HOME

Tschernobyl: Anatomie einer Katastrophe

26. April 1986. Techniker proben den Störfall. Nach einer Minute gerät der Reaktor außer Kontrolle. Sekunden später explodiert er. Der grösste Atomunfall aller Zeiten setzt mehr Radioaktivität frei als 100 Hiroshima-Bomben. Und erschüttert die Welt bis heute.

Die Luft ist noch mild, getränkt vom frischen Frühling, als sich Alexander Akimow kurz vor elf Uhr abends am 25. April 1986 auf den Weg zur Arbeit macht. Heraus aus dem Plattenbau in Pripjat, hinein in den Bus, ein paar Kilometer durch die ukrainische Ebene, vorbei an Wäldern mit blühenden Birken und Eichen, an einem mäandernden Fluss. Schließlich durchs Werkstor, Kontrollen, Duschen, Sicherheitsschleusen. Pünktlich um Mitternacht übernimmt Akimow seinen Posten. Schichtleiter Block vier, Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerk Tschernobyl.

Erst vor wenigen Jahren ist Akimow, schlaksig, dicke Brille, mit seiner Frau Luba nach Pripjat gezogen. Eine aufstrebende Stadt, aus dem Boden gestampft für die Arbeiter des Kraftwerks. Pripjat liegt günstig im riesigen Sowjetreich. Gerade einmal zweieinhalb Stunden sind es mit der Flussfähre bis nach Kiew; Moskau, ja selbst die Strände der Schwarzmeerküste sind mit dem Auto an einem Tag zu erreichen.

Die 50 000 Einwohner

sind privilegiert. Es gibt Theater, Kinos, Bibliotheken. Die Läden sind dank Verbindungen der Parteikader gut gefüllt. Hier, in der Poliklinik, gebärt Luba ihrem Alexander zwei Kinder. Hier pflegt ihr Mann seine Hobbys, liest Biografien, geht auf Entenjagd mit der Winchester-Flinte. Hierher wird er nach dieser Schicht nie mehr zurückkehren.

Ein Test ist geplant für die Nacht vom 25. auf den 26. April in Block vier des Kraftwerks. Zwei Jahre nach der Inbetriebnahme soll ein Störfall simuliert werden. Was passiert, wenn ein Leck im Wasserkreislauf die Reaktorkühlung bedroht und zugleich der Strom ausfällt? Normalerweise, so der Plan, wird dann der Reaktor ausgeschaltet. Die Generatoren laufen langsam aus - liefern aber noch genügend Strom, bis nach einer Minute die Notstromdiesel übernehmen.

Schon am Morgen hatte die Tagesschicht den Reaktor für den Test heruntergefahren. Doch dann meldet Kiew zusätzlichen Strombedarf, und die Techniker lassen den Reaktor auf halber Kraft weiterlaufen - der erste fatale Fehler. In den folgenden Stunden baut sich im Kern das Edelgas Xenon auf. Eine Folge der dauerhaft niedrigen Leistung, die die Schichtleiter nicht einkalkuliert hatten. Das Gas verschluckt die zur Kettenreaktion notwendigen Neutronen, die Leistung sackt ab. Um sie wieder zu erhöhen, beginnen die Ingenieure, die Steuerstäbe aus dem Reaktorkern herauszufahren. Dennoch sinkt die Leistung kurz nach Mitternacht auf nur noch 30 Megawatt. Die Operateure ziehen weitere Steuerstäbe heraus, nur noch sechs von 211 stecken im Reaktorkern. Der Meiler ist nun in einem sehr instabilen Zustand.

Trotzdem beginnen Schichtleiter Alexander Akimow und seine Kollegen um 1.23 Uhr mit dem riskanten Test. Der nächste Fehler. Sie schalten die Hauptkühlmittelpumpen ab. Die Uranstäbe erhitzen sich, die Kettenreaktion nimmt zu. Automatisch senken sich einige Steuerstäbe in den Reaktorkern. Doch die Leistung verringert sich nicht.

