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Resonanz: Die Welt berühren und sich berühren lassen – ein Rezept gegen Überforderung und Leistungsdruck

Schneller, besser, erfolgreicher – so viele hetzen durchs Leben und finden nicht mehr, wonach sie sich doch sehnen: das Glück, mit der Welt im Gleichklang zu sein.


Resonanz: Ein Rezept gegen Überforderung und Leistungsdruck

Die Sonne scheint, ein warmer Wind weht: Naturerlebnisse berühren – wenn man sich berühren lassen will

Man kann auch vor der eigenen Haustür eine neue Welt entdecken. So wie Meike Winnemuth, Autorin und stern-Kolumnistin. Sie ist neugierig durch Dutzende von Ländern gereist und schließlich – wie sie sagt – "angekommen an einem Ort, am dem ich noch nie war: zu Hause“. Und dieses Zuhause war ihr eigener Garten. Den hatte sie sich samt Wochenendhäuschen gekauft. Ein kleines Stück Land am Waldrand. Keine 300 Meter von der Ostsee entfernt. Ein Stück Land, das Meike Winnemuths Leben verändern sollte. Denn sie begann zu gärtnern. Als totale Amateurin, aber mit Begeisterung. "Ich grabe Pflanzlöcher und verwurzele mich, ich schaufele Erde und finde festen Boden unter den Füßen“, schreibt sie in ihrem Buch "Bin im Garten“.

Meike Winnemuth hat beim Buddeln, Pflanzen und Ernten zu sich gefunden. Hat entdeckt, was immer mehr Menschen ersehnen: das Gefühl, mit der Welt im Gleichklang zu sein. Mit anderen und anderem im selben Takt zu schwingen. Wodurch dieses Gefühl ausgelöst wird, ist fast egal. Ob Musik, Begegnungen, gute Gespräche, ein Hobby, Sport, Kochen oder eindringliche Naturerlebnisse – wichtig ist, dass man berührt und sich berühren lässt. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das ein "anschmiegsames Weltverhältnis“. Er beschreibt es am Beispiel einer zufriedenen Frau: "Sie hat das Gefühl, ihre Familie, ihre Arbeitskollegen, ihre Volleyballfreunde zu erreichen und in den jeweiligen Sphären etwas erreichen oder bewegen zu können. Dadurch erfährt sie sich auch selbst als beweglich, als berührbar.“

Resonanz – Kontakt zum Lebendigen

Es geht also um Kontakt, Verbundenheit, um Offenheit, um wechselseitiges Senden und Empfangen. Auch im übertragenen Sinne. Natürlich kann uns ein Musikstück nicht im wortwörtlichen Sinn anfassen, aber wir beschreiben unbewusst Resonanz, wenn wir sagen: "Das Lied berührt mich“ oder "Dieses Bild spricht mich an“. Meist geschieht das im Zustand eines unbewussten Zulassens. Man kann nicht beschließen, dass einen der Garten erfüllt. Man kann nicht wollen, dass einen ein Bild berührt. Und man kann sich auch nicht vornehmen, sich zu verlieben. Es geschieht. Resonanz ist, wenn die Welt antwortet, obwohl man gar nicht bemerkt hat, dass man gefragt hat.

Sehr viele Menschen suchen und finden dieses Gefühl in der Natur. Im Kontakt zum Lebendigen, Ursprünglichen. So wie Meike Winnemuth, die "es wachsen ließ“, wie sie sagt. Schrebergärten sind in, halb Deutschland wandert, und spätestens seit uns der Förster Peter Wohlleben in die Geheimnisse des Waldes eingeweiht hat, ist der wieder ein Sehnsuchtsort. 32 Prozent der Landfläche in Deutschland sind mit Wald bedeckt. Die Welt macht uns ein Angebot. Man muss es nur annehmen. "Waldbaden“ nennt sich denn auch ein aktueller Trend. Die Buchläden sind voll von Büchern zu diesem Thema. Spötter mögen jetzt einwenden, dass man so etwas früher schlicht spazieren gehen nannte, aber das trifft es nicht. "Waldbaden“ ist mehr. Man läuft hier nicht einfach nur grummelig durch den nächstgelegenen Forst, sondern taucht bewusst ein in ein Biotop, in eine Welt voller Bäume, anderer Düfte, wo der Boden weich ist und die Luft rein, wo die Geräusche der Wildnis vernehmbar sind – wenn wir denn hinhören, statt Kopfhörer zu tragen. Die in Deutschland lebende Japanerin und Autorin Miki Sakamoto nennt das Waldbaden-Phänomen eine "nach außen gerichtete Meditation“.

