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US-Autoindustrie in der Krise (2): Opel - plötzlich Hoffnungsträger für GM

Es ist noch gar nicht lange her, da stand Opel auf der Abschussliste des amerikanischen Mutterhaus General Motors. Doch die Krise auf dem US-Automarkt hat die Situation verändert: Plötzlich sind die Opel-Marken Astra und Antara echte Verkaufsschlager in Übersee.

Von Helmut Werb, Los Angeles

Amerikas Automobilhersteller haben sich gewaltig verrechnet. Noch vor wenigen Jahren wurden ganze Werke aus dem Boden gestampft, um die scheinbar stetig steigende Nachfrage nach SUVs und Pickup-Trucks mit riesigen V8-Motoren zu befriedigen. An Produktionsstätten in Kentucky, Kalifornien und Michigan war die Welt noch in Ordnung, solange die US-Konsumenten immer größere und stärkere Fahrzeuge wollten, nicht zuletzt, weil die Regierung Bush Steuervorteile für den Kauf von "Mid-Size Trucks" gewährt hatte. (Im übrigen eine nicht ganz unzutreffende Klassifizierung für zwei Meter hohe, geländetaugliche Schrankwände, mit denen Rambo-sympathisierende US-Hausfrauen das Kind von der Schule zum Ballettunterricht chauffieren.)

Die Zeiten sind vorbei, da hilft auch ein Bush schon lange nicht mehr: Wer in den USA 120 Dollar für eine Tankfüllung berappen muss - und das alle paar hundert Kilometer - besinnt sich schnell auf das längst überfällige Umwelt-Gewissen! Und auf Autos, die den Sprit nur sparsam schlürfen. Doch leider benötigt der Umbau der Produktionsstrassen in den USA - anders als etwa in Japan (oder in Bayern) - ein paar Jahre.

Opel als heldenhafte Fußtruppe

Nun muss niemand denken, dass die von der Krise überrumpelten Bosse in Detroit den Kopf hilflos in den Sand stecken: "General Motors ist eine globale Marke", sagt Matt Armstrong, 40-jähriger Marketing Manager für Saturn, GMs Marke für bescheidenere Ansprüche. Seit geraumer Zeit importiert General Motors seinen Kleinstwagen Aveo aus Asien - und ist positiv überrascht, dass der Winzling anständig Kasse macht. Ford besinnt sich auf den europäischen Focus, nur Chrysler, angeschlagener Dritter im US-Bund, hat keinen Zugriff mehr auf Rettung aus Übersee, seit sich Daimler aus dem US-Jammertal verabschiedet hat.

Ausgerechnet die General Motors-Kollegen aus Rüsselsheim jedoch, vor nicht allzu langer Zeit noch auf der Abschussliste des Mutterhauses, scheinen die Hoffnungen von GM auf eine bessere Zukunft zu tragen. Opel könnte sich, wenn schon nicht als Retter, so doch als heldenhafte Fußtruppe für die kränkliche Mutter in Detroit erweisen "Wir können für den Juli dieses Jahres eine der besten Verkauszahlen ausweisen", sagt Armstrong nicht ohne Stolz. Seit die Opel Modelle Astra und Antara - in den USA unter dem Namen "Vue" vertrieben - das Saturn-Programm beleben und die unterdurchschnittliche Modell-Palette aufbessern, haben sich in Detroit die Sorgenfalten etwas gelegt.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

"Kiss my Astra"

Der in Deutschland als Antara entwickelte und gebaute SUV gilt als solider Verkäufer, vor allem weil dem teutonischen Mini-SUV ein (allerdings recht milder) Hybrid-Motor unter die Haube gepackt wurde. Zugegeben, der Vorteil des Vue Hybrid liegt weniger im nur mäßig reduzierten Verbrauch des Fahrzeugs, sondern eher in der Befriedigung der fast panischen Nachfrage amerikanischer Verbraucher nach allem, was das Wort Batterie im Prospekt enthält. In Deutschland wäre das recht änemische Temperament des 2,4-Liter Motors in dieser Form wohl kaum an den Mann - oder an die Frau - zu bringen. Dafür kostet der Vue, gut ausgestattet und in der Hybrid-Version, grade mal 25.000 Dollar, die Standard-Version gibt es als "normalen" 2,4-Liter schon ab 22.000 Dollar, in etwa so viel wie der Marktführer im Segment, der Toyota RAV4.

Für GM soll es aber vor allem der Astra richten: Auf jüngere, gut ausgebildete und nicht gerade arme Zielgruppen werden moderne Marketing-Kampagnen angesetzt: "Guerilla Campaigns", coole Webseiten mit "Kiss my Astra"-Fotowettbewerben (eine herbes Wortspiel, ziemlich nah an "kiss my ass") und flotte Präsentation in den Saturn-Verkaufshäusern. Der Erfolg gibt den US-Boys recht. Im Januar brachte General Motors zwei Astra Modelle über den Teich, den 5-Türer und den 3-Türer - und die locken die hipperen unter den hiesigen Autokäufern in die Showrooms.

Das "coolest looking car" seiner Klasse

Ein gut ausgestatteter "hatchback", wie die Amis das flotte Coupé nennen, geht für gerade mal 19.000 Dollar über den Tisch des Hauses. "Opel passt ungemein gut nach Nordamerika", strahlt Matt Armstrong. Ob allerdings auch sparsame Astra-Diesel nach Nordamerika passen, darüber hüllt sich Saturn in Schweigen. "Wir denken darüber nach", sagte Saturn-Sprecher Steve Janisse vorsichtig. US-Autokritiker jedenfalls hat der potenzielle Retter Opel schon überzeugt. Als "'coolest looking car' in seiner Klasse", bezeichnete der sonst recht kritische Autotester der Los Angeles Times Dan Neil, den Astra, "und ganz einfach phänomenal." Und das ist ja endlich mal wieder eine gute Nachricht für die deutsche Wirtschaft, die da aus dem krisengeschüttelten Amerika herüberweht.

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