VG-Wort Pixel

Afghanistan Die letzten Stunden der Bundeswehr-Evakuierungsmission – Chaos und Verzweiflung am Flughafen in Kabul

Soldaten und Helfer verteilen eine Spende an Menschen, die auf eine Ausreisemöglichkeit warten
Soldaten und Helfer verteilen eine Spende an Menschen, die auf eine Ausreisemöglichkeit warten
© Stfw Schueller / Bundeswehr / DPA
"Phase 1" der Bundeswehr-Evakuierungsmission in Afghanistan ist fast vorbei. Doch noch immer drängen sich Tausende Menschen am Flughafen in Kabul, Tragödien spielen sich ab. Die Hoffnung: Künftige Rettungen könnten stattfinden – aber nur mit Zustimmung der Taliban.

Die letzten Stunden des militärischen Evakuierungseinsatzes der Bundeswehr aus Kabul erweisen sich als die wohl gefährlichsten. Ein alarmierender Hinweis jagt am Donnerstag den nächsten. Binnen Stunden könne es einen Terroranschlag geben, befürchten die Briten. Dem deutschen Militär liegen Warnungen vor, dass ein Selbstmordattentäter durch Sicherheitskontrollen schlüpfen und womöglich – beispielsweise mit Sprengstoff in den Schuhsohlen – an Bord der A400M-Transportflugzeuge gelangen könnte, um sich dort "umzusetzen", also den Sprengstoff zu zünden.

Taliban-Kämpfer sollen an ihren Kontrollstellen im Umfeld des Flughafens bereits mehrere Attentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) abgefangen und getötet haben, heißt es aus Militärkreisen. Mehrere Staaten rufen ihre Bürger auf, dem Flughafen fernzubleiben. Die Türkei, Polen, Niederlande – einer nach dem anderen verkünden Verbündete das Ende ihrer Evakuierungen oder verwiesen auf entsprechende Aufforderungen der USA, die den Zeitplan vorgeben.

Evakuierung aus Kabul: Reza Payam berichtet von der dramatischen Rettungsaktion

Wartende vor den Flughafentoren "so eng aneinander wie Ziegel einer Mauer"

Ungeachtet von Terrordrohungen ist die Zahl der Wartenden vor den Toren erneut gestiegen, wie ein Augenzeuge der Deutschen Presse-Agentur berichtet. Die Menschen stünden "so eng aneinander wie Ziegel einer Mauer". Er sei rund 200 Meter vom Eingang entfernt, und es würde das Leben seines Kindes oder seiner Frau kosten, wenn er versuchte, diese 200 Meter zu überwinden. In einem übermittelten Video sieht man Menschen mit Dokumenten in der Hand winken. Sie rufen "Help me!" –  helfen Sie mir – und stehen Schulter an Schulter in der prallen Sonne. In der Menge sind auch Kinder und Frauen, man hört auch Babys weinen.

Das Militär befürchtet einen Massenansturm und sagte auch deswegen am Donnerstag nicht öffentlich, wann genau der letzte Flug anstand. Es geht dabei um die Sicherheit der etwa 250 Soldaten in Kabul, aber auch um die Unversehrtheit – wenn man es so sagen kann – der Afghanen. Zuerst werden die letzten anwesenden Schutzbedürftigen, das Militär selbst spricht von "Echos", ausgeflogen, dann Fallschirmjäger, Sanitäter und Militärpolizisten ("Feldjäger"). Als letzte bleiben Spezialkräfte, um handlungsfähig zu bleiben. Wer auf Listen steht und es nun noch schafft, soll einen Platz in einem US-Flugzeug bekommen.

"Mittlerweile kollabieren fast auf jedem Flug ein oder zwei Menschen"

Als letzte Verteidigungslinie um die deutschen Evakuierungsmaschinen stehen am Donnerstag wie seit dem Beginn der Operation Luftwaffensoldaten bereit. Sie gehören zu den "Air Mobile Protection Teams" (AMPT) der Objektschutzregiments "Friesland", geführt von Oberst Marc Vogt.

