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Ebola-Fall in New York So schockierend wie ein Attentat


Der an Ebola erkrankte Arzt versetzt New York in einen Schockzustand. Craig Alan Spencer könnte das Virus bei U-Bahn-Fahrten weit verteilt haben. Für Republikaner ist klar: Der Fall ist Obamas Fehler.
Von Alexandra Kraft, New York

Die Bestätigung des ersten Ebola Falles in New York hat die USA in einen Schockzustand versetzt. Als das positive Testergebnis gestern Abend bekannt wurde, unterbrachen zahlreiche Fernsehsender ihr laufendes Programm. CBS schaltete sogar das gerade begonnen Football-Spiel der Denver Broncos ab. Das ist ungefähr so, als wenn in Deutschland eine Begegnung der Fußball-Nationalmannschaft einfach ausgeblendet würde.

Atemlos berichteten betont ernst drein schauende Moderatoren von der Erkrankung Craig Alan Spencers. Ebola in der Millionenstadt, ein junger Arzt, der wenige Stunden vor der Diagnose noch mit den Linien A, L und 1 der New Yorker U-Bahn gefahren war und Bowling gespielt hatte - so hieß es in hastig eingeblendeten kleinen Balken am unteren Rand des Bildes.

Ebola weckt Urängste

Ebola ist in den USA längst nicht nur eine Infektionskrankheit im fernen Afrika, sondern eine nationale Bedrohung. So war der Amoklauf im kanadischen Parlament plötzlich nur noch kalter Kaffee. Die Angst vor einem Terroranschlag vergessen. Ebola war die Nachricht des Abends und der Nacht. Gibt es bald weitere Fälle in New York? Das war die bestimmende Frage. Gar eine Epidemie? Rational ist anders. Aber Ebola weckt bei den Amerikanern gerade Urängste.

Zu tief sitzt der Schock über die Missstände im Fall des ersten Ebola-Patienten Thomas Eric Duncan. Der war erst im Krankenhaus abgewiesen worden, bevor Tage später endlich Ebola diagnostiziert worden war. Bis dahin lebte er mit seinen Angehörigen in einem Apartment. Niemand war bereit, die Wohnung zu reinigen, seine Familie hauste zwischen schmutzigen Bettlaken.

Aus den Fehlern aus Texas lernen

Vier Tage dauerte es, bis endlich eine Ersatzwohnung gefunden werden konnte. Bei der Pflege Duncans infizierten sich zwei Krankenschwestern mit Ebola. Das Dallas Presbyterian Hospital war so schlecht auf einen solchen Fall vorbereite, dass noch nicht einmal die richtige Schutzkleidung vorhanden war. Eine bereits erkrankte Schwester flog später sogar noch, mit Erlaubnis des Center for Disease Control and Prevention (CDC), der amerikanischen Seuchenschutzbehörde, an Bord eines Passagierfliegers von Cleveland nach Dallas. Also, in der Phase, in der sie mit großer Wahrscheinlichkeit bereits ansteckend war.

Ausgerechnet in dem Land, von dem der amerikanische Präsident Obama immer wieder betont hatte, dass es das beste Gesundheitssystem mit den besten Ärzten der Welt sei, war alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Der Satz Obamas: "Wir sind vorbereitet" war zur peinlichen Lachnummer verkommen. Die CDC machte alles nur noch schlimmer. Chef Tom Frieden und sein Team gaben an, mehr über Ebola zu wissen, als sie am Ende wirklich wussten. Nur so konnte ihnen die Situation derart aus den Händen gleiten.

Freundin und Freund in Quarantäne

In New York soll nun alles besser laufen. Inzwischen ist ein Spezial-Team der CDC in der Stadt. Der 33-jährige Spencer wird im Bellevue Hospital behandelt. Der Mann, der für Ärzte ohne Grenzen in Guinea war, liegt dort in einem eigens für hochansteckende Patienten eingerichteten Isolationsraum in der siebten Etage. Seine Verlobte und zwei enge Freunde wurden ebenfalls isoliert. Außerdem wird derzeit ein Bewegungsprofil Spencers erstellt, um möglichst schnell alle weiteren Kontaktpersonen zu finden. In einer Stadt mit so vielen Menschen und einem gigantischen Massentransportsystems eine echte Herkules-Aufgabe. Auch weil Spencer offensichtlich bereits ansteckend war, als er den weiten Weg von Manhattan nach Brooklyn zum Bowling gemacht hat.