Es ist Zeit, wieder Raum für das wirklich Wichtige zu schaffen, für bewusstes Wahrnehmen und ungeplanten Spaß

Es ist Zeit, wieder Raum für das wirklich Wichtige zu schaffen, für bewusstes Wahrnehmen und ungeplanten Spaß

Man kann über derartige Trends lächeln und sie für Eskapismus halten: Hey, lasst uns alle Bäume umarmen! Aber hinter der Sehnsucht nach mehr Resonanz steckt eine tiefe Krise unserer Gesellschaft.

Es ist die wachsende Angst vor dem, was Hartmut Rosa das "Weltverstummen“ nennt: "Wenn wir uns von nichts mehr anrufen und verwandeln lassen, oder wenn wir auf die zahlreichen Stimmen da draußen nicht mehr selbstwirksam zu antworten vermögen, sind wir innerlich tot, versteinert, kurz: resonanzunfähig.“ Es ist das Leben in den immer gleichen Bahnen, das Rosa meint. Wir funktionieren, statt zu leben. Wo sind die Begegnungen, die Dinge, die uns anrühren und verwandeln, unsere Stimmung aufhellen, festgefahrene Haltungen infrage stellen?

Auch der Soziologe Harald Welzer sieht uns in einer Sinnkrise. "Alexa kann ja alles bestellen und das Smartphone einem jedes Denken abnehmen“, schrieb Welzer kürzlich im stern, "aber trotzdem scheinen die Leute ein verschwommenes Gefühl zu haben, dass gelingendes Leben irgendwie doch mehr sein müsste als das, was man kaufen kann.“ Welzers Resümee: "Die Welt ist zum Verändern da, nicht zum Ertragen.“

Statusverlust

So mancher kennt das. Dieses stumme Ertragen. Und die stille Sehnsucht nach einem anderen, echten, gelingenden Dasein. Das nagende Gefühl, dass da draußen das Leben weitergeht und pulsiert, aber einem selbst sagt das alles nichts mehr. Man ist in der Welt, man funktioniert, aber die Welt verblasst und wird stumm. So fühlen sich Depressive. Und davon gibt es immer mehr in Deutschland. Gerade meldete die Krankenkasse DAK, dass sich die Zahl der Fehltage von Arbeitnehmern aufgrund psychischer Probleme in den letzten beiden Jahrzehnten mehr als verdreifacht hat.

Was ist los mit uns? Warum geht es so vielen Menschen in einer so reichen Gesellschaft offenbar so schlecht? Vielleicht, weil wir uns in einer immer schneller werdenden, immer aggressiveren und weitgehend entzauberten Welt selbst überholt und dafür einen hohen Preis gezahlt haben. Diese Entwicklung ist nicht neu, aber sie hat sich verschärft. Schon die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer haben sie in der "Dialektik der Aufklärung“ beschrieben. Die Aufklärung hat uns zwar aus der Unmündigkeit geholt, vom Aberglauben befreit und die Macht der Kirche eingeschränkt, aber die dann folgende Herrschaft der instrumentellen Vernunft wurde mit einer Verarmung des Lebens bezahlt. Unsere moderne, verwaltete und wachstumsfixierte Welt wurde berechenbarer, kalkulierbarer, gefühlloser und kälter. "Mit der Versachlichung des Geistes“, schreiben Horkheimer und Adorno, "wurden die Beziehungen der Menschen selber verhext, auch die jedes Einzelnen zu sich. Er schrumpft zum Knotenpunkt konventioneller Reaktionen und Funktionsweisen zusammen, die sachlich von ihm erwartet werden.“

"In dem Wahn, etwas darstellen zu müssen, verpasse ich es, zu sein, zu fühlen, mich wirklich vom Leben berühren zu lassen", sagt der Psychologe Boris Bornemann

"In dem Wahn, etwas darstellen zu müssen, verpasse ich es, zu sein, zu fühlen, mich wirklich vom Leben berühren zu lassen", sagt der Psychologe Boris Bornemann

Erwartungen erfüllen – das kennen wir alle. Unser Alltagsleben, so Hartmut Rosa, "konzentriert und erschöpft sich mehr und mehr in der Abarbeitung von explodierenden To-do-Listen: der Einkauf, der Anruf bei der pflegebedürftigen Tante, der Arztbesuch, die Arbeit, die Geburtstagsfeier, der Yogakurs – erledigen, besorgen, wegschaffen, meistern, lösen, absolvieren“.

