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Südasien-Urlauber: Keine Spur von tausenden Touristen

Bislang wurden 26 deutsche Opfer der Flutkatastrophe in Südasien identifiziert, rund 1000 werden noch vermisst. Auch andere europäische Länder haben zahlreiche Opfer zu beklagen. Unbeirrt reisen weiterhin Touristen in die Region.

Vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben mit anschließender Flutkatastrophe in Südostasien haben internationale Rettungsmannschaften weiter fieberhaft nach Überlebenden gesucht. Die Zahl der registrierten Toten stieg bis Donnerstagmorgen auf fast 77.500, doch rechneten das Rote Kreuz und andere Organisation längst mit mehr als 100.000 Todesopfern. Neben der Sorge um zehntausende Vermisste stieg auch die Angst vor Seuchen, da es an vor allem an sauberem Trinkwasser fehlte.

Rund 1000 Deutsche noch vermisst

Nach Angaben der Bundesregierung werden noch rund 1000 deutsche Touristen im Krisengebiet vermisst. "Dies ist eine Katastrophe wirklich weltweiten Ausmaßes", sagte Kanzler Gerhard Schröder am Mittwoch in Berlin. Es sei von einer "dreistelligen Zahl" deutscher Opfer auszugehen. Der Bundesregierung zufolge wurden bislang 26 deutsche Opfer identifiziert. Allein in Thailand war jedoch das Schicksal von mindestens 600 Deutschen unklar, wie die Botschaft in Bangkok berichtete. Hunderte erschöpfte Touristen versuchten auch am Donnerstag, von Phuket aus wieder in ihre Heimat zurückzufliegen, während sich am Ankunftsterminal des Flughafens Hilfsgüter stapelten.

Ein MedEvac-Airbus der Bundeswehr - die so genannte "fliegende Intensivstation" - traf am Donnerstagmorgen (Ortszeit) in Phuket in Thailand ein, um verletzte Deutsche auszufliegen. Ein zweiter Lazarett-Flug startete am Mittwochabend vom Frankfurter Flughafen. Die Frankfurter Feuerwehr will mit dem Lufthansa-Airbus ebenfalls schwer verletzte Opfer nach Deutschland zurückholen. Im Auftrag des Auswärtigen Amts schickten die Malteser sieben Spezialisten nach Phuket. Sie unterstützen dort Kriseninterventionsteams bei der psychologischen Betreuung deutscher Touristen. Die Bundesregierung erhöhte die Hilfe für die Katastrophenländer auf 20 Millionen Euro.

Deutsche Gäste ausgeflogen

Der Tourismuskonzern Thomas Cook hat seit Montag insgesamt 2150 Deutsche in Südasien ausgeflogen. Mit fünf regulären und vier Sonderflügen der Condor aus Colombo, Phuket und Male konnten alle reisefähigen Urlauber zurückkehren, sagte ein Sprecher am Donnerstag. "Vor Ort gibt es keine Gäste mehr, die möglichst schnell wieder zurück wollen." Zur Zahl der noch Vermissten konnte der Reiseveranstalter keine Angaben machen. Mit den Sonderflügen seien auch 60 Tonnen Hilfsgüter und rund 200 Helfer kostenlos in die Krisenregionen gebracht worden. Bis Mitte Januar werde die Condor Phuket nicht mehr anfliegen. "Wir haben den Verkehr eingestellt", sagte der Sprecher. Dagegen werde der Flugverkehr nach Colombo und Male aufrechterhalten. Dort seien noch viele Hotels in Betrieb.

Mehrere Tage nach der Zerstörung des thailändischen Luxushotels "Magic Lagoon" bei Khao Lak sind weitere 21 Hotelgäste lebend gefunden worden. Damit seien mindestens 206 der 415 zumeist aus Deutschland stammenden Urlauber am Leben, teilte der Hotelkonzern Accor am Donnerstag in Paris mit. Von den 320 Hotelangestellten, von denen 250 zum Zeitpunkt des Unglücks Dienst hatten, seien mindestens 221 am Leben. 70 Prozent der Hotelgäste waren Deutsche.

Europäische Opferbilanzen

Von den in Thailand vermissten Ausländern machten die Schweden mit rund 1.500 die größte Gruppe aus. Ein ohne Eltern aufgefundenes schwedisches Kleinkind konnte am Mittwoch wieder mit seinem Vater vereint worden. Der zweijährige Junge war am Sonntag in ein Krankenhaus von Phuket gebracht worden. Sein Foto wurde ins Internet gestellt und dort von einem Onkel in Göteborg entdeckt. Dieser sorgte dafür, dass der Junge seinen Vater wiederfand. Die Mutter gilt vorerst weiterhin als vermisst. "Ich befürchte, dass viele niemals gefunden werden", sagte Außenministerin Leila Freivalds am Mittwoch bei ihrem Eintreffen in Phuket. Sie war zusammen mit einem Rettungsteam gekommen, um den Rücktransport von Verletzten zu organisieren. Nach Angaben des Außenministeriums in Stockholm ist bislang der Tod von 6 Schweden bestätigt.

Das norwegische Außenminister Jan Petersen teilte am Mittwoch auf einer Pressekonferenz in Oslo mit, dass mindestens 446 Landsleute vermisst werden. Bei zahlreichen weiteren Norwegern sei unklar, ob sie sich in den Unglücksregionen aufgehalten hätten. Bislang sind laut Petersen 13 Todesfälle gemeldet worden: 11 in Thailand und 2 in Sri Lanka. Das finnische Außenministerium hat 200 Menschen als vermisst registriert. Nach Angaben von Reiseunternehmen könnten es aber bis zu 400 Finnen sein, deren Los ungewiss ist. Nach Angaben des dänischen Außenministeriums steht der Tod von 6 Dänen fest. 19 würden noch vermisst, die meisten in Thailand.

