3. Januar 2008, 14:46 Uhr

Das bittere Ende

1968 war der Traum von einer anderen Welt. Weil die Revolution ausbleibt, erklärt eine Minderheit dem Staat den Krieg. Exklusiv bei stern.de: Joachim Fest in einem Originalbeitrag aus dem Jahr 1968 über den "Carbonaro Dutschke", "exzesse Redseligkeit" und "hoffnungslose Träumer".

Halbnackte Studentinnen singen Dezember 1968 im Prozess gegen ihre Kommilitonin Ursula Seppel ein Lied©

Nach dem Sommer 1968 eskaliert die Gewalt zwischen Polizei und Demonstranten - wie hier am Rande der Frankfurter Buchmesse. Die Proteste richten sich gegen die Verleihung des Friedenspreises an den senegalesischen Machthaber Léopold Sédar Senghor. Die Studenten sind sich uneinig, wie der Kampf weitergeführt werden soll. Jetzt wird deutlich, dass die einzelnen Gruppen ganz unterschiedliche Interessen verfolgen. Die Apo kann längst nicht mehr so viele Menschen mobilisieren wie noch auf dem Höhepunkt der Bewegung im Frühjahr.

Hinter dem Landgericht am Tegeler Weg machen Gulaschsuppe, Bockwurst und Angst die Runde. Hundertschaften der Berliner Polizei warten hier auf ihren Einsatz. Morgens um zehn vor neun beginnt die Schlacht: "Nieder mit der Klassenjustiz", brüllen die Angreifer, als sie gegen die Absperrgitter am Spreeufer anrennen. Studenten sind unter den Demonstranten, aber auch Arbeiter und Rocker. Die meisten tragen Helme. Sie wollen nicht hinnehmen, dass ihrem Anwalt und Kampfgenossen Horst Mahler die Zulassung entzogen werden soll.

Von hinten fliegen Steine, Tausende. Sie regnen auf die Beamten, 130 werden verletzt. Ein Stoßtrupp der Revolution erobert ein Polizeifahrzeug. Rote Fahnen wehen. Ein paar Militante fangen an, Barrikaden zu bauen. Juhu, es lebe die Revolution! Christian Semler, SDS-Wortführer mit Che-Guevara-Bart, jubelt noch am Mittag dieses 4. November 1968: Eine "neue Ebene der Militanz" sei erreicht.

Die Studenten zerfleischen sich in endlosen Debatten

Tatsächlich: Nach dem Desaster nimmt die Berliner Polizei die altmodischen Tschakos vom Kopf und erhält neue Kampfmonturen. Die Studenten berauschen sich an ihrer vermeintlichen Stärke - und zerfleischen sich dann in endlosen Debatten über ihr Verhältnis zur Gewalt. Die vergleichsweise besonnenen Niels Kadritzke und Knut Nevermann wettern, es sei "irrsinnig", die Straßenschlacht als Teil des Klassenkampfes zu vermitteln. Ihr Genosse Jörg Huffschmid hält dagegen: Das habe man ein paar Monate zuvor vielleicht so sehen können, doch inzwischen habe es "strukturelle Wandlungen" gegeben. Die Massenbasis sei geschwunden, die Apo, die Außerparlamentarische Opposition, nunmehr eine andere. Die Party ist vorbei - auch wenn die letzten Gäste es nicht wahrhaben möchten. Wenn es einen Moment gibt, an dem jener Teil der Studentenbewegung endet, an den sich die Apo-Veteranen gern mit verklärtem Blick erinnern, dann ist es die "Schlacht am Tegeler Weg". "Danach konnte nur noch Bürgerkrieg kommen", analysiert der Chronist des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) Siegward Lönnendonker. Das war die Wende.

Und der Abschied. Der Abschied von der Illusion, dass alle für ein Ziel kämpfen, so vielfältig die Bewegung auch sein mag. Natürlich engagieren sich weiter junge Leute gegen verkrustete Unis und den Vietnamkrieg, gegen Spießer mit brauner Vergangenheit und für das Gute in der Welt. Aber nicht mehr alle gemeinsam. Ein Teil driftet ab in Gewalt, ein kleiner Teil gar in den Terror. Tausende suchen ihr Heil in sektiererischen kommunistischen Gruppen, die in den Folgejahren entstehen. Die meisten machen einfach Examen, nehmen Jobs an und versuchen, ein wenig anders zu leben als ihre Eltern. Fast vierzig Jahre später sitzt Ursula Seppel in einem Hamburger Café, spricht von der "ekstatischen Zeit" 1968 und davon, wie plötzlich alles vorbei war. "Das ging ruck, zuck." Der Keller des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im Grindel-Viertel verlor seine Anziehungskraft; selbst die anderen Frauen aus dem "Arbeitskreis Emanzipation" traf sie nur noch zufällig im Seminar. Aus Schwestern wurden Fremde. "Man kann nicht über Jahrzehnte solche Happening-Geschichten machen", sagt sie. "Das läuft sich tot." Mit "Happening-Geschichten" meint sie Aktionen wie die im Hamburger Amtsgericht, als sie und acht Kommilitoninnen sich die Blusen auszogen und mit nackten Brüsten ein Liedchen sangen. "Ihr haltet euch bei Tage an die Bibel", heißt es darin. "Und streichelt lüstern höchstens mal das BGB."

