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Zulassung beantragt Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche: Was spricht für den Piks, was dagegen? Ein Überblick

Coronavirus-Impfung eines Kindes in den USA
In den USA (Bild: Louisville im Bundesstat Kentucky) und Kanada wird der Coronavirus-Impfstoff von Biontech/Pfizer bereits an Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren verabreicht
© Jon Cherry / Getty Images North America / AFP
Die Europäische Arzneimittelagentur EMA will diese Woche über die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren entscheiden. Was spricht für den Piks in dieser Altersgruppe, was womöglich dagegen? Ein Überblick.

Inhaltsverzeichnis

Als erster Hersteller hat Biontech/Pfizer bei der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) die Zulassung seines Coronavirus-Impfstoffs für Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren beantragt. Mit einer Entscheidung der EMA wird noch im Laufe dieser Woche gerechnet. 

Sollte das Mittel in der EU für diese Altersgruppe zugelassen werden, stehen die nächsten Entscheidungen an. Die Ständige Impfkommission (Stiko) müsste darüber befinden, ob sie eine Coronavirus-Schutzimpfung von Biontech/Pfizer für diese Altersgruppe empfiehlt – und am Ende müssten Mütter und Väter mit ihren Ärztinnen und Ärzten sowie mit ihren Kindern entscheiden, ob es den Piks geben soll. Denn ein Versprechen der Bundesregierung gilt weiter: Es wird keine Impfpflicht geben.

Bei den Entscheidungen spielt die Abwägung von Nutzen und Risiken einer Impfung die entscheidende Rolle. Der stern beantwortet die wichtigsten Fragen zu den möglichen Schutzimpfungen für ältere Kinder und Jugendliche:

Welche Impfstoffe kommen für Kinder und Jugendliche infrage?

Was viele Menschen nicht wissen: Der Impfstoff von Biontech/Pfizer darf theoretisch bereits für Jugendliche verwendet werden, allerdings erst ab einem Alter von 16 Jahren. In der Praxis dürfte das Vakzin bei so jungen Menschen in Deutschland allerdings noch kaum zum Einsatz gekommen sein, schließlich taucht die Altersgruppe in keiner Prio-Gruppe auf. Alle übrigen in Deutschland zugelassenen Impfstoffe dürfen erst ab 18 Jahren verwendet werden.

Zwei Besonderheiten gelten für die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson&Johnson. Zwar können auch sie grundsätzlich bei jungen Menschen ab 18 Jahren verwendet werden. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt sie allerdings erst ab einem Alter von 60 Jahren. Der Grund hierfür sind seltene, aber schwere Fälle von Hirnvenenthrombosen bei jüngeren geimpften Personen.

Für Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren kommen daher aller Voraussicht nach ausschließlich die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna in Frage. Bei beiden handelt es sich um sogenannte mRNA-Impfstoffe, die den Bauplan für ein Virusprotein enthalten. 

Das US-Unternehmen Moderna hat kürzlich erste vielversprechende Daten für Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren vorgelegt. Demnach zeigte der Impfstoff in einer klinischen Studie eine Wirksamkeit von 100 Prozent. In der Altersgruppe seien zudem "keine bedeutsamen Sicherheitsbedenken identifiziert worden", teilte das Unternehmen mit. Anfang Juni will Moderna deshalb Anträge für die Zulassung des Impfstoffs in dieser Altersgruppe stellen – bei der US-Arzneimittelbehörde FDA, aber auch weltweit. 

Einen Schritt weiter ist der Impfstoff von Biontech/Pfizer: In den USA und Kanada wird er seit kurzem bereits in der Altersgruppe ab zwölf Jahren eingesetzt.

Welchen Nutzen hat eine Coronavirus-Impfung für Kinder und Jugendliche?