"Diese Männer sind alle so ausgebildet, dass sie auf eine Eskalation der Lage unmittelbar reagieren können. Von Festsetzen eventueller Täter über Niederhalten und sofort raus bis zu "wir bleiben vor Ort und schicken nur die Maschine das Luftfahrzeug raus"", sagt Vogt. "Ich bin sehr stolz auf meine Männer und die Leistung des gesamten Verbandes. Binnen weniger Stunden haben wir sie vorbereitet und abgeschleust und vor Ort erfüllen sie mehr, als man von ihnen verlangen könnte."

Meist sind fünf Mann an Bord. "Die Männer schildern mir, dass die Erschöpfung der Menschen von Tag zu Tag größer ist. Mittlerweile kollabieren fast auf jedem Flug ein oder zwei Menschen. Wenn der Druck abfällt und die Kühlung angeht, schaltet der Körper auf Standby. Auf dem Rückflug sind die Männer durchweg als Lebensretter und Schützer beschäftigt", sagt Vogt. Die Soldaten seien "psychisch angefasst und belastet", aber auch stolz. "Es ist eine sehr erfüllende Aufgabe, Menschen in der Form zu retten und zu sehen, wie die Angst von ihnen abfällt", so der Offizier.

Von zentraler Bedeutung für künftige Evakuierungen ist ein Weiterbetrieb des teils schon geplünderten Flughafens nach dem Ende des Militäreinsatzes, der vielen zunächst als unwahrscheinlich gilt. "Die Bahn ist offensichtlich in Ordnung. Ich sag mal ganz einfach aus meiner Sicht, was man mindestens bräuchte: Ich brauche einen Abfertigungsbereich, Air-Traffic-Control und ich brauche eine Feuerwehr", sagt dazu Vogt. "Ich weiß nicht, was davon nicht funktioniert und wie schnell man es wieder herstellen kann."

Weitere Evakuierungsmissionen nur mit Erlaubnis der Taliban

Nun beginnt "Phase zwei", denn das Ende der Bundeswehrmission bedeutet nicht das Ende der Evakuierungsaktion. Die Bundesregierung wird weiter versuchen, so viele Menschen wie möglich aus Afghanistan herauszuholen, allerdings künftig ohne militärische Unterstützung – und nur mit Zustimmung der Taliban, ohne die nichts mehr geht.

Die Verhandlungen, die der deutsche Entsandte Markus Potzel seit Tagen mit dem politischen Arm der Islamisten im Golfstaat Katar führt, bekommen jetzt eine zentrale Bedeutung. Hauptziel ist der zivile Weiterbetrieb des stark beschädigten Flughafens. Es geht aber auch um freies Geleit auf dem Landweg in die Nachbarländer, vor allem nach Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan.

Ein erstes Ergebnis gibt es seit Mittwoch. Da sagten die Taliban Potzel nach dessen Angaben zu, Afghanen mit gültigen Ausweispapieren auch nach dem 31. August außer Landes zu lassen. Wie verlässlich das ist, weiß man nicht.

Mehr als 200 Deutsche sollen noch in Afghanistan sein

Fest steht aber, dass auch die Taliban ein Interesse an einem einigermaßen guten Auskommen mit Deutschland haben. Denn die deutsche Verhandlungsmasse sind Hunderte Million Euro Hilfsgelder, die seit der Machtübernahme der Islamisten auf Eis liegen. Potzel hat in den Verhandlungen bereits in Aussicht gestellt, dass die Entwicklungshilfe unter bestimmten Bedingungen wieder fließen könnte.

Es geht um viele Tausend Menschen, die auch nach dem Ende der Militärmission noch Schutz vor den Taliban suchen. Auch eineinhalb Wochen nach Beginn der Evakuierungsaktion gibt es noch Nachmeldungen auf den Listen des Auswärtigen Amts: Vor allem besonders gefährdete Afghanen, aber auch mehr als 200 Deutsche sollen noch im Land sein.

Neben dem guten Willen der Taliban hängt die Fortführung der Evakuierungsaktion sehr stark von der weiteren Entwicklung der Sicherheitslage ab. Es gibt die Hoffnung, dass die massive Terrorgefahr nach Abzug der US-Truppen abnimmt. Sicher ist das aber nicht.

yks / Carsten Hoffmann, Michael Fischer und Veronika Eschbacher dpa

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker