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"Mit Niederlagen umzugehen, kann man sehr gut üben"

Als Boxer hat Wladimir Klitschko im November die erste Wettkampfniederlage seit zwölf Jahren hinnehmen müssen. Im Interview spricht er über Niederlagen - und was er mit Steve Jobs gemeinsam hat.

Von Martin Kaelble und Nils Kreimeier

Wladimir Klitschko im Interview

Wladimir Klitschko über Niederlagen - und was man aus ihnen lernen sollte. 

Capital: Herr Klitschko, in der Wirtschaft gilt: Man muss einiges einstecken und immer wieder aufstehen. Sie haben im November vergangenen Jahres Ihren Boxkampf gegen Tyson Fury verloren, Ihre erste Niederlage seit zwölf Jahren. Wie gehen Sie mit so einer Niederlage um? Klitschko: Im Leben gilt generell: Niederlagen gehören dazu. Es ist wie in einer Achterbahn: Es geht mal rauf, mal runter. Man muss einfach die Fahrt genießen. Und wenn es mal runter geht, sollte man sich die Zeit nehmen, um zu analysieren, woran es gelegen hat. Sich fragen: Wie kann ich die Sache wieder gutmachen? Wenn man auch in den guten Zeiten schon an die schlechten denkt, ist es zudem leichter, wieder zurückzukommen. Nehmen Sie meinen Rückkampf. Ich habe mir in den Vertrag eine Option auf einen Rückkampf schreiben lassen. Dieses Mal brauche ich sie und bin sehr froh darüber, dass ich für den Fall einer Niederlage vorgesorgt habe.

Müssen Sie das Verlieren nach zwölf Jahren Siegen am Stück nun erst einmal wieder neu lernen? Oder ist es angeboren, ob man Niederlagen gut wegsteckt?

Es ist eine Frage der Erfahrungen. Das kann man sich nirgendwo kaufen. Jeder muss durchs Leben gehen und seine eigenen Erfahrungen sammeln und zwar in der Praxis, nicht in der Theorie. Und wie bereits erwähnt: Sorgen Sie in den guten für die schlechten Zeiten vor. Mit Niederlagen umzugehen, kann man sehr gut üben. Diese Haltung ist nicht angeboren.

Ist diese lange Zeit der Vorbereitung auf den Rückkampf für Sie nun nicht auch eine Bürde?

Ich bin Berufssportler und kenne mich selbst und das Spiel sehr gut. Den Rückkampf habe ich ja auch nicht direkt auf der Pressekonferenz nach dem Kampf angekündigt. Ich wollte nicht aus meiner Emotion heraus eine langfristige Entscheidung treffen. Ich habe mir die Zeit genommen, die Gründe zu analysieren, bis ich dann den Rückkampf angekündigt habe. Die Vorbereitung selbst startet erst ungefähr acht Wochen vor dem Kampf. Das ist völlig ausreichend.

Stichwort Niederlagen und Wirtschaft. Es wird häufig gesagt, es fehle uns eine Kultur des Scheiterns in Deutschland. Sie kennen ja unterschiedliche Kulturen, die ukrainische, ebenso wie die deutsche. Würden Sie das Urteil teilen, dass es da in Deutschland ein Problem gibt?

Ich verstehe, was Sie meinen. Die deutsche Kultur ist mir sehr nah. Ich bin seit 20 Jahren wegen des Sports hier. Ich habe einiges über die deutsche Kultur gelernt und glaube, dass das Klischees sind. So wie das Klischee, dass Boxer nichts in der Birne haben. Ich möchte ein Beispiel nennen: Mein Bruder. Er ist in die Politik eingestiegen und Sie wissen, dass Politik von Boxen weit entfernt ist. In der Ukraine wurde er anfangs ausgelacht: Was soll ein Boxer in der Politik? Er hat zwei Bürgermeisterwahlen verloren. Er war der Loser. Heute ist er der Parteigründer, Parteiführer, Bürgermeister, der zwei Mal wiedergewählt wurde. Er ist international anerkannt als Politiker, trifft Bundeskanzlerin Angela Merkel oder den Vizepräsidenten der USA. Danach sah es am Anfang gar nicht aus. Es sind eben Klischees, die nicht immer zählen. Niederlagen machen Sie stärker, wenn Sie aus ihnen lernen.

Es gibt aber Menschen, die Angst haben zu scheitern. Und deswegen vielleicht kein Unternehmen gründen. Wie kann man Menschen diese Angst vor Niederlagen nehmen?

