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Deutsche Krankenschwester in Westafrika: "Der Ebola-Tod ist hier fast alltäglich"

In Westafrika nimmt die Ebola-Seuche nie gekannte Ausmaße an. Krankenschwester Anja Wolz aus Würzburg erzählt, wie sie in Sierra Leone Tag für Tag um Menschenleben kämpft.

Anja Wolz kam im April am Sprigg Payne Flughafen in Monrovia in Liberien an.

Anja Wolz kam im April am Sprigg Payne Flughafen in Monrovia in Liberien an.

Der Ebola-Tod ist qualvoll. Im Endstadium haben die Erkrankten Durchfall, und sie erbrechen Blut. Sie krümmen sich vor Schmerzen, weil die inneren Organe versagen. Wir können nur noch versuchen, ihnen mit Morphium die schlimmsten Schmerzen zu nehmen, bevor sie ins Koma fallen. Erst gestern sind bei uns im Behandlungszentrum drei Menschen gestorben.

Der Tod ist fast alltäglich. Dabei könnten wir viel mehr machen. Wenn wir mehr Helfer hätten. Wenn die Menschen nicht eine solche Angst vor dieser Krankheit hätten. Vor den staatlichen Stellen. Und auch vor uns Weißen. Mit unseren Schutzanzügen müssen wir ihnen ja wie Wesen von einem anderen Planeten erscheinen. Ich kann diese Furcht verstehen. Da hätte ich selbst Angst. Viele hier denken, wenn sie zu uns ins Behandlungszentrum gehen, kommen sie nur tot wieder raus.

Ich bin Krankenschwester aus Würzburg. Dort war ich im Krankenhaus tätig, bevor ich mich vor elf Jahren "Ärzte ohne Grenzen" angeschlossen habe. Für meine Organisation war ich bei 35 Einsätzen in nahezu allen Krisenregionen dieser Welt. Kolumbien, Nigeria, Haiti, Kirgistan, Libyen, Kenia, Libanon, Irak. Ich war auch bei der großen Ebola-Epidemie in Uganda 2007 und zwei Jahre später im Kongo. In Zentralafrika kennen die Menschen das Virus und die Krankheit. Hier in Westafrika ist das alles neu. Hier ist das Virus zuvor noch nie ausgebrochen. Das ist der große Unterschied.

Familien verstecken ihre Kranken

In Zentralafrika war es einfacher, zu helfen. Dort suchen die Betroffenen selbst nach Hilfe, oft noch rechtzeitig. Hier in Westafrika verstecken die Familien ihre Kranken – und infizieren sich so selbst. Vor allem deswegen breitet sich diese Epidemie in einem bislang nicht gekannten Ausmaß aus.

Die betroffene Provinz Kailahun im Grenzgebiet von Sierra Leone, Guinea und Liberia ist etwa anderthalbmal so groß wie das Saarland. In einer solch großen Ausdehnung und einer solchen Geschwindigkeit hat sich das Virus nie zuvor und nirgends sonst ausgebreitet. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bis Ende Juni 759 Fälle verzeichnet, darunter 467 Todesfälle. Wir wissen, dass wir zu spät dran sind. Die Entwicklung hat auch mich überrascht. Ich war ja bereits Ende März, Anfang April hier in der Region, in Guinea. Wie alle ausländischen Experten hatte auch ich die Hoffnung, man hätte das im Griff. Aber das Gegenteil ist richtig. Es wurde immer schlimmer.

Die Menschen wissen nicht, wie sie sich schützen können. Das erhöht das Risiko der Ansteckung ungemein. Es gibt hier Dörfer, da liegen die Leichen auf offener Straße. Die Menschen haben inzwischen Angst vor ihren Toten. Natürlich verschlimmert das die Situation. Das ist aber auch bei jenen so, die ihre Angehörigen bestatten. Sie wissen einfach nicht, wie sie damit umgehen müssen. Sie berühren die Körper. Viele infizieren sich bei Beerdigungen, weil sie nicht ausreichend geschützt mit den Leichnamen hantieren. In der ganzen Region gibt es nur drei Experten, die sich wirklich mit Ebola auskennen. Viele Menschen sterben hier, weil die Behörden sie nicht richtig informieren.

