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Ebola in Europa und USA Wovor haben wir eigentlich Angst?


Obwohl sich die Ebola-Fälle in Europa und den USA an zwei Händen abzählen lassen, macht sich Panik vor einer Seuche breit. Vollkommen zu unrecht, meint unser Autor. Zu viele Fakten sprechen dagegen.
Ein Kommentar von Frank Ochmann

Als im Juli zwei mit Ebola infizierte Helfer aus den USA zurück in die Heimat gebracht werden sollten, um ihnen dort optimale medizinische Versorgung zu ermöglichen, führte dies zuhause zu heftigen Protesten. Man solle doch nicht etwa mit den Kranken das Virus einschleppen und so das ganze Land gefährden! Natürlich seien die beiden sehr zu bedauern, aber deshalb müsste man sie ja nicht gleich... nun ja.

Diese Patienten kamen trotzdem und konnten nach wenigen Wochen geheilt entlassen werden. Bei einem kürzlich aus Liberia in Texas eingereisten Mann war der Verlauf nicht so glücklich. Er starb, und zwei Schwestern, die den Todkranken zuvor versorgt hatten, infizierten sich ebenfalls mit Ebola. Nun also auch New York. Ein Arzt, der in Guinea gearbeitet hat, wurde nach seiner Rückkehr positiv auf das Virus getestet.

Jetzt geht die Angst erst richtig um in den Vereinigten Staaten. An jeder Ecke scheint das Virus zu lauern. Und jeder mit schwarzer Hautfarbe scheint ein potentieller Überträger zu sein. Natürlich ist das absurd. Aber Verängstigte beruhigt man nicht, indem man sie von oben herab für dumm erklärt, so berechtigt das im Einzelfall auch sein mag. Die einzige Chance, Ruhe zu schaffen und einen klaren Kopf zu behalten, ist verständnisvolle Überzeugung durch Fakten. Und dann bleibt nur noch zu hoffen, dass die Realitätsspritze wirkt.

55 Prozent der Deutschen haben Angst vor Ebola

Auch bei uns in Deutschland haben inzwischen 55 Prozent der Menschen Angst vor Ebola, so eine Forsa-Umfrage für den stern diese Woche. Sie fürchten, dass die Seuche Afrika verlassen und sich bei uns so festsetzen könnte wie das seit Monaten schon in Guinea, Sierra Leone und Liberia der Fall ist und angrenzende Gebiete womöglich noch betreffen wird. Ein erster Fall ist nun auch aus Mali bekannt. Aber drohen uns solche Verhältnisse? Ist es realistisch, dass auch in Berlin oder Hamburg, Frankfurt oder München demnächst Sterbende blutend auf der Straße liegen, weil es in Krankenhäusern und provisorischen Isolierstationen einfach keine Hilfe mehr gibt? So ist das jetzt schon in Westafrika. Jeden Tag. Auf uns übertragen aber ist so ein Szenario nichts als ein Albtraum, fern jeder Wirklichkeit.

Man kann sich hierzulande kaum anstecken

Diese Einsicht ist grundlegend: Eine Infektion ist nur da möglich, wo das Virus schon ist - eine Binsenweisheit selbstverständlich, aber eine, die gern mal übersehen wird. Ebola wird halt nicht gebeamt und fällt auch nicht sonst wie vom Himmel. In unseren Regionen und auch in den USA gibt es zudem - anders als in Afrika - kein "natürliches Reservoir" für den Erreger, wie Wissenschaftler sagen. Ebola existiert also nicht irgendwo in unserer heimischen Natur, lauert nicht in Fledermäusen, die kopfunter in einer Höhle im Schwarzwald oder in der Sächsischen Schweiz hängen. Wir importieren auch kein Wild - "bushmeat" -, in dem das Virus zu uns gelangen könnte. Denn Flughunde oder Schimpansenhirne gelten bei uns - anders als in Teilen Afrika - nicht als Delikatesse.

So bleibt nur eine Möglichkeit sich hierzulande anzustecken: Bei Menschen aus dem Seuchengebiet, die schon infiziert zu uns kommen, aber hier erst krank werden. Helfer zum Beispiel, die nach einem Einsatz in Westafrika zu uns zurückkommen und hier erst erkranken. Denn vorher ist niemand ansteckend. Und ein Infizierter, in dem das Virus schon zu Symptomen geführt hat, verschwendet keinen Gedanken mehr ans Reisen, so sehr haut ihn der Ausbruch um.