Man kann lernen, mit Angst umzugehen. Durch den Sport habe auch ich das gelernt. Angst, Sorgen, Nervosität sind eigentlich gesunde Dinge, die Sie zum eigenen Vorteil nutzen können. Sehen Sie sie positiv. Wenn Sie im Geschäftsleben nervös vor einem Termin sind, ist das gut so. Dadurch bleiben Sie wach und aufmerksam. Natürlich: Zu viel Sorgen können behindern. Versuchen Sie, sich auf Ihr Ziel zu fokussieren. Auch ich bin sehr nervös, vor jedem Kampf. Aber das ist gut, denn ich möchte wach sein, alle Sinne geschärft haben.


Was würden Sie über sich selber sagen: Wie risikofreudig sind Sie generell?

Es geht im Leben oft ums richtige Timing. Sie dürfen nicht zögern. Im Geschäftsleben genauso wie im Boxen. Zum Beispiel bei meinem letzten Kampf: Da habe ich zu lange gezögert, bin nicht richtig reingekommen, weil ich zu lange nachgedacht habe und dann war es zu spät. Also: Nicht zögern. Und ja, ich bin risikobereit. Risikofrei kann man nicht leben. Risiko muss jedoch seine Grenzen haben. Ich möchte nicht, dass es nur in die eine Richtung geht – volles Risiko - oder in die andere – gar kein Risiko. Wir haben alle Konkurrenten - im Sport und im Geschäft. Da müssen Sie schneller und besser sein als die anderen und das geht nur mit Risiko.

Sie haben mit sehr viel Respekt über die politische Karriere ihres Bruders gesprochen. Wie sieht Ihre Karriere nach dem Boxsport aus? Wieviel Unternehmer steckt in Ihnen?

Ich bin eigentlich schon sehr lange Unternehmer, habe mich zum Beispiel mit K2 Promotions 2003 das erste Mal selbstständig gemacht. Im gleichen Jahr habe ich mit meinem Bruder auch die Klitschko Foundation gegründet, 2007 die Klitschko Management Group. Kommenden Montag starte ich gemeinsam mit der Universität St.Gallen den CAS Change and Innovation, den ich ins Leben gerufen habe. Ich bin kein Politiker, ich bin Unternehmer und will als dieser meine Erfahrungen weitergeben.


Welche Rolle spielt dabei Geld für Sie?

Im Sport wie im Geschäftsleben steht bei mir nie das Geld im Vordergrund. Natürlich muss das Finanzielle stimmen, es kommt aber erst an zweiter, nicht an erster Stelle. Ich habe im Sport noch keinen gesehen, der all das auf sich nimmt nur wegen des Geldes. Ich glaube, im Geschäftsleben ist es das Gleiche. Sie müssen etwas finden, womit die Menschen zufrieden sind, woran Sie Spaß haben. Dafür gibt es genug Beispiele. Steve Jobs beispielsweise. Sein Antrieb war nie der finanzielle Gewinn, sondern die Verbesserung von Kommunikation durch Innovation.

War Geld denn wichtiger, bevor Sie viel davon hatten?

Geld war nie meine Motivation. Ich hatte in meinem Leben nie Not und habe eher immer nach Herausforderungen gesucht. Was Reichtum angeht: Ich bin wirklich reich und zwar an Erfahrungen. Und meine Erfahrungen sind unbezahlbar. Das macht mich reich. Und ich kann meine Erfahrungen zu Geld machen, in unterschiedlicher Form. Zum Beispiel mit dem Studiengang, in dem ich meine Erfahrungen weitergebe. Das zahlt sich aus. Und damit meine ich gerade nicht das Finanzielle.


Sie sind jetzt 39, haben mit 14 mit dem Boxen angefangen und zwischendrin gar nicht gedacht, dass sie so lange dabei bleiben würden. Wie motivieren Sie sich immer wieder neu, so lange auf diesem Niveau zu kämpfen? Und was kann ein Manager da von Ihnen lernen, immer wieder Höchstleistungen zu bringen?