Unruhe im Kontrollraum. Akimow zögert ein paar Sekunden, drückt dann den Alarmknopf. Jetzt werden alle Steuerstäbe gleichzeitig heruntergelassen. Dass das überhaupt möglich ist, ist ein entscheidendes Konstruktionsmanko des RBMK-1000-Reaktors. Solange die Stäbe nicht ganz abgesenkt sind, sondern nur ein Stück weit in den Kern ragen, heizen ihre Graphitspitzen die Kettenreaktion unkontrolliert an. Und jetzt sind es mehr als 200!

Binnen Augenblicken

steigt die Reaktorleistung auf das Hundertfache. Die Steuerstäbe verformen sich, bleiben stecken. Rote Lichter blinken vor Akimows Augen, Warnsirenen heulen, er entkoppelt die Stäbe vom Motor, das Eigengewicht soll sie ganz nach unten ziehen. Nichts!

Aus Richtung des Reaktorblocks kommen dumpfe Schläge, die ersten Kühlrohre platzen. "Ich verstehe das nicht", brüllt Akimow zu seinen Kollegen, "wir haben doch alles richtig gemacht."

Wenige Sekunden später erschüttern zwei Explosionen die Schaltzentrale. Das Licht geht aus, Scheiben bersten, Deckenteile fallen herab, die Wände wackeln wie bei einem Erdbeben, und mehliger Staub dringt mit der Druckwelle in den Raum.

Block vier des Wladimir-Iljitsch-Lenin-Kernkraftwerks Tschernobyl ist explodiert.

1300 Kilometer weiter westlich, in der Bundesrepublik, zeigt die Uhr 0.24 Uhr. Im Spätprogramm der ARD brilliert Walther Matthau in "Opa kann's nicht lassen", das ZDF zeigt den englischen Thriller "Blutige Streiche". Die Nachrichten des Tages: US-Präsident Reagan schließt Angriffe gegen Iran und Syrien nicht aus. Bundeskanzler Kohl trifft den französischen Präsidenten Mitterrand in Trier. Die Herzogin von Windsor stirbt und vermacht Prinzessin Diana Juwelen im Wert von 50 Millionen Mark. Und kann Bayern München den Bremern morgen, am letzten Spieltag, noch die Meisterschale wegschnappen? Das Wetter: häufig sonnig, vorübergehend wolkig, meist trocken, Höchsttemperaturen 15 bis 20 Grad.

Schichtleiter Akimow ist über und über mit weißem Staub bedeckt. Er ahnt weder, dass er schon jetzt schwer radioaktiv verseucht ist, noch, was überhaupt passiert. Akimow glaubt, der Reaktorkern sei intakt. Tatsächlich lodert dort, wo einst Block vier stand, ein atomares Feuer. Knallgas hatte sich nach dem plötzlichen Herunterfahren fast aller Steuerstäbe gebildet, das nach wenigen Sekunden explodierte. Die erste Detonation riss die mehrere tausend Tonnen schwere Platte über dem Reaktorkern auseinander. Nach der zweiten Explosion stürzte die ganze Konstruktion zusammen. Eine sichernde Betonhülle um den Reaktor gibt es nicht. Es ist der erste GAU in der Geschichte der Atomkraft - der größte anzunehmende Unfall.

Akimow schickt zwei junge Operatorenanwärter nach draußen. Sie schlagen sich zur Reaktorhalle durch. Überall lodern Flammen, liegen rot glühende Reste des Graphitkerns und der hochstrahlenden Uranstäbe. Schon haben brennende Trümmer wie Feuergeschosse das Dach der Maschinenhalle in Brand gesetzt. Die jungen Ingenieure klettern über Betonbrocken, verbogene Stahlträger, nähern sich einem Krater, dort, wo einst der Reaktor stand.

Unten leuchtet

rotes und blaues Licht. Die Hände vorm Gesicht, blicken sie eine Minute in den Höllenschlund. 30 000 Röntgen pro Stunde strahlen ihnen entgegen - schon einige wenige gelten als gefährlich. Ihre Haut verfärbt sich rotbraun. Sie schleppen sich zurück, können noch berichten: "Die Explosion hat alles zerstört, über uns war nur noch Himmel." Dann brechen sie zusammen. Wenige Stunden später werden sie sterben.