Ich bin vor drei Wochen wieder in die Region zurückgekommen. Dieses Mal arbeite ich in Kailahun im Osten von Sierra Leone, eine Distrikthauptstadt, nur fünf Kilometer von der Grenze entfernt, rund 400.000 Einwohner leben hier im Distrikt, etwa 20.000 in der Stadt. Hier hat die WHO das Zentrum der Krise ausgemacht, rund 85 Prozent aller Fälle sind hier aufgetreten. Ich bin die Nothilfekoordinatorin für Ärzte ohne Grenzen. Insgesamt sind wir mit zwölf internationalen Kräften im Einsatz: zwei Ärzten, drei Krankenschwestern, einer Psychologin und dazu einigen Logistikern.

Aber es war nicht einfach, unsere Isolationsstation zu errichten. In der Stadt wollte man uns nicht unbedingt haben. Es gab auch keine Fläche, die groß genug gewesen wäre. Wir mussten etwas außerhalb der Stadt erst einmal ein Stück Dschungel roden, etwa so groß wie zwei Fußballfelder. Da kamen auch 50 Frauen, die umsonst und ungefragt mitgeschuftet haben, als Dank dafür, dass wir ihnen helfen. Dort haben wir unsere Zelte aufgestellt, insgesamt 15, mit rund 50 Betten.

Zurzeit haben wir 31 Patienten. Es ist ein richtiges Lager geworden, weil wir natürlich auch eine Küche brauchen, Wasserversorgung, eine Station zum Wäschewaschen und so weiter.

Die Gefahr wird unterschätzt

Wir trennen die Patienten strikt. Jene, die bereits schwere Symptome zeigen, liegen gesondert von denen, die im Frühstadium sind oder erst noch getestet werden müssen. Es ist tückisch, weil Ebola auch noch bis zu drei Wochen nach der Infektion zum Ausbruch kommen kann. Man muss die Kontakte der Patienten und der Verstorbenen also drei Wochen überwachen.

Zudem beginnt die Krankheit relativ harmlos, ähnlich wie Malaria. Mit Kopfweh, mit Fieber, mit Schwindelgefühlen. Manche Betroffene werden konfus. Das nehmen viele in ihrer Umgebung immer noch nicht so ernst. Die Menschen machen weiter wie bisher. Sie bewegen sich viel in der ganzen Region. Vor allem, um auf Märkten Handel zu treiben. Auch über die Staatsgrenzen hinweg, die sie als solche gar nicht wahrnehmen. Das macht die Kontrolle durch Regierungsstellen noch schwieriger. Die genießen ohnehin wenig Vertrauen, ihnen wird eher misstraut.

Zu meinen Aufgaben als Nothilfekoordinatorin gehört es, den Kontakt mit den lokalen Behörden zu halten und unsere Arbeit mit deren Aktivität zu koordinieren. Mit dem Roten Kreuz und der WHO ebenso und auch den kanadischen Helfern, die vor allem hier sind, um die Patienten Labortests zu unterziehen. Das größte Problem ist, die Patienten überhaupt zu finden. Eigentlich müssten wir Dorf für Dorf nach Kranken durchkämmen. Aber dazu fehlen uns die Kapazitäten, obwohl uns über 200 freiwillige nationale Kräfte unterstützen, die dafür bezahlt werden. Es ist aber insgesamt schwierig, lokale Mitarbeiter zu gewinnen.

Ich habe Verständnis dafür. Hier sind ja schließlich auch etliche einheimische Krankenschwestern gestorben. Wir arbeiten nur mit Leuten, die sich uns absolut freiwillig anschließen. Und wir brauchen sie dringend, allein schon wegen der Sprache. Und es hilft eben, Vertrauen zur Bevölkerung aufzubauen. Wir erklären den Patienten jeden Schritt und versuchen immer, auch die Familienangehörigen mit einzubinden. Nur so kann sich das Wissen über den Umgang mit dem Virus verbreiten.

Die Menschen sind sehr dankbar. Es kommt da zu ergreifenden Szenen. Eine Frau hatte Angst, dass sie ihre infizierten Kinder allein zurücklassen müsste. Dass sich niemand um sie kümmern würde, dass sie nichts zu essen bekommen und bald sterben würden. Als sie begriff, dass sie bleiben konnte, und sah, wie es bei uns läuft, fiel sie mir um den Hals, lachte und weinte vor Freude.

