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Dacia Logan: Mobbing in Blech

Ein billiges Familienauto wollte der Renault-Konzern den Deutschen bescheren. Wie ADAC und deutsche Fachpresse mit falsch wiedergegeben Testergebnissen und tendenziösen Wertungen den Logan kaputt geschrieben haben.

Von Harald Kaiser

Ganz wohl können sich die Herrschaften des ADAC beim Treffen mit dem Renault-Vorstand nicht gefühlt haben. Musste man doch Mitte September 2005 Abbitte leisten für eine peinliche Panne ganz besonderer Art.

Am 21. Juli hatte der Autoclub mit mehreren Billigautos für unter 10.000 Euro auf dem eigenen Fahrsicherheitsgelände in Grevenbroich den Elchtest gemacht. Darunter war auch ein Dacia Logan, den Renault von der Konzerntochter Dacia in Rumänien bauen lässt. Bei diesem Test wird ein plötzliches Ausweichmanöver mit etwa 65 km/h simuliert. Dabei ist der Logan umgekippt, so schien es jedenfalls zunächst.

Doch rasch stellte sich heraus, dass sich der Wagen nicht bei den Tests, sondern anschließend bei einer forschen Fahrt für den Fotografen überschlagen hatte. Zweck des Einsatzes: möglichst spektakuläre Bilder für einen Artikel im Club-Magazin "Motorwelt" zu schießen. Den eigentlichen Ausweichtest dagegen hatte der Logan zuvor bestanden.

Kurz nach dem Umfaller war schon nichts mehr zu retten. Übereifrige PR-Arbeiter des Autoclubs gingen von einem neuen Elchtest-Gau aus, wie er im Herbst 1997 die A-Klasse von Mercedes getroffen hatte, und formulierten sogleich eine entsprechende Pressemitteilung. "Sicherheitsmängel beim Dacia Logan" stand da. Und weiter: "Das rumänische Billigauto (sollte), wie die anderen Testkandidaten auch, bei Tempo 65 einen Ausweichtest meistern. ...Eine an sich unkritische Sache, die dank ESP heute weder an das Fahrwerk noch an die Fahrkünste des Fahrers allzu große Ansprüche stellt. Nicht so beim Logan. Er verfügt nicht über ESP... Auch ohne ESP darf ein Fahrzeug in einer solchen Situation maximal schleudern, aber keinesfalls umkippen."

Die Zeitungsschlagzeilen waren noch druckfrisch, da wusste die ADAC-Führung bereits, dass an den Vorwürfen nichts dran ist und Renault durch das PR-Getöse ein unübersehbarer wirtschaftlicher Schaden droht. Den Club-Oberen blieb nur der Kotau. Im September auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt bat ADAC-Präsident Peter Meyer persönlich das Renault-Management um Entschuldigung. Als Meyer den Messestand des französischen Herstellers verließ, hatte er auch einen anderen heiklen Punkt geklärt: Schadenersatzforderungen in Millionenhöhe kommen nicht. Diese Möglichkeit hatten die Franzosen zwar erwogen, jedoch wieder verworfen, "weil wir nicht noch weiter Staub aufwirbeln wollten", sagte ein Renault-Manager.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Die Logan-Verkäufe waren steil nach unten gegangen. In der Kalenderwoche 30 (25. bis 31. Juli) waren noch 83 Kaufverträge eingegangen, in Woche 31 nur noch 49, in Woche 32 noch einmal zehn weniger. So ging es bis zum Jahresende weiter. Nur etwa 1800 Logan konnten abgesetzt werden, weit weg vom ohnehin niedrigen Ziel 3000. Das Image des Autos war beim Teufel. Auf der Internetseite des Clubs stand zwar für einige Zeit, dass "möglicherweise die Ursache für den Überschlag bei der Bereifung des Logan zu suchen (ist). Zum Zeitpunkt des Unfalls waren die vorderen Reifen als Folge von vorausgegangenen Testfahrten im Außenbereich der Lauffläche sehr stark abgenutzt." Doch das dürfte kaum jemand gelesen haben.

