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Frachter verlor Container: Millionen Plastikteilchen der "MSC Zoe" angespült – wie konnte das nur passieren?

Im Januar verlor der Frachter "MSC Zoe" mindestens 345 Container in der stürmischen Nordsee. Seitdem wurden Millionen kleiner Plastikteilchen an der niederländischen Küste angespült. Doch wie konnte es überhaupt zu einem solchen Unfall kommen? 

Eine Feder am Strand von Schiermonnikoog ist bedeckt von Kunstoffgranulat,

Eine Feder am Strand von Schiermonnikoog ist bedeckt von Kunstoffgranulat, das tonnenweise im Gebiet der Groninger Wattküste und der vorgelagerten Inseln angespült wurde

Getty Images

Auf seiner Reise von Antwerpen nach Bremerhaven hatte der Frachter "MSC Zoe" im Januar mindestens mehrer Hundert Container in der stürmischen Nordsee verloren. Darunter auch zwei Behälter mit Gefahrgut. Tonnenweise wurde der Inhalt an Strände der Nordseeinseln vor den Niederlanden und Deutschland angespült. Auch Millionen von Plastikteilchen. Doch was bedeutet das für die Umwelt? Wie konnte ein Unfall solchen Ausmaßes überhaupt passieren? Und was sagt die Reederei dazu? Eine Bestandsaufnahme.

Die Havarie

In der Nacht auf den 2. Januar verlor die "MSC Zoe" der schweizer Reederei Mediterranean Shipping Company bei einer Havarie auf dem Weg vom portugiesischen Sines nach Bremerhaven in der stürmischen Nordsee mindestens 345 Container. Die meisten waren gesunken und liegen bei den niederländischen Wattenmeerinseln auf Grund, etwa 20 wurden bei Borkum geortet. Rund 20 waren an den Küsten angespült worden. Zwei Container mit Gefahrgut werden immer noch vermisst. 

Die "MSC Zoe" verlor in der Nacht auf den 2. Januar 2019 mehr als 300 Container

Die "MSC Zoe" verlor in der Nacht auf den 2. Januar 2019 mehr als 300 Container

Das Gefahrgut

In einem befanden sich 467 Pappkisten mit Lithium-Ionen-Batterien, insgesamt ca. 1,5 Tonnen. Der andere Container  enthielt 280 Pappkisten mit dem Produkt Perkadox, einem Gemisch aus 50% Dibenzoylperoxid und 50% Weichmacher (Dicyclohexylphthalat) , abgepackt in Säcken à 25 Kilogramm. Zudem wurde ein weiter Container mit Gefahrgut beschädigt. Er hatte rund 22,5 Tonnen Kunststoffkügelchen (Polystyrol) von etwa 0,5 Millimeter Durchmesser, abgepackt in 30 Säcken á einem Kubikmeter geladen. Wie viel aus dem von dem über Bord hängenden Container im Wasser gelandet ist, ist unklar. 

In den vergangenen Monaten wurden mehrere Säcke mit weißem Pulver an der niederländischen Wattenmeer-Insel Schiermonnikoog angespült. Auch in Borkum waren Säcke des havarierten Frachter angespült worden. Allerdings leer. Damit ist klar, dass sich zumindest ein Teil der gefährlichen Ladung auf dem Meeresboden verteilt hat. Dibenzoylperoxid ist ein weißes Pulver mit schwachem Geruch. Es wird unter anderem als Wirkstoff in der Dermatologie und in der Kunststoffherstellung verwendet. Im trockenen Zustand und bei großer Hitze kann es im Extremfall explodieren. In hoher Konzentration kann er die Atemwege reizen und kann für Pflanzen und Tiere sogar tödlich sein. 

Das Plastik-Problem

Doch nicht nur die Chemikalien sind ein großes Problem. Neben den Säcken wurden auch  Fernsehgeräte, Schutzbleche, Kunststoffblumen, Kriegsspielzeug, Plastikhelme, Plastikgewehre , Plastikschutzwesten, Schuhe, Pinsel, Glühbirnen und diverse andere Dinge an den Stränden von Borkum, Schiermonnikoog, Ameland, Terschelling und Vlieland angespült.Dazu noch jede Menge Kunststoffgranulat.

