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1. März 2010, 11:08 Uhr

Hört endlich auf mit der Mauschelei!

Man kann Gespräche mit Ministerpräsident Jürgen Rüttgers kaufen? Das ist nicht verwunderlich. Seit Jahrzehnten wird gemauschelt, was das Zeug hält. Die Parteienfinanzierung muss radikal reformiert werden - und wird es vermutlich nicht. Ein Gastbeitrag von Dieter Spöri

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"Parteien haben nichts gelernt": Dieter Spöri, SPD© Picture Alliance

Es ist das bekannte Muster der Abläufe: Die SPD attackiert den parteipolitischen Gegner CDU in der ersten Runde bei einem atemberaubend debilen Verstoß gegen das Grundempfinden einer sauberen Parteienfinanzierung und empört sich einen halben Tag erfolgreich mit großer Medienresonanz. Die ertappte Regierungspartei CDU schlägt mit der Verbreiterung des Skandals zurück, indem sie ähnliche Praktiken der SPD in der Grauzone des Sponsorings von Parteientagen ausgräbt. Der mediale parteipolitische Vorteil wird in der Internet-Gesellschaft schon nach wenigen Stunden eingeebnet. Der Skandalgeruch wirkt aber beim Bürger dauerhaft nach.

Natürlich zahlen Firmen, Organisationen oder Verbände überall an die Parteien Mieten für ihre Stände auf Parteitagen oder anderen Events. Überall laufen auch ein paar Politpromis inklusive einer Plauscherei und Fotos mit den stolzen Standrepräsentanten durch die Ausstellung. Allerdings haben die nordrhein-westfälische CDU und die sächsische CDU die gängige Praxis in dieser Grauzone der Parteienfinanzierung mit einer rechtlich besonders dümmlichen Vertragsvariante gestaltet: Wer einen Regierungspolitiker, das heißt Amtsträger, gegen Aufpreis als Gesprächspartner an einem Firmenstand anbietet, bewegt sich schon sehr in der Nähe des versuchten Straftatbestands einer Vorteilsgewährung.

Der Flick-Skandal

Wenn ich die Weiterungen dieser lächerlichen Affäre und die Scharmützel zwischen den Parteien dazu betrachte, kann ich nur deprimiert feststellen, dass die Parteien seit meiner Zeit als SPD-Obmann im Flick-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestags, des größten Parteispendenskandals der Bonner Republik, nichts dazu gelernt haben oder dazu lernen wollen.

Bei der Untersuchung dieses Parteispendenskandals hatte man nach zahlreichen Rücktritten führender Politiker und Wirtschaftsvertreter sowie Anklagen und Verurteilungen ja noch die berechtigte Hoffnung, dass sich daraus eine nachhaltige Schockwirkung für das demokratische Leben entfaltet und die politischen Akteure zumindest versuchen, ein verdachtfreies System der Parteienfinanzierung im Umgang von Politik und Wirtschaft zu etablieren.

Sturz der Regierung Schmidt

Das Gegenteil war der Fall. Die erste überparteiliche Reaktion war ein schon 1981 eingefädelter rückwirkender Versuch, eine verfassungswidrige Amnestie für Spendenvergehen durchzusetzen. Ein Versuch, den ich damals in Zusammenarbeit mit einigen anderen beherzten Mitstreitern in der SPD-Fraktion wie zum Beispiel Jürgen Schmude, Peter Struck oder Norbert Gansel in der letzten sozialdemokratischen Fraktionssitzung des Jahres 1981 zu Fall gebracht habe.

Am Vorabend dieser Entscheidung rief mich der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Linde als Vertrauensmann von Herbert Wehner in meinem Büro im Abgeordnetenhochhaus Langer Eugen an und informierte mich eindringlich, dass ein Scheitern dieses Amnestieversuches in der SPD das Ende der sozialliberalen Koalition unter Kanzler Helmut Schmidt bedeute. Wenn ihr die Amnestie kaputt macht, ist die Koalition am Ende, sagte er. Die sind dann alle weg!