Die Angst ist groß. Es herrscht viel Unsicherheit. Die Übertragungswege von Ebola kennen nur wenige. Um die Bewohner von Manhattan zu beruhigen, plant Gouverneur Cuomo heute mit der U-Bahn zu fahren. Er sagt: "Wir sind vorbereiten, es gibt keinen Grund für die New Yorker Panik zu bekommen." Auf Twitter fragen verunsicherte New Yorker: "Wie lange kann der Ebola Virus in Spucke überleben?" Oder berichten: "Ich fahre nicht mehr mit der U-Bahn aus Angst vor den Haltegriffen."

Infozettel für die Nachbarn

Vor Spencers Wohnhaus in der 147. Straße im Stadtteil Washington Heights haben sich Journalisten aus aller Welt versammelt. An die Nachbarn wurden kleine Infozettel verteilt. "Ebola. Bin ich gefährdet?" steht darauf in blauen Buchstaben. Am Ende heißt es: "Wenn Sie mit Symptomen in Krankenhaus gehen, werden Sie nicht nach ihrem Immigrations-Status gefragt." So soll verhindert werden, dass sich eventuell an Ebola erkrankte illegale Einwanderer verstecken.

Die Bowling Bahn, auf der Spencer am Sonntag noch spielte, ist inzwischen vorsichtshalber geschlossen. Der 33-Jährige war erst vor wenigen Tagen von seinem Einsatz im Ebola-Krisengebiet zurückgekehrt. Er stand dort in direktem Kontakt mit Ebola-Patienten und trug ein großes Risiko, sich infiziert zu haben. Wieder in New York, hatte er zwei Mal täglich seine Temperatur gemessen. Mehr Vorsichtsmaßnahmen gibt es nicht, auch nicht für gefährdete Ärzte wie Spencer.

"Obamas Fehler"

Auch politisch sorgt der erste Ebola-Fall in New York für große Aufregung. In wenigen Tagen sind die wichtigen Wahlen zum Kongress. Die Republikaner nutzen jede Chance, Präsident Obama und seine Demokraten als unfähig darzustellen. Nur Minuten nach Bekanntwerden der Erkrankung in New York meldete sich der Milliardär und bekennende Republikaner Donald Trump zu Wort. "Obamas Fehler", schrieb er. In einem zweiten Tweet sieben Minuten später legte er nach: "Ich sage es seit Wochen, Obama hätte alle Flüge aus Westafrika stoppen sollen. So einfach ist das, aber er lehnte ab. Ein Unfähiger."

Schon seit dem ersten Fall in Dallas forderten zahlreiche Republikaner, Flüge aus der Krisenregion nicht mehr ins Land zu lassen. Obama hatte das immer abgelehnt, mit der Begründung, eine solche Sperre würde die Lage vor Ort nur noch verschlimmern und Grenzen seien trotzdem immer durchlässig.

Mit manchem ging auf Twitter in der Nacht dann alles durch. So twitterte Nick Muzin, Berater des mächtigen texanischen Senators Ted Cruz: "Vor Obama Care gab es nicht einen einzigen Ebola Fall in den USA." Was die Erkrankungen mit der von den Republikanern gehassten Krankenversicherung zu tun hat, führte er nicht weiter aus. Die Reaktionen ließen nicht lange warten. "Idiot des Tages" hieß es bald auf Twitter. Muzin löschte seinen Eintrag später. Und versuchte eine Art Entschuldigung: "Das war ein schlechter Witz, mein Sarkasmus hat online nicht funktioniert." Aufrichtig hört sich anders an.


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