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19. April 2010, 16:41 Uhr

Bundesregierung verbeißt sich in Standort Gorleben

Nach der Aufdeckung bislang unbekannter Dokumente wird wieder heftig um das Endlager Gorleben gestritten. Obwohl niemand weiß, wie es zu dem Standort kam, hält die Bundesregierung verbissen an ihm fest. Dabei müsste sie längst nach Ausweichmöglichkeiten suchen. Von Vera Rigert und Roman Heflik

Gorleben, Endlager, Atommüll, Asse, Deponie, Wendland, Atomklo, Bundesamt für Strahlenschutz, Norbert Röttgen, Abfälle, Salzstock

Arbeiten im Erkundungsbergwerk Gorleben: Gutachter nannten zahlreiche Alternativen© Sören Stache/DPA

Die Meldung klang alarmierend: Bis zu einer Million Kubikmeter Salzlauge würden das geplante Atommüllendlager Gorleben bedrohen, warnte Greenpeace am Dienstag. Die Umweltschutzorganisation hatte Tausende von Behördendokumenten gesichtet und einen Hinweis darauf entdeckt, dass Behörden die Entdeckung eines Laugen-Sees in 840 Metern Tiefe verschwiegen hatten. "Wenn dieses Reservoir sich auf einen Schlag öffnet, säuft dieser Erkundungsbereich Eins fünfmal ab", warnte daraufhin der Kieler Geologe Ulrich Schneider.

Ein Laugeneinbruch in einem geplanten Endlager für hochradioaktive Abfälle - das wäre für die Befürworter von Gorleben der GAU. Möglicherweise aber sind die Umweltschützer nun mit ihrer Warnung übers Ziel geschossen: Das niedersächsische Umweltministerium teilte inzwischen mit, bei den Wassereinlagerungen in Gorleben handele es sich um Laugen fossiler Art und nicht um eindringendes Grundwasser. Auch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), das seit 2009 Betreiber des Gorleben-Erkundungsbergwerk ist und als atomkritisch gilt, relativierte die Greenpeace-Meldung: Es handele sich um "maximal 1500 Kubikmeter" Lauge, die hunderte Meter vom geplanten Endlager-Bereich entfernt lägen. Die Strahlenschützer des BfS sind daher sicher: "Die Lauge stellt kein Risiko für ein mögliches Endlager-Bergwerk dar."

Standorte in ganz West-Deutschland im Gespräch

Doch aus der Schusslinie ist das geplante Endlager Gorleben damit noch lange nicht. Denn die aufgetauchten Dokumente zeigen, wie wenig die Öffentlichkeit bislang über die Probleme der Endlagersuche informiert worden ist. 33 Jahre nach den ersten Arbeiten in Gorleben werfen sie erneut die Frage auf: Nach welchen Kriterien wurde Gorleben eigentlich als Standort für Deutschlands gefährlichsten Müll ausgewählt?

Wie die bislang veröffentlichten Unterlagen zeigen, war der Salzstock nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze ursprünglich gar nicht als unterirdische Deponie im Gespräch. Stattdessen wurde der Ortsname erst nachträglich handschriftlich in eine Akte eingetragen.

Tatsächlich hatten die Gutachter der damals zuständigen Kernbrennstoff-Wiederaufarbeitungsgesellschaft in den siebziger Jahren gleich eine ganze Reihe von möglichen Standorten in Betracht gezogen. Im Gespräch waren nach Angaben von Mathias Edler, Atomexperte bei Greenpeace, Standorte in ganz West-Deutschland, beispielsweise in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz und Bayern. Aus dieser Liste empfahlen die Gutachter Wager und Lüttig schließlich den Salzstock Börger im Emsland, Weesen-Lutterloh bei Celle und Ahlden bei Nienburg, ebenfalls in Niedersachsen. Alle drei Standorte sind Salzstöcke. Eine Studie des TÜV Hannover empfahl zudem Nieby in Schleswig-Holstein.

"Niemand kann das heute nachvollziehen"

Die beiden Behörden, die heute auf die Frage nach der Standortauswahl am besten Antwort geben könnten, das Bundesamt für Strahlenschutz sowie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, geben sich wortkarg: Derzeit beschäftigt sich ein Untersuchungsausschuss des Bundestags mit Gorleben. Er soll klären, wieso sich die Politik damals so früh auf Gorleben festlegte, auch Mitarbeiter der beiden Behörden werden als Zeugen aussagen müssen. Doch ein Mitarbeiter räumt ein: "Das Auswahlverfahren damals war intransparent. Niemand kann heute nachvollziehen, wie Gorleben damals in die Auswahl gekommen ist."

Dennoch setzt die Bundesregierung noch immer alles auf die Karte Gorleben. Erst im März hatte Bundesumweltminister Norbert Röttgen bekannt gegeben, dass er den im Jahr 2000 von der rot-grünen Regierung beschlossenen Erkundungsstopp des Salzstocks aufheben wolle. Nun sollen internationale Forscher die bislang gesammelten Daten auswerten, während parallel dazu die Erkundungsarbeiten unter Tage wieder aufgenommen werden.

