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Afghanistan: Die Jagd auf Bin Laden

Auf der Suche nach Osama bin Laden folgen die US-Truppen in Afghanistan einer Doppelstrategie. Sie werben um Vertrauen und setzen Gefangene unter Druck. In blindem Eifer überschreiten sie Grenzen - nicht nur geografisch.

Hinter einer Rolle Stacheldraht steht ein Mann mit Vollbart. Er ist nackt. Mit der linken Hand verdeckt er sein Geschlechtsteil. Er sieht nichts. Er muss eine Brille tragen, mit geschwärzten Gläsern. Amir Mohammad, Vater von acht Kindern, ist Afghane.

Vier Soldaten beäugen den nackten Mann, der in einer Ecke ihres Militärlagers steht. Sie sind Amerikaner. Sie reden sich mit "Wolfshund" an. Ihre Einheit, Bravo Company, 3rd Platoon, zählt zu den "Wolfhounds" der 25th Infantry Division aus Hawaii. Hier, im Südosten Afghanistans, sind sie erst seit ein paar Wochen im Einsatz. Ihr Auftrag lautet: ausrücken aus ihrem Stützpunkt bei Orgun, Präsenz zeigen im Grenzgebiet zu Pakistan, Informationen gewinnen bei den vier Stämmen in der Unruhe-Provinz Paktika. Und sie helfen Spezialeinheiten bei der Jagd auf Taliban und Al-Qaeda-Kämpfer. So wollen die US-Militärs das logistische Netzwerk zerstören, das in dieser Region "HVT-1" schützt: Amerikas "Hochwertziel Nummer 1" Osama bin Laden. Der lebt nach der Arbeitsthese von Pentagon und CIA irgendwo entlang der 2430 Kilometer langen Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan.

"In den ersten 24 Stunden kein Essen und kein Wasser"

Einer der vier Soldaten zielt auf den nackten Afghanen, den Zeigefinger am Abzug des Sturmgewehrs. Ein anderer tastet mit Plastikhandschuhen dessen Körper ab. Er sagt: "Der Gefangene wird in den ersten 24 Stunden kein Essen und kein Wasser bekommen." Der Soldat heißt Bob Jones, liebt Bodybuilding, wählt Bush und ist Sergeant der US-Army. Jones sagt seinem afghanischen Dolmetscher, er werde den Nackten nun fotografieren.

Der Mann will sich die Brille von den Augen reißen: "In meiner Kultur ist es verboten, Bilder von Nackten zu machen. Ihr dürft das nicht! Wissen eure Vorgesetzten davon?" Jones' kahl geschorener Schädel läuft rot an. "Sag ihm", schreit er zum Übersetzer, "sag ihm, wir wollen sein verdammtes Ding gar nicht sehen. Der soll nicht von seiner fucking Kultur reden, das Foto ist Vorschrift. Sonst behauptet er nachher, wir hätten ihn grün und blau geschlagen." Ein Soldat macht die Bilder. Die Führung der 20.000 US-Soldaten in Afghanistan hat solche Fotos nach dem Folterskandal im Irak verboten "wegen der kulturellen Folgen", ebenso wie Nahrungsentzug. Gleichwohl ist es "Standard Operating Procedure", sagt Sergeant Jones. Der nackte Afghane "ist ja keine Pussy, sondern potenzieller Terrorist".

Jones war dabei, als die "Wolfshunde" am Morgen Amir Mohammads Gehöft stürmten. Die Soldaten scheuchten Frauen und Kinder aus den Unterkünften, durchkämmten Räume und Ställe, suchten mit Metalldetektoren jeden Holzstapel und Heuhaufen ab. Sie fanden Waffen: "Kisten mit 25 Granaten, 400 Schuss Pistolenmunition, eine Kalaschnikow mit vier Magazinen, Sprengstoff - jede Menge Scheiße, Sir!", meldete Zugführer Clint Dodson per Funk in den Befehlsstand. "Genau das Zeug, Sir, für das der Feind Typen wie diesem viel Geld bezahlt."

Wer sind die Guten, wer die Bösen?

Das Problem war nur, dass Amir Mohammad Vizekommandeur einer Miliz ist, die mit den Amerikanern verbündet ist. Die CIA finanziert solche Milizen in Afghanistan. Trotzdem verhaften? Wer sind die Guten, wer die Bösen hier im Grenzgebiet? Lieutenant Dodson bekam das Okay: "Festnehmen!"

