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13. Juni 2007, 13:47 Uhr

Und täglich grüßt der Suppen-Kasper

Erst die Backen rot, doch am fünften Tag, da war er tot - so endet die Geschichte vom Suppen-Kasper. Sie erinnert an das kindische und naive Gezeter der SPD in Richtung Linkspartei. Wenn die Sozialdemokraten nicht aufpassen, bleibt ihnen bald nur noch Lafontaine als letzter Strohhalm. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Ohne des Stimmen von Lafontaines Linkspartei sieht Becks SPD vielleicht bald sehr alt aus© Focke Strangmann, Herbert Knosowski/AP

Nein, meine Suppe ess' ich nicht, schrie der Suppen-Kasper. Tagelang, wie wir wissen. Nein, mit der Linken red' ich nicht, tönt die SPD fast tagtäglich. Mal nennt sie Linksparteichef Lafontaine "einen Durchgedrehten" (SPD-Chef Kurt Beck), mal einen "Scheinriesen der deutschen Politik" (Umweltminister Sigmar Gabriel). Gar "Helfershelfer der Taliban", weil er das Engagement der Bundeswehr in Afghanistan ablehnt. Alles hysterische Sanktionen kindischen Gemüts - wie beim Suppen-Kasper.

Man kann darauf wetten, dass Oskar Lafontaine die Abgrenzungsrituale der Sozialdemokraten gefallen. Vermutlich lächelt er insgeheim auch über alle jene Ex-Genossen, die ihm als Hauptmotiv Rachegelüste unterstellen. Unmittelbar vor dem Vereinigungsparteitag von PDS und WASG zur Linke, der Mitte Juni stattfindet, muss er aus taktischen Gründen um Distanz zur SPD bemüht sein. Je lauter die SPD in Richtung Lafontaine pöbelt, desto mehr besorgt er dem neuen Bündnis, was es am dringendsten benötigt - Geschlossenheit.

Ein Politikverständnis, das nur für den Sandkasten taugt

Das SPD-Gezeter ist auch aus anderen Gründen naiv. Sie grenzt sich ab von einer Partei, deren Erfolge sie durch ihr Regierungshandeln erst möglich gemacht hat. Die Enttäuschung über SPD-Projekte wie Rente 67, über die außenpolitische Linie des weltweiten militärischen Engagements, über Steuererleichterungen für Unternehmer und über Hartz IV ist auch bei bisherigen SPD-Wählern ein weithin verbreitetes Gefühl. Indem die Genossen anklagend mit dem Finger auf die Linkspartei weisen, wird ihnen die Ablenkung von ihrer Mitverantwortung für diesen Kurs nicht gelingen. Da ist der höhnische Hinweis von Oskar Lafontaine auf "intellektuelle Defizite" der SPD-Führung nicht ungerechtfertigt.

Die SPD könnte, statt zu pöbeln, ja stattdessen endlich anfangen, sich mit der neuen politischen Realität in der Parteienlandschaft zu befassen. Zu Recht hat jetzt der SPD-Politiker Karl Lauterbach seiner Partei geraten, die Kontaktsperre aufzuheben. Absurd ist es doch, wenn Kurt Beck fortwährend die FDP als potentiellen Partner umschmeichelt, die Linkspartei jedoch zum Erzfeind deklariert. Rachegefühle gegenüber Lafontaine verraten ein Politikverständnis, das für den Sandkasten taugt, nicht für die Erwachsenenwelt.

Die Wahlergebnisse der Linkspartei sowie Umfragergebnisse lassen nur einen Schluss zu: Sie ist dabei sich als neue Kraft im linken Parteienspektrum fest zu etablieren. Sie ist dabei, siehe Bremen, sich auch im Westteil der Republik sicher zu verankern. Und sie ist dabei, das in Berlin bereits durchbrochene Tabu einer SPD/Linkspartei-Koalition weiter auszuhebeln. Glaube doch keiner, dass etwa in Hamburg ein grün-rot-rotes Bündnis völlig ausgeschlossen ist, wenn es die Chance bekommt, dort die CDU-Alleinherrschaft zu beenden. Und im Saarland, wo Lafontaine antreten wird, schon gleich gar nicht. Sogar in Hessen zittern CDU und Liberale vor der denkbaren Möglichkeit einer Linksallianz unter Einschluss der Grünen. Wie will die SPD jemals wieder die CDU in Niedersachsen als Regierungspartei verdrängen, wenn nicht mit der Linkspartei, falls diese 2008 den Sprung in den Landtag von Hannover schafft?

