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Schlimmes Unwetter: Orkantief "Christian" stürmt auf Deutschland zu

In Großbritannien wütet der Sturm schon - dann wird Orkantief "Christian" gen Deutschland weiterziehen. Es gibt hierzulande erste Unwetterwarnungen. Ungemütlich wird es nicht nur an der Küste.

Die Küste bei Brighton: Ein Boot wurde von seinem Ankerplatz gerissen und zerstört.

Die Küste bei Brighton: Ein Boot wurde von seinem Ankerplatz gerissen und zerstört.

Nachdem die Briten schon seit Stunden mit dem heftigsten Sturm seit Jahren kämpfen, steuert das Unwetter weiter in Richtung Deutschland zu. An der hiesigen Nordseeküste wurde im Laufe der nächsten Stunden mit orkanartigen Böen und Orkanböen gerechnet. Der Deutsche Wetterdienst sprach für den ganzen Montag für Niedersachsen und Schleswig-Holstein eine Unwetterwarnung aus. Die Wetterexperten warnten vor umstürzenden Bäumen, herabfallenden Dachziegeln und Störungen im Schienen- und Straßenverkehr. Die nordfriesischen Inseln machten sich auf extrem-heftige Orkanböen mit Windgeschwindigkeiten von 140 Stundenkilometern gefasst.

Auch in den übrigen betroffenen Gebieten in Norddeutschland waren Sturmböen bis 100 Stundenkilometer möglich. Trotzdem ist "Christian" nach Angaben der Experten vom Deutsche Wetterdienst (DWD) "nur ein kräftiger Herbstorkan", der sich nicht in die Reihe der großen Stürme des vergangenen Jahrhunderts einreihen werde.

Weniger zerstörerisch als "Kyrill"

Sturmtiefs wie "Kyrill" hätten ein wesentlich höheres Schadenspotenzial gehabt, sagte DWD-Experte Christian Herold. Der Höhepunkt des Sturms wurde in Deutschland am frühen Nachmittag erwartet, bevor das Orkantief schnell weiter Richtung Skandinavien zieht.

Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Wetterportal "Wetter.net" sagte einen schweren Sturm mit einem Temperatursturz für Deutschland vorher. "Das erste Orkantief der Saison erreicht mit seinem Windfeld weite Teile von Deutschland", schrieb Jung. Das Tief habe am Vormittag über dem Großraum London gelegen und sollte in den folgenden Stunden auf die Nordsee hinausziehen.

Nicht nur die Nordseeküste werde es treffen. Im gesamten Nordwesten werde es "ziemlich zur Sache gehen", sagt Jung. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, das Saarland, Rheinland-Pfalz, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt müssten in tiefen Lagen mit schweren Sturmböen bis 110 Stundenkilometern rechnen. In den Hochlagen seien bis zu 130 Stundenkilometer möglich. Ruhiger werde es nur in Bayern sowie in Teilen von Baden-Württemberg zugehen - windig werde es dort dennoch.

Bei Köln verunglückte ein Segler tödlich

Das aufziehende Unwetter kostete einem Menschen hierzulande das Leben. Bei Köln starb ein Segler, nachdem der 45-Jährige am Sonntag mit seinem Boot auf einem See bei starkem Wind nach Polizeiangaben gekentert war. Für die nordfriesische Küste und das Elbegebiet im Norden gab das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie eine Sturmflutwarnung heraus. Der Fährverkehr läuft nach Angaben der Betreiber am Montag vielerorts mit Störungen.

In Amsterdam kam eine Frau ums Leben, als sie am Montag in der Innenstadt an einer Gracht von einem umstürzenden Baum getroffen, wie die Polizei mitteilte. Zwei Menschen in einem Auto seien zudem schwer verletzt worden, nachdem ein Baum auf sie gefallen war. In Amsterdam riefen die Behörden am Montag die Bürger auf, in ihren Wohnungen zu bleiben.

Am Flughafen Schiphol wurden Dutzende Flüge annulliert. Eine Fähre aus dem englischen Newcastle mit rund 1000 Passagieren an Bord konnte den nordniederländischen Hafen in Ijmuiden nicht erreichen und wartete noch am Nachmittag auf das Ende des Sturms auf offener See ab. Der Zugverkehr rund um die niederländische Hauptstadt wurde wegen umgefallener Bäume zunächst stillgelegt.

Sturm bringt auch herbstliche Kälte nach Deutschland

Nach den teils sehr warmen vergangenen Tagen bringt Orkantief "Christian" laut Jung die herbstliche Kälte nach Deutschland. Vor allem am Alpenrand werde es einen empfindlichen Temperatursturz geben. Nach 20 bis 22 Grad am Montag seien dort am Dienstag "mit etwas Glück" bis zu 10 Grad möglich. Gleichzeitig werde die Schneefallgrenze auf unter 2000 Meter sinken. Auch im übrigen Deutschland sind die 20-Grad-Tage vorbei. Mehr als 10 bis 15 Grad seien in ganz Deutschland nicht mehr drin.

Auf den britischen Inseln leidet derzeit vor allem der Süden unter dem Unwetter. Britische Medien berichteten von Böen von bis zu 160 Kilometern pro Stunde. Der vermutlich heftigste Herbststurm Großbritanniens wirbelt seit der vergangenen Nacht über den Süden Englands und Wales hinweg - und bringt die Verkehrsbehinderungen dort völlig durcheinander. Seine größten Ausmaße sollte das Unwetter ausgerechnet zur morgendlichen Rush-Hour erreichen. Unzählige Pendler wussten nicht, ob und wie sie ihren Arbeitsplatz erreichen würden, denn etliche Pendlerzüge verkehrten nur verspätet, um London wurden viele Verbindungen ganz gestrichen.

Am größten Airport Europas, London-Heathrow, wurden allein 130 Flüge gestrichen, sagte ein Sprecher des Flughafens. Das betraf auch Verbindungen von und nach Deutschland. Wegen umgestürzter Bäume, die Stromleitungen mit sich gerissen hatten, waren rund 7000 Haushalte in Großbritannien ohne Strom, meldete die "Times". Ein 14 Jahre alter Junge wird vermisst - vermutlich wurde er an der Küste von East Sussex ins Meer gespült.

17-jähriges Mädchen in Kent im Bett erschlagen

In Großbritannien forderte der Sturm mindestens zwei Todesopfer. In der Grafschaft Kent wurde ein 17-jähriges Mädchen getötet, berichtete die britische Polizei. Die Jugendliche habe zu Hause im Bett gelegen, als ein Baum auf das Gebäude fiel. Ein etwa 50-jähriger Mann wurde in der Grafschaft Hertfordshire nördlich von London von einem Baum erschlagen. Er saß in seinem Auto, als dieses von einem entwurzelten Baum getroffen wurde.

Auch in Frankreich wütete der Sturm. Im Nordwesten des Landes waren am Montagmorgen mehr als 30.000 Haushalte ohne Strom. Die Fährverbindungen über den Ärmelkanal wurden unterbrochen. Der Betrieb des Eurostar-Zugs, der unter dem Ärmelkanal verkehrt, wurde am Morgen dagegen wieder aufgenommen.

anb/DPA/AFP / DPA