24 Stunden später muss er Amir Mohammad wieder freilassen. "Leute, bei denen wir Handgranaten finden, sperren wir normalerweise neun Monate ein", lässt ihm Dodson übersetzen. "Du hast verdammtes Glück." Clint Dodson, 25, kommt aus einem Nest bei Philadelphia, war Football-Star in der High School und ging für vier Jahre an die Militärakademie West Point. Der Hüne spuckt vor dem Afghanen auf den Boden. "Wenn wir bei dir noch mal was finden, rufe ich die A-10-Kampfjets, und ruck, zuck ist dein Hof nur noch Schrott." Dodson dreht sich um und sagt im Weggehen: "Der hat sich heute Nacht den Arsch abgefroren. Der hat seine Lektion gelernt."

Vieles läuft schief bei den Operationen der Amerikaner in Afghanistan. Dabei glaubten die Strategen im Pentagon, sie hätten ihre Lektion gelernt aus den Pleiten bei der Jagd auf bin Laden. In seiner Bretterbude im Hauptquartier der "Wolfshunde" in Orgun beschreibt Lieutenant-Colonel Walter E. Piatt Amerikas Strategiewechsel: "Wir haben jetzt begriffen, dass wir dauerhaft Stabilität schaffen müssen für die Menschen in Provinzen wie Paktika. Nur so können wir bin Laden und seine Verbündeten bekämpfen. Er braucht Instabilität, um Zuflucht zu finden. Unsere Gewehrläufe schaffen höchstens vorübergehend Sicherheit. Wir brauchen die Kooperation der Stammesältesten und helfen ihnen darum, neue Brunnen, Schulen, Straßen zu bauen. Die Herzen und Hirne der Menschen können wir hier nicht gewinnen, aber sie müssen anfangen zu glauben: Hey, die Amerikaner bleiben hier und helfen, damit unsere Kinder lesen und schreiben lernen. Nur so brechen wir einen Stein aus der großen Mauer um bin Laden."

50 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt

Schwer bewaffnete Soldaten als Botschafter des guten Willens - kann das funktionieren? Natürlich weiß Colonel Piatt, dass sich bin Ladens Gefolgsleute und die mit ihm verbündeten Taliban Amerikas hochgerüsteten Militär-, Spionage- und Abhörapparats mit klassischer Guerillataktik erwehren. "Der Feind ist unsichtbar, wenn er unsichtbar sein will. Er mischt sich unters Volk. In Afghanistan ist die Todesrate bei US-Soldaten, gemessen an der Truppenstärke, höher als im Irak." Trotz Spitzentechnologie, trotz brutaler Verhöre, trotz der größten und teuersten Menschenhatz, die es je gab, hat Präsident Bush seine "tot oder lebendig" ersehnte Trophäe nicht bekommen. Auf bin Ladens Kopf sind inzwischen 50 Millionen Dollar Belohnung ausgesetzt.

"Der Feind ist äußerst geschickt", sagt ein Captain in Piatts Bataillon. Paul Hernandez aus Austin, Texas, hat einen Fortgeschrittenen-Lehrgang für "Military Intelligence" abgeschlossen. "Die Fähigkeit des Feindes, sich neuen Gegebenheiten anzupassen, ist einfach phänomenal", sagt er. "Wenn wir was Neues machen, ändert er sofort die Taktik." Der Feind besitzt Satellitentelefone, Nachtsichtgeräte und Hunderte Honda-Mopeds. Das Geld kommt aus Pakistan und Arabien. Für ein Bombenattentat zahlt er 850 Dollar, für einen toten Zivilisten das Doppelte und 2600 Dollar für einen getöteten GI.

Im Gebiet entlang der pakistanisch-afghanischen Grenze wird bin Laden verehrt wie ein Held. Diese raue, karge Gebirgswelt mit tiefen Schluchten und schroffen Taleinschnitten, mit unzugänglichen Höhlen und 280 Bergpässen und Fluchtrouten ist sein Hinterhof. Hier hat er ein über zwei Jahrzehnte gewachsenes Netzwerk loyaler Unterstützer. Hier gewähren ihm die Tradition des Schweigens, die Skepsis gegenüber Fremden, die konservative Auslegung des Islam bestmögliche Sicherheit.