Wenn doch bereits Kranke zu uns kommen, dann deshalb, weil ihnen in den bestens ausgerüsteten Isolier- und Intensivstationen Europas oder Amerikas besser zu helfen ist als unter den katastrophalen Bedingungen vor Ort. So war das bei jenem senegalesischen Arzt, der von Ende August an als erster derartiger Fall in Deutschland am Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf behandelt wurde und Anfang Oktober gesund nach Afrika zurückgekehrt ist. Diese Einreise war geplant. Was aber ist mit Einreisen Infizierter, die nicht wochenlang vorbereitet und behördlich genehmigt werden und somit unter dem "Radarschirm" des Seuchenschutzes passieren?

Es kämen maximal drei Erkrankte pro Monat

Die USA hatten einen ersten derartigen Fall. Woanders gab es Verdachtsfälle. Doch nichts von alledem gibt in unseren Breiten berechtigten Anlass zu besonderer Sorge. Nun könnte werden, was noch nicht ist. Könnte es also noch anders kommen? Könnten so viele Infizierte einreisen, dass wir hier schlicht den Überblick verlieren?

Weil sich auch Politiker und Gesundheitsverantwortliche in aller Welt diese Frage stellen, hat ein kanadisches Forschungsteam der Universität Toronto mit den besten derzeit verfügbaren Simulationsprogrammen und allen in den vergangenen Monaten gewonnenen Daten des Ebola-Ausbruchs am Computer abgeschätzt, wie große die Gefahr einer internationalen Ausbreitung tatsächlich ist.

Solche Vorhersagen sind schon deshalb wichtig, weil sie Grundlage für Maßnahmen wie verstärkte Kontrollen an Flughäfen und Häfen oder gar strikte Reiseverbote sein können. Deren Durchsetzung aber kostet nicht nur viel Geld bei denen, die sie verhängen. Sie würden zudem eine wirtschaftlich bereits schwer getroffene Region wie Westafrika zusätzlich unter Druck setzen und am Ende auch destabilisieren. Kosten und Nutzen von beschränkenden Maßnahmen müssen also bilanziert werden, um zu einer klugen Entscheidung zu kommen. Und so ist für die Vorsichtsmaßnahmen in Gesellschaften wie unsere die entscheidende Frage: Mit wieviel infizierten Reisenden aus dem Seuchengebiet müssen wir überhaupt rechnen?

Die sorgfältig errechnete Antwort des kanadischen Teams beruhigt: mit drei (um genau zu sein: 2,8) Virusträgern pro Monat müsste weltweit gerechnet werden, wenn es keine weiteren Kontrollen und Beschränkungen als die schon verhängten gäbe. Mehr nicht. Und es sollte angesichts weltweiten Alarms doch wohl nicht sehr schwer sein, diese drei Kranken mit dann schwersten Symptomen zu isolieren und bestmöglich zu behandeln. Schon jetzt liegen die Passagierzahlen der betroffenen afrikanischen Flughäfen um bis zu 85 Prozent unter denen vor Ebola. Nur aus Angst um uns selbst jedenfalls gibt es keinen ernsthaften Grund, die Länder der Region weiter zu belasten.

Es gibt nur eine begründete Angst

Viele schwerwiegende Gründe gibt es dagegen, sich um die Menschen in Afrika Sorgen zu machen. Dort und nur dort wütet das Virus. Stellenweise ohne nennenswerten Widerstand. Nachdem Monate beinahe tatenlos vergangen sind, ist es jetzt höchste Zeit, die ganze Aufmerksamkeit auf das zu konzentrieren, was erforderlich ist, um den Ausbruch zu stoppen. Und all das betrifft die Lage vor Ort und die Menschen dort, die unter unsäglichen Bedingungen leiden oder zumindest bedroht sind, zu den vielen Tausenden zu gehören, die in den nächsten Monaten auf jeden Fall noch erkranken und sterben werden. An die Zeit danach ist noch gar nicht zu denken. Aber auch die wird furchtbar sein in einer Region, der nun noch die letzten Reste von wirtschaftlicher wie medizinischer Infrastruktur und funktionierender Staatlichkeit geraubt werden - von einem Virus ebenso wie von zu lange währender weltweiter Passivität.

Wer also bei uns Angst hat vor Ebola, sollte Angst um die Menschen in Afrika haben. Denn diese Angst ist nur zu begründet.


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