Die ersten Feuerwehren rasen vors Kraftwerk. Die Männer klettern zwischen den strahlenden Trümmern auf das Dach der Maschinenhalle, versuchen die überall lodernden Brände unter Kontrolle zu bringen, ihre Stiefel kleben im aufgeweichten Teer. Nur ein paar Meter entfernt läuft noch immer Block drei des Kraftwerks - der leitende Ingenieur hat verboten, den Reaktor abzuschalten. Endlich, nach fünf Stunden, haben die Löschtrupps zumindest die Feuer außerhalb von Block vier gelöscht. Der Preis ist hoch: Fast die gesamte erste Schicht stirbt nach wenigen Tagen.

Um acht Uhr morgens wird Alexander Akimow im zerstörten Kontrollraum abgelöst. Genau nach Schichtplan. Da hat die tödliche Strahlung schon begonnen, auch seinen Körper zugrunde zu richten.

Samstag, 26. April 1986. Die Schlagzeilen der Zeitungen in Deutschland: Die Preisgarantien für die Bauern der EG sollen abgebaut werden. Der Bundestag debattiert über ein Mahnmal zur NS-Gewaltherrschaft. Prinzessin Diana erbt doch keine Juwelen, die verstorbene Herzogin von Windsor hat den Schmuck Frankreich vermacht. Das Wetter: bewölkt mit Aufheiterungen, nachmittags Schauer, 10 bis 15 Grad. Schwacher Wind aus West.

Drei Kilometer vom Kraftwerk entfernt sind die Bewohner ahnungslos. Pripjat, eine samstägliche sozialistische Idylle. Man geht auf den Markt, Kinder trotten in die Schule, Arbeiter bauen ein Riesenrad für die Feiern zum 1. Mai auf, und selbst das Wetter scheint mitzuspielen. Es ist immer noch sonnig, warm fast wie im Sommer. Nur: Warum sind so ungewöhnlich viele Milizionäre in der Stadt? Dazu Sprühwagen, die die Straßen mit Seifenlösung abspritzen, Tankwagen, die schon am frühen Morgen Bier in Pappbechern ausschenken. Und steht nicht überm Kraftwerk, dort hinterm Wald, eine Rauchsäule?

Am Nachmittag landen Experten aus Moskau in Pripjat. Mittlerweile hat sich der Graphitblock des Reaktorkerns entzündet. Der Krisenstab entscheidet, das atomare Feuer mit Sand, Blei, dem Mineral Dolomit und dem Halbmetall Bor zu ersticken. Insgesamt 5000 Tonnen davon werden in den kommenden zwei Wochen von Hubschraubern abgeworfen. Aber noch lodern die Flammen über Block vier, noch schicken sie eine strahlende Fracht hinauf bis in 1200 Meter Höhe. Strontium. Cäsium. Plutonium. Der Wind treibt sie nach Nordwest. Die Wolke ist auf dem Weg.

Sonntag, 27. April 1986. Bayern ist Meister! Werder weint. 6 : 0 haben die Münchner die Gladbacher zu Hause geschlagen. Bremen hat in Stuttgart 1 : 2 verloren. Außerdem: Entertainer Lou van Burg ist an Blutkrebs gestorben. Das Wetter: weiter heiter, Wind aus Südwest.

In Pripjat wird die Angst geordnet. Lautsprecherwagen fahren morgens durch die Straßen: "Genossen und Genossinnen. Im Kernkraftwerk Lenin in der Nähe der Stadt Tschernobyl hat sich ein Unfall ereignet. Als reine Vorsichtsmaßnahme und aus Fürsorge hat die Regierung der Sowjetunion beschlossen, die Stadt Pripjat für drei Tage zu evakuieren."

Am Nachmittag rollen

1100 gelbe Überlandbusse vor die Plattenbauten und fahren die Einwohner in eine Neubausiedlung, knapp außerhalb der zur Räumung vorgesehenen 30-Kilometer-Zone. Seit dem GAU sind da schon 36 Stunden vergangen. Auch Luba Akimowa, die Frau des Schichtleiters, sitzt mit ihren beiden Kindern und ein paar Taschen in einem Bus - ohne ihren Mann. Alexander Akimow ist auf dem Weg nach Moskau, ins Krankenhaus Nr. 6. Die Spezialklinik ist die einzige in der Sowjetunion, die mit Strahlenschäden umgehen kann. Hunderte schwer Verseuchte werden dem Ingenieur in den nächsten Tagen folgen. Zwar hat sich Akimow mittlerweile von der ersten Strahlenübelkeit erholt, doch seine Haut ist braun, sein Rückenmark unheilbar zerfressen. Der Tod hat sein Werk begonnen. Akimow hat noch zwei Wochen zu leben.

Währenddessen werfen im Kraftwerk zwangsrekrutierte Arbeiter die Trümmer vom Dach der Maschinenhalle in den zerstörten Reaktor, ausgerüstet oft nur mit Schaufel und Spaten. Die Radioaktivität ist so stark, dass die Männer im Minutentakt ausgetauscht werden - trotzdem zählen sie zu den am schwersten verstrahlten Opfern der Katastrophe. Über ihnen kreisen die Hubschrauber, entladen unaufhörlich Säcke mit dem Chemikaliengemisch über dem brennenden Reaktorrest. Manche sind aus rotem Fahnenstoff zusammengeflickt: Der Krisenstab hat kurzerhand die Banner für die Maifeiern zerlegen lassen. Später werden die Piloten für ihren Einsatz als Helden geehrt. Von Alpha-, Beta- und Gammastrahlung, von Krebs und Langzeitfolgen sagt man ihnen nichts.

Montag, 28. April 1986. Tag drei nach dem GAU. Wie jeden Morgen gehen die Arbeiter im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark bei Stockholm durch die Sicherheitsschleuse, als plötzlich die Warnlampen aufblinken. Strahlenalarm! Messtrupps eilen herbei, überprüfen die Arbeiter, messen die Radioaktivität der Kleidung, der Wände, des Regenwassers und kommen zu einem verblüffenden Ergebnis: Die Strahlung kommt nicht aus dem Inneren des Kraftwerks, sondern von draußen!

Auch Messstationen in Finnland und Schweden melden erhöhte Werte. Woher kommt die Radioaktivität? Meteorologen simulieren die Wetterverhältnisse der vergangenen Tage, Physiker analysieren die radioaktiven Partikel. Nach ein paar Stunden haben sie die Quelle lokalisiert: der Großraum Kiew.

Westliche Botschafter bedrängen den Kreml, doch Gorbatschow schweigt. Erst am späten Abend die knappen Zeilen der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass: "Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich eine Havarie ereignet. Maßnahmen zur Beseitigung der Havariefolgen wurden ergriffen. Den Geschädigten wird Hilfe geleistet.“

Dienstag, 29. April 1986. Die Angst kommt vor der Wolke. "Bild" titelt: "Atomkatastrophe. Reaktor zerstört. Todeswolke schon über Dänemark - bald bei uns?" Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber beschwichtigt im Kleingedruckten: "Wegen der Windverhältnisse rechne ich nicht damit, dass die Atomwolke auf Deutschland zutreibt." Und: "Bei uns wäre ein solcher Zwischenfall undenkbar, unsere Reaktoren sind absolut sicher."

Die Deutschen

sehen das anders. Bei den Wetterämtern, bei Umweltverbänden, auch bei den Grünen klingeln die Telefone ohne Pause. Wann erreicht die Wolke Deutschland? Was heißt Rem, was bedeuten Becquerel, Röntgen und Sievert? Und wie viel ist gefährlich? Vorsorglich beruhigt der deutsche Wetterdienst: "Der Normalfall um diese Jahreszeit ist eine reine Westströmung." Doch nichts ist mehr normal.