Diese Warnung waren keine leeren Worte. Denn ab Anfang 1982 wurde der Ausstieg der FDP planmäßig durch einen gezielten Dauerkonflikt in der Wirtschafts- und Finanzpolitik mit der SPD von den Liberalen unter Führung von Graf Lambsdorff mit seinem Scheidungspapier vorbereitet. Allerdings war auch der zweite Amnestieanlauf nach dem Sturz der Regierung Schmidt mit einem neuen Koalitionspartner, der Union, erfolglos. Immerhin schrieb so der Parteispendenskandal in bisher so noch nicht bekannter Weise politische Geschichte.

Die Spendenpraxis

Die offiziellen Trennungsgründe der damaligen sozialliberalen Koalition waren nur vorgeschoben. Es ging vorrangig nicht um Wirtschafts- und Finanzpolitik oder den sicherheitspolitischen Konflikt Helmut Schmidts mit seiner SPD. Dahinter steckten in Wahrheit vor allem die nackte Angst vor strafrechtlicher Verfolgung und die Wut, dass der Koalitionspartner nicht helfen wollte.

Seitdem haben sich trotz vieler Änderungen der entsprechenden Vorschriften der Parteienfinanzierung die Grundübel dieses Systems nicht verändert.

Nach wie vor können Firmen und Verbände unbegrenzt spenden. Dadurch wird trotz der Veröffentlichung von Rechenschaftsberichten der Parteien und Veröffentlichungspflicht für Großspenden ab 50.000 Euro das Verhältnis von Politik und Wirtschaft immer wieder aufs Neue belastet und verdächtigt. Es entsteht dadurch immer wieder der Eindruck, sei er berechtigt oder auch unberechtigt, des dubiosen Zusammenhangs von Spenden und politischen Entscheidungen sowie das unbestreitbare Problem des besonderen politischen Gewichts der Großspender. Ein Eindruck, der mit einem fairen Demokratieverständnis von gleichem Gewicht jeder Stimme völlig unvereinbar ist. Ein Eindruck, der den seriösen Vertretern der Wirtschaft nicht angenehm sein kann.

Dieter Spöri, 66 ... Minister a.D., Präsident der Europäischen Bewegung Deutschland (EBD) ist mit Sicherheit einer der besten Kenner der Probleme zwischen Politik und Wirtschaft im Bereich der Parteienfinanzierung. Denn der ehemalige Wirtschaftswissenschaftler ist einer der wenigen erfolgreichen Pendler zwischen Politik und Wirtschaft. Er war Obmann der SPD im Untersuchungsausschuss des Bundestags zum Flick-Spendenskandal, der größten Parteispendenaffäre der Bonner Republik. Spöri saß von 1976 bis 1988 im Bundestag, war finanzpolitischer Sprecher der SPD, danach stellvertretender Ministerpräsident und Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg. Es folgte ein bemerkenswerter Wechsel: Er übernahm die Leitung der Berliner Repräsentanz des Daimler-Chrysler-Konzerns, saß bis 2007 auch im Aufsichtsrat des Software-Konzerns SAP. Zurzeit ist er Generalbevollmächtigter der Personalberaterfirma PMCI AG.

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KOMMENTARE (10 von 14)
 
rathals (02.03.2010, 12:15 Uhr)
Sponsoring
Da hilft nur noch :
Reduzierung auf max. 6 Bundesländer
und ein Persönlichkeits-Wahlrecht, damit
der Parteienklüngel durchbrochen wird.
Die Qualität -fachlich und charakterlich-
von vielen Politikern ist doch saumässig.
ganzbaf (01.03.2010, 22:39 Uhr)
Dem...
ist wohl so.

Bleibt nur die Direktdemokratie.
Prologo (01.03.2010, 21:23 Uhr)
@Herr_Lich, Volle Zustimmung, Ihr Posting bestätigt meine Meinung zu tiefst, aber, .....

.....das Problem ist noch viel größer.

Wir haben es nicht mit einer Regierungskoalition und einer Opposition zu tun,.....

.....sondern mit einem Kartell aus vier Parteien, die über die letzten 20 Jahre in verschiedenen Koalitionen das Land ruiniert und in die Insolvenz gefahren haben.

