Es sollte der Höhepunkt ihres Wahlkampfs werden: Bundeskanzlerin Angela Merkel fährt mit Konrad Adenauers Rheingold-Express durch Deutschland. Doch einmal mehr wurde klar, dass die CDU dabei ist, sogar ihre eigenen Wähler einzulullen. Von Sebastian Christ

So schmeckt der Wahlkampf: Kanzlerin Angela Merkel beim Frühstück im Rheingold-Express© Andreas Rentz/Getty Images
Drei Banker stehen in faltenfreien Anzügen im Frankfurter Hauptbahnhof und essen Pommes. Der erste schaut sich um. Der zweite grinst. Und der dritte sagt: "In Offenbach war es voller, damals, als die Eintracht da war."
Sie warten auf die Kanzlerin. Angela Merkel fährt gleich mit dem Rheingold-Express ein. Und plötzlich ist da wieder dieses taube Gefühl: Die Bundesrepublik ist derzeit ein Land, das - politisch gesehen - nur durch Handschuhe tastet. Nach vier Jahren Großer Koalition scheint den Menschen egal, wer sie da besucht. "Wollen wir uns mal nach vorne durchdrängeln?", fragt einer der Anzugträger. "Nein, das ist nicht nötig. Wirst merken, wir sehen schon genug."
Als Angela Merkel um zehn vor eins mit dem blank polierten Nostalgiezug aus der Adenauer-Ära in die Bahnhofshalle einfährt, warten vielleicht hundert Menschen am Gleiskopf. Ein Passant schreit: "Was will ich? Was willst du? Das Verbot der CDU!" Sonst ist es friedlich.
Draußen stehen deutlich mehr Leute, wohl etwas mehr als zweitausend. Hier demonstrieren auch Aktivisten von Attac, einer Umweltschutzgruppe sowie der Linkspartei. Gastgeber Roland Koch nimmt ihnen bei seiner Anmoderation für Merkel den Wind aus den Segeln. "Und wir begrüßen auch die Demonstranten, auch das gehört in einer Demokratie dazu", gibt sich Hessens Ministerpräsident staatsmännisch. Die Demonstranten pfeifen und buhen zwar gewissenhaft, werden aber von der Mehrheit der anwesenden Unionsmitglieder niedergeklatscht.
"Warum mache ich diese Reise?", setzt Merkel an. "Um daran zu erinnern, dass Konrad Adenauer vor 60 Jahren zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gewählt wurde." Die Kanzlerin will ihren Wahlkampf in einen historischen Kontext setzen. Das ist eine nette Idee. Sie tourt mit der Familie Adenauer durch Deutschland. Libeth Werhahn-Adenauer, die Tochter des "Alten", ist auch mit auf der Bühne. Immer wieder verweist Merkel darauf, dass ja auch Adenauer sich 1949 bewusst für eine schwarz-gelbe Koalition entschieden habe.
Doch klare inhaltliche Ansagen blieb sie auch diesmal schuldig – obwohl sie so tut, als ob das nicht so sei. Ein Beispiel. Eine vom Merkels Lieblingswendungen, die sie in beinahe jeder Rede bringt, geht so: "Jeder muss Regeln beachten. Wenn sie ein Auto anmelden wollen, brauchen sie Tüv, dann brauchen sie eine Haftpflicht. Auch die internationalen Banken brauchen Regeln." Das finden dann jene gut, die sich Lehren aus der Finanzkrise erhoffen. Aber ein konkretes Versprechen steht noch nicht dahinter. Es ist eine Tendenzaussage.
Nach knapp einer Stunde setzt der Rheingold-Express seine Reise fort. Unterwegs wartet Polizei, überall, an jedem Bahnübergang steht ein Streifenwagen. Und wo immer Merkels Wahlkampftour Station macht, ärgern sich Fahrgäste in den Bahnhöfen über Gleisänderungen und Verspätungen.