Nach Angaben des französischen Außenministers Michel Barnier sind mindestens 21 Franzosen im Zuge des Seebebens ums Leben gekommen. 90 Franzosen würden vermisst und von mehreren hundert weiteren habe man keine Nachricht, sagte Barnier im französischen Fernsehen nach seiner Rückkehr von einer Erkundungsreise in die Katastrophengebiete. Dazu kämen 242 Verletzte. Insgesamt sollen etwa 5000 französische Touristen sich in den von der Riesenwelle verwüsteten Zonen aufgehalten haben.

Heimgekehrte Touristen sollen sich melden

Als vermisst gilt, wer vor den Augen anderer Menschen von den Fluten mitgerissen wurde und nicht wieder aufgetaucht ist. Urlauber, über deren Verbleib seit der Flut nichts bekannt ist, gelten nicht als vermisst, weil sie auf einer Fahrt im Landesinneren oder heimgekehrt sein können. "Man muss sich um sie nicht unbedingt Sorgen machen, doch wir müssen wissen, was los ist", sagte Barnier. Alle heimgekehrten Touristen sollten sich melden. Barnier hatte bei seinem Rückflug zwölf verletzte Franzosen aus Thailand nach Paris begleitet. Darunter war eine Frau, deren Mann und Tochter beim Tauchen von der Riesenwelle getötet worden waren.

Nach Angaben des italienischen Außenministers Gianfranco Fini sind mindestens 14 Italiener durch die Flutkatastrophe ums Leben gekommen. Jedoch habe man derzeit von mindestens 600 weiteren Landsleuten keinerlei Nachricht. "Unsere Angst um diese mindestens 600 Mitbürger wächst, und dabei handelt es sich noch um eine vorsichtige Schätzung", sagte Fini in Rom. Rund 300 dieser italienischen Urlauber hätten sich zum Zeitpunkt der Katastrophe in den betroffenen thailändischen Touristenorten wie Phuket, Khao Lak und auf der Insel Phi Phi befunden, hieß es am Donnerstag weiter. Viele weitere Italiener hätten ihren Urlaub in Sri Lanka verbracht. Bisher waren die italienischen Behörden von 13 Toten und 100 Vermissten ausgegangen.

Wie das Außenministerium am Mittwoch in Den Haag mitteilte, haben die Niederlande mindestens fünf Tote zu beklagen, vier in Thailand und einer in Sri Lanka. Belgien befürchtet, dass mehr als 30 Landsleute durch die Flutwelle ums Leben gekommen sein könnten. "Wir wissen bisher sicher von drei Toten", sagte ein Sprecher des Außenministeriums am Mittwoch in Brüssel. 30 Belgier würden noch vermisst. "Von ihnen wissen wir sicher, dass sie in einem Hotel in dem betroffenen Gebiet gewohnt haben." Man müsse das Schlimmste befürchten.

Nach der Flutwelle gelten auch 16 Österreicher in Thailand als offiziell vermisst, wie das Außenministerium in Wien am Mittwoch bestätigte. Allein 14 von ihnen hielten sich zum Zeitpunkt der Katastrophe in Khao Lak auf. Offiziell bestätigte das Ministerium bisher nur den Tod von fünf österreichischen Staatsbürgern. Nach Angaben der Sprecherin ist "die Situation in Khao Lak dramatisch, extrem Besorgnis erregend und beunruhigend". Exakte Zahlen über Verletzte oder weitere Todesopfer könnten nicht genannt werden.

Das griechische Außenministerium spricht von "schätzungsweise 20 Vermissten". Bislang seien keine Todesopfer gemeldet worden. 4 Griechen wurden laut Ministerium verletzt. Das portugiesische Außenministerium teilte mit, im Katastrophengebiet seien fünf Urlauber als vermisst gemeldet. Nach Angaben des Madrider Außenministeriums wurden in Thailand 18 spanische Urlauber bei der Flutwelle verletzt und in Krankenhäusern behandelt.

Unter den Toten auf den Malediven seien drei ausländische Touristen, teilte das Büro des Präsidenten am Donnerstag auf Male mit. Über ihre Nationalität machte das Büro keine Angaben.

Ankunft neuer Touristen

Unbeirrt von der Zerstörung reisen weiterhin Touristen in die verwüsteten Urlaubsgebiete Südasiens. "Unsere Freunde halten uns für verrückt", sagte der britische Ingenieur Paul Cunliffe am Mittwoch während des Flugs von der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur zur thailändischen Insel Phuket. "Ich glaube, für uns besteht nur dann ein Risiko, wenn es ein weiteres Beben gibt." Er und seine zwei Begleiter hätten ein Hotel am Strand gebucht, das keine schweren Schäden erlitten habe. Die Mitarbeiter des Hotels hätten ihnen versichert, dass sie "einen wunderbaren Urlaub" haben würden, sagte Cunliffe.

Beschäftigte der Reisebranche bestätigten auf Phuket die Ankunft von neuen Touristen. "Die Russen sagen nicht ab", sagte der Taxifahrer Apichart trocken. Am Mittwoch habe er vier Russen zu ihrem Hotel am Strand gebracht. "Dort, wo sie herkommen, haben sie so viele Probleme, dass ihnen Tsunamis egal sind."

Dusko Vukovic (mit Agenturen)