1300 Kilometer weiter östlich schickt das brennende Graphit immer noch Radioaktivität in die Atmosphäre. Nur langsam gelingt es, das nukleare Inferno einzudämmen. Immer mehr Männer, vor allem aus der evakuierten 30-Kilometer-Zone, werden zur Arbeit am Reaktor verpflichtet. Insgesamt 800 000 der so genannten Liquidatoren räumen in den folgenden Monaten den radioaktiven Schutt zusammen. Ohne richtige Schutzkleidung, Dosimeter, Gasmasken und ohne eine wirkliche Ahnung von der tödlichen Strahlung, der sie ausgesetzt sind. Abendliche Wodka-Rationen sollen sie vor Erkrankungen schützen. Tausende sterben in den nächsten Jahren an den Folgen des Einsatzes oder leiden bis heute an Verbrennungen, Geschwüren, Krebs. Offiziell hat jeder Arbeiter ab einer Belastung von 25 Röntgen Anspruch auf Wiedergutmachung. Tatsächlich notieren die Ärzte auf seltsam vielen Entlassungsscheinen exakt 24,9 Einheiten.

Viele werden gleich nach dem Einsatz krank. Die schweren Fälle schafft man ins Moskauer Krankenhaus Nr. 6, dorthin, wo auch Alexander Akimow dem Tod entgegenleidet. "Meine Chancen sind klein", sagt er zu einem Kollegen, "aber wenn ich das hier überlebe, ist eines sicher: Ich werde nie wieder in einem Kraftwerk arbeiten. Ich werde ein neues Leben beginnen."

Mittlerweile durfte Akimows Frau Luba nach Moskau kommen. Eigentlich herrscht strenges Besuchsverbot auf der Isolierstation, doch bei hoffnungslosen Fällen machen die Ärzte Ausnahmen. Luba versucht, ihren Mann aufzuheitern, bringt ihm Bilder mit, die ihre Kinder gemalt haben. Einmal sieht sie, wie Akimow sich ganze Strähnen seines schmalen Schnurrbarts herauszieht. "Mach dir keine Sorgen", sagt er, "es tut nicht weh."

Offiziell spielt Gorbatschow die Katastrophe weiter herunter. Das Sowjet-Fernsehen berichtet über die Frühjahrsaussaat und die Herstellung von Mänteln, erst gegen Ende von der "Havarie" eines Reaktors in der Ukraine: "Die Strahlungslage in Pripjat und Umgebung hat sich stabilisiert."

Auch der 1. Mai wird zelebriert wie immer. Selbst in Kiew, gerade mal 90 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, feiern die Bewohner bei strahlendem Sonnenschein die Paraden zum "Tag der Arbeit". Später erfahren sie über die Deutsche Welle, dass der Wind gedreht hat - in Richtung Kiew. Chaos in der Stadt. Zehntausende stürmen die Bahnhöfe und Flughäfen. Erst als der Strom der Flüchtenden auch nach Tagen nicht versiegt, entschließen sich die Behörden zur systematischen Evakuierung: Kinder werden in Ferienlager geschickt, die Schulen bleiben geschlossen.

Freitag, 2. Mai 1986. Das Wetter in Deutschland: viel Sonne, im Süden Temperaturen über 20 Grad. Leichter Wind aus östlichen Richtungen. Die Wolke erreicht die Bundesrepublik.

Schon in der Nacht schnellen die Strahlenwerte in Süddeutschland nach oben, später auch im Norden und Westen. Ein Land im Griff der Strahlenpanik. Der Wetterdienst in Offenbach zählt allein an einem Tag 1200 Anrufe verängstigter Bürger. Zwei fragen nach dem Wetter, der Rest nach Strahlung und Wind. An der deutsch-deutschen Grenze überprüfen Zöllner mit Geigerzählern die Laster aus Polen. Spielplätze verwaisen, Gemüse vergammelt in den Auslagen, Jodtabletten sind ausverkauft, Experten versuchen in Sondersendungen, die Fragen panischer Bürger zu beantworten. Darf die Wäsche zum Trocknen nach draußen? Muss die Hauskatze abgeduscht werden? Andere reagieren dickfellig: "Ich esse mein Gemüse", verrät ein Hamburger der "Bild"-Zeitung, "das Atom koch ich ab."