Auch Kinder und Jugendliche können sich mit dem Coronavirus infizieren. Dennoch erkranken sie deutlich seltener als Ältere an Covid-19, die meisten bilden nur äußerst schwache oder überhaupt keine Symptome aus. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie mussten bis zum 23. Mai rund 1500 Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden – 0,3 Prozent davon starben infolge der Erkrankung. Allerdings ist zu den Langzeitfolgen (Long- bzw. Post-Covid) noch zu wenig bekannt, um das Risiko einer Coronavirus-Infektion für Kinder und Jugendliche abschließend zu bewerten. Hinzu kommt: Auch jüngere Menschen können das Virus weitergeben, sie sind einer jüngst erschienenen Studie unter Leitung des Charité-Virologen Christian Drosten zufolge ähnlich ansteckend wie Erwachsene.

Nicht nur um Kinder und Jugendliche vor einer Erkrankung zu schützen, sondern auch um den Ziel einer sogenannten Herdenimmunität näher zu kommen, erscheint eine Coronavirus-Impfung für Kinder und Jugendliche damit als sinnvoll.

Was ist über Risiken einer Coronavirus-Impfung für Kinder und Jugendliche bekannt?

Doch wie sieht es mit den Risiken aus? Zwar attestieren große Zulassungsstudien bei Erwachsenen den Impfstoffen eine gute Sicherheit – doch das bedeutet nicht automatisch, dass die Vakzine auch bei Kindern und Jugendlichen ebenso sicher und verträglich sind. Sie sind biologisch gesehen keine kleinen Erwachsenen. Es reicht nicht, eine Impfdosis einfach an ihre Körpergröße oder ihr Körpergewicht anzupassen. Für jedes Medikament sind grundsätzlich eigene Studien in der jungen Altersgruppe nötig – und an denen fehlt es nach Ansicht einiger Experten noch.

Für den Zulassungsantrag bei der EMA hat Biontech/Pfizer einen klinische Studie an gut 1000 Teenagern vorgelegt und eine 100-prozentige Wirksamkeit, eine hohe Sicherheit und eine gute Verträglichkeit angegeben – allerdings ist dies zumindest der Stiko nicht genug. Zwar hat der Vorsitzende Thomas Mertens "keine Bedenken", was die Wirksamkeit angeht, wie er im Deutschlandfunk sagte, er hält aufgrund der geringen Zahl von Studienteilnehmenden die Aussagen zur Sicherheit des Impfstoffs allerdings für "limitiert". Ähnlich äußerte sich Kinderarzt und Stiko-Mitglied Martin Terhardt im Rundfunk Berlin-Brandenburg: "Das ist deutlich zu gering, um seltene Komplikationen nach der Impfung vorhersagen zu können."

Nach Informationen des "Redaktionsnetzwerks Deutschland" tendiert die Stiko nur zu einer Empfehlung bei bestimmten chronischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen – eine allgemeine Impfempfehlung für Zwölf- bis 15-Jährige soll es demnach aufgrund der unbefriedigenden Datenlage vorerst nicht geben. Stiko-Mitglied Tenhardt zufolge wartet das Gremium auf mehr Daten aus den USA und Kanada, wo der Impfstoff seit Mai an diese Altersgruppe verabreicht wird.

Welche Rolle spielen Kinder und Jugendliche für die Herdenimmunität?

Damit sich das Virus irgendwann quasi totläuft und keine neuen Wirte mehr findet, muss ein bestimmter Anteil von Menschen in einer Gesellschaft immun sein – sei es durch eine überstandene Infektion oder eine Impfung. Für den Sars-CoV-2-Erreger nennt Lothar Wieler, Chef des Robert Koch-Instituts einen Wert von 80 Prozent als Zielmarke. Alle Minderjährigen in Deutschland haben einen Anteil von 16,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Diese Werte verdeutlichen, dass eine Herdenimmunität kaum zu erreichen ist, wenn nicht auch Kinder und Jugendliche geimpft werden. So sehen es auch Mitglieder des Deutschen Ethikrates. Andreas Lob-Hüdepohl sagte in der "Welt", dass auch diese Gruppe eine Verantwortung für die Gesellschaft zu tragen habe. "Immer unter der Voraussetzung eines geringen Risikos und einer geringen Belastung. Es ist also ethisch legitim, sie bei den Impfungen in den Blick zu nehmen."