Die Unmengen an Plastik- und Verpackungsmüll bereitet Umweltschützern Sorge. Manfred Santen, Chemieexperte bei Greenpeace erklärt dem stern: "Es ist zu befürchten, dass das holländische und deutsche Wattenmeer ein Mikroplastikaufkommen größeren Ausmaßes erwarten muss." Zusammen mit seinem Team hat er zwei Wochen lang geholfen, die Strände zu säubern. In der Zeit wurde eine Vielzahl von Plastikprodukten aufgefunden. "Das angeschwemmte Material stellt nur einen Bruchteil dessen dar, was sich an Plastik in der Nordsee befindet. Die meisten Plastikprodukte werden über kurz oder lang durch UV-Strahlung, Meerwasser und mechanische Beanspruchung durch Wind und Wellen zu immer kleineren Teilchen zerrieben, bis hin zur Dimension von Mikroplastik. Diese kleinen Teilchen bzw. Partikel können von Meerestieren und Seevögeln mit Nahrung verwechselt und  aufgenommen werden und zu schweren Schädigungen führen. Das Ausmaß ist derzeit noch nicht abzuschätzen."

Die niederländische Armee räumt am Strand von Schiermonnikoog auf

Die niederländische Armee räumt am Strand von Schiermonnikoog auf, nachdem der Frachter "MSC Zoe" einen Teil seiner Container-Ladung verloren hatte

DPA

Mittlerweile wurden geschätzt etwa 24 Millionen Plastikteilchen allein im Gebiet der Groninger Wattküste und der vorgelagerten Inseln angeschwemmt. Das melden niederländischer Wissenschaftler der Universität Groningen. Die Universität begann kurz nach der Havarie eine Suchaktion, bei der freiwillige Helfer Sichtungen von Plastikmüll über eine App melden konnten. Seitdem gingen mehr als 300 Hinweise ein. Die höchste Konzentration fand man demnach auf der bei Urlaubern beliebten Insel Schiermonnikoog. Hier fand man rund 268 Körner pro Quadratmeter. An der Küste von Groningen waren es 253 Körner pro Quadratmeter.

Die möglichen Ursachen

Aber wie konnte es soweit kommen? Die "MSC Zoe" der schweizer Reederei Mediterranean Shipping Company ist mit mehr als 394 Metern Länge eines der größten Containerschiffe der Welt. Sie kann mehr als 19.000 Standardcontainer laden. In acht Reihen waren die Container auf der "MSC Zoe" auf besagter Tour übereinandergestapelt. Laut Havariekommando habe die Besatzung zweimal eine starke Bewegung des Schiffes sowie Geräusche wahrgenommen. Ob Bodenberührungen oder eine Verkettung von Umständen Ursache der Havarie waren, müssen die niederländischen und deutschen Schiffsunfallbehörden sowie die Staatsanwaltschaft klären. Möglich wäre auch, dass die Container nicht ausreichend gesichert waren.

Diverses Strandgut, das nach der Havarie der MSC Zoe angespült wurde, liegt vor dem Werkhof der Kurverwaltung

Plastik-Strandgut: Auf Borkum wurde Kriegsspielzeug angespült

DPA

Wie eine Ladung zu sichern ist, regelt eine internationale Stauvorschrift. Die Container werden an Bord im Schiffsinneren, den sogenannten Laderäumen, und an Deck gestaut. Im Laderaum werden sie in sogenannten Cellguides geführt und sind damit gegen Verrutschen oder Umfallen gesichert. Weitere Lagen werden miteinander vertikal über sogenannte Twistlocks (Verbindungsstücke) an allen vier Ecken der Container verbunden und an Deck verzurrt (gelascht). Beim Verzurren werden Laschstangen oder Ketten eingesetzt, die in den Ecken der Container an Vor- und Rückseite eingehängt werden und mit Hilfe von Spannschrauben an Deck gesichert werden.