Deshalb haben wir auch den Stillstand, weil keine Partei das Maul aufreissen kann, weil sie selbst soviel Dreck am Stecken haben, und der jeweilige politische Gegner zu viel vom anderen weis.

Das Vatale für das Land ist nun, die müssen sich ständig gegenseitig decken, damit keiner die Wahrheit sagen kann. Ein fürchterlicher Zustand für dieses Land.

Im Prinzip haben wir ein Maffia-Patt, wo keiner einen Schuß abgeben kann. Nur in einem sind sie sich alle einig, sich auf Kosten des Volkes zu bereichern.

Nicht die Hartzer sind die Sozialschmarotzer, sondern unsere Politiker, weil sie nichts arbeiten und nichts für das Land tun, aber nur für sich selbst die höchsten Bezüge und die höchsten Renten absichern.

Allerdings geht Deutschland mit solchen verantwortungslosen Politikern unter, wie man ja laufend sieht.

MfG,
T.
Herr_Lich (01.03.2010, 20:40 Uhr)
Falsche Wortwahl!
"Mauschelei" hört sich nach Spickzetteln bei Klassenarbeiten an. Schon diese Wortwahl ist eine Verhamlosung der Tatsachen. Auch das Wort "Sponsoring" ist in diesem Zusammenhang vollkommen Fehl am Platz. Korruption halte ich für das passendere Wort. Das mag rein rechtlich nicht beweisbar sein und irgendwelche Parteisprecher und Staatssekretäre versuchen ja bereits, uns das als ganz normalen Vorgang zu verkaufen, aber der gesunde Menschenverstand sagt einem doch: Wer einige 10000 EUR für ein Treffen mit einem Spitzenpolitiker zahlt, wird wohl mehr erwarten, als einen Händedruck und ein nettes Gespräch.

Daß Korruption in Deutschland zum alltäglichen Geschäft in der Politik gehört, ist doch kein großes Geheimnis. Warum sonst konnte z.B. eine Handvoll Energieunternehmen, Deutschland unter sich aufteilen und die Preise praktisch ohne Konkurrenz bestimmen? Es sind die Rahmenbedingungen, die ihnen das ermöglichen und die werden von der Politik vorgegeben.

Warum werden jetzt wohl die Laufzeiten der Atomkraftwerke verlängert, obwohl spätestens durch den Verfall das sogenannten Endlagers Asse klar ist, daß es für den Atommüll keine zuverlässige Endlagerung gibt? In diesem Geschäft geht es um Milliarden und wenn sich Politiker schon für ein paar 10000 EUR zu einer "Privataudienz" ordern lassen, dann kann man sich ungefähr vorstellen, in welchem finanziellen Bereich das "Wohlwollen" eines politischen Entscheidungsträgers vielleicht liegen mag und daß das für ein Unternehmen mit Milliarden-Umsatz vermutlich locker aus der Portokasse bezahlt werden könnte.

Daß die CDU das ganze Thema jetzt herunterspielt und als üblichen und normalen Vorgang darstellt, zeigt wie wenig Schuldbewußtsein dort nur noch vorhanden ist. Und daß Herr Spöri das alles mit dem harmlosenBegriff "Mauschelei" beschreibt, mag wohl daran liegen, daß die SPD natürlich selber einige Leichen im Keller liegen hat.

Ich erinnere da nur an den Wirtschaftsminister Müller, der mit seiner Ministererlaubnis, gegen die Entscheidung des Kartellamts, die Fusion zwischen EON und der Ruhrgas AG ermöglicht hat. Müller war zwar parteilos (er kam von einem Energieunternehmen und ging dann auch wieder zu einem Energieunternehmn), aber Schröder als damaliger SPD Bundeskanzler trägt für diesen politischen Skandal natürlich die politische Verantwortung. Schröders Einstieg bei einem Gazprom Tochterunternehmen wurde damals in den politischen Reihen auch nicht heftiger kritisiert. "Das hat ein Geschmäckle" hieß es dort damals wieder mal verharmlosend.

