HOME

Flugzeugabsturz in Madrid: Polizei sucht Familie M.

An Bord des Madrider Unglücksflugzeugs saßen wahrscheinlich auch Gerd und Claudia M. aus Pullach, sie wollten mit ihren zwei Söhnen nach Gran Canaria fliegen. Mittlerweile haben Rettungskräfte die letzten Leichen aus dem verkohlten Wrack geborgen. Die Forensiker werden Tage brauchen, bis sie alle 153 Opfer des Flugzeugabsturzes identifiziert haben.

Unter den Opfern des Flugzeugunglücks von Madrid ist möglicherweise eine Familie aus Bayern. Ein Ehepaar und ihre zwei Söhne aus dem Freistaat stehen auf der Passagierliste, wie das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) bestätigte. Es handelt sich um Gerd und Claudia M. aus Pullach, die mit ihren zwei Söhnen nach Gran Canaria fliegen wollten. Bisher ist allerdings nicht sicher, ob die Familie den Flug auch antrat. Doch niemand weiß etwas über ihren Verbleib. Die Polizei schirmt das Haus der Familie in Pullach ab.

"Wir wissen nur, dass vier Namen von bayerischen Bürgern auf der Passagierliste stehen. Wir wissen aber nicht, was mit ihnen passiert ist", sagte LKA-Sprecher Ludwig Waldinger. Zurzeit würden sie als Vermisste behandelt. Die Angehörigen werden von einem Kriseninterventionsteam betreut. Klarheit soll eine DNA-Analyse bringen. Das Ergebnis wird aber nach Einschätzung von Experten nicht mehr am Donnerstag erwartet. Die spanischen Behörden hätten bei den deutschen Kollegen um genetisches Vergleichsmaterial gebeten. Die Polizei hat DNA-Spuren im Haus der Vermissten gesichert.

Alle Leichen gefunden

Fast 24 Stunden nach dem Absturz haben die Bergungsmannschaften an der Unglücksstelle die letzten zwei Leichen aus dem Wrack geborgen. Bei den Toten handele es sich um einen Säugling und um einen Erwachsenen, teilte der Chef der Flughafenfeuerwehr, Benjamín Olivares mit. Damit sind die Leichen von allen 153 Opfern der Katastrophe geborgen.

Die Suche nach weiteren Toten könne eingestellt werden, so der Feuerwehrchef. An der Zahl der Opfer ändert sich durch den Fund nichts. Von den insgesamt 172 Insassen der Maschine der spanischen Fluggesellschaft Spanair befinden sich 19 mit schweren Verletzungen in Krankenhäusern.

In der zum Leichensaal umfunktionierten Messehalle wurde damit begonnen, die Toten zu identifizieren. Nach Angaben des Roten Kreuzes wird es mehrere Tage dauern, bis die Forensiker alle Opfer identifiziert haben. Ein Ende sei nicht absehbar, sagte eine Sprecherin. Viele Leichen sind so verkohlt, dass eine Identifizierung nur mit Hilfe von DNA-Analysen möglich sein wird.

Spanier dürfen bei Olympia nicht trauern

Spaniens Wunsch, bei den Olympischen Spielen der Opfer des schweren Flugzeugunglücks zu gedenken, ist beim IOC auf Widerstand gestoßen. Ein Antrag, spanische Flaggen auf Halbmast zu setzen und die Athleten mit Trauerbändern die Wettkämpfe antreten zu lassen, sei abgelehnt worden, erklärte das Olympische Komitee des Landes am Donnerstag in Peking. Das IOC habe damit genauso entschieden wie bei ähnlichen Anfragen anderer Länder. Die spanischen Goldmedaillen-Gewinner im Segeln, Fernando Echavarri und Anton Paz, trugen auf dem Siegerpodest dennoch schwarze Armbänder.

Unterdessen haben Spezialisten begonnen, nach den Ursachen der schlimmsten spanischen Luftfahrt-Katastrophe seit 25 Jahren zu suchen. Eine Maschine der Fluggesellschaft Spanair war am frühen Mittwochnachmittag unmittelbar nach dem Start auf dem Flughafen Madrid-Barajas zerschellt und in Flammen aufgegangen. Beide Flugschreiber des verunglückten Flugzeugs wurden wenige Stunden nach dem Unglück gefunden und einem Ermittlungsrichter übergeben. Der Richter verhängte für die Untersuchungen eine Nachrichtensperre.

Acht Lufthansa-Tickets

Von den Passagieren der Unglücksmaschine von Madrid hatten acht ein Ticket der Lufthansa - anfangs war noch von sieben Tickets die Rede gewesen. Vier dieser Passagiere hätten ihren Wohnsitz in Deutschland, bestätigte ein Lufthansa-Sprecher. Sie seien definitiv eingecheckt, es stehe aber nicht mit letzter Sicherheit fest, dass sie auch an Bord waren. Auf der Website der Spanair wurden die Namen der Menschen veröffentlich, die auf der Passagierliste stehen.

Nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin nahm die deutsche Botschaft in Madrid Kontakt zu Spanair auf, um näheren Informationen zu bekommen; zwei Botschaftsangehörige fuhren zum Flughafen. Die Lufthansa hat nach eigenen Angaben ein Team psychologisch geschulter Fachleute nach Madrid gesandt, um Spanair bei der Betreuung der betroffenen Fluggäste und deren Angehörigen zu unterstützen.

Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero brach nach der Katastrophe seinen Urlaub in Südspanien ab und eilte zum Madrider Flughafen und anschließend zum Kongresszentrum, das als provisorische Leichenhalle diente. Zapatero sprach von einer "Tragödie". Am Kongresszentrum trafen unter Polizeieskorte zahlreiche Leichenwagen ein. Angehörige von Passagieren und Besatzungsmitgliedern wurden abgeschirmt von der Öffentlichkeit in einen Warteraum gebracht.

Das Unglück wurde in Medienberichten darauf zurückgeführt, dass möglicherweise beim Start ein Triebwerk der zweistrahligen Maschine des Typs MD-82 in Brand geraten sei. Luftfahrtexperten wiesen jedoch darauf hin, dass bei der Katastrophe auch andere Faktoren eine Rolle gespielt haben müssten. Eine Maschine dieses Typs könne notfalls auch mit nur einem Triebwerk starten.

"So stelle ich mir die Hölle vor"

"Ich sah, wie das Flugzeug in mehrere Teile zerrissen wurde", berichtete ein Autofahrer, der das Unglück von einer Autobahn aus beobachtet hatte. "Dann gab es eine heftige Explosion. Ich hatte zuerst gedacht, die Maschine wäre dabei zu landen. Aber dann neigte sie sich plötzlich zur Seite und bohrte sich mit der rechten Tragfläche in die Erde."

Den Rettungsmannschaften bot sich ein Bild des Schreckens. "Da sah nichts mehr nach einem Flugzeug aus", sagte ein Polizist. "So stelle ich mir die Hölle vor." Ein Kollege ergänzte: "Es war alles schwarz und verbrannt. Die Leichen waren so heiß, dass wir uns beim Wegtragen die Finger verbrannten."

Ein Mitglied der Bergungsmannschaften meinte, es sei ein Wunder, dass in dem Inferno überhaupt Menschen überlebt haben. "Die Leichen in den Trümmern waren verkohlt, viele auch verstümmelt." Rund 60 Krankenwagen rasten zur Unglücksstelle. Die meisten von ihnen mussten unverrichteter Dinge umkehren, denn nur wenige Passagiere überlebten das Unglück. Eine riesige Rauchsäule war kilometerweit zu sehen.

Techniker gaben grünes Licht für zweiten Start

Verkehrsministerin Magdalena Alvarez bestätigte, dass der Pilot des Jets vor dem Unglück einen Start abgesagt habe, weil technische Probleme aufgetaucht seien. Die Techniker hätten danach aber grünes Licht für den Flug gegeben: "Die Wartung von Spanair hat nach einer Kontrolle den Start zugelassen", sagte Alvarez im spanischen Rundfunk. Welche Probleme der Pilot genau gemeldet hätte, müsse von der Untersuchungskommission geklärt werden.

Spanair erklärte, das Unternehmen wolle sich nicht an Spekulationen über die Unglücksursache beteiligen. Zunächst gelte es, sich um die Opfer und deren Angehörigen zu kümmern. Die Maschine war nach Angaben von Spanair 15 Jahre alt und allen vorgeschriebenen Inspektionen unterzogen worden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem spanischen Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero ihr Beileid aus. Sie sei schockiert vom Ausmaß der Katastrophe und der Zahl der Toten und Verletzten und nehme Anteil am Leid der Familien, die ihre Angehörigen verloren hätten, sagte Merkel nach Angaben des stellvertretenden Regierungssprechers Thomas Steg. Die Bundesregierung habe Spanien die Unterstützung deutscher Experten für die Identifzierung von Leichen angeboten. Spanien habe das Angebot angenommen.

Laut Flugplan sollte die Spanair-Maschine um 13.00 Uhr vom Großflughafen Barajas der spanischen Hauptstadt nach Gran Canaria abheben. Wie die Zeitung "El País" berichtete, wurde der Start wegen technischer Probleme aufgeschoben. Gegen 14.45 Uhr raste die Maschine dann über die Landebahn hinaus und ging in Flammen auf.

Telefonhotline der Spanair für Angehörige: 0034 800 400 200

AP/DPA/AFP / AP / DPA