Gewerkschaften entfernen sich von der SPD

Die Spaltung der politischen Linken ist keine vorübergehende Erscheinung, sondern ein strategisches Dauerproblem für die SPD. Vielleicht erinnern sich die Genossen noch einmal daran, wie sie sich mit lächelnder Selbstgewissheit Anfang der 80er Jahre über die Grünen erhoben, um ihnen dann alsbald in die Arme zu sinken, erst in den Kommunen, dann in den Ländern und am Ende auch im Bund.

Wie etwa soll sich die personell ausgeblutete SPD wieder erholen, wenn nicht durch neues regierendes Führungspotential in den Ländern? Die wachsende Entfremdung der Gewerkschaften von der SPD wird der Linkspartei neue Wähler zutreiben. Und von einer Wahlempfehlung der Gewerkschaften bei der Bundestagswahl 2009 kann die SPD nur träumen.

Die SPD darf sich keine persönlichen Gefühle leisten

So gesehen ist es unpolitisch von der SPD-Führung, den abtrünnigen Lafontaine als leibhaftigen Gottseibeiuns abzumalen. Persönliche Gefühle kann sich die SPD nicht länger leisten. Wie will sie jemals wieder auf breiter Front regierungsfähig werden, so lange sie im 30-Prozent-Turm hockt? Spätestens nach der Bundestagswahl 2009 wird sich die Partei auf der überlebenswichtigen Suche nach neuen Mehrheiten sowieso der Linkspartei öffnen müssen, Lafontaine hin, Lafontaine her.

Die Gerade-Noch-Volkspartei SPD muss mit der Linken in bälde an einen Tisch setzen. In ihrer Situation kann sie weder persönliche noch programmatische Nie-und-nimmer-Beschlüsse verkraften. Nur jene SPD-Führer, die 2009 ihre politische Zukunft endgültig hinter sich haben, leisten sich diesen Luxus auf Kosten der Zukunftschancen ihrer Partei.

Erinnern wir uns noch einmal an Suppen-Kasper. Der war erst kerngesund, hatte Backen rot und dick wie Kurt Beck. Am Ende wog er noch ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot.

Lesen Sie dazu im neuen stern ...

Lesen Sie dazu im neuen stern ... ... das Interview mit Karl Lauterbach über das Verhältnis von SPD und Linkspartei

