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Katastrophe auf Haiti: Experten warnen vor heftigen Nachbeben

Viele Menschen, die das Erdbeben auf Haiti überlebt haben, sind traumatisiert. Aus Angst vor Nachbeben schlafen sie im Freien. Laut Experten ist ihre Furcht nicht unbegründet.

Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti mit mutmaßlich Zehntausenden Toten müssen die Menschen nach Einschätzung von Experten mit teils erheblichen Nachbeben rechnen. "Die Gefahr ist groß. Bei einem so starken Hauptbeben über Magnitude 7 muss man in den nächsten Tagen und Wochen und auch in den nächsten Monaten leider noch mit starken Nachbeben rechnen", sagte der Seismologe am Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ), Jochen Zschau, dem Nachrichtensender n-tv.

Es habe bereits eine Vielzahl von Nachbeben mit Stärken um den Wert 6 herum gegeben. "Das sind immer noch Stärken, die katastrophal sein können", sagte Zschau. Auch in den nächsten Wochen und Monaten seien durchaus Ereignisse der Magnitude 5 oder 6 möglich. Die Stärke des Hauptbebens habe "etwa der Energie von acht Hiroshima-Bomben" entsprochen, wird der Experte zitiert. Der Zeitpunkt eines solchen Bebens sei nicht vorhersagbar. Die ganze Region gehöre aber zu einer "hochgradig erdbebengefährdeten Region, genauso wie Kalifornien. Hier muss man jederzeit mit einem starken Ereignis rechnen", sagte Zschau.

Internationale Hilfe angelaufen

Die internationale Hilfe ist inzwischen angelaufen. Die USA und zahlreiche andere Länder brachten am Mittwoch Hilfsgüter, Rettungsteams und Material auf den Weg in den Karibikstaat. US-Präsident Barack Obama sagte in Washington, er habe den Regierungsbehörden Anweisung geben, in einer "raschen" und "koordinierten" Anstrengung Menschenleben in Haiti zu retten. Am heutigen Donnerstag wird die Ankunft des US-Flugzeugträgers "USS Carl Vinson" vor Haiti erwartet. Er bringe weitere Hubschrauber für die Rettungsarbeiten und könne zudem als zusätzlicher Landeplatz für Hilfsgüter-Transporte dienen, da der Flughafen von Port-au-Prince überlastet sei, teilte das US-Militär mit.

Die USA schicken 2000 Marineinfanteristen, zivile Helfer, Schiffe, Transportflugzeuge und Hubschrauber in den Karibikstaat. "Wir müssen in ihrer Stunde der Not für sie da sein", sagte US-Präsident Barack Obama.

Zu den ersten Helfern aus dem Ausland gehörten 37 Bergungsspezialisten aus Island, die Ausrüstung mit einem Gewicht von zehn Tonnen mitbrachten. Frankreich entsandte mehrere Flugzeuge in die Region. An Bord sind rund 100 Gendarmen, Feuerwehrleute und Mediziner aus den französischen Antillen. Außerdem schickt Paris aus Südfrankreich ein Flugzeug mit 65 Mann für die Bergungsarbeiten. Dazu kommen Notärzte und Katastrophenhelfer. Spanien stellte unter anderem 100 Tonnen an Zelten, Decken und Kochgerät bereit, die in drei Flugzeuge verladen wurden. Bereits vor Ort sind mehrere hundert kubanische Ärzte, die Verletzte in Feldlazaretten behandelten. Zahlreiche weitere Länder entsandten Such- und Bergungsteams sowie Spürhunde. Die Internationale Föderation vom Roten Kreuz und Roten Halbmond bereitete sich auf Hilfe für "ein Maximum von drei Millionen Menschen" vor.

Lage vor Ort ist chaotisch

Vor Ort war die Lage weiter chaotisch. Traumatisierte Überlebende des Bebens, das vermutlich Zehntausende Menschen das Leben kostete, schliefen aus Angst vor Nachbeben auf den Straßen und in Parks. Es gab keine Anzeichen für koordinierte Rettungsmaßnahmen für die zahlreichen verletzten und noch verschütteten Menschen.

Die Hilfsorganisationen vor Ort zeigten sich angesichts des Ausmaßes des Desasters schockiert. Es gab nicht ausreichend Ärzte und Medikamente, um die Verletzten zu versorgen. Ein verzweifelter junger Mann schrie Reporter an: "Zu viele Menschen müssen sterben. Wir brauchen internationale Hilfe! Es gibt keinen Rettungsdienst, keine Lebensmittel, kein Wasser, kein Telefon, kein gar nichts!"