Gäste müssen vor Feinden geschützt werden

Nach dem strengen Ehrenkodex der Paschtunen müssen Gäste vor Feinden geschützt werden. Und "der Emir", wie Osama respektvoll genannt wird, ist ein Ehrengast. In Koranschulen und Moscheen hängen überlebensgroße Poster mit seinem Bild. Mullahs preisen ihn als Symbolfigur des muslimischen Widerstands gegen den Satan Amerika. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat die Suche nach bin Laden einmal verglichen mit der Suche nach einer Nadel im Heuhaufen. John Pike, Experte für Aufklärungssatelliten, sieht das anders: "Es ist die Suche nach einem Stück Heu im Heuhaufen."

Osama bin Ladens Schutz ist in drei Kreisen organisiert. "Er hat die Loyalität der Menschen in den Dörfern. Er zahlt für Fluchtmöglichkeiten, er zahlt für Informationen, und die verarmten Leute brauchen dieses Geld, um ihre Familien zu ernähren", erklärt Captain Hernandez. Das ist Kreis eins, der äußere Ring. Kreis zwei seien "die Stammesältesten, die diese Dorfbewohner kontrollieren". Bin Laden bezahlt sie dafür, so wie er vor dem 11. September die Taliban finanzierte.

Kreis drei sind "seine persönlichen Bodyguards. Absolut devote Kader, die es als Ehre empfänden, für ihn zu sterben." Kein Geheimdienst hat es je geschafft, diesen inneren Ring aus 150 Leibwächtern zu infiltrieren. Möglich, dass rund 20 Personen jederzeit in seiner Nähe sind. Ausgestattet sind sie mit Scharfschützengewehren, französischen Funkgeräten, einige haben eine Ausbildung als Elite-Soldaten. Ägypter, Saudis, Algerier sollen unter ihnen sein und bis zu fünf seiner eigenen Söhne. Sie haben dem Vater geschworen, ihn zum Märtyrer zu machen, sollte eine Flucht unmöglich werden. Bin Laden lebend aus einem Erdloch zu ziehen wie Saddam Hussein gilt unter Experten als undenkbar. Sollte es den Amerikanern tatsächlich gelingen, ihn zu töten und dies zu beweisen - er würde zum größten Märtyrer der islamischen Welt.

Möglicherweise pendelt er zwischen Pakistan und Afghanistan

Mit Informationen über seine Position, so genannten Daten-Punkten, versuchen bin Ladens Häscher sein Operationsgebiet darzustellen. Angeblich reist der Gesuchte nur in einem Radius von 250 Kilometern. Möglicherweise pendelt er zwischen Pakistan und Afghanistan. Er bewegt sich nur nachts. Bevor er dies tut, schickt er Konvois mit Test-Fahrzeugen los. Bezieht er ein neues Versteck, lässt er Minen legen. Er telefoniert nicht, benutzt kein Funkgerät, kein Walkie-Talkie. Er kommuniziert ausschließlich mit handgeschriebenen Notizzetteln. Ein ausgeklügeltes System von Boten überbringt sie. Jeder Kurier kennt nur ein Codewort sowie seine Anlaufstation. So werden auch die Videos, Disketten und Hörcassetten übermittelt, mit denen bin Laden die Nachrichtendienste weltweit verunsichert. Seine Kondolenzbriefe an Familien verstorbener islamischer Prominenter sind nach Ansicht des amerikanischen Antiterror-Experten Yossef Bodansky "mit einem enormen geistigen Frieden" verfasst. "Sie enthalten keine Fehler. Er ist kein Mann auf der Flucht."

Donnerstag, elf Uhr morgens. Lieutenant Clint Dodson bricht mit sechs Humvees und 30 Soldaten auf Richtung Sharanah. Hierher trauen sich Mitarbeiter von UN oder Hilfsorganisationen schon lange nicht mehr. Dodson hat Befehl, eine neue Route zu erkunden, denn der Feind legte verstärkt Minen auf der Piste, die US-Truppen gewöhnlich benutzen. Quälend langsam tastet sich der Konvoi vor durch die teils karge, teils bewaldete Landschaft. Es geht durch ausgetrocknete Flussbetten, vorbei an Tankstellen ohne Benzin, an Siedlungen ohne Strom, an Holzpfählen mit weißen Flaggen, die über Gräbern gefallener Mujaheddin wehen. Der Konvoi ist über viele Kilometer zu sehen.

