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Al Kaida: Die Terror-Hydra aus dem Nahen Osten

Die USA haben al Kaida so gut wie besiegt - in Pakistan. In anderen Ländern aber formieren sich neue Gruppen des Terrornetzwerks. Etwa im Jemen. Sie sind stark genug, um dem Westen Angst einzujagen.

Barack Obamas Auftritt im Camp Pendleton erinnerte etwas an die legendäre "Mission-accomplished"-Show, die George W. Bush einst auf einem Flugzeugträger ablieferte. Der aktuelle US-Präsident freilich machte es ein paar Nummern kleiner: Vor den Soldaten des Militärstützpunkts sagte er: "Der Kern von al Kaida in Afghanistan und Pakistan steht kurz vor der Niederlage." Das ist eigentlich eine gute Nachricht, doch irgendwas stimmt mit ihr nicht.

Da wäre zum Beispiel die nahezu weltweite Terrorwarnung, wegen der die USA ihre Botschaften in zahllosen Ländern geschlossen hat. Wenn es stimmt, dass die Terrororganisation kurz vor dem Ende ist, wieso ist sie dennoch in der Lage, den USA so viel Angst einzujagen? Und wieso bedurfte es erst einer groß angelegten Telefonkonferenz der islamistischen Terrorfürsten, um von den Anschlagsplänen zu erfahren? Warum haben sich die al-Kaida-Führer überhaupt auf diese Weise ausgetauscht, wo sie doch ahnen konnten, dass der globale Abhörapparat der US-Geheimdienste mitlauscht? Und warum war oder ist es NSA, CIA und Co. nicht möglich gewesen, schon früher Alarm zu schlagen oder gleich zwischenzugrätschen?

Botschaftsschließungen nur "Sicherheitstheater"?

22 Vertretungen in 17 Ländern wurden geschlossen, darunter auch in Ruanda und Burundi, wo die Islamisten nicht unbedingt ihre Hochburgen haben. In der Kaida-Keimzelle Pakistan dagegen verrichten die Diplomaten dagegen unbeirrt ihre Arbeit und in Afghanistan und Irak kehrten sie schnell wieder an die Schreibtische zurück. Die "Washington Post" bezeichnet die Botschaftsschließungen als "Sicherheitstheater". Barack Obama sagte bei US-Talker Jay Leno, es handele sich um eine Vorsichtsmaßnahme. Offenbar sitzt der US-Regierung der Anschlag auf die US-Botschaft im libyschen Tripolis noch immer tief in den Knochen.

So gut wie alle Beobachter gehen mittlerweile davon aus, dass al Kaida tatsächlich am Boden liegt. Tagesschau.de zitiert den indischen Terrorismus-Experten Sreeram Chaulia mit den Worten: "Die Fähigkeit, weltweit zuzuschlagen, mag zurückgegangen sein. Al Kaida mag derzeit nicht in der Lage sein, größere Anschläge in Europa oder den USA auszuführen." Seine Einschränkungen machen klar - al Kaida taumelt, liegt aber noch nicht völlig am Boden. Bin Ladens Nachfolger Aiman al Sawahiri sei ein fähiger Stratege und Organisator, "aber er hat nicht im Entferntesten das Charisma Bin Ladens", so Chaulia weiter. Dennoch werde die Organisation in einigen Regionen ein wichtiger Mitspieler bleiben. Wie im Jemen zum Beispiel. Dem Land, auf das sich die Bedrohung offenbar konkret bezog.

Arm und weitgehend anarchisch

Das Land gilt als ideale Brutstätte für die islamistischen Terroristen: Es ist arm, die Zentralregierung hat über weite Teile keine Kontrolle und Rebellen sowie Separatisten kämpfen gegen den Rest an Staatlichkeit. Chef der jemenitischen "al Kaida auf der arabischen Halbinsel" ist Nasser al Wuhaishi, der ehemalige Privatsekretär von Osama Bin Laden. Sein abgehörtes Telefonat mit al Sawahiri soll es gewesen sein, dass die Amerikaner zu ihrer Terrorwarnung veranlassten. Al Wuhaishi habe es innerhalb weniger Jahre geschafft, seine Organisation zur gefährlichsten al Kaida-Abspaltung zu formen. Nahost-Experte Günter Meyer geht davon aus, dass der Jemenit zum Chefplaner für Anschläge gegen den Westen ernannt wurde. Er wäre damit die Nummer zwei nach al Sawahiri.

Al Kaidas dezentraler Charakter hat zugenommen

Vermutlich sind strikte Hierarchien nicht unbedingt das Wesen des Terrornetzwerks. Viele Experten gehen davon mittlerweile davon aus, dass al Kaida selbst unter Bin Laden nie eine wirklich festgefügte Organisation war, sondern eher ein loser Zusammenschluss, in dem vor allem persönliche Loyalitäten zählten und in dem Überzeugungstäter, die sich oft selbst anboten, bestimmte Terroraufträge ausführten. Nach der Vertreibung der al Kaida aus Afghanistan im Gefolge der Anschläge in den USA am 11. September 2001 verstärkte sich der dezentrale Charakter dieser Strukturen noch mehr.

Liefern sich al-Kaida-Zweige einen Terrorwettbewerb?

In muslimischen Ländern mit Gebieten, in denen die Ordnung in Aufständen und Bürgerkriegen zusammenbrach, etablierten sich immer neue al-Kaida-Ableger. Gruppen sunnitischer Glaubenskrieger im Irak, im Jemen, in Somalia, in Nordafrika und zuletzt in Syrien erklärten sich selbst zum örtlichen al-Kaida-Arm. Der Name ist mehr Marke denn Firma. Was die Terroristen allerdings nicht ungefährlicher macht: Offenbar befinden sich die einzelnen Zellen und Kämpfer in einer Art Wettbewerb und Machtkampf. Sie ringten darum, den nächsten großen Anschlag gegen den Westen zu verüben. Das zumindest glaubt der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU, Philipp Mißfelder, der nach eigenen Angaben über entsprechende Informationen verfügt.

nik mit DPA/AFP / AFP