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Apple: Wer hat Angst vor Steve Jobs?

Wenn Steve Jobs über Arbeit oder Freizeit nachdenkt, ändert sich unser Leben. Und ein ganzer Markt gleich mit. Jetzt braucht der Konzernchef dringend einen neuen Bestseller. Also Vorsicht, Microsoft, Sony, Nintendo und Canon!

Von Helene Laube

So also sieht das Ende aus. Schwarze Kabel hängen wie leblose Tentakel aus der Wand, unter der Rolltreppe prangt noch ein riesiges Totenkopfplakat der Hippieband Grateful Dead. Ansonsten: 4500 Quadratmeter Dunkelheit und Leere in Betongrau. Das Gebäude in der Stockton Street, Downtown San Francisco, war einst einer der angesagtesten Plattenläden Amerikas. Hier verkündete Richard Branson 2003 das Revival seiner Virgin Megastores. Mit einer Kette gigantischer Musikgeschäfte überzog der britische Selfmademilliardär die USA, sechs Jahre später ist kein einziges mehr übrig. Der Laden an der Stockton Street steht leer, ein Mahnmal über drei Etagen. Nicht einmal der Ausverkauf der letzten CDs und DVDs zu Niedrigstpreisen vor wenigen Wochen sorgte noch für nennenswerte Kundenzahlen. Die Leute strömten lieber ins Geschäft direkt gegenüber, Stockton Street Nummer 1. Hier residiert die neue Macht im Musikgeschäft: Apple .

Konzernchef Steve Jobs höchstpersönlich eröffnete den 77. Apple Store im Februar 2004 - keine drei Monate nach Sir Richards Kalifornientour. Seitdem herrscht Massenandrang. iPods, Mac-Computer und neuerdings auch iPhones, die Leute reißen sich um die digitalen Musikspieler. Und die passenden Songs kommen nicht mehr aus dem Plattenladen, sondern als MP3-Datei aus dem Internet. Nur acht Jahre ist es her, dass Jobs bei einer Pressekonferenz im Silicon Valley den ersten iPod aus der Hosentasche zog. Heute dominiert der Winzling den US-Markt für mobile Abspielgeräte mit einem Anteil von weit über 70 Prozent. Der iPod bedeutete das Aus für einst tonangebende Handelsketten wie Virgin oder Tower Records. Und er revolutionierte die gesamte Branche. Inzwischen steht Apple für 25 Prozent aller Musikverkäufe in den USA, den Onlinemarkt hat der Konzern über seine Plattform iTunes fest im Griff. Marktanteil: fast 70 Prozent. Es ist nicht die erste Industrie, die Steve Jobs auf den Kopf gestellt hat - und es wird kaum die letzte sein. Egal welchen Markt der "erfolgreichste aller Vorstandschefs" (Ex-GE-Chef Jack Welch) und "globale kulturelle Guru" ("Fortune") sich vornimmt: Er verändert ihn für immer.

Von Apple lernen und Apple fürchten

Moderne Personal Computer? Nicht vorstellbar ohne Apples Macintosh-Rechner. Microsofts Betriebssystem Windows? Anfangs nicht mehr als eine hastige Kopie der grafischen Benutzeroberfläche des Rivalen aus Cupertino. Und heute? Lehrt das iPhone Handymarktführer Nokia das Fürchten. Aus dem Stand schwang sich Apple zum drittgrößten Smartphone-Hersteller der Welt auf.

Apple-Produkte prägten, wie wir mit Computern arbeiten, Musik hören, Filme anschauen oder telefonieren. Konzernchef Jobs spürt, was die Leute wollen, bevor sie es selbst wissen. "Steve hat eine phänomenale Intuition, wie man Branchen umwälzt", sagt Paul Saffo, Zukunftsforscher aus dem Silicon Valley, der als einer der Ersten den Siegeszug des Internets voraussagte. "Und schon bald werden wir ein weiteres Beispiel dafür sehen."

Die Fantasie kennt keine Grenzen

Die Auguren trauen Jobs und Apple so ziemlich alles zu: ein Mini-Notebook, eine Spielkonsole, sogar einen Internetfernseher. Die Fantasie kennt keine Grenzen. Für den Unternehmenserfolg scheint Ähnliches zu gelten. In den vergangenen fünf Jahren verfünffachten die Kalifornier ihren Umsatz auf 32,5 Millarden Dollar. Der Gewinn schnellte von 69 Millionen Dollar auf 4,8 Millarden Dollar. Apples Bruttomarge liegt trotz Wirtschaftskrise bei 34 Prozent - davon können Konkurrenten wie Dell (etwa 20 Prozent) oder HP (knapp 24 Prozent) nur träumen.