Der geplante kritische Artikel zu den Fahreigenschaften des Logan in der September-Ausgabe der ADAC-Motorwelt musste entschärft werden. Darin hieß es nur noch, der Logan habe dem Fahrer beim Ausweichtest wesentlich mehr Mühe gemacht als der VW Golf. Die Kölner "Auto Zeitung", die den Logan auch in die Mangel genommen hatte, ätzte über den Patzer des ADAC: "Unter seriösen Testbedingungen kippt der Dacia nach wie vor nicht."

Die Affäre war nur der Höhepunkt einer merkwürdigen Ballung von Negativstorys über dieses Automobil. Insider vermuten bis heute mächtige Strippenzieher im Hintergrund. Alles begann damit, als Renault den Verkaufsstart des Billigheimers für Juni ankündigte – mitten hinein in die aufgeheizte Geiz-ist-geil-Stimmung der Republik. Der Wagen ist keine kleine Büchse wie die meisten in der Liga der Extrem-Preisknauser, sondern eine geräumige Familienlimousine mit vier Türen, großem Kofferraum und ABS-Bremse. Kosten für die einfachste Variante mit 75 PS-Motor: 7200 Euro. Selbst den gegenwärtig teuersten Logan mit 87 PS gibt’s für den Schnäppchenpreis von 8700 Euro. Die angepeilte Zielgruppe sind Leute, die wenig Wert auf Markenimage legen, ursprünglich einen Gebrauchten kaufen wollten, aber seit Frühsommer 2005 fürs gleiche Geld einen Neuwagen bekommen können. Anlass genug für den einen oder anderen Autoboss, sich über das eigene Gebrauchtwagengeschäft Sorgen und Gedanken über Gegenmaßnahmen zu machen.

Wochen bevor die ersten Logan bei den Händlern standen, nahm sich "Auto Bild" den Wagen vor, beschafft über einen freien Importeur. Das Blatt ließ den Rumänen Anfang April in Heft Nr. 14 zum Vergleichstest gegen einen gebrauchten, etwa fünf Jahre alten VW Golf mit gut 50 000 Kilometern auf dem Tacho antreten. Anlass war auch eine Aussage von Volkswagenchef Bernd Pischetsrieder, der maulte, für das Geld gebe es auch gute gebrauchte VW.

Das "Auto Bild"-Urteil dürfte ganz nach seinem Geschmack ausgefallen sein. Zum Beispiel: "Der alte Golf fühlt sich an wie neu. Und genauso fährt er auch." Über den Logan: "Katastrophale Bremse. 53,4 Meter aus Tempo 100 sind mindestens 13,4 Meter zuviel." Dass das Konkurrenzblatt "auto motor und sport" später mit dem Prädikat "befriedigend" über die Verzögerungsqualitäten des Logan urteilte, ging unter.

"Auto Bild" legte nach. "Nur billiger Schrott?" fragten die Magazinmacher auf dem Titel der nächsten Ausgabe. Nun waren die beiden Kontrahenten an einer Barriere seitlich versetzt gecrasht worden. Aufpralltempo: 64 km/h. Ergebnis beim Logan: "Die Fahrgastzelle hielt dem Crash stand. Die Knautschzonen arbeiten dennoch nicht optimal... Der Golf ist in jeder Hinsicht der bessere Kauf." Es gab zwar noch einen Crashtest des ADAC mit besserem Resultat ("...die Fahrgastzelle ist sehr stabil ...und der Logan bietet viel Auto fürs Geld"). Doch auch dieses positive Ergebnis verpuffte. Längst war der Wagen so gut wie unverkäuflich.

Nicht so in Renaults Mutterland Frankreich. Dort hatte das teutonische Gezerre allenfalls den Stellenwert einer Randnotiz. Stattdessen plagte die Franzosen ein luxuriöses Problem: Der Markt wollte weit mehr Logan, als geliefert werden konnten. Das führte dazu, dass gebrauchte teurer sind als neue. Im November wurde ein 75 PS-Modell mit wenigen tausend Kilometern auf dem Tacho im Internet für 11.000 Euro angeboten.

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