Dabei drohen viele auf der Strecke zu bleiben. Der allgegenwärtige Optimierungsdruck, die Angst vor Statusverlust und das zunehmende Tempo lassen uns immer mehr tun, aber immer weniger empfinden. Social Media ist der neue Marktplatz der eitlen Meinungen. "Likes“ sind unsere emotionale Währung. Wichtig ist, wer viele "Freunde“ hat. Aber das "Social“ in "Social Media“ ist letztendlich nur eine Simulation von Gemeinschaft.

Die Welt rückt uns zu Leibe

Das Digitale kann das Echte niemals ersetzen. Der Psychologe und Meditationsexperte Boris Bornemann warnt denn auch vor zunehmendem Realitätsverlust: "Es gibt ein bedrückendes Grundgefühl bei vielen Menschen, das ihnen sagt: 'Du bist nicht gut genug. Es reicht noch nicht.' Und das, so Bornemann, entstehe nicht nur, aber vor allem durch die Flut von Vergleichsmöglichkeiten in unserer modernen Gesellschaft. Besonders in den sozialen Medien. "Da stehen“, sagt Bornemann, "auf Instagram oder Facebook all die kondensierten, idealisierten Bilder, die mir zuraunen: 'So sollte es sein. So sollte ich sein.' Und dann stellen viele eben auch diese Idealbilder von sich ins Netz, posen darauf und sagen anderen, aber auch sich selbst: 'So bin ich. Hier – dieser lustige, lässige Typ.' Aber das ist ja nie die ganze Wahrheit. Und in dem Moment, wo ich mich anders erfahre – verletzlich, traurig, zweifelnd –, da wird die Diskrepanz zum Idealbild umso größer. Und obwohl genau diese Verletzlichkeit zu mir gehört und wichtig ist, will ich sie nicht zulassen, weil sie nicht passt. In dem Wahn, etwas darstellen zu müssen, verpasse ich es, zu sein, zu füh-len, mich wirklich vom Leben berühren zu lassen.“

Zudem bringt uns die Globalisierung die ganze Welt ständig näher. Und mit dem Smartphone haben wir 24 Stunden am Tag globalen Zugriff auf alles und jeden. "Die Welt“, sagt Hartmut Rosa, "rückt uns auf historisch beispiellose Weise zu Leibe.“ Immer klingelt, piept, brummt und summt etwas um uns herum und verlangt unsere Aufmerksamkeit. Und wir reagieren nur noch. Aber dieser Alltagslärm hilft nicht gegen das grundsätzliche Weltverstummen. Ans Handy zu gehen erzeugt selten echte Resonanz. Es stört meist nur. Auch der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht beklagt den allgegenwärtigen "Lärm, die Geschwindigkeit, die Dauerwerbung und den Aufmerksamkeitsraub, die in die sozialen Räume eindringen, ins gemeinsame Essen mit Kindern am Tisch, die Verbundenheit auflösen und Geborgenheit, Stille und das 'Bei-sich-Sein' zerschneiden“. Kein Wunder, dass so viele Menschen Sehnsucht nach Ruhe, Aufgehoben-Sein, echter Gemeinschaft und Resonanz ohne Stress haben.

"Wir sind soziale Wesen", sagt der Arzt und Neurowissenschaftler Joachim Bauer. Erst das Gefühl von Zugehörigkeit ermöglicht ein gesundes Selbstbewusstsein.

"Wir sind soziale Wesen", sagt der Arzt und Neurowissenschaftler Joachim Bauer. Erst das Gefühl von Zugehörigkeit ermöglicht ein gesundes Selbstbewusstsein.

