen Sparpolitik fehlen Tausende Lehrerstellen, die nicht nachbesetzt werden können – der Lohn und das soziale Umfeld wirken offenbar wenig attraktiv auf Bewerber. Der Unterrichtsausfall macht sich bemerkbar. In Mathematik erreicht fast ein Drittel der Kinder nicht die Mindestanforderungen der Kultusministerkonferenz.

Die 901 ist mal wieder ein paar Minuten zu spät, Fahrer Schwarzmann muss Tempo machen. Überall Staus und Baustellen, die Infrastruktur der Stadt ist marode. Vor zwei Jahren hat die DVG sogar 28 Straßenbahnen aus dem Verkehr gezogen, weil sie durchgerostet waren. Nun sind wochentags teilweise viel zu kleine Ersatzbusse auf der Strecke im Einsatz, um die Taktzeit irgendwie zu halten.

Haltestelle Vinckeweg

Duisburgs Oberbürgermeister Sören Link ist extra an die Gleise gekommen. Gewöhnlich lässt sich der SPD-Mann im Dienst-BMW zu Ortsterminen fahren. Doch heute geht es um die 901 selbst, die auch alle 15 Minuten an seinem Rathaus vorbeirumpelt.

An der Haltestelle Thyssen Verwaltung wartet Patrick Weber, der sich Sorgen um seinen Job im Stahlwerk macht

An der Haltestelle Thyssen Verwaltung wartet Patrick Weber, der sich Sorgen um seinen Job im Stahlwerk macht

Die Straßenbahn macht ihm Sorgen. Für jedes der 28 kaputten Fahrzeuge muss die stadteigene DVG 750 000 Euro Reparaturkosten zahlen. Und weil die Bahnen völlig veraltet sind, müssen absehbar ganz neue her. Ab 2021 sollen sie geliefert werden, das kostet noch mal rund 140 Millionen Euro. "Jeder Euro tut weh", sagt Link, "ich würde ihn lieber in Schulen oder Kitas stecken." Übrig hat er das Geld nicht, Duisburg ist klamm wie so viele NRW-Kommunen. "Allein 43 Prozent unseres Haushalts sind fest verbucht für Sozialausgaben."

NRW Wahl:"Ich hab noch keine Ahnung, ich entscheide im letzten Moment"

Und wenn nur die Straßenbahn marode wäre! Link zeigt in Richtung der drei Kanalbrücken, über die die 901 eben gerollt ist. Auch sie sind kaputt. Die Autos dürfen da nur noch 30 fahren. "Wir haben über Jahrzehnte viel zu wenig in die Infrastruktur investiert" , sagt er. "Das rächt sich jetzt." Die Ruhrorter Straße entlang der Straßenbahngleise ist eine Lebensader für den Duisport, Europas größten Binnenhafen. Dort sollen die Arbeitsplätze der Zukunft entstehen. Aber wie, wenn keine Lkws dort hinfahren können?

2016 zählte man 218 000 Staus in dem Land. Bis 2026 müssen 300 der 800 größeren Autobahnbrücken erneuert werden. Und obwohl Milliarden für die Sanierung vorhanden sind, geht es nur langsam voran. In den Behörden fehlen nach Jahren des Stellenabbaus die Fachleute. "Wir sind viel zu langsam", sagt Link.

Schwarzmann schließt die Türen, weiter geht’s. Was er selbst wählen wird? "Ich hab noch keine Ahnung, ich entscheide im letzten Moment", sagt er. Persönlich ist er ja ganz zufrieden. Um die 2000 Euro verdient er im Dreischichtbetrieb. Gleich nach Dienstschluss wird er in seine Mietwohnung im Grünen fahren.

"So", sagt er, "jetzt beginnt erst mal der schönste Streckenteil." Dann taucht die 901 in den U-Bahn-Schacht ab.

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