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
framouflage (14.06.2007, 17:37 Uhr)
Ins Herz getroffen
Die SPD verleugnet ihr Grundsatzprogramm und ist beleidigt, wenn ihr deshalb die Wähler und die Mitglieder in Scharen weglaufen. Die neoliberale "Reform"-Politik von Basta-Gerd und seinen Mitläufern hat die Besitzenden reicher, die Habenichtse ärmer und hoffnungsloser gemacht. Da gegen Oskar Lafontaine und die Linke zu giften, ist mit Blick auf das SPD-Grundsatzprogramm schizophren und wird für die SPD noch böse enden. Meinen Ex-Genossen empfehle ich einen Blick in die Bücher von Albrecht Müller, den gehässigen Leserbriefschreibern auch.
schachspieler (14.06.2007, 12:21 Uhr)
Selber schuld
Merkwürdig einen so ehrlichen und vorausschauenden Artikel ausgerechnet im Stern zu lesen...Muß wohl öfter mal wieder hineinschauen.
Die SPD ist an ihrem Dilemma doch selbst schuld. Wer seit der Einführung von Hartz IV die Kritiker in den eigenen Reihen nur ausgrenzt statt integriert und sich dabei auch noch ständig der Waffe der Denunziation bedient, soll sich nicht wundern, wenn die noch unter Schröder als Splittergruppierung verhöhnte WASG-Vereinsgesellschaft plötzlich zum Totengräber der intellektuellen Sozialdemokratie mutiert. Die Einführung von Hartz IV war ein schwerer Fehler und solange die SPD dieses Trauma nicht endlich ehrlich aufarbeitet, wird sie weiter personell ausdünnen und die sozial bewegten Menschen der neuen Linken scharenweise in die Arme treiben.
Und nun ist durch die Vereinigung zur neuen Linken auch noch das Tor gen Westen aufgestossen worden. Der grosse Verlierer der Hartz IV Reformen, also die Mittelschicht, wird angesichts der massiven sozialen Einschnitte ihre historisch bedingten Berührungsängste zur alten PDS ablegen und die neue Linke auch in die westlichen Länderparlamente hieven. Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass die neue Linke in Zukunft die Parteienlandschaft auch im Westen nachhaltig verändern wird. Und diese Suppe hat sich die SPD selbst eingebrockt. Nur auslöffeln will sie sie eben nicht.
Und wer hat denn nun wirklich ein Bedürfnis nach Rache? Lafontaine, den man diese Motivation seit seiner Rückkehr ins Politgeschäft ständig untergeschoben hat, oder die sog. Spitzenpolitiker der SPD, die es bis heute nicht verwunden haben, dass ihnen mit Lafontaine zugleich das gute und schlechte soziale Gewissen der Partei abhanden gekommen ist? Die regelmäigen hysterischen Reaktionen des sog. Spitzenpersonals der SPD bei den Auftritten von Lafontaine sprechen in dieser Hinsicht doch Bände. Für ihre kaltlächelnde Arroganz im Umgang mit dem Sozialstaatsprinzip hat die SPD nur die gerechte Quittung bekommen. Mitleid ist hier fehl am Platz.
ganzbaf (14.06.2007, 10:50 Uhr)
Und was ist mit Italien, Portugal, Griechenland und Neuseeland? ...((O;
In Frankreich gibt es ja auch den Mindestlohn und die 35Std. Woche! Und trotzdem hat`s (etwas) weniger Arbeitslose als hierzulande.
Dazu sind die Privatvermögen gleicher verteilt und der Eigenheimbesitz nahezu doppelt so hoch wie in unserer "Deutsch-Bonzokratie", nach über 30 Jahren Schwarzschimmel mit Kohl und Schröder, wo einem die Überbegüterten noch das letzte Stück Wurst vom Teller stehlen und in die Schweiz verbringen...
catchme (14.06.2007, 09:55 Uhr)
Zeichen der Zeit erkennen ...
Belgien hat konservativ gewählt, in Frankreich zeichnet sich eine 2/3 - Mehrheit für die konservativen ab, die Wirtschaft der Welt wird global vernetzt ... alle haben den Trend der Zeit erkannt ! Nur in Deutschland laufen ein paar Hartz IV-Empfänger und Gewerkschafter den alten Zeiten hinterher: möchten die Arbeiterschaft des 19. Jahrhunderts wieder haben ... und ein sehr wohlhabender, luxusverwöhnter Ex-Minister predigt Wasser - trinkt aber selber die besten Weine ! Die Linkspartei lebt nur von der mangelnden Fähigkeit des " deutschen Michels " globale Zusammenhänge zu erkennen und zu begreifen - insbesondere der ostdeutsche Michel möchte seine alte Partei zurück !
Oerling (13.06.2007, 21:51 Uhr)
im Grunde ist es Wurst wer uns regiert,
ob es die Rechten oder die Linken oder die Grünen oder die Gelben sind. Auch Mischehen aus allen sind möglich. Worauf wir Wähler künftig achten sollten ist, dass wir mit den Füssen mal abstimmen und sich diese menschenverachtenden Berufspolitiker, die sich ohnehin alle wie Amateure gerieren, ein anderes Volk suchen sollten. Wenn ich erlebe, dass die Renten (gnädigerweise) um 0,56 % angehoben werden, gleichzeitig die Krankenkassenbeiträge steigen und die mögliche nächste Rentenerhöhung auch schon wieder für die Erhöhung der Pflegeversicherung draufgeht, frage ich mich, wie es angehen kann, ein Volk von ehemaligen Dichtern und Denkern auf Dauer so zu ver...schen. !
Kein Wunder also, dass der kleine "Männeken Piss" Zulauf bekommt, besonders wenn der Unterschied zwischen seinen Thesen und denen der Frau Nahles nur noch marginal sind.
Wer denken kann, weiß dass es in Deutschland nur unter Ignoranten eine Mehrheit links der Mitte geben kann. Wer denkt, muß leider mit schwarz-gelb Vorlieb nehmen.
Prometheus90 (13.06.2007, 19:12 Uhr)
Bravo!
otmars2 hat alles auf den Punkt gebracht. Bravo!!!
otmars2 (13.06.2007, 18:21 Uhr)
Schon vergessen
Wenn Lafontaine wirklich eine echt demokratische Linke ausserhalb der SPD gewollt hätte, dann ohne die alten Kampfkader der SED.
Aha schon vergessen die Blockparteien waren nicht besser. Die wirklichen Karrieristen sind von der OST CDU, DER LDPD, der NDPD direkt in die West Parteien übernommen worden. Von der SED ist nur noch ein verschwindender anteil an Mitgliedern in der PdS. Die WASG hat 90% ex SPD Genossen als Mitglieder. Und jeden Tag werden wir EX SPD Genossen in der Partei mehr. Verbohrtheit ersetzt kein Denken. Und jenem der die WASG und Linke PdS mit dem 30.01.33 vergleicht hat von Geschichte keine Ahnung. Es waren 33 die sogenannten bürgerlichen und die Arbeitgeber die geschlossen zur NSdAP übergelaufen sind. Nicht etwa Sozialdemokraten. Immer wenn es Deutschland dreckig ging durften SPD Genossen und die Linke die Ehre des Landes wiederherstellen ihre bürgerlichen Politiker von Erhardt bis Globke waren derweil bemüht das Braunhemd mit dem weissen Hemd zu tauschen.
sachsenwini (13.06.2007, 18:09 Uhr)
Die PDS wird durch einen Zeitungsartikel nicht hoffähiger als sie schon ist.