Bei manchen Gefahrgütern müssen bestimmte Mindestabstände eingehalten werden. "Einige Gefahrgüter, wie zum Beispiel sich selbst zersetzende organische Peroxide, also Chemikalien, die in der Industrie zur Farb- und Klebstoffherstellung benötigt werden, müssen in der Regel an Deck und in gewissen Mindestabstand zu anderen Stoffen verstaut werden", weiß Hans-Jörg Nafzger, Wissenschaftlicher Leiter Schiffsführungssimulator der Jade Hochschule in Wilhelmshaven. Meeresschadstoffe, also Stoffe die für die Meeresumwelt gefährlich sind, wie zum Beispiel Mineralöle, müssen demnach unter Deck im Laderaum oder in geschützter Lage an Deck, also nicht in den äußeren Reihen, verstaut werden, damit die Container bei einer Havarie nicht ins Meer gelangen. "Im Extremfall dürfen Container nicht einmal auf dasselbe Schiff, wenn beispielsweise die Stoffe miteinander reagieren könnten", so Nafzger. Dass die Ladung ordnungsgemäß gesichert ist, dafür ist der Kapitän verantwortlich.

Ein Container der "MSC Zoe" treibt nach der Havarie in der Nordsee

Ein Container der "MSC Zoe" treibt nach der Havarie in der Nordsee

Doch auch das sogenannte Rollen könnte Ursache für die Havarie sein. Dabei wird das Schiff, wenn es quer zu den Wellen läuft, unkontrolliert aufgeschaukelt und in Schwingungen versetzt. Die dadurch entstehenden Spannungen können sich auf die Container übertragen und dafür sorgen, dass die Lashings reißen. Der Kapitän hat kaum Zeit, darauf zu reagieren, etwa in Form einer Kursänderung. 

Bis die Ursache für die Havarie der "MSC Zoe" geklärt ist, wird wohl noch einige Zeit vergehen. "Mitunter können vom Zeitpunkt des Unfalls bis zum endgültigen Untersuchungs-Ergebnis ein bis zwei Jahre vergehen", erklärt Lutz Dreyer von der Zentralstelle für Gefahrgutüberwachung der Wasserschutzpolizei in Hamburg dem stern. Bei den Untersuchungen werden bestimmte Faktoren berücksichtigt: Wie ist der Stabilitätszustand des Schiffes gewesen? Wurden Manöver gefahren, die die Bewegung provoziert haben? Wie waren die Kurswechsel? Was ist im Vorhafen gelaufen? Wurde die Ladung ordnungsgemäß gesichert? Wie sieht das Laschmaterial aus? Gutachter untersuchen die Bruchstellen, unternehmen Zugversuche mit den Laschstangen überprüfen die Fertigung.

Der Ruf nach Peilsender

Indes wird der Ruf nach Peilsendern in der Containerschifffahrt immer lauter. Zwar werden sie laut Dreyer heutzutage immer häufiger eingesetzt als früher, "aber man muss sich immer fragen, ob das wirklich sinnvoll ist. Je nachdem wie diese Sender verbaut sind, geht von ihnen ja auch eine gewisse Gefahr aus, zum Beispiel wenn sie Lithium-Ionen-Akkus enthalten, die sich unter Umständen entzünden können." So entzündete sich im Hamburger Hafen vor einigen Jahren ein solcher Sender: Er war an einem Container angebracht, in dem Druckpapier für Banknoten befördert wurde. Zum Glücke konnte der Brand schnell gelöscht werden.

Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern haben bereits Konsequenzen gezogen und appellieren an die Bundesregierung,die Regelungen für den Transport von Gefahrgut auf Großcontainerschiffen zu verschärfen. Ein entsprechender Entschließungsantrag wurde am 15. Februar 2019 im Bundesrat vorgestellt. 

Das sagt die Reederei

Und was sagt die Reederei? Das Unternehmen hält sich mit Informationen die Havarie betreffend ziemlich bedeckt. Statt konkreter Antworten verweist man mehrfach auf die niederländischen Behörden. Auf die Frage, wie viele Kunststoffkügelchen aus dem kaputten Container im Meer gelandet sind, heißt es nur, die "MSC Zoe" habe ein "breites Spektrum an Fracht an Bord gehabt, einschließlich einiger Konsumgüter". "Um die Ladung auf See und an der Küste zu bergen, wurde schnell eine Säuberungsaktion eingeleitet", so ein Pressesprecher gegenüber dem stern. Auch auf Nachfrage, welche Maßnahmen man ergreifen wird, um derlei Unfälle künftig zu vermeiden heißt es allgemein formuliert: "Die Schifffahrtsbranche arbeitet weiterhin zusammen, um solche Unfälle zu minimieren, und MSC ist in einer Reihe von Arbeitsgruppen der Industrie zu diesem Thema aktiv."

Quellen: Universität Groningen/Bundesrat Erschließungsantrag

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