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Neuer Apple TV ausprobiert: Apples Fernseher-Comeback

Im Schatten des iPhone 6s feierte der neue Apple TV seine Premiere. Mit dem Mediaplayer nimmt Apple das Wohnzimmer ins Visier. Punkten will man mit einer smarten Steuerung und dem Sprachassistent Siri.

Von Christoph Fröhlich, San Francisco

Apple TV

Der neue Apple TV ist etwas höher als der Vorgänger

Als Tim Cook am Mittwochabend in San Francisco den neuen Apple TV vorstellte, versprach er nicht weniger als die "Zukunft des Fernsehens". Das könne man schauen, wo und wann man wolle - der Schlüssel dafür seien Apps. Diese These ist zunächst einmal nicht neu: Ob Serien oder Filme - Streaming ist angesagt wie noch nie. Statt sich vom Sender diktieren zu lassen, wann man die neueste Folge schauen soll, kann man das mit Netflix und Co. selbst entscheiden.

Das Problem: Apple spielte in diesem Bereich zuletzt kaum noch eine Rolle. Die Konkurrenz hatte in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt, vor allem Amazon: Mit dem eigenen Streaming-Dienst und den dazu passenden Geräten traf Jeff Bezos voll ins Schwarze. Auch wenn der Shoppingriese keine konkreten Zahlen nennt, gab er kürzlich bekannt, dass der Fire TV Stick auf Amazon das meistverkaufte Technikprodukt des gesamten letzten Jahres war.

Für Apple ist dieser Erfolg besonders bitter, denn eigentlich war man mit den ersten drei Apple TVs Vorreiter in diesem Bereich. Doch das einst als "Hobby" abgetane Projekt wurde zu lange vernachlässigt. Mit dem neuen Apple TV der vierten Generation will Apple nun verlorene Marktanteile zurückerobern. Gewohnt attackiert der Konzern nicht über den Preis, sondern mit einem runden Gesamtpaket.

Doch kann Apple die Kunden damit überzeugen? Wir haben den neuen Apple TV ausprobiert.

Kein 4K

Der neue Apple TV ist schlicht geraten: Die Box ist ungefähr handtellergroß, hat abgerundete Ecken und ist in mattem Schwarz gehalten. Sie ist höher als der Vorgänger, fällt neben einem Fernseher aber nicht störend auf. Die Anschlüsse sind übersichtlich: Es gibt einen HDMI-Anschluss, eine Ethernet-Buchse und einen USB-C-Slot.

Im Inneren steckt der A8-Prozessor, der auch im iPhone 6 steckt. Der ist zwar nicht mehr taufrisch, reicht aber für grafisch aufwendige 3D-Games aus - zumal der Apple TV deutlich stärker ausgereizt werden kann als ein iPhone, da er nicht auf einen Akku Rücksicht nehmen muss. Die neue Fernseher-Auflösung 4K (UHD) unterstützt der Apple TV leider nicht. Eine merkwürdige Entscheidung, zumal die neuen iPhones Filme in 4K aufnehmen können. Streamt man solch einen Film vom Handy auf den Apple TV, wird der Film auf Full HD skaliert. Hier bleibt zu hoffen, dass Apple später mit einem Software-Update nachbessert. Alles andere wäre für ein Gerät zu wenig, das die Zukunft des Fernsehens repräsentieren möchte.

Die neue Fernbedienung des Apple TV

Die neue Fernbedienung des Apple TV

Apple TV vs. Nintendo

Keinem anderem Bereich hat Apple in der Präsentation so viel Platz und Zeit eingeräumt wie den Videospielen. Die Positionierung des Apple TV ist damit klar: Man möchte nicht nur einen Mediaplayer anbieten, sondern auch eine Spielkonsole, die es vielleicht nicht mit der Playstation 4, aber zumindest mit Nintendos Wii U aufnehmen soll.

Dazu passt auch die neuartige Fernbedienung. In einigen Games kann man die Fernbedienung wie einen Wii-Controller nutzen. Nach der Präsentation konnten wir ein Videospiel ausprobieren, indem man mit einem Schläger einen Ball zurückschlagen musste. Das geht leicht von der Hand, bietet spielerisch aber letztlich nicht mehr, als die Wii bereits vor knapp zehn Jahren konnte. Witziges Rumgefuchtel eben. Dennoch ist es beeindruckend zu sehen, was mit einer Fernbedienung mittlerweile möglich ist. Wer professioneller spielen will, greift zu einem Bluetooth-Controller.

Sechs Knöpfe

Setzte das Vorgängermodell der Fernbedienung noch auf ein Aluminiumgehäuse mit wenigen Knöpfen und einem Steuerrad, ist das neue Modell deutlich komplexer. Auf der Oberseite gibt es ein Touchpad, damit kann man etwa mit Wischgesten schneller durch Filme scrollen. Unter dem Touchpad gibt es sechs(!) Knöpfe: Menü, Home, Lautstärke, Siri, Wiedergabe/Pause und Lauter/Leiser. Das erhoffte Ende des Knopf-Wirrwarrs hat Apple definitiv nicht eingeläutet.