Wahr ist aber auch: Apple braucht dringend neue Produkte, um das hohe Niveau halten zu können. Während das Wachstumstempo bei den Computern zuletzt nachließ, ging der Absatz bei den iPods zurück. Seit Jobs Apple vor 33 Jahren zusammen mit Steve Wozniak gründete, demonstriert er, wie man mit einer Mischung aus leicht zu bedienenden Geräten gepaart mit wegweisendem Design bestehende Produktgattungen von Grund auf neu definiert. "Es ist eigentlich ganz einfach: Instinkt, Vision und Ästhetik - aber bei wie vielen Menschen findet sich schon diese Kombination?", fragt Jobs-Fan Saffo.

Fans haben schon Namen für Newcomer

Als heißester Tipp für den nächsten Apple-Angriff gilt der Tablet-Computer. Ein kleiner, leichter Rechner mit berührungsempfindlichem Bildschirm würde das Produktprogramm optimal ergänzen. Preislich soll der Mini irgendwo zwischen dem teuersten iPod (379 Euro) und dem billigsten MacBook (949 Euro) angesiedelt sein.

Die Apple-Fangemeinde hat schon mal Namen für den vermeintlichen Newcomer kreiert: iPad oder MacPad könnte er heißen. Auszeichnen sollen ihn die Apple-typische Benutzerfreundlichkeit, eine lange Batterielaufzeit und ein schneller Internetzugang zum Herunterladen von Spielen, Filmen oder Musik aus dem Internet. Spätestens Anfang 2010 dürfte es so weit sein, erwarten Analysten.

"Jobs braucht einen weiteren Home-Run", sagt Peter Sealey, Marketingprofessor an der Peter F. Drucker Graduate School of Management in Südkalifornien. Mit einem tragbaren Minirechner würde Apple nicht nur den Markt der Netbooks aufmischen, auf dem sich Hersteller wie Asus, Dell, HP und demnächst Nokia tummeln. Auch Anbieter von digitalen Lesegeräten wie Amazon oder Sony müssen sich Sorgen machen, glaubt Sealey, der lange Jahre Marketingchef bei Coca-Cola war. "Das wäre ein Schlag gegen den Kindle und gegen den Sony Reader."

Impulse dringend gesucht

Obwohl der Perfektionist Jobs das Projekt intern schon zweimal abgebrochen haben soll und Apple 1993 mit einem Minicomputer namens Newton Message Pad bereits spektakulär gescheitert ist, gibt sich Zukunftsforscher Saffo geradezu euphorisch: "Ich garantiere, dass der iPad für Filme, Spiele, Zeitungen und Bücher das sein wird, was der iPod für Musik war. "Neue Impulse könnte der bisher eher schwierige Markt für Tablet-Computer in der Tat gut gebrauchen. Die Rechner, die mit kleinen Plastikstiften bedient werden, unterscheiden sich zu wenig von anderen Rechnern, um die relativ hohen Preise zu rechtfertigen.

Derzeit machen sie weltweit lediglich 1,4 Prozent aller Verkäufe bei tragbaren Computern aus, schätzt das US-Marktforschungsunternehmen IDC. "Die Branche zählt auf Apple, einmal mehr eine Kategorie neu zu definieren", sagt Richard Doherty vom Marktforschungsunternehmen Envisioneering. Dass Jobs entsprechende Pläne brüsk dementiert ("Wir wissen nicht, wie man einen 500-Dollar-Computer baut, der nicht ein Stück Schrott ist"), macht sie in den Augen der Beobachter nicht unwahrscheinlicher: Der 54-Jährige hatte früher auch behauptet, sein Unternehmen interessiere sich nicht für Mobiltelefone.

Nicht nur die Netbook-Hersteller haben Anlass, Jobs' Killerinstinkt zu fürchten. Auf dem Markt für digitale Fotoapparate und Videokameras könnte es bald ebenfalls hoch hergehen. Die jüngste Version von Apples iPhone wartet mit einer integrierten Kamera auf, die technisch Knipskisten in anderen Handys zwar deutlich unterlegen ist, dennoch durch eine einfache Handhabung punktet. Zusätzlich hat das Apple-Telefon eine Videofunktion eingebaut. Sicher keine Konkurrenz für eine hochauflösende Spiegelreflex, doch für gängige Kleinkameras oder Camcorder durchaus eine Gefahr. Denn Fotos und Videos lassen sich direkt auf dem Handy bearbeiten und per Mobilfunk oder W-Lan an Freunde oder interaktive Websites wie Youtube verschicken.