Unterwegs kommen Dodsons Männern 25 Fahrzeuge entgegen, afghanische Spezialkräfte in grünen Uniformen. Im dritten Auto sitzen vier Amerikaner mit dichten Bärten und Sonnenbrillen. "Keine Fotos!", rufen sie. "CIA-Paras", flüstert ein Soldat. Die paramilitärischen Kommandos sind die Frontkämpfer des US-Geheimdienstes bei der Jagd auf bin Laden. In ihrer Zentrale in Virginia organisieren 1100 Mitarbeiter, in der Mehrheit Frauen, den Kampf gegen den Terror - allein 50 in der Abteilung bin Laden. Zu ihrem Büro gehört ein Dutzend Experten, die versuchen zu denken wie er und seine nächsten Schritte vorauszusagen.

Ein ehemaliger Elitekämpfer führt Para-Kommandos

Einige der Para-Kommandos vor Ort führt Rear Admiral Bill McRaven, ein ehemaliger Elitekämpfer der Marine. Er gestaltete nach dem 11. September die Strategie des Weißen Hauses für den Krieg gegen den Terror mit. "Wenn einer gerissen genug ist, bin Laden zu kriegen, dann ist das McRaven", sagt Ex-General Wayne Downing, sein Ex-Boss im Weißen Haus. McRavens Truppe operiert angeblich auch in Pakistan, um bin Ladens Kuriere aufzuspüren.

"Wir dürfen aus Afghanistan flüchtende Terroristen nur zehn Kilometer auf pakistanisches Gebiet verfolgen", sagt ein Offizier der 25th Infantry Division. "Für alles Weitere brauchen wir Sondergenehmigungen." Offiziell gestattet Pakistans Präsident Musharraf überhaupt keine US-Truppenpräsenz in seinem Land. Dort betreiben Al-Qaeda-Terroristen und aufständische Taliban Ausbildungslager - unter den Augen von Pakistans Grenztruppen. Dass pakistanische Militärs und Geheimdienstler die Taliban - und damit auch bin Laden - noch immer unterstützen, gilt als offenes Geheimnis. "Eigentlich sind wir im falschen Land", sagt einer der Soldaten und deutet auf einen Ziegenpfad, der sich Richtung Pakistan schlängelt. Seit Jahrhunderten besuchen die paschtunischen Waziri von hier ihre Verwandten auf der anderen Seite der Grenze, die kaum gekennzeichnet ist. Waffen- und Drogenbanden nutzen die Schleichwege. Schmuggler berichten, sie arbeiteten lieber für al Qaeda und die Taliban als für die Amerikaner: "Man zahlt das Zehnfache."

Nach fünf Stunden erreicht Clint Dodsons Truppe das Ziel - eine Qilla, ein festungsartiges, mittelalterlich anmutendes Gehöft mit fünf Meter hohen, nackten Lehmmauern, Wachtürmen und freiem Schussfeld. Typisch für diesen Landstrich. Die US-Militärs haben es für 5000 Dollar im Monat gemietet und im Innern fünf Zelte aufgeschlagen. Die hat der stürmische Wind gestern wieder einmal weggeweht.

Eselskarren zuckeln über die staubige Piste

Am nächsten Tag fährt Dodson mit einem Team die zehn Minuten nach Sharanah. Greise zuckeln auf Eselskarren über die staubige Piste, die den Ort in zwei Hälften teilt. Männer und Kinder tummeln sich vor ein- oder zweistöckigen Lehm- und Holzhütten. Auf dem Dach der Polizeistation sitzen Uniformierte auf Stühlen und beobachten das Treiben. Der Übersetzer kauft für die US-Soldaten 25 Zuckerbrotfladen. Die GIs durchsuchen Autos nach Waffen. Dodson steht dabei und scherzt mit Kindern in lumpigen Kleidern.

Seine Männer fahren zum einzigen modernen Gebäude der Stadt. Osama bin Laden soll das Krankenhaus mitfinanziert haben. Das neue Röntgengerät, das die Amerikaner versprochen haben, ist noch immer nicht angekommen.

Dann macht Dodson seinen Antrittsbesuch beim Polizeichef. An der blau getünchten Wand hängt ein Bild von Präsident Karsai. Colonel Rahim sitzt in Zivil hinter dem Schreibtisch. Er gilt den Amerikanern als guter Informant. Sie haben ihm für 60 000 Dollar eine Schutzmauer um seine Station bezahlt. Er bittet noch um "eine neue Küche und ein neues Bad".

