HOME

Rafik Schami: "Emigranten sterben jung - oder werden weltberühmt"

Schwerpunkt der kommenden Frankfurter Buchmesse ist die arabische Literatur. Für den Exil-Schriftsteller Rafik Schami ein Grund zu zwiespältiger Freude. Ein Gespräch über Unterdrückung und kulturelle Ödnis in der arabischen Welt - und über die Schönheit der deutschen Sprache

Von Arno Luik

Herr Schami, Sie sind ein wirklich guter Deutscher

Wie bitte?

Ich hatte noch gar nicht mit Ihnen gerechnet, Sie sind überaus pünktlich und...

...das sind Vorurteile, die Sie gegen Araber haben. Ich bin kein Deutscher, ich bin ein deutscher Staatsbürger, ich lebe hier seit 33 Jahren. Aber ich habe mich schon in Syrien aufgeregt, wenn die Leute ihre Termine nicht einhalten konnten. Ich habe im Untergrund gelernt, pünktlich zu sein, Sekunden waren eine Frage von Leben und Tod.

Wenn man einen Araber zum Mittagessen einlädt, so heißt es, kommt er abends.

Ja. Und er kommt nicht allein. Es ist furchtbar: Er kommt um sieben, bringt Freunde, Cousins, Tanten, Schwiegersöhne mit und erwartet, dass man alle mit Freuden bewirtet. Er hat keine Gewissensbisse.

So ist sie halt - die legendäre arabische Gastfreundschaft.

Jein. Der Gast ist ein Heiliger, das stimmt. Aber wenn ich einen Termin nicht einhalte, verachte ich auch meine Mitmenschen. Und dieses Zuspätkommen, das in Arabien Sitte ist, ist ein feines, aber wichtiges Zeichen der Rückständigkeit, des Verfalls.

Das verstehe ich nicht.

Die arabische Welt ist mental noch in der islamischen Zeitrechnung, und wir wurden in die christliche Zeitrechnung hineingestoßen. In Deutschland wartet der Zug keine Sekunde. Bei uns können sie jedoch winken, dann bleibt er stehen. Und diese christliche Zeit, die protestantische Ethik, von der Max Weber sprach, die die Menschen zum Spuren bringt, ist nötig für eine funktionierende Wirtschaft: Man muss sich auf Termine verlassen können. Und damit kommen wir nicht zurecht.

Sich Zeit lassen, langsam tun - das hört sich doch idyllisch an.

Natürlich hat diese Langsamkeit des Daseins einen Charme. Aber man kann sich nicht nur romantisch zurücklehnen. Für mich war in den ersten Jahren in Deutschland diese Pünktlichkeit ein Lebensqualitätsverlust. Kälte. Für das Gespräch, das wir hier nun innerhalb von zwei, drei Stunden führen, bräuchten wir in Syrien mindestens eine Woche. Ein Araber kennt die Schnelligkeit, mit der wir hier arbeiten, überhaupt nicht. Aber dieses konzentrierte, unter dem Diktat der Zeit stehende Arbeiten schafft auch Reichtümer. Ein Araber, der in der arabischen Welt mit dieser alles lähmenden Kultur bleibt, kann niemals Reichtümer erarbeiten - es sei denn er hat Erdöl geerbt.

Es gibt 56 islamische Staaten, aber nur einer, nämlich Malaysia, exportiert Industriegüter - alle anderen sind wirtschaftlich unterentwickelt.

Ja, die arabischen Staaten haben auf der Welt nichts zu melden. Sie haben kaum eine Anmeldung beim "Weltpatentamt"! Sie waren einmal die Wiege der Zivilisa- tion: Physik, Mathematik, Chemie, Philosophie - all diese Wissenschaften verdanken den Arabern unglaublich viel. Doch heute sind sie am Rande der Zivilisation; schlimmer, die westliche Zivilisation redet nicht mit ihnen, sie befiehlt, sie schubst sie herum, sie wirft Bomben. All das schafft im arabischen Bewusstsein ungeheure, wirklich gefährliche Minderwertigkeitskomplexe.

Und jetzt sagen Sie gleich, wie die indische Schriftstellerin Arundhati Roy: Der Westen ist an allem schuld, die CIA ist schuld, dass Düsternis über den arabischen Ländern liegt.