Am oberen Gehäuserand ist zudem ein Mikrofon eingebaut - dazu später mehr. An der Unterseite gibt es einen Lightning-Anschluss, mit dem man die Fernbedienung auflädt. Mit einer Ladung soll sie etwa drei Monate durchhalten. Praktisch: Die Fernbedienung verbindet sich via Bluetooth mit dem Apple TV, man muss also nicht jedesmal auf den Mediaplayer zielen, wenn man nur die Lautstärke anheben will.

Das neue Menü des Apple TV ist sehr übersichtlich

Das neue Menü des Apple TV ist sehr übersichtlich

Endlich mit eigenen Apps

Auch an der Software hat Apple ordentlich geschraubt: Das neue Design wirkt frisch und aufgeräumt. Man findet sich von der ersten Sekunde an zurecht. Erstmals hat der Apple TV einen eigenen App Store. Das war längst überfällig. Bislang bot der Apple TV nur eine Handvoll Anwendungen, nun stehen zum Start Dutzende Apps zum Download bereit - darunter Netflix, die Shopping-Plattform Gilt und zahlreiche Games wie das Jump’n’Run Rayman oder das neue Musikspiel Guitar Hero.

Wenn es Apple gelingt, die Entwickler ins Boot zu holen, könnte der neue App Store das K.o.-Kriterium im Krieg der Streaming-Boxen werden: Zwar erfreuen sich Amazons Streaming-Geräte wegen des geringen Preises großer Beliebtheit, allerdings lässt die App-Auswahl selbst ein Jahr nach dem Deutschlandstart immer noch zu wünschen übrig. Das Spiele-Angebot wirkt bis auf wenige Titel eher wie eine Resterampe. Welches Potenzial ein prall gefüllter App Store auf die Hardware-Verkäufe hat, zeigt Apple mit dem iPhone. Endes des Jahres wird sich zeigen, was Entwickler von dem Gerät halten - das passende Programmier-Kit hat Apple jetzt zum Download bereitgestellt.

Siri an Bord

Ebenfalls praktisch: Im neuen Apple TV steckt der Sprachassistent Siri. Den startet man mit einen Druck auf die Siri-Taste, anschließend spricht man in die Fernbedienung. Das funktionierte im ersten Test erstaunlich gut: Der Aufforderung "Zeige Actionfilme" mit der anschließenden Einschränkung "Nur Filme auf Netflix" kam Siri sofort nach. Allerdings hakte es bei der Testversion noch mit der Musikwiedergabe, gelegentlich gab es auch ein paar Verständnisprobleme bei Namen.

Eine Sprachsteuerung bietet auch Amazons Fire TV, dort beschränkt sich der Assistent aber nur auf die Hauptebene. Sprich: Im Film- und Serienkatalog von Prime Instant Video kann man via Sprachbefehl nach einzelnen Titeln oder Schauspielern suchen, in externen Apps wie Netflix oder der ZDF Mediathek funktioniert das nicht. Bei Apple dagegen ist Siri systemweit integriert, was deutlich praktischer ist.

Sucht man etwa nach "Game of Thrones", bekommt man direkt ein schön animiertes Menü mit Bildern der Serie angezeigt - und man wird vor die Wahl gestellt, ob man die Inhalte von iTunes oder dem Streamingdienst HBO Now beziehen will. Die Siri-Integration hat uns beim neuen Apple TV am besten gefallen. Unklar ist allerdings, wie gut sich der Sprachassistent auf Deutsch schlägt. Das muss ein ausführlicher Test zeigen.

Apple TV erscheint Ende Oktober

Das Fernsehen hat das Team um Tim Cook nicht neu erfunden. Mit dem Apple TV zeigt der Konzern aber, was er am besten kann: Er nimmt bestehende Technik (Fire TV) und verbessert sie in einzelnen Punkten so weit, dass man ein rundes Paket erhält.

Mit der tiefgreifenden Siri-Integration und der tollen Spiele-Unterstützung hat Apple vieles richtig gemacht. Unklar ist, warum der neue Apple TV zumindest zum Start kein 4K unterstützt. Zwar ist der neue Auflösungs-Standard hierzulande noch nicht besonders weit verbreitet - allerdings kann das in zwei, drei Jahren schon ganz anders aussehen kann. Und so lange sollte ein Streaming-Player dieser Preisklasse eigentlich schon durchhalten.

Der neue Apple TV erscheint Ende Oktober in zwei Ausführungen: Das 32-Gigabyte-Modell kostet in den USA 149 Dollar, das 64-GB-Modell 199 Dollar. Vermutlich werden die Europreise ein wenig höher sein.

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