In sechs Jahren könne man mit der Erkundung fertig sein, sagte Gerald Hennenhöfer, der Leiter der für Atomfragen zuständigen Abteilung im Bundesumweltministerium, im Umweltausschuss des Landtages in Hannover. Doch bis Gorleben im Falle einer Eignung komplett ausgebaut ist, werden weitere Jahre ins Land gehen. Noch länger würde es dauern, sollte Gorleben als ungeeignet befunden werden. Es sind gefährliche Jahre, denn bis zur Fertigstellung eines Endlagers wird stark strahlender Atommüll in Deutschland zwischengelagert - und zwar oberirdisch.

Endlager-Sucher müssten quasi bei Null anfangen

Die Bundesregierung könnte das Verfahren abkürzen und parallel zu Gorleben weitere Standorte erkunden. Das fordern Umweltschützer, aber auch Klaus-Jürgen Röhlig, Professor am Institut für Endlagerforschung in Clausthal-Zellerfeld: "Aus wissenschaftlicher Sicht sollte man die bereits weit fortgeschrittene Gorleben-Erkundung fortführen, aber aber man sollte sich für den Fall negativer Befunde oder eines politischen Scheiterns des Projekts auch nach Alternativen umsehen." Der Plan von Umweltminister Röttgen sieht dagegen vor, andere Standorte erst dann zu prüfen, wenn Gorleben sich als ungeeignet herausstellt.

Doch bei diesem Vorgehen geht viel Zeit verloren, denn die Endlager-Sucher müssten quasi bei Null anfangen: Zwar gibt es inzwischen ausführliche Karten zur Geologie Deutschlands, doch auf die alten Standortlisten könnten sich die Experten nicht mehr stützen: Längst haben sich die Sicherheitsanforderungen an ein Endlager verändert, außerdem hatte man in den siebziger Jahren keine Standorte in Ostdeutschland untersucht.

Atomexperte Edler von Greenpeace wünscht sich zudem eine wesentlich offenere Standortsuche: "Wir müssen weg von der Fokussierung auf Salzstöcke." Auch Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow Dannenberg fordert: "Es müssen zwei oder drei Standorte mit unterschiedlichen Gesteinsformationen in die engere Wahl gezogen werden."

Salz, Granit oder Ton - was ist besser geeignet?

Ob Salz als Gestein für ein Endlager geeignet ist, darüber wird in Europa schon lange diskutiert. Frankreich und die Schweiz haben sich für Ton entschieden. Diese geologische Formation gilt als sehr wasserundurchlässig. Finnland und Schweden setzen dagegen auf stabilen Granit. Doch laut Endlagerforscher Röhlig weist jedes Gestein auch Nachteile auf: Ton sei instabiler und halte weniger Hitze aus, daher brauche man mehr Raum für den heißen Müll. Granit wiederum sei meist zerklüftet und daher wasserdurchlässig, was besondere Anforderungen an die Atommüllbehälter stelle.

Die deutsche Regierung glaubt dagegen, mit Salz bereits den Stein der Weisen gefunden zu haben. Dass sie diese Annahme nicht durch eine vergleichende Standortsuche untermauert, dürfte die Akzeptanz eines künftigen Endlagers nicht gerader fördern. Zumindest in puncto Transparenz könnten die Deutschen jedoch von ihren europäischen Nachbarn lernen. Das Schweizer Bundesamt für Energie beispielsweise stellt alle Dokumente zur Endlager-Suche ins Internet. Und wer Fragen hat, wählt einfach die dort angegebene Nummer des zuständigen Beamten.

Die Vorläufer von Gorleben Laut einem Gutachten aus den siebziger Jahren kamen mehrere Standorte in Betracht, um sie als mögliches Atommüll-Endlager zu erkunden:

Fehmarn, Friedrichskoog, Lütau, Börger, Uchte, Ahlden, Becklinger Holz, Fassberg, Malloh, Daxelberg, Ulmen, Oberwesel, Rhaunenwald, Schinderskopf, Alzey, Mettlach, Butzbach, Tauberbischofsheim, Sindringen, Dürmentinger Wald, Mahlberg, Sohlhöhe, Pegnitz und Oberntief

Von Vera Rigert und Roman Heflik
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
mantrid (20.04.2010, 11:12 Uhr)
Kein Vertrauen
Nach dem Debakel mit der Asse habe ich das Vetrauen in sogenannte "Experten" und die Politik verloren. Es geht schon längst nicht mehr um das sicherste Endlager, sondern darum, wo man dieses mit dem geringsten Widerstand einrichten kann.

Wieso diese Geheimnis-Krämerei? Es geht nur darum, Widerstand zu verhindern und deswegen werden Informationen zurückgehalten.

Konsequent wäre es, die Verlängerung der Laufzeiten der AKW mit dem Vorhandensein eines Endlagers zu koppeln. Selbstverständlich sind sämtliche Kosten über die Erkundung, Planung usw. von der Atomindustrie zu tragen. Erst wenn diese Kosten eingerechnet sind, kann man den wahren Preis für Atomstrom ermitteln.

