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Gelände-Panzer: Bionicon Enduro I - wenn schon Mountainbike mit Motor, dann auch richtig

Mächtige Enduro-Reifen, Vier-Kolben-Bremsen und 160 Millimeter Federweg - das Bionicon Enduro I ist für schweres Gelände konstruiert. Aber auch normale Mountainbiker können viel Freude mit dem Offroader haben.

Das Enduro I  steckt auch einen groben Einsatz weg.

Das Enduro I  steckt auch einen groben Einsatz weg.

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Von allen sportlichen Rädern eignet sich vor allem das Mountainbike für den E-Bike-Antrieb. Bei einem Rennrad oder einem Bike für den Triathlon ist der Pedelec-Motor ein Witz, der schaltet sich nämlich bei Tempo 25 ab – also dann, wenn das Rad so langsam in seine artgerechte Tempozone kommt. Im Gebirge sieht das anders aus: Bergauf schafft niemand aus eigener Kraft 25 km/h – und bergab kommt man auch mit abgeregeltem Motor auf Geschwindigkeiten von 30, 40 oder gar 50 km/h.

Kein Wunder, dass sich der E-Motor bei MTBs der gehobenen Preisklasse durchsetzt. Durch den Motor verschiebt sich das Aussehen der Mountainbikes. Beim Bio-Bike hat man auch im Gebirge auf Leichtbau geachtet, jedes Kilo mehr machte den Aufstieg noch anstrengender. Dafür musste man Einschränkungen beim Dohnhill in Kauf nehmen: Die Federtiefe war geringer, die Felgen weniger stabil – das ganze Rad agiler - aber auch nervöser.

Je wuchtiger, umso besser

Beim Elektro-Mountainbike sieht man nun den anderen Trend: Je wuchtiger, umso besser. Wenn der Motor die Schweißarbeit übernimmt, kann das Rad auch zu einem Enduro – zu einem Geländepanzer auf zwei Reifen – mutieren. In diese Gattung gehört das Bionicon Enduro I. Um das Rad der kleinen Edelschmiede wirklich auszufahren, muss man in den Bikepark gehen oder mörderische Trails hinunterbrettern. Das haben wir nicht gemacht, wir haben das Rad – wie wohl die meisten Käufer dieser Klasse – auf gemäßigten Trails benutzt.

Das Bionicon besitzt einen teilintegrierten Akku.

Das Bionicon besitzt einen teilintegrierten Akku.

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Und das macht durchaus Sinn: Denn für den gesitteten Mountainbiker ohne Ambitionen auf eine extra Adrenalin-Ausschüttung bietet das Bionicon Reserven ohne Ende. Der Motor selbst hält keine Überraschungen bereit. Aus der Handvoll von Mountainbikemotoren im Markt wurde sich für den bekannten Shimano Steps 8000 entschieden. Vorteil: Er ist deutlich kleiner als der "alte" Bosch Performance CX. Manche halten ihn für den besten MTB-Motor seiner Generation.

Mit einer App kann man die Charakteristik der Unterstützungsstufen bearbeiten – allerdings lässt sich die Spitzengeschwindigkeit nicht über 25 km/h erhöhen. So wie ausgeliefert, ist das Bike als Bergziege für einen sportlichen Fahrer eingestellt, der mitarbeiten will. Voller Power gibt es bei steilen Anstiegen in geringer Geschwindigkeit im Boost Modus. Die anderen Stufen versuchen, Strom zu sparen. Im Gebirge perfekt. Wer im Flachland immer dynamisch durchstarten will, sollte etwas an den Einstellungen spielen.

Fieser Crash beim Driften

Traktion genauso wichtig wie Motor-Power

Beim Aufstieg gibt es mehr als genug Kraft, man kann sich auf schwierigen Pfaden auf Untergrund und Körperhaltung konzentrieren, das Treten geschieht eher nebenher. Bergauf und bergab machen sich vor allem die wuchtigen Felgen und die noch wuchtigeren Reifen bezahlt. Sie sind in der Lage, die Power des Motors auch auf losem und felsigem Untergrund auf den Boden zu bringen. Auch hier sollte man bei der Tourvorbereitung mitdenken.