App Store bringt 200 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr

Und der große Roll-out steht erst bevor. Seit dem 9. September rüstet Apple auch den marktbeherrschenden iPod Nano mit der Kamera aus, beim teuersten Modell, dem iPod Touch, ist das nur noch eine Frage der Zeit. Gemessen an den bisherigen Verkaufszahlen der iPods fluten damit demnächst etwa 40 Millionen zusätzliche Kameras jährlich auf den Markt - was Apple auf einen Schlag zu einem der größten Digitalkamerahersteller der Welt macht.

Zum Vergleich: Der Gesamtabsatz lag 2008 bei rund 100 Millionen Stück. Keine angenehme Vorstellung für Hersteller wie Sony, Olympus oder Marktführer Canon. "Die zittern vor Angst", sagt Michael Arrington, Gründer des einflussreichen Blogs Techcrunch. Grund zu zittern hätten auch Microsoft und Nintendo. Denn mit dem iPod Touch und dem iPhone hackt Jobs ganz nebenbei den Markt für Spielkonsolen.

Schon heute macht Apple mit Spielen, die aus dem hauseigenen Internetshop App Store heruntergeladen werden, bis zu 200 Millionen Dollar Umsatz pro Jahr, schätzt die Investmentbank Wedbush Morgan Securities. Kommendes Jahr dürften es 300 Millionen Dollar sein. "Die Verkäufe von Spielen für den iPod Touch schneiden bereits in den Markt für tragbare Geräte ein, insbesondere im unteren Preisbereich", sagt Wedbush-Analyst Michael Pachter.

Zwar verkauft Marktführer Nintendo nach wie vor etwa zehnmal so viel Spielesoftware wie Apple. Doch Pachter ist sich sicher, dass der iPod Touch auf Dauer zum ernsthaften Gegner für Nintendos DS-Familie sowie für Sonys tragbare Konsolen wird.

Auf Dauer wird sich Apple wohl kaum mit ein paar Daddelspielen fürs Mobiltelefon begnügen. Das Geschäft mit dem Spieltrieb der überwiegend jugendlichen Kundschaft ist gigantisch: In den USA wanderten im vergangenen Jahr Geräte im Wert von mehr als 8 Millarden Dollar über die Ladentische, allein die Xbox verkaufte sich seit ihrer Einführung 2005 mehr als 30 Millionen Mal.

Spielkonsole mit Apfellogo

Eine Spielkonsole mit Apfellogo wäre also ein logischer Schritt, glaubt Pachter. In drei, vier Jahren vielleicht, möglicherweise integriert in die bislang ziemlich erfolglose Fernsehbox Apple TV. Andere Experten und Apple-Anbeter träumen bereits von einer Art Mac-Wohnzimmer mit internetfähigem Apple-Fernseher inklusive digitalem Videorekorder sowie eingebauter Spielkonsole und iTunes-Hi-Fi-Anlage.

Gene Munster, Analyst von Piper Jaffray, ist einer dieser Enthusiasten. Dass der Markt für Fernseher und Unterhaltungselektronik seit Jahren margenschwach dahinsiecht, lässt er als Einwand nicht gelten. "Ja, TV-Hardware ist ein problematisches Geschäft - aber nur wenn die Spielregeln so bleiben", schrieb er kürzlich in einem Bericht. Mit leistungsfähiger Hardware, bedienungsfreundlicher Software und perfektem Design habe Apple die Chance, direkt ins Premiumsegment einzusteigen, prophezeit Munster. Da tummelt sich unter anderem der deutsche Hersteller Loewe. Also Netbook und Kameras? Oder vielleicht doch eher die Spielkonsole als Vorstufe zum Hightech-Fernseher? Oder gleich alles zusammen?

Die Apple-Gemeinde traut Steve Jobs so ziemlich alles zu. Dass der Konzern mit dem Newton oder dem Macintosh TV - Apples erstem Versuch, PC und Fernseher zu integrieren - veritable technologische Flops landete, blendet sie gern aus. Die größte Attraktion ist ohnehin der 54-jährige Konzernchef selbst. Bei seinem ersten Auftritt nach einer Lebertransplantation feierten ihn die Fans mit stehenden Ovationen. Meldungen über Jobs‘ Gesundheitszustand bewegen die Apple-Aktie seit Jahren mehr als mancher Geschäftsbericht. An diesem Tag fiel der Kurs: Dünn und ausgemergelt sah Jobs aus, doch an Ausstrahlung hatte er nicht verloren. "Ich fühle mich großartig", sagte er. Zu seinen weiteren Plänen sagte er nichts. Nur so viel: "Sehr viel Eiscreme essen."

FTD