Ankunft der US Special Forces signalisiert Arbeit

Nachts um drei rollen 16 weiße Toyota-Pick-ups durch die hintere Zufahrt in die Feuerstellung der Amerikaner. US Special Forces, gemeinsam mit afghanischen Milizen. Sie tragen braune T-Shirts und Sonnenbrillen. Alle haben lange Vollbärte. Dodsons Leute nennen sie nur "die Bärtigen", wenn sie über diese Männer sprechen. Ihre Ankunft signalisiert Arbeit. "Hoffentlich nicht wieder in die Berge", sagt Sergeant Jones abends am Lagerfeuer. Neulich ging es bis 3500 Meter hinauf. Fünf Mann wurden höhenkrank. Sie kotzten, wurden bewusstlos, mussten mit Helikoptern evakuiert werden. Ziel war ein Haus mit 14 Verdächtigen. Spezialeinheiten hatten es ausspioniert. Plötzlich schickte der Feind eine Patrouille mit fünf Mann die Berge hinunter. Die Spezialkräfte feuerten auf sie, mit schallgedämpften Waffen. "Sie hatten zwei Kills und machten drei Gefangene", sagt Colonel Piatt.

Heute sollen Piatts Soldaten Bangi stürmen, ein Dorf mit mehreren Gehöften und 300 Bewohnern. Über ihnen kreisen Überwachungsflugzeuge und A-10-Kampfjets, das Wuppwuppwupp von Black-Hawk-Helikoptern ertönt. Die Männer am Boden wissen nicht, was hinter den Mauern und Türen ist. Sie finden eine Frau mit einem Neugeborenen, einen Mann mit Satellitentelefon. In der Dunkelheit hetzen sie Flüchtenden hinterher, fesseln und befragen 39 Verdächtige. Fast alle sind ältere Männer. Die Soldaten durchsuchen das Dorf, Stunde um Stunde, sie finden Zettel mit Telefonnummern und eine Funkausrüstung.

Sieben Gefangene haben die Special Forces längst mit Helikoptern ausgeflogen. Einige hatten ihre Bärte abrasiert. Es ging bei der Operation um die Suche nach einem "Hochwertziel" mit einer Satelliten-Telefonnummer, um Gespräche nach London, Washington, Iran und Irak. Es ging um einen Mann, der sechs Selbstmordbomber koordinierte. Sieben Kommandoebenen der US-Streitkräfte mussten die Aktion absegnen. Colonel Piatt ist "stolz, dass bei der gesamten Operation kein einziger Schuss gefallen ist".

20 Soldaten hocken vor Militärkarten, Computern und Telefonen

Wenig später sitzt er wieder in seinem Befehlsstand in Orgun. Im "taktischen Operationszentrum" beginnt das Morgen-Briefing. Daheim in Hawaii ist es jetzt 19 Uhr abends. In der Bretterbaracke der "Wolfshunde" hocken 20 Soldaten vor Militärkarten, Computern und Telefonen, über die Führer anderer Einheiten zugeschaltet sind. Der Colonel fragt die Lage ab. Unbemannte Aufklärungsflugzeuge sind im Einsatz. Aus Pakistan ist eine Zelle mit sechs Selbstmordattentätern unterwegs nach Khost. Raketenangriff bei Bagram, Treffer in Turm Nummer sieben. In Orgun Suche nach einem Individuum mit Verbindungen nach Pakistan. Nach CIA-Informationen hat der Mann mit einem Sprengsatz zu tun, der neben einer Schule ferngesteuert ausgelöst werden sollte.

Das Pentagon hat eine Anwältin geschickt. Sie soll die Soldaten über den korrekten Umgang mit Gefangenen belehren. Im Türrahmen steht breitbeinig ein Mann mit Vollbart und rotem Nike-Pullover. Er ist Major der Spezialkräfte. Er hat die ganze Zeit geschwiegen. "Zur Anwesenheit dieser Anwältin will ich Folgendes mitteilen", sagt er am Ende der Besprechung. "Gestern haben wir bei zwei Personen die Burkas gelüftet. Darunter steckten zwei Männer mit Mini-Kalaschnikows. Die Spinne ist noch immer im Netz."

Uli Rauss / print