Lange galt die individuelle Selbstoptimierung im Rausch des Immer-mehr als das Maß aller Dinge. Mach das Beste aus dir! Werde reicher, gesünder, attraktiver, erfolgreicher! Sei siegreich! Denk an dich! Dabei sind wir Menschen biologisch gesehen alles andere als Einzelkämpfer. Der Arzt, Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Joachim Bauer betont die enorme Wichtigkeit von Zugehörigkeitserfahrungen und Vernetzung. Das Gehirn sei ein sozial konstruiertes Organ und von Resonanz abhängig. "Das innerste Selbst, der Persönlichkeitskern eines Menschen“, so Bauer, "bildet sich aus Mosaiksteinchen, die, beginnend mit den ersten Lebensmonaten, in uns hineingelegt, die uns mitgegeben wurden und werden. So wie eine angezupfte Gitarrensaite durch die von ihr ausgesandten Schallwellen die entsprechende Saite einer zweiten Gitarre zum Klingen bringen kann, so könnten auch Menschen durch die von ihnen ausgehende Körpersprache und durch die Tonalität ihrer Sprache einen anderen Menschen in Resonanz versetzen.“

Do it yourself!

Mediziner und Psychologen halten denn auch die im Land wachsende Vereinzelung und Einsamkeit für ähnlich gesundheitsschädlich wie Alkoholmissbrauch. Gemeinsamkeit macht glücklich. Resonanz als Medizin. Noch besser, wenn dann auch noch etwas zusammen erschaffen wird. Do it yourself! Das klingt altmodisch und ist doch gerade wieder sehr modern. Simon Bauer, Leiter der Volkshochschule Sachsenwald der Stadt Reinbek, sagt: "Es gibt einen deutlichen Trend zum Selbermachen. Die Kurse für Schneidern, Filzen, Tischlern, Bierbrauen oder Töpfern sind voll.“ Zwei Drittel der Teilnehmer seien Frauen. "Und es sind“, so Bauer, erstaunlich viele junge Leute dabei, die gemeinsam lernen wollen, etwas mit den eigenen Händen zu erschaffen.“ Besonders beliebt sind Nähkurse. "Das ist einfach toll“, sagt eine Reinbeker Kursleiterin. "Da kommen abends Frauen nach einem harten Arbeitstag noch zu mir in den Kurs und lassen sich beibringen, wie man sich einen Rock oder eine Bluse näht. Dabei ist neuwertige Kleidung bei uns doch so absurd billig. Hier geht es um etwas anderes. Das Ergebnis ist selten perfekt, aber die Teilnehmer können sich am Ende sagen: 'Ich hab das gemacht', und tragen die Stücke dann mit Stolz. Und sie haben Spaß daran, sie zusammen mit anderen zu machen.“ 

Menschen erkranken an Burnout

Gemeinsam sehen und fühlen, wie etwas entsteht. Das ist pure Magie. Wir sind nun mal soziale Wesen. Wir brauchen einander. Kaum etwas ist schöner als Zugehörigkeit, sich aufgehoben und geborgen zu fühlen. In der Familie, in der Partnerschaft, bei Freunden. Die weltweiten Freitagsdemos der Schüler für mehr Klimaschutz, denen so viele Erwachsene mit paternalistischer Herablassung begegnen, sind ein gutes Beispiel für Resonanzbegehren und Resonanzerlebnisse. Man muss die Schüler bei diesen Demos erlebt haben, muss gesehen haben, mit welcher Begeisterung sie sich für eine gemeinsame Sache einsetzen und das Politische entdecken. Eine Generation, der man gern vorwarf, sie würde nur noch weltentrückt und vereinzelt am Handy hocken und in sozialen Netzwerken Ego- Botschaften posten, zeigt auf einmal, dass ihr die echte Welt nicht egal ist. Die Jungen fragen sich: In welche Welt bin ich gestellt? Was will ich dieser Welt sagen? Und was will ich in dieser Welt machen, außer zu funktionieren?

Meike Winnemuth hat die Antwort in ihrem grünen Miniparadies gefunden. "Im Garten zu arbeiten ist für mich selbstbelohnendes Verhalten“, sagt sie. "Die Tätigkeit ist Belohnung genug, so wie es alle wirklich befriedigenden Formen von Arbeit sind. Die entscheidende Frage ist immer: Würde ich es tun, auch wenn es kein Geld dafür gäbe? Wer das mit Ja beantwortet, hat alles richtig gemacht.“

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