Die Bundesregierung rät Eltern von Kleinkindern, von Frischmilch auf Milchpulver umzustellen. Zugleich wird beschwichtigt: "Eine akute Gefahr für die Gesundheit besteht nicht", so der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, Erich Oberhausen.

Als am 6. Mai Regen die Wolke auswäscht, steigen die Strahlenwerte auch am Boden dramatisch an. Sportstunden werden in die Halle verlegt und Schwimmbäder zum Saisonstart erst gar nicht eröffnet. Im Saarland empfiehlt die Jägervereinigung ihren Mitgliedern, "zum jetzigen Zeitpunkt nur das abschussnotwendige Rehwild zu erlegen und gegebenenfalls etwa drei bis vier Wochen tiefgekühlt zu lagern" - radiologisch gesehen Unsinn. Die Stadtratsfraktion der Münchner Grünen fordert: Man solle kostenlos Busse bereitstellen, um alle Kleinkinder der Stadt nach Portugal zu evakuieren. Der Gewinn der Fußballmeisterschaft durch die Bayern ist längst vergessen.

Am selben Tag erstickt in Tschernobyl das atomare Feuer. Der Nachschub für die Wolke erlischt. Graphit und Uran haben sich mit Sand, Bor und Blei zu einer radioaktiven Lava verbunden, die nun langsam abkühlt, aber noch immer tödlich strahlt. Und die Schmelze droht sich durchs Betonfundament ins Grundwasser zu fressen. Hektisch schafft der Krisenstab Bergarbeiter aus dem Donezbecken heran. Mit Hacke und Spaten sollen sie einen 160 Meter langen Tunnel bis unter den geschmolzenen Reaktorkern treiben, um dort einen kühlbaren Betonblock zu installieren. Als der Stollen nach mehreren Wochen einsatzbereit ist, wird er nicht mehr benötigt. Die Kernschmelze ist erstarrt. Die Arbeiten am Betonsarg um den Reaktor beginnen.

In Moskau versuchen die Ärzte, das Leben Alexander Akimows zu retten. Sein jüngerer Bruder spendet Rückenmark, doch auch die Transplantation kann die Zersetzung des Gewebes nicht stoppen. Und noch immer grübelt der Schichtleiter, ob er an der Katastrophe schuld war. "Was haben wir falsch gemacht?", fragt er den Bettnachbarn, "wir haben doch nur den Alarmknopf gedrückt!" Die Richter eines Schauprozesses behaupten ein Jahr später: Schuld hatten jene Ingenieure, die den Reaktor 1983 ans Netz ließen, obwohl nicht alle Sicherheitstests absolviert waren. Über die mangelhafte Konstruktion fällt kein Wort. Ebenso wenig über die fehlende Sicherheitshülle, das Versagen der Behörden. Erst im Jahr 2000 werden die drei noch intakten Blöcke von Tschernobyl stillgelegt. 14 Jahre nach dem GAU.

Es ist der Morgen des 10. Mai 1986, zwei Wochen sind seit der Explosion vergangen, als Akimows Leiden endet. Seine verbrannten Lungen lassen ihn kaum noch atmen, die Eingeweide haben sich zersetzt, mit Blut vermischte Exkremente sickern aus seinem Körper. Er wird schwächer, röchelt, kann kaum mehr reden. Noch einmal steigt seine Temperatur, dann fällt er ins Koma. Wenige Stunden später stirbt Akimow. Seine Frau Luba ist an seiner Seite.

Samstag, 10. Mai 1986. Bundeskanzler Kohl regt eine Konferenz der 26 Länder mit Kernkraftwerken an. Schauspieler Clint Eastwood wird von der Jugend- organisation der Republikaner als US-Präsidentschaftskandidat vorgeschlagen. Teamchef Franz Beckenbauer geht mit neuer Mannschaftsaufstellung ins vorletzte WM-Testspiel gegen Jugoslawien. Das Wetter: anfangs stark bewölkt, später heiter. Temperaturen bis 23 Grad. Wind aus Südwest.

von Marc Goergen / print