6. April 2011, 19:37 Uhr

Unter dem gelben Wa-ha-gen

Walter Scheel war eine Nummer, Genscher auch, Baum, Hirsch. Und nun? Seien wir ehrlich: Uns würde die FDP nicht fehlen. Eine Glosse von Ulrike Posche

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Philipp Rösler heißt der neue FDP-Parteivorsitzende. Toll, und wen interessierts?©

Es empfiehlt sich, gelegentlich das Land zu verlassen. Fernab von Berlin nämlich wirken selbst grüne Wunder und gelbe Revolutionen blasser. Da ist Deutschland ein Land ohne Sorgen und die FDP das, was sie strenggenommen ist: Eine klägliche Fünf-Prozent-Partei. Ein Helferlein, das von seiner Legende als Zünglein an der Waage lebt.

Die Helden von gestern

Und von den alten Helden: Von Hans-Dietrich Genscher und seinem Satz "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...". Die Partei lebt von der Erinnerung an Walter Scheels "Hoch auf dem gelben Wagen" und von Hildegard Hamm-Brücher, der Weißen Dame aus dem Breisgau, die nach Helmut Kohls Machtübernahme lieber stolz in die Opposition geht, als demütig mit dem Schwarzen Riesen.

Wir denken an die unerschütterlichen Schildträger der freiheitlichen Bürgerrechte: An Burkhard Hirsch und Gerhart Baum, an Sabine Leutheusser- Schnarrenberger, die einen Dackel hatte, der Dr. Martin Luther hieß, und die selbst 1996 plötzlich hier stand und nicht anders konnte, als als Justizministerin zurückzutreten, weil sie den Großen Lauschangriff nicht mittragen wollte, den ihre Partei mit Kohls CDU beschlossen hatte.

FDP - das waren Guido Westerwelle mit der 18 unterm Fuß und Irmgard Adam-Schwätzer, die ihren Parteifreund Jürgen W. Möllemann einmal in der Hitze eines Wahlgefechts mit dem schönen Grußwort "Du intrigantes Schwein" bedachte. Ach, Möllemann natürlich, der schnauzbärtige Münsterländer, Gott hab' ihn selig.

Die "Helden" von heute

Und wer und was ist diese Klein-Partei heute? Egal, ob der Vormann Westerwelle heißt, Christian Lindner, oder demnächst Philipp Rösler, die FDP würde doch, wenn wir ehrlich sind, kaum jemandem fehlen, wenn es sie nicht mehr gäbe.

Wenn man beispielsweise auf einem Zauberberg im Engadin sitzt, Richtung Deutschland blickt und die "Neue Zürcher Zeitung" (NZZ) liest, dann ist man zutiefst davon überzeugt, dass die vom "Konflikt zwischen indigenen Volksgruppen und Haussa-Fulani geprägten Wahlen im nigerianischen Gliedstaat Plateau" eine ungleich größere Bedeutung für das Weltengeschehen haben als Philipp Rösler und seine FDP. Eine bei jüngsten Wahlen doch eher vernachlässigte Gruppierung - mal verglichen mit dem Wahlerfolg der nigerianischen Regierungspartei PDP.

Und, das nur nebenbei: In Nigeria haben sie beim Wählen wenigstens Alternativen, während das Wahlvolk der Liberalen auf seinem Parteitag ja nur einen klandestin gekürten Kandidaten abnicken darf. Wie "steril", klagt die "Neue Zürcher Zeitung", wie "trist".

Die deutsche FDP ist ein bunter Haufen, der allein mit Boy-Group-Gerangel, Jungbullen-Gehampel und Ego-Trips um unsere Aufmerksamkeit heischt. Da ist Philipp Rösler, 38, der unvollendete Augenarzt und Hobbybauchredner, Christian Lindner, 32, der frühere Porsche-Fahrer (was wir ihm wirklich nicht verdenken wollen - gerade deshalb ist man ja in der FDP!), Katja Suding, 36, aus Hamburg-Rissen, einer Insel der seligen und vermögenden Alten am westlichsten Zipfel der Hansestadt. Da sind Silvana Koch-Mehrin, 41, und Daniel Bahr, 35, der gern bei Illner, Will und Plasberg talkt.

Die Welt dreht sich weiter

Sie alle wollen jene Parteifreunde, die in guten Stellungen, aber jenseits der 38 oder wenigstens jenseits von Geronto-Guido, der schon 49 ist, in Rente schicken und "ganz neu anfangen". Ein verstörender und zugleich elektrisierender Gedanke übrigens, wenn plötzlich überall alle über 38-Jährigen, die irgendwo etwas zu entscheiden haben, in Rente geschickt würden!

Die NZZ widmete dem politischen Neuanfang der freien deutschen Demokraten natürlich auch eine längere Meldung. Herr Rösler, hieß es da, habe sein Amt als Gesundheitsminister eigentlich abgeben wollen, weil ihm das keine Popularität als Parteivorsitzender bringe, sich aber dann doch breitschlagen lassen, zu bleiben. Muss man mehr über Rösler wissen? Oder über die FDP?

Die Sonne hat heute an den Hängen der Engadiner Berge viele Lawinen mit großem Getöse zu Tal brettern lassen. Man merkt jetzt ganz deutlich, dass es Frühling wird. Gott, sind wir gespannt, was am Montag die Wahlen im Plateau State Nigerias bringen.

Eine Glosse von Ulrike Posche
 
 
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