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Elektromobilität: "Die Lieferzeiten der E-Autos schrecken Käufer ab – nicht der Preis und nicht die Reichweite"

Elektroautos könnten boomen, wenn man kaufen könnte. Der Chef der Vermittlungsplattform Carwow, Philipp Sayler von Amende, sagt, dass die Hersteller den E-Antrieb verschlafen hätten. Die Auswahl ist gering, aber vor allem die langen Lieferzeiten vergraulen heute die Kunden.

Fahrzeuge wie der e-Niro von Kia könnten sehr viel häufiger verkauft werden, wenn es denn welche gäbe.

Fahrzeuge wie der e-Niro von Kia könnten sehr viel häufiger verkauft werden, wenn es denn welche gäbe.

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Fragt man Philipp Sayler von Amende, den Chef von Carwow Deutschland, hat die Autoindustrie das Thema Elektroautos schlicht verschlafen. Ganz anders der Käufer, da sei das Interesse überaus groß, erklärt er im Gespräch mit dem stern. Carwow verkauft nicht selbst Autos, die Plattform dient dazu, dass Kunden hier einen guten Preis bekommen, ohne selbst handeln zu müssen. Denn inzwischen haben die Kunden gemerkt, dass die sogenannten Listenpreise bei den Autos kaum noch eine Bedeutung haben. Aber selbst um Prozente feilschen, das wollen die wenigstens. Auf der Plattform kann jeder Interessent ein oder mehrere Fahrzeuge konfigurieren und erhält dann Angebote von niedergelassenen Händlern aus der Umgebung – so bekommt man ohne Stress und Mühen einen fairen Preis.

+++ Carwow - diese Plattform nimmt Ihnen das Feilschen beim Autohändler ab +++

Echte Daten von echten Kunden

Das Portal weiß daher ziemlich genau, was Kunden suchen, welche Modelle sie vergleichen und was sie am Ende tatsächlich bezahlen. Diese Daten stammen von echten Käufern und Kaufinteressierten, ganz anders als bei Straßen- oder Telefonumfragen, wo jedermann seine Meinung kundtut, auch wenn er in seinem ganzen Leben keinen Neuwagen gekauft hat. Stolz verweist die Industrie auf das Angebot von Elektroautos. Doch für Philipp Sayler von Amende ist das bestehende Angebot vollkommen ungenügend. "Wir leben nicht mehr in den 1960ern, als jeder Hersteller nur eine Handvoll Modelle anzubieten hatten." Vor allem durch die Varianten einzelner Plattformen oder sogenannter Baukästen gebe es heute bei jedem Hersteller eine wahre Flut von verschiedenen Fahrzeugen. "Der Kunde ist es heute gewohnt, unter Hunderten von Modellen auswählen zu können", so der Chef der Vermittlungsplattform. Solange es Verbrenner sind. Im Bereich der reinen Elektroautos sieht das ganz anders aus. Hier gibt es kaum mehr als ein Dutzend verschiedener Autos. Bricht man das Angebot dann noch auf Fahrzeugtypen und Preisklassen herunter, stehen tatsächlich nur zwei, drei verschiedene Modelle zu Wahl. "Bei den Hybriden sieht das etwas besser aus, aber das ist nicht mehr zeitgemäß."

Käufer gäbe es genug

"Es tut sich beim Endkunden wahnsinnig viel bei den alternativen Antrieben. Das Interesse ist enorm. Das Problem ist das geringe Angebot. Das einzige Auto, das heute lieferbar ist, ist der Tesla." Lieferzeit von acht Monaten oder gar von über einem Jahr akzeptiere der Privatkunde nicht, so der Carwow-Chef. "Ein normaler Kunde beschäftigt sich nicht Jahre vorher mit dem Thema Autokauf." Der habe einen Zeithorizont von drei bis sechs Monaten. "Wenn jemand gesagt bekommt. 'Prima, liefern wir dir! Aber frühestens in einem Jahr!' Dann ist der Käufer weg. Die Lieferzeiten der Elektra-Autos schrecken die Käufer ab – nicht der Preis und nicht die Reichweite."


Ein Raser zerlegte bei einer sinnlosen Angeberaktion einen seltenen "La Ferrari", von denen nur rund 500 Exemplare existieren.

Der heutige Kunde ist insgesamt nicht mehr so festgelegt wie früher. "Der typische Kunde kommt über ein Modell rein, konfiguriert er aber vier Modelle von drei Marken." Und dann kauft er nicht unbedingt das Modell, das ihn zuerst interessierte. Etwa 50 bis 70 Prozent wechseln die Marke während des Auswahlprozesses. Den Kia e-Niro – ein kompakter SUV mit Elektroantrieb – wurde zunächst gut über die Plattform verkauft. Nach zwei Monaten war der Wagen praktisch ausverkauft. "Jetzt tun wir uns schwer, wegen der Lieferzeit. Acht bis zwölf Monate wartet kein Kunde. Ich suche selbst ein E-Auto und bekomme nichts."

Der Dienstwagensektor wird ein Treiber in der E-Mobilität sein, da ist sich Philipp Sayler von Amende sicher. Der klassische Außendienstler, der 30.000 und mehr Kilometer im Jahr fährt, wird weiter beim Diesel bleiben. "Die meisten Dienstwagenfahrer sind dienstlich bei weiten nicht so viel mit dem Auto unterwegs." Sie lockt die Steuervergünstigung. Bei reinen E-Autos und Hybriden beträgt der zu versteuernde Eigenanteil monatlich nur 0,5 statt 1,0 Prozent, wie bei den Verbrennern. "Bei einem Dienstwagen - 5er BMW mit guter Ausstattung macht das eine Unterschied von 4200 Euro." Bei einem hohen Steuersatz spart man mit einem Hybriden in jedem Jahr fast 1800 Euro.

Darum ist die E-Knappheit interessant

Am höheren Preis scheitert der Absatz an Elektroautos jedenfalls nicht, das sagen die Daten der Plattform, über die überwiegend Privatpersonen ein neues Auto suchen. Doch wenn E-Autos in großen Mengen verkauft werden sollen, müssen sich die Hersteller auch den Herausforderungen des Massengeschäftes stellen. Früher war ein Tesla ein Kultauto für sogenannte Early-Adapters. Diese kleine Gruppe ist bereit, manche Unbequemlichkeit zu ertragen, nur um ganz vorn mit dabei zu sein. "Heute befinden wir uns der zweiten Welle. Ein Peugeot 208e ist für den Kunden ein ganz normales Auto." Ein Kleinwagenkäufer erwarte aber, dass er auf einen Wagen in Standardausführungen gar nicht warten muss. Wegen des Elektroantriebes seien die Leiten bereit, drei oder vier Monate zu warten, aber nicht acht.

Die Zaghaftigkeit der Autohersteller hat zu dem jetzigen Mangel geführt. Die meisten Hersteller haben lange abgewartet, was Tesla macht, um so zu lernen, wohin sich der Markt entwickelt. Doch nun sind sie von der Nachfrage überrascht. Seit etwa einem Jahr kündigen alle großen Hersteller eine massive Ausweitung der Kapazitäten an, aber es wird noch Jahre dauern bis dann tatsächlich mehr Fahrzeuge vom Band laufen. Für die Autohersteller hat das Dilemma allerdings auch positive Seiten, meint Philipp Sayler von Amende.

"Eines darf man ja nicht vergessen: Aus Sicht der Industrie macht die Verknappung durchaus Sinn. So wird wieder Begehrlichkeit erzeugen und es werden auch wieder Listenpreise verlangt."

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