Aufgeblasen. Aufgepumpt. Geplatzt.

9. Januar 2013, 14:34 Uhr

Guttenberg. Wulff. Diese Männer sind nicht an ihrer Politik gescheitert, sondern an ihrer Selbstdarstellung. Was ist die Moral dieser Abstürze? Und was kann Peer Steinbrück daraus lernen? Von Florian Güßgen

Christian Wulff, Bettina Wulff, Trennung, Karl-Theodor zu Guttenberg, Peer Steinbrück, Selbstdarsteller, Moral

Klar, er ist jetzt ein Gescheiterter: Ex-Bundespräsident Christian Wulff im Juli des vergangenen Jahres. Aber was für Lehren lassen sich aus diesem Scheitern ziehen?©

Nein, eigentlich war die offizielle Trennung von Christian und Bettina Wulff keine Sensation mehr. Zu distanziert, zu entfremdet, hatte die Frau des Ex-Präsidenten in ihrem Enthüllungsbuch geklungen, zu bereitwillig hatte sie ihren Mann dem öffentlichen Spott preisgegeben. Wirklich gewundert haben dürften sich also die wenigsten - allein der Verkündungsweg via "Bild" und Kai Diekmann mutete bizarr an.

Und dennoch bleibt Wulffs Geschichte faszinierend. Seine, Christian Wulffs Geschichte. Dass er jetzt alles verloren hat - Amt, Ruf, Frau. Das haben wir schon vielfach aufgeschrieben, auch dass er von ganz oben nach ganz unten gefallen ist. Die spannendste, weil nie erschöpfend beantwortbare Frage aber lautet: Wie konnte das passieren? Wie kann ein Mann, ein Politiker, der es so weit, bis ganz nach oben geschafft hat, so stürzen? Wie kann es geschehen, dass so eine unüberbrückbare Kluft entsteht zwischen Sein und Schein? Und welche Lehren können wir, Zuschauer und Wähler, daraus ziehen? Die Frage drängt sich ja nicht nur bei Wulff auf. Knapp ein Jahr vor Wulff, war Karl-Theodor zu Guttenbergs politischer Sternenflug plötzlich und rapide beendet worden, weil er schlicht abgekupfert hatte.

Gescheitert in der Disziplin Selbstdarstellung

Es gibt bei Guttenberg und Wulff Parallelen. Beide Männer sind nicht über ihre Politik gestürzt. Ja, Guttenberg wurden im Nachhinein schwere handwerkliche Fehler bei der Bundeswehrreform nachgesagt, auch eine verheerende Personalführung. Aber das war es nicht, was ihn das Amt kostete. Und über Wulffs berühmtesten Satz, jenen über die Zugehörigkeit des Islam zu Deutschland, ließe sich trefflich streiten. Aber nie so, dass man deshalb seine Amtsbefähigung in Frage gestellt hätte. Nein, gescheitert sind die beiden Männer in der Disziplin Selbstdarstellung. Sie versuchten etwas zu sein, was sie offenkundig nicht waren - und versagten dabei, diese Kluft mit gesellschaftlich und politisch akzeptablen Mitteln zu überbrücken.

Bei Guttenberg war das besonders frappierend, weil er, der Adlige, auch ohne Dokortitel zur politischen, gesellschaftlich akzeptierten Elite gehörte. Den akademischen Rang hatte er nicht nötig. Und dennoch ging Guttenberg das Risiko ein, bei seiner Abschreiberei erwischt, als lupenreiner Blender, Hochstapler, entlarvt und gebrandmarkt zu werden. Bei Wulff ist das Blendwerk nicht so augenfällig, nicht so eindeutig nachweisbar - und dennoch vorhanden. Denn der biedere Wulff aus Osnabrück erschuf sich binnen Jahren neu. Er legte sich neue, illustre Freunde zu, eine neue, junge, attraktive Frau, wurde zum Party-Hengst. Politik traf Pop, und Wulff war mittendrin. Legendär wie er das Sternchen Lena Meyer-Landrut Ende Mai 2010 nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest in Oslo am Flughafen in Hannover empfing. Wulff investierte offenbar viel in diesen neuen Schein, überschritt Grenzen des politischen Anstands, möglicherweise auch juristische Grenzen. Mein Gott, was kostet schon ein Haus in Großburgwedel, wenn man ganz oben ist? Kriegen wir alles hin.

Sei der, der du bist. Ist es das?

Allein, was ist die Moral dieser Geschichten von Aufstieg und tiefem Fall? Für die große Politik? Für uns? Sei der, der du bist, dann wirst Du erfolgreich sein? Klar, das klingt gut, bescheiden, vielversprechend befreiend wie Werbung für Diätprodukte: Du darfst. Und gleichzeitig ist diese simple Lehre in vielerlei Hinsicht so verlogen wie philosophisch unsinnig. Denn das Ergebnis wäre eine todlangweilige Politik mit todlangweiligen Politikern, die einer zentralen, menschlichen Triebfeder abschwören müssten: sich und die Welt neu zu erfinden und den anderen so - Drama, Baby, Drama! - ein wenig Show und Unterhaltung zu liefern.

Nein, wir, zumal wir Medien, gieren natürlich nach den Extremen, auch in der Selbstdarstellung von öffentlichen Personen, nach dem Besonderen, dem Wagemutigen. Rational haben wir 2008 zwar alle davor gewarnt, Barack Obama als Messias zu begreifen. Tatsächlich haben wir ihm allesamt gehuldigt, als könne er über Wasser laufen, weil uns das inspiriert und interessiert hat. Und genauso hat uns Guttenberg fasziniert und, jaja, selbst das, auch das erfrischend im "echten Leben" verankerte Ehepaar Wulff. Mensch, toll, dass da jetzt ein Bundespräsident mit junger Frau und kleinen Kindern in Bellevue einzieht. Und super, dass sie auch noch bella figura macht.

Nein, die Show, das Theater, die übertriebene Darstellung gehört zur Politik dazu, selbst wenn wir derzeit in einer Art Neo-Askese seriös-langweiligen Machern huldigen wie dem Hamburger Olaf Scholz oder dem Kieler Torsten Albig oder der ach-so-geerdeten Kanzlerin und ihrem unsichtbaren Forschergatten. Nein, die gute, überzeugende und unterhaltende Inszenierung, auch von Personen, gehört zur Politik wie die gute Rhetorik. Und sie ist immer auch ein Stück weit Projektion, Versprechen, weil es darum geht, eine zukünftige Welt zu gestalten. Deshalb ist es im Prinzip auch nicht grundsätzlich schlecht, wenn Politiker sich inszenieren. Entscheidend ist nur, ob sie es schaffen, das mit zulässigen, glaubwürdigen Mitteln zu tun. Irgendwie muss das Selbstbild noch in der Wirklichkeit verankert bleiben, es muss eine belastbare Brücke geben zwischen Sein und Schein.

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