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18. Juni 2005, 09:00 Uhr

Das bessere Deutschland

Wie haben die das bloß geschafft? Gute Stimmung, mehr Wachstum, neue Jobs: Während hierzulande Frust grassiert, Geiz zur Nationaltugend wird und die Arbeitslosigkeit steigt, geht es in der Alpenrepublik voran.

Wohlstand pur - Auf der Terrasse des "Do & Co" mit Blick auf den Stephansdom in Wien geben die ERfolgreichen gern Geld aus© Peter Rigaud

So was hätte es früher nicht gegeben, dass Deutsche Österreicher bedienen. Zumindest nicht hier, im Hotel "Edelweiss" im Stubaital, mit Blick auf den 3200 Meter hohen Gletscher. Früher arbeiteten Jugoslawen und Türken als Stubenmädchen und Kellner. Heute bedienen Christin, 20, und Janina, 24. Die beiden tragen rosa Dirndl, es ist früher Nachmittag, die ersten Gäste sitzen auf der Terrasse. "Der Wirtschaftskammerpräsident hat ja gesagt, die Deutschen seien willig und billig", amüsiert sich ein Österreicher im braunen Sakko.

Christin übergeht die Bemerkung. Die Reisekauffrau aus Sachsen war nach ihrer Ausbildung arbeitslos und bewarb sich vergangenen Oktober als Kellnerin im "Edelweiss". Sie bekommt 1200 Euro netto und wohnt im Nachbardorf Volderau, wo die Hoteliersfamilie schon acht deutsche Mitarbeiter einquartiert hat. "Mit Küche und Badewanne", sagt Christin. "Ich würd eigentlich jedem empfehlen, hierher zu kommen." Während Christin vorhat, nur während der Skisaison zu arbeiten, will Janina bleiben. "Ich will Österreicherin werden", sagt die gelernte Zahnarzthelferin. "Berlin ist mir zu dreckig, zu stressig, und die Leute sind ständig genervt. Hier ist die Landschaft viel schöner." In den ersten zwei Wochen habe sie mehr Leute kennen gelernt als das ganze Jahr zuvor in Berlin.

Das "Edelweiss" ist ein Wellnesshotel, in dem vor allem Selbstständige und Freiberufler aus Deutschland urlauben. Manuela Pfurtscheller, die 40-jährige Chefin, trägt ein grünes Dirndl mit weißer Bluse. Sie wundert sich: "Seit Jahren heißt es doch schon, dass es bei euch nicht gut läuft. Aber wirklich überrascht hat mich, wie viele jetzt zum Arbeiten kommen." Vor fünf Jahren beschäftigte Frau Pfurtscheller noch keinen einzigen, heute stammen schon zehn ihrer 20 Angestellten aus Deutschland, vor allem aus der ehemaligen DDR. "Es ist fast schon beängstigend, wie viele sich melden, wenn ich eine Anzeige aufgebe", sagt die Chefin. "Langsam hab ich den Eindruck, bei euch gibt's wirklich keine Arbeit mehr."

Die rückständigen Österreicher haben die Deutschen überflügelt

Nicht nur im "Edelweiss", in nahezu jedem Tiroler Hotel trifft man mittlerweile auf Deutsche, die kellnern, Betten aufschütteln oder in Suppentöpfen rühren. Die Wirtschaftskammer schätzt, dass insgesamt 5500 Ostdeutsche im österreichischen Fremdenverkehr arbeiten. "Früher Gast, heute Gastarbeiter", spottet das Nachrichtenmagazin "News" und warnt auf dem Titelblatt: "Die Deutschen kommen!" Vor fünf Jahren arbeiteten erst 20.000 "Piefkes" in Österreich, heute sind es 45.000. Der "Kurier" titelte selbstzufrieden: "Österreicher sind kaufkräftiger als die Deutschen."

Schwer zu glauben, aber es stimmt: Die ewig rückständigen Österreicher haben die Deutschen in den ökonomischen Daten tatsächlich überflügelt:
- Österreichs Wirtschaft wächst dieses Jahr mit 2,1 Prozent. Deutschland erreicht gerade mal 0,8 Prozent.
- Die Arbeitslosenquote in Österreich beträgt 4,5 Prozent - bei uns 9,5 Prozent.
- Österreichs Neuverschuldung beläuft sich dieses Jahr auf 1,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Deutschland werden es 3,3 Prozent sein.
- Die Österreicher erwirtschaften jedes Jahr inzwischen 29.700 Euro pro Einwohner, die Deutschen 26.400 Euro.

Vom Himmel gefallen sind diese Erfolge nicht. Die Österreicher neigen zwar auch dazu, Reformen ewig zu diskutieren - allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass sie die Ergebnisse am Ende konsequent umsetzen:
- So hat die Regierung die Staatseinnahmen schon vor Jahren verbessert, indem sie die Mehrwertsteuer auf 20 Prozent anhob. In Deutschland beträgt die Mehrwertsteuer 16 Prozent, und Steuererhöhungen gelten immer noch als tabu, egal wie marode die Schulen sind.
- Auch den Arbeitsmarkt haben die Österreicher reformiert: Die hohen Abfindungen bei Kündigungen wurden 2003 abgeschafft. Jetzt zahlen Arbeitgeber pro Monat 1,53 Prozent des Bruttolohns in eine Kündigungskasse, das Geld erhalten die Beschäftigten. Gekündigt werden kann ohne Angabe von Gründen, die Frist beträgt bei Arbeitern vier Wochen, bei Angestellten eineinhalb bis fünf Monate. In Deutschland muss jede Kündigung begründet werden. Die Frist beträgt ein bis sechs Monate. Anspruch auf eine Abfindung haben Mitarbeiter aber nicht.
- Vor zwei Jahren erlebte Österreich die größte Demo seit Kriegsende, weil die Regierung die Rente reformieren wollte - inzwischen hat man sich mit den Gewerkschaften geeinigt und schafft die Frühpensionierungen tatsächlich ab. In Deutschland bleibt die Kluft zwischen gesetzlichem Renteneintrittsalter (65 Jahre) und tatsächlichem (60) bestehen.

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Ausgabe 24/2005

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