Die PDS ist nun mal eine anerkannte etablierte Partei, und trotz aller Bemühungen hat man bisher noch keinen Grund für ein Verbot finden können. 17 Jahre nach der Wiedervereinigung kann man ihr nun kaum noch Verbindungen zu einem Staat andichten, den es auch schon seit dieser Zeit nicht mehr gibt.
Dass sich die WASG von der SPD abgespaltete ist einzig und allein der unsozialen Politik unter Gerhard Schröder anzulasten, und mit dem Vereinigungsparteitag gibt es auch dann die PDS nicht mehr, die neu gegründete Linkspartei kann dann niemand mehr glaubhaft als SED Nachfolgepartei bezeichnen.
Das es so ist, ist Schuld der SPD, und wenn sie aus ihrem Schmollwinkel nicht herauskommt und auf die Linkspartei zugeht gewinnt sie auch keinerlei Einfluss auf deren Parteiprogramm und wird ihr auch weiterhin unzufrieden Mitglieder und Wähler zutreiben.
Ich kann mit der verbohrten eigensinnigen SPD kein Mitleid empfinden.
inselkarl (13.06.2007, 16:45 Uhr)
Wegbereiter
wieder einmal ist ein Sternredakteur Wegbereiter der Hoffähigmachung der PDS. Vor eineigen Jahren hat Herr Osterkorn in einem Leitartikel die PDS als einzige wahre Friedenspartei hingestellt. Jetzt wird die SED-Nachfolgepartei durch Oskar sauber geputzt und die undemokratischen kommunistischen Heilsbringer werden erstmal in der zweiten Reihe versteckt. Wenn Lafontaine wirklich eine echt demokratische Linke ausserhalb der SPD gewollt hätte, dann ohne die alten Kampfkader der SED. Aber wer sich mit denen vebündet muss immer mit deren unappetitlichen Vergangenheit gemessen werden. Zm Glück gibt es keine NSDAP Nostalgie in Deutschland, so dass uns Weimarer Verhältnisse erspart bleiben. G. Schabowski- der SED Renegat, hat treffend die wahre Geisteshaltung der PDS - Linken beschrieben:Sie glauben mit missionarischem Eifer und wissenschaftlich verbrämter Welterlösungsreligiösität an das Endziel einer kommunistsichen klassenlosen Gesellschaft. -- Auf diesem Wege helfen auch heute wieder viele nützliche Idioten(Wladimir Uljanow) ), Herr Schütz!
Perkins1975 (13.06.2007, 16:41 Uhr)
Armes Deutschland
Der Tag, an dem die SPD sich mit der Linkspartei zu einer Koalition zusammentut, dürfte wohl nach dem 30.01.1933 der schwärzeste Tag der Geschichte dieses Landes werden.
Irgendein machtgeiler Sozialdemokrat (ich denke da insbesondere an die Herren Wowereit und Gabriel) wird dies bei den Sozis schon durchsetzen und der Linkspartei um der eigenen Macht willen Zugeständnisse machen, die all die Reformen der Schröderregierung wieder rückgängig machen wird.
Ich staune immer wieder, wie wenig auch den anderen Kommentatoren hier klar ist, dass Deutschland sich in einem brutalen weltweiten Wettbewerb befindet. Ich finde Rentenkürzungen etc. auch nicht toll und sich auch in vielen Fällen ungerecht. Wir können hierzulande aber nicht daerhaft wesentlich höhere Sozialstandards aufrechterhalten, als bei unseren Nachbarn um uns herum, da das schlicht nicht bezahlbar ist. Die Linkspartei und viele Sternleser verdrängen das nur gerne.
Armes Deutschland.
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