Oh, nein! Arundhati Roy ist eine tapfere Frau, aber sie übertreibt manchmal, es gibt nicht nur Schwarz und Weiß auf der Welt. Es ist vielschichtig. Frustration und Groll auf den Westen befeuern in den arabischen Ländern einen infernalischen Zyklus der Gewalt. Das stimmt. Sie schaffen einen paranoiden Blick vieler Araber auf die Welt. Und das hat ja auch Gründe: Die CIA hat immer die reaktionärsten Kräfte unterstützt, sie gezüchtet, bewaffnet, finanziert. Den Schlächter Saddam Hussein, ein Killer der billigsten Art, gäbe es nicht ohne die USA; Rumsfeld, der sich nun als Saubermann aufspielt, hat ihm alles zugestanden. Bin Laden gäbe es nicht ohne die USA. Die CIA ist auch schuld, dass es keine demokratische Opposition mehr gibt. Die USA wollen das Öl, sonst nichts.

Der ehemalige US-Außenminister Kissinger hat einmal gesagt: "Das Öl ist zu wertvoll, um es den Arabern zu lassen."

Ja, die Amerikaner geben uns Ohrfeigen, sie marschieren ein, sie behandeln uns wie kleine Kinder. Und sie haben willfährige Despoten installiert, korrupte Regime, die eine Gefahr für die eigene Bevölkerung sind. In Saudi-Arabien halten sie an den Wahabiten fest, den eifrigsten Fundamentalisten, die die Taliban aufgebaut haben - und die mit ihren Petrodollars unverdrossen den fundamentalistischsten Islam anfeuern! Bin Laden war gut, als es in Afghanistan gegen die Sowjetunion ging. Sie haben den Fundamentalismus, dieses hässlichste Gesicht des Islams, als Speerspitze gegen den Kommunismus gezüchtet, jetzt dreht er sich gegen sie. Plötzlich ersetzt der gesamte Islam das alte Feindbild Kommunismus. Und er eignet sich für Hass und Angst: Er hat ja schon mal an die Tür von Paris und Wien geklopft!

Nun klingen Sie doch wie Arundhati Roy!

Nein, ich klage nicht nur den Westen an. Die Araber sind auch selbst schuld an der herrschenden Düsternis. Die Araber sind in Lethargie. Das Denken ist erstarrt, gefangen in der glorreichen Vergangenheit, unsere Denker sind erstarrt.

Mittelalterlich klingt eine Meldung aus Saudi-Arabien vom vergangenen Jahr: Da wollten sich Frauen vor einem Gebäudebrand retten, sie liefen auf die Straße, doch sie wurden von Religionspolizisten mit Schlägen ins Feuer zurückgetrieben. Der Grund: Sie waren nicht verschleiert. Alle kamen ums Leben.

Ich könnte heulen! Aber das ist genau unser Anteil an der eigenen Schuld, den Arundhati Roy übersieht. Wir liefern solche grausamen Bilder. Unser Anteil an der Dummheit, Engstirnigkeit ist beklemmend groß. Es ist nicht der Westen, nicht der Imperialismus, der sagt: Steinigt diese Frau. Das sind lokale Gerichte, die diese Barbarei beschließen. Der Wert eines Menschen wird verschleudert. Das Mittelalter war noch eine Gnade. Ehre, Freiheit, heute kommen die Rechte des Individuums nur in Gedichten vor.

Sie sind sehr pessimistisch.

Ich bin ein hoffnungsvoller Pessimist. Die Geschichte kennt immer Überraschungen: Ein polnischer Arbeiter, Lech Walesa, steht nackt gegen die Übermacht der So-wjetunion auf. Die könnten ganz Warschau in die Luft jagen, aber sie können es doch nicht: Walesa ist im historisch richtigen Augenblick aufgetaucht. Ich habe die verzweifelte Hoffnung, dass die arabischen Länder sich selbst befreien, ihre Köpfe befreien.

Sie selbst mussten aus Syrien fliehen, um Ihren Kopf zu retten.

Ja, und seit 33 Jahren denke ich jeden Morgen beim Aufwachen an Damaskus. Das ist für mich der schönste Ort der Welt, ich wohnte in der Altstadt, im christlichen Viertel, ich spielte auf der Gasse, es war eng und verwinkelt, kein Auto konnte in unser Viertel reinfahren. Damaskus ist für mich Lachen, Gelassenheit, Geborgenheit.

Aber in Ihrer schönen Stadt hätten Sie nicht überlebt.