Retter müssen Umweg in Kauf nehmen

Darüberhinaus gestaltet sich die Anreise für die Helfer aus dem Ausland problematisch. Die Rettungstrupps müssen zum Teil einen Umweg über Santo Domingo nehmen, die Hauptstadt der Dominikanischen Republik. Dort sind in der Nacht zum Donnerstag Dutzende Hilfstrupps für Haiti gelandet. "Es kommen sehr viele Flugzeuge an aus New York, aus Frankfurt, aus Panama und anderen Ländern", berichtete ein Augenzeuge. "In vielen dieser Maschinen sind Hilfstrupps, die auf dem Weg nach Haiti sind."

Der Flughafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince könne noch nicht angeflogen werden, da der Kontrollturm eingestürzt sei. US-Helfer arbeiteten am Aufbau eines "Behelfs-Turms". Durch den Umweg über Santo Domingo verzögere sich die Ankunft der Hilfsgüter erheblich. "Man braucht drei Stunden bis zur Grenze mit dem Auto und dann noch mal zwei Stunden bis Port-au-Prince."

Clinton vergleicht Beben mit Tsunami von 2004

US-Außenministerin Hillary Clinton brach eine Asienreise ab, um von Washington aus die US-Hilfe zu koordinieren. Clinton verglich das Erdbeben in Haiti mit der Tsunami-Katastrophe Ende 2004 im Indischen Ozean, der mehr als 220.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Der Tsunami sei eine "schreckliche Tragödie" mit einer hohen Zahl an Todesopfern gewesen. Nach dem Beben der Stärke 7,0 in Haiti sei ebenfalls mit einer hohen Opferzahl zu rechnen.

Präsident Réné Préval, der am Flughafen von Port-au-Prince die internationale Hilfe koordinierte, wollte sich zunächst nicht zur Zahl der Opfer äußern. Die Untersuchungen liefen noch, es gebe "viele Opfer, vielleicht Tausende", sagte er. "Alle Krankenhäuser und Leichenhallen sind voll." Haitis Regierungschef Jean-Max Bellerive sagte CNN, die Zahl der Toten könne "deutlich über 100.000" liegen. Der Botschafter Haitis bei der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) trat diesen Angaben jedoch entgegen. Er gehe von nicht mehr als 30 000 Toten aus, sagte Duly Brutus in Washington vor der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation.

Ban Ki Moon und Bill Clinton fliegen ins Krisengebiet

Laut Préval war unter den Toten auch der Chef der UN-Friedensmission in Haiti (Minustah), der Tunesier Hedi Annabi. Er sei beim Einsturz des UN-Hauptquartiers getötet worden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon konnte Annabis Tod zunächst nicht bestätigen. Ban sprach in New York von einer Tragödie für Haiti und die Uno, die mindestens 16 Mitarbeiter beim Einsturz ihres Hauptquartiers in Port-au-Prince verlor; Dutzende weitere wurden verletzt, viele werden noch vermisst.

"Wir haben es mit einer großen humanitären Notsituation zu tun, die einen umfassenden Hilfseinsatz erfordert", sagte Ban. Zugleich kündigte er an, mit Clintons Ehemann, dem früheren US-Präsidenten und UN-Sondergesandten für Haiti, Bill Clinton, ins Erdbebengebiet reisen zu wollen. "Wir werden auf jeden Fall die Hilfsarbeiten inspizieren, allerdings nicht gleich jetzt", sagte Ban in New York. Clintons Hilfe werde dringend benötigt: "Er hat als Gouverneur, als Präsident und auch bei der Flutkatastrophe in New Orleans bewiesen, wie er mit seiner Reputation Hilfe organisieren kann."

Eine Sprecherin der Uno in Genf nannte die Hilfsanstrengungen einen "Wettlauf mit der Zeit". Schuttberge, die zusammengebrochene Strom- und Wasserversorgung und ein defektes Telefonnetz erschwerten die Arbeiten. Die Uno mobilisierte 37 Such- und Spürtrupps.

Weltbank stellt 100 Millionen Dollar Soforthilfe bereit

Zahlreiche Staaten und Organisationen kündigten umgehend Nothilfe an. Deutschland sagte 1,5 Millionen Euro zu, die EU gewährte drei Millionen Euro. Die Weltbank stellte 100 Millionen Dollar (knapp 69 Millionen Euro) an Soforthilfe in Aussicht. Australien sagte neun Millionen US-Dollar zu, Brasilien zehn Millionen Soforthilfe. Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande, Spanien und Italien sowie Russland, Kuba und weitere lateinamerikanische Länder schickten Rettungsteams und Ärzte.

Das Erdbeben hatte den Inselstaat am Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit (22.53 Uhr MEZ) erschüttert, das Epizentrum lag nur 15 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Haiti ist eines der ärmsten Länder der Welt und wurde in den vergangenen Jahren mehrfach von Naturkatastrophen heimgesucht.

APN/DPA/AFP/Reuters / DPA / Reuters