Sie haben vorher gesagt, dass viele Menschen Angst haben vor dem ersten Schritt. Wenn ich nicht selbstbewusst genug gewesen wäre, hätte ich diesen Sport nicht machen können. Sie müssen schon den Mut haben, den ersten Schritt zu gehen. Denken Sie daran: Sie sind die bewegende Kraft. Und rechnen Sie auch damit, dass es mal schief geht. In der Realität ist vieles nicht so schlimm, wie man es sich vorher vorgestellt hat. In der Praxis ergeben sich die ersten Schritte von selbst, es wird vieles schnell klarer und man entdeckt Qualitäten an sich, die man vorher nicht gekannt hat. Ich bin nach wie vor motiviert. Trotz des Alters. Ich habe meinen eigenen Plan. Und jetzt ist es endlich wieder spannend - was ich eigentlich auch ein bisschen vermisst habe. Jetzt lasse ich den Rückkampf auf mich zukommen.

Das heißt, die Niederlage könnte Sie nochmal ganz neu motivieren? Und könnte Ihre Box-Karriere noch einmal verlängern?

Dafür, wie mich andere wahrnehmen, ist es nicht das schlechteste gewesen. Menschen sind daran gewöhnt, mich als Sieger zu sehen, der mehrere Jahre sehr erfolgreich war. Nehmen sie die spanische Fußball-Nationalmannschaft, die zeitweilig unglaublich dominant war und alle geschlagen hat. Das war dann irgendwann nicht mehr so spannend. Auch bei Michael Schumacher, der fünf Mal in Folge Weltmeister geworden ist - und dann kam Alonso als Gegner und plötzlich war es wieder spannend.


Die Niederlage war also vielleicht gar nicht so schlecht...

Wie gesagt, auch im Negativen gibt es etwas Positives. Ganz klar. Man lernt durch Niederlagen und kommt stärker heraus, kann sich verbessern. Und ich möchte Ende November 2016 zurückblicken und sagen: In dem Interview mit Capital damals habe ich keinen Mist erzählt. Das war letztendlich doch gut, dass ich verloren habe. Das hatte großen Wert.

Sie haben Steve Jobs erwähnt. Auch Apple war eine Comeback-Story, war ganz am Boden und kamen dann wieder hoch... Ihre Prinzipien lassen sich also auch auf Unternehmen übertragen?

Sie können es auch aktuell mit Volkswagen vergleichen, die gerade unglaubliche Niederlagen erleben.

Ein angeschlagener Schwergewichtsboxer wenn man so will...

Ja genau, so ist es. Aber ich bin überzeugt, Volkswagen wird sich wieder finden. Sie werden wieder aufstehen. Es geht nicht darum, nicht zu verlieren, sondern durch Niederlagen zu gewinnen. Irgendwann sind Misserfolge wieder vergessen.


Was gibt es noch für Parallelen, für Dinge, die Manager und Firmen von Ihren Erfahrungen lernen können?

Unglaublich viele. Im Boxen können Sie sich zum Beispiel nur durch die Arbeit mit Sparringspartnern verbessern. Das ist in der Wirtschaft genauso. Nur Wettkampf führt zu Verbesserung. In Sport und Wirtschaft gilt gleichermaßen: Planen Sie kurz- und langfristig. Erkennen Sie Schwächen und Stärken. Bei sich selbst. Aber auch bei einem Gegner. Wer ist vor mir, wo sind die Schwächen der Konkurrenz und dann muss man dorthin schlagen, wo es am meisten weh tut. Im Boxring wie im Geschäftsleben.


Jenseits der Parallelen, gibt es denn es auch elementare Unterschiede zwischen Boxen und Wirtschaft?

Ich gebe Ihnen einen zentralen Unterschied: Wer Geld verliert, kann es sich wieder holen. Wer seine Gesundheit verliert, kann sie nicht wiederherstellen. Im Boxen muss man topfit sein. Wer nicht topfit ist, sollte nicht in den Ring steigen. Denn was man dann verliert, lässt sich nicht wieder herstellen. In der Wirtschaft gibt es viele Faktoren, die eher verzeihbar und ausgleichbar sind. Im Boxen aber gilt: Der Ring verzeiht dir gar nichts. Wenn du nicht genug geschlafen hast, wenn du nicht genug trainiert hast, wenn du nicht genug gekämpft hast, werden Sie es bezahlen und zwar mit Ihrer Gesundheit.

Das klingt so als wäre Sport eigentlich die ernstere Disziplin.

Das ist so, ja. Es klingt hart, aber ich hab ja gesagt, ich liebe Herausforderungen


Capital

Das Interview mit Wladimir Klitschko ist zuerst beim Wirtschaftsmagazin Capital erschienen. Die aktuelle Ausgabe bekommen Sie am Kiosk oder im Online-Shop.

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