Nein. Ich wollte unbedingt Schriftsteller werden, schon als Kind wollte ich mit meinen Erzählungen Menschen in einen Rausch versetzen. Später, als Jugendlicher, hatte ich den Traum, mit schönen, engagierten Worten Arabien aus dem Tiefschlaf zu retten.

Schreiben mit der Angst vor dem Zensor, Schreiben unter der Knute des islamischen Klerikers - wie geht das?

Es geht nicht, und deshalb kommt aus Arabien keine weltbewegende Kunst, kommen kaum bedeutende Autoren. Es ist daher kein Zufall, dass die vier weltweit bekanntesten arabischen Autoren Exilautoren sind: Edward Said, Tahar Ben Jelloun, Amin Maalouf und Rafik Schami.

Es gibt nur einen arabischen Literatur-Nobelpreisträger, den Ägypter Nagib Mahfuz, und...

...der hat ein Messerattentat hinter sich. Es gibt keine Achtung, keine Freiheit für das Denken. Überall sind Halteschilder: Sie dürfen in einem Roman nie einen Muslim beleidigen! Sie dürfen nie einem Juden Recht geben! Ein Kind darf sich gegenüber seinem Vater nicht durchsetzen. Eine Frau darf nicht einen Mann verführen, darf niemanden aus einer anderen Religion lieben. Du darfst die Religion nicht kritisieren! Überall Verbote, überall Tabus. So können Sie keinen Roman schreiben, nur einen unsinnigen Schwall von Papier produzieren. Dazu kommt noch diese Schere im Kopf: Wenn du das schreibst, bekommt dein Vater Probleme. Du hast Angst um deine Mutter, deine Geschwister. Da sind Schlingen um deinen Hals - die deiner Sippe und die der Fundamentalisten. Fürchterlich!

Sie hatten Angst um Ihr Leben?

Klar. Sie hätten mich verhaftet, einmal, zweimal, ich hätte weitergeschrieben, nach der dritten, vierten Verhaftung wäre ich in der Psychiatrie gelandet. Ich wäre draufgegangen. Wer diesem Mord an Geist und Seele entkommen will, muss ins Exil. Ich musste raus aus Syrien.

Wie war das, als Sie nach Deutschland kamen?

Es war kalt. Es war im März 1971. Ich kam mit einem Koffer und vier Wörtern hier an: "Jawohl!" und "Ich liebe dich!" "Jawohl!" kannte ich aus lächerlichen amerikanischen Filmen, "Ich liebe dich" riefen die Jungs blonden Touristinnen in Damaskus nach. Mit diesen Worten kam ich also an.

Und Deutsch, heißt es, ist so schwierig zu lernen.

Nein, überhaupt nicht. Es ist eine schöne Sprache, und ich verstehe nicht, wie die Deutschen sie durch Anglizismen zerstören lassen, das zeugt von Dummheit. Ich höre die deutsche Sprache gern von meiner Zunge. Ich wollte Autor werden und...

...das haben Sie ja geschafft: Ihre Bücher haben eine Auflage von mehreren Millionen.

Und darauf bin ich stolz. Ich bin heute der erfolgreichste syrische Autor weltweit. Ich habe mich dafür gequält, ich habe am Anfang ganze Bücher abgeschrieben. Sie sind zäh. Ja. Aber nach zehn Seiten war ich erschlagen, denn ich wollte bei jedem Satz wissen, warum, zum Teufel, verzichtet jetzt Thomas Mann auf ein Adjektiv? Was macht diesen Satz trotzdem so schön?

Gibt es einen Satz von Ihnen, auf den Sie stolz sind?

In meinem neuen Roman "Die dunkle Seite der Liebe" habe ich geschrieben: "Glaube versetzt selten Berge, Aberglaube aber immer ganze Völker." Auf diesen Satz werde ich mein ganzes Leben lang stolz sein. Aberglaube treibt ganze Völker in idiotische Kriege - und ohne Emanzipation von Religion und Aberglauben kommen die arabischen Länder nicht aus ihrer Gefangenschaft raus.

Schwerpunkt bei der diesjährigen Frank-furter Buchmesse ist ja die arabische Welt.

Ich finde das gut.

Aber Arabien hat doch überhaupt keine lebendige Buchkultur!