Im flachen Gelände und auf geschlossener Decke macht das Rad deutlich mehr Spaß, wenn man bei Luftdruck an die obere Grenze geht – sonst fühlen sich die Reifen doch sehr nach Trecker an. Auf lockerem Untergrund erhöht weniger Luftdruckruck die Traktion und die Spursicherheit deutlich. Motor und Gummis beißen sich dann quasi im Geröll fest. Bergauf pumpt der Hinterbau kaum, das liegt natürlich auch daran, dass nicht alle Kraft aus dem Körper des Fahrers kommt. Unser Eindruck: Das Rad kann bergauf weit mehr, als die allermeisten Fahrer technisch bewältigen können. Perfekt.

Bergab gilt das Gleiche: Gummis von 70 Millimetern Breite in Kombination zu den Vier-Kolben-Bremsen von Magura führen zu einer unglaublichen Verzögerung. Das Rad steht gefühlt sofort, auch auf losem Untergrund gibt es eine gute Verzögerung. Hier muss man einschränken: Das Problem ist die Fähigkeit des Fahrers, bei der rabiaten Verzögerung auf dem Rad zu bleiben – vor allem wenn es steil bergab geht. Sehr angenehm ist die in der Klasse übliche Höhenverstellung des Sattels vom Lenker aus. Reifen, Bremsen und Federweg haben Kapazitäten, die eher für Extrem-Sportler ausgelegt sind, der normale Biker hat beruhigende Reserven.

Dynamik erfordert Geschwindigkeit

Im Gebirge wird es erst bergab richtig dynamisch – das ist beim Bionicon nicht anders. So ein Rad benötigt eine gewisse Geschwindigkeit, um seine Stärken auszuspielen. Auffällig ist der extrem stabile Rahmen. Erwartungsgemäß bügeln Reifen und Federweg mühelos alle Unebenheiten weg, die wir uns getraut haben zu fahren. Das im Flachland eher schwere Rad verändert im Downhill-Flow seine Charakteristik – es ist kein Panzer mehr, sondern erstaunlich agil. Das Gewicht liegt auch nur etwas über 20 Kilogramm. Die 435 mm kurzen Kettenstreben und das tiefe Tretlager führen zu einem verblüffen leichtfüßigen Handling. Die Federung lässt sich individuell anpassen, das ist aber eher etwas für Experten, wenn man es denn selber machen will.

Kompakter Akku

Die Verkabelung wurde beim Bionicon weitgehend im Rahmen verlegt, aber nicht durchgängig. Auffällig ist der sichtbare Akku. Er hockt nicht wie früher auf dem Rahmen, sondern ist halb integriert. Uns hat der Look gefallen. Durch den Verzicht auf einen Intube-Akku ziert das Bionicon kein gigantischer Stahlträger, so wie bei den anderen E-Bikes.

Der Akku ist relativ klein und kompakt und lässt sich leicht entnehmen. Im Flachland saugt man einen Akku der 500-Wh-Klasse nicht leer – im Gebirge allerdings schon. Wer gehörig mit antritt, fährt aus einer Ladung etwa 1000 Höhenmeter heraus. Mit hoher Geschwindigkeit und voller Motorleistung reicht eine Ladung allerdings nur für deutlich weniger. Für eine längere Tour kann man bei Bionicon einen zweiten Akku im Rucksack mitnehmen – das sollte dann reichen. Das Ladegerät von Shimano ist auch etwas kleiner, als das Modell der Konkurrenz.

Das Bike kostet 4400 Euro – angesichts der Ausstattung ist das recht preiswert. Insbesondere weil der Kleinhersteller den Reiz des Besonderen gratis mitliefert. Während man auf einem Haibike im Gebirge schon aufpassen muss, vor der Hütte nicht auf das gleich aussehende Rad eines anderen zu steigen, ist man mit dem Bionicon sehr individuell unterwegs.

Wissen, was man kann

Zum Schluss muss erwähnt werden, dass das Bionicon Enduro I exakt das Mountainbike ist, vor dem Verbände und Unfallforscher immer warnen. Dieses Rad wird auch einen mäßigen Fahrer auf schwierigen Wegen nach oben bringen. Eine ganz andere Sache ist es aber, solche Pfade wieder nach unten zu kommen. Unfälle mit E-MTBs im Gebirge geschehen selten, wenn der Motor arbeitet, kniffelig wird es auf dem Weg in die Tiefe, sobald der Trail eine gewisse Geschwindigkeit erfordert, um ihn überhaupt fahren zu können. Bei einem Bio-Bike konnte man darauf vertrauen, dass alle, die einen mörderischen Aufstieg körperlich bewältigen können, auch irgendwie wieder herunterkommen. Bei einem Rad wie dem Bionicon Enduro I müssen Planung und eine realistische Einschätzung diese Aufgabe übernehmen.

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