Den meisten Patienten ist nicht mehr zu helfen

Wir haben zwei mobile Behandlungszentren draußen im sehr ländlichen Bereich stationiert. Wir klären die Menschen dort mithilfe von Bildern über die Krankheit auf. Und wenn es geht, versuchen wir bei Beerdigungen dabei zu sein. Dort finden wir besonders viele Risikofälle, Menschen, die mit Ebola-Infizierten in Kontakt waren. Wir sorgen dafür, dass die Leichen richtig gewaschen, desinfiziert und nur in speziellen Leichensäcken bestattet werden.

Das schützt vor Neuansteckung, schafft Bewusstsein für das Problem in der Bevölkerung. Und wir erfahren bei den Bestattungen, wer mit den Infizierten in Kontakt war, sich also selbst angesteckt haben könnte. Verdachtsfälle werden dann zu uns ins Behandlungszentrum gebracht. Aber ohne Zutun der Menschen hier ist die Welle nicht zu stoppen.

Noch sind wir darauf angewiesen, dass sich die Betroffenen selbst bei uns melden. Oder deren Familienangehörige. Manchmal gehen Anrufe von Gesundheitsstationen ein. Von dort werden die Menschen in Krankenwagen zu uns gebracht. Aber das ist natürlich nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein. Für das ganze Gebiet stehen gerade mal vier Krankenwagen zur Verfügung. Dabei wäre es besonders wichtig, dass die Hilfe so früh wie möglich einsetzt. Nur wer früh genug in Behandlung kommt, hat eine echte Chance.

Wie lange man mit dem Virus überleben kann, hängt von der Intensität der Infektion ab. Und wie stabil das Immunsystem des Einzelnen ist. Deswegen versuchen wir vor allem, nicht nur die Symptome zu bekämpfen, sondern auch das Immunsystem der Patienten zu stärken, so gut es geht. Unsere Patienten bekommen Vitamine, gehaltvolles Essen, auch per Infusion. Oder sie werden gefüttert. Wir können aber statistisch 60 bis 80 Prozent jener Menschen nicht mehr helfen, die bereits von dem Virus befallen sind. Das zeigt, wie gefährlich Ebola ist.

Angst ist hier fehl am Platz

Angst? Wenn ich Angst hätte, wäre ich hier fehl am Platz. Dann müsste ich schleunigst weg. Mit Angst könnte ich diesen Einsatz nicht leisten. Ich habe keine Angst. Ich weiß genau, was ich machen kann und was nicht. Ich weiß, wie ich mich verhalten muss, um mich zu schützen. Gummistiefel, ein Overall mit spezieller Beschichtung, Kapuze, Mundschutz, eine Brille vor die Augen. Selbstverständlich tragen wir auch zwei Paar Plastikhandschuhe übereinander, solche, wie Chirurgen sie haben.

So packe ich natürlich auch bei der Arbeit an den Patienten mit an. Als Nothilfekoordinatorin bin ich quasi das Mädchen für alles, die Feuerwehrfrau. Füttern, Infusionen oder Katheter legen, waschen, Fieber messen. Das mache ich alles. Die Angehörigen unserer Patienten sind sehr dankbar. Das gibt uns Kraft, weiterzumachen. In manchen Dörfern ist inzwischen ein Zutrauen in unsere Arbeit entstanden. Man ist dort mitunter froh, die Kranken bei uns abgeben zu können.

Gestern bekamen wir 21 Patienten aus einem einzigen Dorf, wo unsere Leute bei einer Beerdigung gewesen waren. Schon sechs Menschen sind dort gestorben. Die 21 Infizierten versuchen wir nun zu retten. Aber das ist natürlich auch nur ein Anfang. Von solchen Dörfern gibt es Hunderte da draußen.

Meine Tage beginnen früh um sechs und enden um Mitternacht. Klar, es ist belastend, weil wir viele Menschen sterben sehen. Aber die Rahmenbedingungen für uns sind erträglich. Wir haben gutes Essen, schlafen in einem sauberen Hotel. Einmal in der Woche versuche ich mit meiner Familie in Deutschland zu telefonieren. Die stehen alle voll hinter mir. Vor allem mein Papa gibt mir Kraft. Das hilft, wenn man mal down ist. Die bauen mich dann auf. Dann geht es mir auch schnell wieder besser. Wir wissen alle, warum wir hier sind: um Menschenleben zu retten. Das ist es, was uns antreibt.

Aufgezeichnet von Joachim Rienhardt / print

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