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Auch die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx spricht sich für eine Impfung von Kindern und Jugendlichen aus, stellt jedoch einen anderen Grund nach vorn: "Das stärkste Argument, Zwölf- bis 15-Jährige zu impfen, ist einfach, dass sie auch selbst natürlich einen Schutz haben möchten", sagte sie im Norddeutschen Rundfunk. "Dann kommen Gruppenschutz-Gründe – dass die Schule sicherer wird – hinzu."

Der Schulbetrieb könnte jedoch auch schon durch eine Impfung der Eltern sicherer werden, erklärte dazu Virologe Christian Drosten in seinem jüngsten "Coronavirus-Update"-Podcast mit Blick auf Erfahrungen aus Großbritannien: "Die Impfung der Erwachsenen könnte den Ping-Pong-Effekt zwischen Schulen und Haushalten unterbrechen." Die Abschirmung dieser Haushalte könne hoffentlich auch den Schulbetrieb schützen, so dass dieser mit Tests offen gestaltet werden könnte.

Kinder und Jugendliche impfen – ja oder nein? Warum ist diese Frage so schwer zu beantworten?

Ein guter Impfstoff muss sicher und wirksam für die Personengruppen sein, in denen er zum Einsatz kommt. Mit anderen Worten: Eine Person sollte durch den Impfstoff im Idealfall einen großen Nutzen bei geringen oder keinen Risiken haben. Da Kinder und Jugendliche in den allermeisten Fällen nicht schwer am Coronavirus erkranken, müssen die Impfstoffe für diese Altersgruppe also besonders sicher und verträglich sein.

Als Risikogruppe für schwere Verläufe gelten vor allem Ältere und Vorerkrankte. Bei ihnen ist der Nutzen durch eine Impfung entsprechend groß. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Frage nach dem individuellen Nutzen aber nicht so leicht und pauschal zu beantworten. Gleichwohl gibt es auch in dieser Altersgruppe Kinder, die von einer Impfung, etwa aufgrund von Vorerkrankungen, profitieren könnten. 

Bei der Frage "Kinder impfen – ja oder nein?" stehen deshalb auch weitere, grundsätzlichere Überlegungen im Fokus. Impfungen unter Kindern und Jugendlichen könnten dabei helfen, mittelfristig wieder einen geregelten Schulbetrieb zu ermöglichen. Auch Treffen unter Gleichaltrigen, die für Heranwachsende so wichtig sind, könnten dann wieder unbeschwerter stattfinden. Letztlich würden Impfungen in dieser Altersgruppe auch die Ausbreitung des Coronavirus in der Gesamt-Bevölkerung weiter hemmen – und das wiederum wäre ein Nutzen, von dem alle profitieren.

Solche grundsätzlichen Überlegungen, etwa die Rückkehr zum Präsenzunterricht, spielen aber für die Entscheidung der Stiko eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund müsse die Frage stehen, wie hoch die Gefährdung der Kinder durch eine Corona-Infektion sei, erklärte der Vorsitzende Thomas Mertens im Deutschlandfunk. Selbst wenn die EMA diese Woche grünes Licht für eine Zulassung für ältere Kinder und Jugendliche geben sollte, kann die Stiko eine andere Empfehlung aussprechen.

Das wiederum bedeutet aber nicht, dass sich ältere Kinder und Jugendliche nicht gegen das Coronavirus impfen lassen können, betonte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der n-tv-Sendung "Frühstart". Eltern und ihre Kinder könnten gemeinsam mit ihren Ärztinnen und Ärzten dennoch eine individuelle Entscheidung für oder gegen die Impfung treffen – auch ohne generelle Empfehlung der Stiko.

Quellen: Biontech/Pfizer, Paul-Ehrlich-Institut, Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische InfektiologieCharité, Rundfunk Berlin-Brandenburg"Redaktionsnetzwerk Deutschland"Deutschlandfunk, "Welt", "Norddeutscher Rundfunk", "Coronavirus-Update", n-tv, Nachrichtenagenturen DPA/AFP


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