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 01/2008

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
ganzbaf (04.01.2008, 13:08 Uhr)
Ja, wirklich schade...
Die Ansätze waren alle wirklich hervorragend!
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"Werteverluste auf breiter Front, weniger Respekt vor anderen Menschen, weniger Höflichkeit, weniger klassische Bildung, weniger Fleiß, weniger Ehrgeiz, Antiautoriät in der Schule, mehr Gewalt, tötliche Schüsse auf Polizisten an der Startbahn West, Orientierungsverlust, Terror, Ignoranz, mehr Reden und weniger Ahnung haben, mehr Kritik und weniger Konstruktives, Leistungsfeindlichkeit, Sozialneid, Sozialismus-Romantik, Verherrlichung linker Diktatoren, Antiamerikanismus, Christenfeindlichkeit, geplatzte Utopien, Hoffnungslosigkeit."
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Nur Schade, dass dann nach dem löblichen Willy Brandt der laue Schmidt und der unheilvolle Dicke aus Oggersheim kamen, und dem schönen Traum ein jähes Ende bereiteten.... ;-PP
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Heute haben wir den "konservennaiven" Wirtschaftskriechersalat an Spiessbürgersosse (~;
undjetztnochder (04.01.2008, 09:58 Uhr)
Und was ist von allem geblieben?
Wenn ich an die "68er" denke, dann fällt mir ein: Werteverluste auf breiter Front, weniger Respekt vor anderen Menschen, weniger Höflichkeit, weniger klassische Bildung, weniger Fleiß, weniger Ehrgeiz, Antiautoriät in der Schule, mehr Gewalt, tötliche Schüsse auf Polizisten an der Startbahn West, Orientierungsverlust, Terror, Ignoranz, mehr Reden und weniger Ahnung haben, mehr Kritik und weniger Konstruktives, Leistungsfeindlichkeit, Sozialneid, Sozialismus-Romantik, Verherrlichung linker Diktatoren, Antiamerikanismus, Christenfeindlichkeit, geplatzte Utopien, Hoffnungslosigkeit.
O.K., das Ganze ist ziemlich subjektiv, bin selbst Jahrgang 66 und kenne halt nur die Nachwirkungen, nicht die Ausgangslage.
ganzbaf (03.01.2008, 19:29 Uhr)
Die neue Revolution heißt...
"Vollumfängliche Volksabstimmungs-Demokratie"!
Weg mit Parteiengezänk und Polithansels! WIR SIND DAS VOLK !
(-:
waelder (03.01.2008, 18:17 Uhr)
68er... und dann Nichts?
Der Übergang von APO zur RAF hat so nicht statt gefunden. Das waren nicht SDSler. Die RAF hat spätestens in der 2. Generation aus der Randgruppenbewegung rekrutiert, basierend auf Franz Fanon "Die Verdammten dieser Erde" (bei rororo-aktuell auf Deutsch verlegt). Andreas Baader mag nicht der Aktivste bei den Lehrlingskollektiven in Frankfurt gewesen sein, aber auf jeden Fall einer der Lautesten. Ulrike Meinhof kümmerte sich mehr um ihre Mädchen in Berlin und das aus dieser Arbeit herrührende Stück "Bambule" (verlegt bei Wagenbach). Am militansten waren die Leute vom Heidelberger Patientenkollektiv. Das waren die Leute, die den 68ern den schlechten Ruf eingebracht haben.
Andererseits rühren die Anti-Atomkraftbewegung und viele Bürgerinitiativen aus den Impulsen der 68er her und ich glaube, dass es ohne 68 den Aufbruch "mit mehr Demokratie wagen" und die Grünen gegeben hätte. In Deutschland sind Greenpeace, BUND und Attac Erben von 1968.
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