Genau. Diese Buchmesse kann Widersprüche an die Oberfläche spülen. Ich bin gespannt, welcher charakterlose Autor für die Arabische Liga auftritt, wer für Zensur-Staaten auftritt, welcher Hofdichter sich für Auftritte hergibt. Dieser Schwerpunkt entlarvt die arabischen Regime, weil er sie an einem Schwachpunkt erwischt: Sie haben nichts zu zeigen.

Ich habe beim Großbuchhändler Libri nachgeschaut, wie viele aus dem Arabischen übersetzte Bücher im Handel sind: 112. Aus dem Amerikanischen gibt es hingegen 12 000 Übersetzungen.

Ja, in der arabischen Welt leben 200 Millionen Menschen, aber es werden weniger Bücher produziert als in Hessen. Das ist lächerlich, das ist traurig. Und die meisten Bücher kommen aus dem zerstörten Libanon. Aber was kommt schon an Literatur aus Algerien? Ägypten? Dem Sudan? Saudi-Arabien? Nichts!

Dabei heißt es im Koran: "Lies!"

Ja. Und dieses Wort ist eine Schmach für die arabische Welt. Der Prophet Mohammed empfahl, Wissen nicht zu unterdrücken, sondern zu suchen, und sei es in China, was damals das Ende der Welt war. Aber in der arabischen Welt hat das Lesen heute keinen Halt, über 50 Prozent sind Analphabeten. Das Wort, der Autor, das Buch werden verachtet. Haben Sie schon mal ein arabisches Buch in der Hand gehabt? Ekelhaft sind die! Ästhetische Ungetüme aus fünf Sorten billigstem Papier, zusammengehalten mit wuchtigen Eisenklammern - eine Schande. Die Schrift, heißt es im Arabischen, ist der Schatten der Sprache auf Papier. Sie soll scharfkantig sein, sie hat etwas Bleibendes, Ewiges. Und dass sie in Arabien so misshandelt wird, ist auch Ausdruck von Selbstverachtung. Eine Kastration des Geistes und des Denkens. So elend, so miserabel dran wie heute war Arabien noch nie.

Der libanesische Dichter Abbas Baydoun entschuldigt dieses Elend mit der Kolonisation.

Die Araber sind Täter, sie sind aber auch Opfer. Das stimmt. Sie hatten keine Zeit, sich zu besinnen. 400 Jahre lang war Arabien von Türken besetzt, im Osmanischen Reich galt das Buch als Feind des Staates. Dann kamen die Europäer, sie herrschten noch raffinierter, sie schmissen das Land in die Moderne. Den Reichtum der Bodenschätze verschleuderten sie für Waffen, Geheimdienste, Schiebereien, Terror. Und sie installierten - wie die Amerikaner heute - despotische Regime. Wir sind aber seit über 50 Jahren unabhängig, und darin liegt der Anteil unserer Schuld.

Warum ließen die Völker das zu?

Mein Gott, was machen Sie, wenn Sie erschossen werden, sobald Sie sich bewegen? Was wissen Sie hier in Europa von den Aufständen in den arabischen Ländern? Wir hören wenig, und das Gehörte wird bald verdrängt. In Ägypten, Syrien, Algerien, dem Jemen, Oman... In fast allen arabischen Ländern gab es heroische Aufstände, sie wurden blutig niedergeschlagen. Es ist zum Verzweifeln: Die Herrscher haben einen ungeheuren Reichtum, die Masse lebt im Zeitalter der Voraufklärung. Die Scheichs fahren im klimatisierten Mercedes, telefonieren mit dem Handy, benutzen das Internet, die Mode und das Giftgas. Sie gebärden sich westlich, sie können den Lockungen des Westens nicht widerstehen, sie äffen ihn nach, sie importieren alles. Aber sie verdammen die Gedanken von Freiheit und Demokratie und beschimpfen sie als importierte west- liche Dekadenz, und ihre Untergebenen lassen sie stur Koransuren lernen. Sie dulden keine Kritik, widerspenstige Intellek- tuelle werden mundtot gemacht.

Sie reden, als ob diese Länder in Dunkelheit versinken.

Ja, so ist es. Und solange das Öl sprudelt, wird es wohl so weitergehen. Dieses verfluchte Öl. Es ist der Vater aller Putsche. Der Vater des Terrors. Wir gehen am Öl zugrunde, wir werden am Ende eine verseuchte, hässliche Wüste haben.