Und so werden die jeweiligen politischen Gegner, bei jedem Skandal, der nach Korruption riecht, den Ball eher flach halten und nur verhaltene Empörung an den Tag legen.....schließlich weiß man ja nicht, was demnächst im eigenen Keller noch gefunden wird.
dreicon (01.03.2010, 17:25 Uhr)
Der Hauptgrund für das Mißtrauen
des normalen Bürgers in die besonderen Beziehungen Wirtschaft - Politik, ist im gesellschaftlichen Wandel zu suchen. Haben wir nach dem Krieg die BRD sozialpartnerschaftlich wieder aufgebaut, (ja das gab es damals wirklich, die Sozialpartnerschaft Unternehmer-Arbeitnehmer, wo sich selbst der Hofkehrer Gedanken im Rahmen seiner Möglichkeiten um die Firma machte, der Chef mit Handschlag sich von ihm am Abend verabschiedete), ist nach der marktradikalisierung nach '89 - jeder für sich und alle gegen alle - das Vertrauen in die Partnerschaft nicht mehr gegeben. War früher der Duktus: "Geht es meinem Unternehmen gut, geht es auch mir gut" berechtigt, und deshalb auch die besonderen Beziehungen Unternehmer zu Politik unverdächtig, so kann man diesem heute nur noch mit Mißtrauen begegnen.
Fraggles (01.03.2010, 17:05 Uhr)
entweder
wir finden uns damit ab das wir schon lange keine Volksverteter mehr haben oder aber wir gehn endlich nach Berlin und schmeissen diesen ganzen Lobbyverein endlich aus dem Laden.

Die BRD ist schon lange keine Demokratie mehr, wir werden von Banken und Großkonzernen regiert, es liegt an uns dies zu ändern.
Prologo (01.03.2010, 16:45 Uhr)
Es gibt nur eine einzige Möglichkeit die Parteien aus dem Bestechungssumpf heraus zu holen, das .......

......ist eine generelles Parteispendenverbot, und das.....

.....fordert die Partei DIE LINKE schon lange!

Alles andere ist wischi waschi und ermöglicht immer wieder Schlupflöcher, die Parteispendenregelungen zu unterlaufen.

Frankreich hat einen Anfang gemacht, aber dann organisiere ich halt 50 Bürgerspenderpender a 10.000 ?, dann ist auch eine halbe Mio gespendet.

Deshalb gibt es nuer eine Lösung, ein...

......generelles Parteispendenvervot !!

So wie es die LINKE schon lange fordert.
Ich bin kein Linker(noch).

MfG,
T.
ganzbaf (01.03.2010, 16:27 Uhr)
Na gut...
Trennung von Staat und privatwirtschaftlicher Einflussnahme heute mindestens so wichtig, wie einst die Trennung von Kirche und Staat! ;-)

Natürlich sollte der Staat auch Unternehmen betreiben.
Wie z.B. im Bereich Banken, Energie, Post, Bahn etc.

Und zwar gewinninteressenlos.

Damit natürlich NICHT unternehmerisch, ABER löblich gemeinnützig ;-)
Asiat (01.03.2010, 16:09 Uhr)
"Sponsoring"
Wie nennt Herr Westerwelle das in Deutsch? Unterstuetzung oder Bestechung??
Die o.g. klare Konsequenz - keine Firmen- od. Verbandsspenden, sollte knallhart durchgezogen werden. Parteien haben Mitglieder, die Beitraege bezahlen, womit man haushalten muss - fragt sich allerdings wie lange noch, wenn die Parteien weiterhin am Buerger vorbei agieren und immer weniger ueberhaupt dran denken, Mitglied einer pol. Partei zu werden. Irgendwann funktionier dann gar nichts mehr, Wilkommen in der Anarchie.
auwei (01.03.2010, 15:26 Uhr)
@ganzbaf
Zitat: " Trennung von Staat und Wirtschaft...

heute mindestens so wichtig, wie einst die Trennung von Staat und Kirche! " Das sehen Marktradikale in der Regel ganz genau so - außer "die Wirtschaft" kann den Staat irgendwie zur Gewinnmaximierung nutzen (z.B. durch "schmierige" Subventionen und Vergünstigungen - ach ja, und wenn der Kittel brennt natürlich).
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