Leider werden wir jedoch nicht von Volksvertretern regiert, sondern von Lobby-Verbänden und Personen, die sich ihr persönliches Wohl in den Vordergrund stellen. Das Simonis-Zitat klingt mir noch in den Ohren: "Und wo bleibe ich?"
Swissmiss (19.04.2010, 22:14 Uhr)
Kleine Fehler
Es mag ja sein, dass das Bundesamt für Energie in der Schweiz für Fragen am Telefon jederzeit zur Verfügung steht, allerdings werden wohl kaum Beamte die Telefone entgegennehmen. Die Schweiz kennt auf Bundesebene (und auch in vielen Kantonen) keine Beamten mehr, sondern nur noch Staatsangestellte, deren Angestelltenverhältnis dem in der Privatwirtschaft sehr ähnlich ist.
jo--jo (19.04.2010, 20:35 Uhr)
...
... arme Welt!!!
jo--jo (19.04.2010, 20:30 Uhr)
... und Vetternwirtschaft.
Armes Deutschland!!!
jo--jo (19.04.2010, 20:25 Uhr)
Lobbyismus...
... "Hoch 3"
Neugieriger12 (19.04.2010, 18:47 Uhr)
33 Jahre
Sage und schreibe 33 Jahre untersuchen Geologen nun schon diesen Salzstock. Das muss, mit weitem Abstand, der am Besten untersuchte Flecken der Welt sein..
Wieso wohl kommt man nach so einer langen Zeit zu dem Schluss, dass Gorleben ggf. ungeeignet sein könnte ? Das es womöglich nicht möglich sei sicher End zu lagern. Wieso ist man nach 33 Jahren nicht in der Lage, endlich ein "Ja" oder "Nein" zu Gorleben zu sagen ??? Ich versteh das nicht. Was haben die Geologen so lange getrieben ? Der Auftrag war doch sonnenklar.
Wenn jetzt, irgendwann in 5 oder 6 Jahren, endlich mal jemand sagt "Hey Leute, also das mit Gorleben könnt Ihr knicken, dass ist nicht sicher" Ja dann gehen nochmals 40 Jahre ins Land, um beim nächsten Endlager wieder auf die Schnauze zu fallen. Tolle Aussichten...
Das kann uns ja dann wurscht sein, weil wir ja längst verscharrt sind, aber unseren Kindern und deren Kindern und deren Kindern und deren....
Wir begehen praktisch einen Generationenmord, für den wir uns, mit unserem eigenem Ableben irgendwann aus der Verantwortung ziehen... ganz schön Feige.
Diesen Abfall sicher zu lagern ist nicht möglich, weil die lange Lagerdauer gegen uns spielt. Die Kosten sind nicht abzuschätzen, niemand weiß was in 500 Jahren sein wird.
Alles Gerede und Getue ist nur Zeitschinderei, hoffend das man selbst irgendwann nichts mehr damit zu tun hat.
Es ist ein Verbrechen an unseren Kindern, sonst nichts.
ESELSDRIEVER (19.04.2010, 17:22 Uhr)
einen nachträglichen
"herzlichen" Dank an den früheren Ministerpräsidenten von Niedersachsen für seine rein politische Entscheidung.Geologen haben schon damals davor gewarnt.Vielleicht sollte mal die von der Leyen den Mist ihres Verwandten korrigieren.
audio001 (16.04.2010, 07:15 Uhr)
Hier haben offensichtlich wieder alle irgendwie "Dreck am Stecken",...
sodass nicht nur offensichtlich kollektives Vertuschen und Verschleiern seitens der mit der damaligen Entscheidung politisch Befassten angesagt war, sondern nun auch noch jeder selbstkritische Umgang mit der Situation ausgeblendet wird und Verschweigen weiter angesagt ist!

Interessant ist hierbei auch das Schweigen der sogenannten "Opposition"!?- Mich wundert ohenhin, dass nun erst durch "Greenpeace" dieser politische Skandal deutscher Atompolitik aufgedeckt wurde und nicht durch die Opposition?!

Insbesondere wundert mich, dass von rot bis grün alle irgedwann in Niedersachsen wie auch im Bund, das zuständige Ressort ihr eigen nannten.- Offensichtlich sich aber keiner dieser "verantwortlichen Politiker" sich motiviert sah, das Thema Gorleben mal zu hinterfragen?

Das läßt mich als Bürger zu der sicherlich nicht unberechtigten Frage kommen: "Warum hat sich dem Thema Gorleben eigentlich von rot oder grün keiner angenommen?"


Offensichtlich steht hinter der Antwort auf diese Frage, auch das derzeitige kollektive Schweigen von rot bis grün....
n8g8 (15.04.2010, 20:57 Uhr)
Mahlzeit!
Also, sollte sich die Bundesregierung wirklich schon längst in Gorleben verbissen haben, empfehle ich den politischen Verantwortungsträgern einen kräftigen Schluck aus der gorlebisch-raus-sippenden Salzlake! Ein strahlendes Nastrovje!!!
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