In einer Geschichte beschreiben Sie, wie ein alter syrischer Bauer bewusst sündigt, damit er nicht in den Himmel kommt: Er will nicht auch noch im Jenseits unter den Leuten aus dem Westen leiden.

Ja, er würde lieber in die Hölle gehen, so satt hat er die Unterdrückung. Das ist natürlich satirisch überspitzt, aber es zeigt, was der Kolonialismus in Arabien zurückgelassen hat: an kaputten Seelen, mentalen Zerstörungen.

In Damaskus flanieren die Mädchen über die Boulevards, das Ohr am Handy.

Das ist die Tarnung. Die junge Frau ist immer noch ein versklavtes Wesen - auch wenn sie modisch gekleidet über die Straßen geht, sie ist ganz unten in der Gesellschaft, wahrscheinlich rückständiger, unselbstständiger als eine Damaszenerin, die im 11. Jahrhundert auf ihrem Esel durch die Straßen ritt.

Sie haben ja einmal erlebt, wie eine junge Frau erschossen wurde.

Ja, das war 1962. Sie musste sterben, weil sie sich in den falschen Mann verliebt hatte. Ich beschreibe das in meinem neuen Roman.

Eine große, traurige Anklage an die arabische Welt ist Ihr Roman "Die dunkle Seite der Liebe" - voller Mord und Totschlag, alle werden verfolgt, gequält und...

...es ist auch eine Geschichte voller Liebe und Lachen. Und Trauer. Mein Roman behandelt drei Generationen von Liebenden in 110 Jahren. Aber zurück zu der jungen Frau: Sie war 18, Muslimin und schöner als eine Jasminblüte, und sie hat diesen Christen geliebt, einen Gigolo, der ihrer Liebe nicht wert war. Aber egal. Sie wurde verwarnt, sie hielt an ihrer Liebe fest, sie wurde bedroht, sie hat ihre Liebe nicht aufgegeben. Und dann wurde sie von ihrem Bruder erschossen.

Wie war das für Sie?

Wie können Sie das fragen? Fürchterlich. Ich schaue auf die Straße runter, ich sehe ihren Bruder, er setzt ihr den Revolver an den Kopf, er schießt, mir fällt die Teetasse auf meine Hose, das Mädchen dreht sich im Kreis, fällt zu Boden, ruft: "Mama!" Ich könnte jetzt heulen. Sie ruft nochmals: "Mama! Hilf mir!" Und dann war sie tot. Und ihr Bruder muss nur zwei Jahre ins Gefängnis. Zwei Jahre! Der Staat hat diesem kaltblütigen Mord also zugestimmt.

Sie übertreiben.

Nein. Heute ist das alles noch schlimmer als in meiner Jugend. Aber auch ich musste damals meine Liebschaften heimlich machen, unter Lebensgefahr. Wenn ich erwischt worden wäre, als Christ eine Beziehung zu einer Muslimin oder einer verheirateten Frau zu haben, hätte ich wahrscheinlich umgebracht werden müssen.

Deshalb nun die Frage: Was ist das - ein Araber?

Das ist eine merkwürdig schwierige Frage. Es gibt nicht den Araber. Aber eines ist wichtig: Araber können Sie nicht ohne die Wüste verstehen.

Wie? Die Araber sind Wüstensöhne?

Das sind sie. Jeder Araber trägt ein Stück Wüste in sich. Ein Einzelner kann in der Wüste nicht überleben, sie erwürgt ihn - nur im Schutz der Sippe übersteht er die Wüste. Aber heute erwürgt die Sippenstruktur das Leben. Solange die Macht der Sippe nicht gesprengt wird, gibt es keinen Fortschritt in Arabien.

Anders ausgedrückt: Der Einzelne, das Individuum hat in der arabischen Gesellschaft keinen Platz?

Ja. Das zerreißt die Gesellschaft, es macht mir mehr Angst als die Bombenleger. Die Araber müssen das Individuum, die Rechte des Einzelnen anerkennen. Wir können hier angstfrei diskutieren. Sie können mich unterbrechen, mir widersprechen. In Arabien gibt es keine Diskussion. Es zählt die Hierarchie, nicht das Argument. Sie können dem Oberhaupt nicht widersprechen. Das gilt als Verrat. Nach dem Oberhaupt, dem Vater, kommen die alten Onkel, die alten Tanten, die älteren Söhne, und so geht es nach unten weiter bis zu den Mädchen, die ohne Rechte sind. Erst wenn eine Frau alt ist, wenn sie das Sexuelle, die Begierde abgelegt hat, keine Kinder mehr bekommen kann, also über 40 ist, kann sie zur Herrscherin werden.

Das ist ja wie bei der Mafia.

Mafia ist ja auch ein arabisches Wort, das heißt "Schatten geben, verstecken", und in der arabischen Gesellschaft gilt wie bei der Mafia die absolute und bedingungslose Solidarität mit der Sippe. Allein der Clan zählt. Und als Kind werden Sie drauf trainiert, auf diese Strukturen Rücksicht zu nehmen. Auf die Paschas. Dieses Clan-System lähmt heute alles, führt dazu, dass die Söhne von Herrschern die Macht übernehmen. Ein junger Assad macht Syrien nicht demokratischer, er übernimmt die alten Strukturen, die alten Geheimdienste, die Waffen. Er herrscht mit seinem Clan wie im Mittelalter, verfügt aber über die Waffen des 21. Jahrhunderts.

Sie haben vor 30 Jahren Syrien verlassen - vielleicht hat sich das Regime geändert, vielleicht ist alles offener, freier geworden.

Nein, nichts hat sich verändert. Das Clan-System dominiert immer noch alles. Entweder du kommst aus einer anerkannten Familie, oder du bist chancenlos. Hier in Deutschland konnte ich Prüfungen ablegen, ich bekam ein Hochbegabten-Stipendium - in Syrien hätte ich das nie geschafft. Da müssen Sie in der Partei sein, sie müssen mit dem Diktator verwandt, verfilzt, versippt oder der Sohn seines Chauffeurs sein, um etwas zu erreichen.

Aber hier haben Sie etwas erreicht: Sie sind, wie Sie vorhin sagten, der weltberühmteste syrische Schriftsteller.

In Syrien heißt es: Emigranten sterben tragisch und jung, oder sie werden weltberühmt. Ich liebe das Leben, deshalb musste ich weltberühmt werden.

Der amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe meinte mal, es sei ja ganz schön, mit Schreiben Geld zu verdienen, aber "der Ruhm ist besser. Wir schreiben alle für unsere eigene Herrlichkeit, ausnahmslos".

Er ist ein kluger Mann. Manche sagen in heuchlerischer Bescheidenheit, "ich schreibe nur für mich". Unsinn, dann kann ich Tagebücher schreiben und bettele nicht um Veröffentlichungen. Man schreibt wie ein Weltverbesserer. Oft mit wahnsinnigen Illusionen. Ich glaube, in jedem Autor steckt ein gehemmter Politiker, im Hinterkopf den Gedanken: unterhaltend die Menschen aufzuklären. Die Moral hechelt mit hängender Zunge dem Terror des Alltags hinterher, und ich meine schon, dass man beim Schreiben und Erzählen auf Diktatur, Rassismus, Ungerechtigkeit kommen muss.

Wie war das für Sie, als Sie Ihr erstes Buch in den Händen hielten?

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, ich habe es auf den Nachttisch gelegt, es angeschaut und gesagt: Mensch, du bist gedruckt, und das noch in einer fremden Sprache! Ich war überglücklich, es war mein Werk, ich war arm, und ich hatte es geschafft. Deutschland, die deutsche Sprache haben mir dazu verholfen, sie haben mich entfaltet. Aber ich habe meine arabische Gelassenheit verloren und an Heiterkeit eingebüßt: Ein neues Buch kommt raus, ich freue mich, aber nicht lange. Ich gucke sofort nach Druckfehlern, denke sofort: Was schreibst du als Nächstes? In Damaskus habe ich viel heiterer gelebt, hier bin ich ernster geworden. Man bleibt im Exil nicht unberührt. Ich bin offenbar nun wirklich ein guter Deutscher.

Lehnen Sie sich doch zurück: Sie sind nun in 23 Sprachen übersetzt.

Ja. Mein Land hat mich verstoßen, wegen dieses unmenschlichen Regimes habe ich meine Eltern, meine Familie zurückgelassen, sie verloren. Ich bin meinem Exil dankbar, ich habe meine Seele und meine Zunge durch die Flucht gerettet, und ich habe einen Erfolg, den ich in Syrien nie geschafft hätte. Aber eine Wunde ist in mir: Keines meiner Bücher gibt es auf Arabisch.

print