Amerika wieder entdecken, die Idee Stippvisite bei Bushs Bürgern


Was kann die Stimmung am Bostoner Flughafen Logan über den Zustand Amerikas aussagen? Was bringt eine Reise in das erzkonservative Missouri? Und weshalb ist die Kontroverse um die Rolle der US-Medien interessant? Hier gibt es Antworten.

Klar. Es ist mein ganz persönliches Defizit. Es gibt X-Tausende Touristen, Geschäftsleute, Akademiker und Regierende, die Amerika in den vergangenen fünf Jahren besucht haben, die dort arbeiten, dort leben, dort ihrem ganz normalen Leben nachgehen. Sie alle wissen, wie dieses Land nun tickt, jetzt, im fünften Jahr des Anti-Terror-Kampfes, was die Menschen bewegt, wovor sie Angst haben. Für diese Menschen ist das neue Amerika, das Amerika nach dem 11. September 2001, eine Selbstverständlichkeit. Alltag. Sie wissen, was sie von Präsident George W. Bush zu halten haben, sie wissen, wie tief die Gräben sind zwischen Konservativen und Liberalen, und sie wissen, wie es sich anfühlt, jetzt, kurz vor dem fünften Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001, in einem Land im Kriegszustand zu leben. Vielleicht steht das Kürzel "9/11" für sie schon jetzt für eingeschliffene, immer wieder kehrende Debatten über Freiheit und Sicherheit, über eine immer wieder kehrende Kritik an George W. Bush, dem 43. Präsidenten der USA. Eingeschliffen, wie die Debatten über die Todesstrafe und die Abtreibung, über die Homo-Ehe und das Mindesalter für Alkoholgenuss.

"Don't blame me, I am from Massachusetts"

Ich gehöre nicht zu jenen, für die das "neue Amerika" schon wieder Alltag ist. Ich weiß nicht einmal, ob es ein "neues Amerika" gibt, ein "Post-9/11-Amerika", das anders ist als das Amerika vor diesem schwer beladenen Datum. Zwei Mal habe ich in den USA gelebt: Als Schüler in der Nähe Bostons im Nordosten des Landes und als Student in Washington D.C., und dennoch ist mir das Land fremd geworden.

Als Schüler war Amerika für mich die erste ganz große Reise, der erste ganz große Aufbruch, mit Supermärkten, die sonntags offen hatten, mit Spinden in der High School, mit einer herbstlich-europäische Ostküste, die immer wieder an den "Club der toten Dicher" erinnerte, und mit einem Alkoholverbot für Jugendliche unter 21. Amerika stand für abstrakten und gefühlten Pluralismus ebenso wie für die erlebte Enge von Suburbia, für den Grand Canyon, für die Wüsten Nevadas, und für George Bush den Älteren. Als ich in den USA zur Schule ging, sandte der Vater des heutigen Präsidenten US-Truppen zur Verteidigung Kuwaits in den Nahen Osten. In meinem damaligen Wohnort flatterten an fast allen Bäumen gelbe Bänder, die die Unterstützung der Bevölkerung für die Soldaten in der Ferne signalisieren sollten.

Die Politik von Krieg und Frieden faszinierte mich damals ebenso wie der Königskult um den immer-eleganten JFK, die Kennedys, deren Camelot-Legende, deren Landsitz in Hyannis Port, das alles kombiniert mit dem liberalen Geist der neuenglischen Universitäts-Stadt Boston, den Studenten-Cafés am Harvard Square und den dortigen Programmkinos mit billigen Programmtafeln. "Don't blame me", lautete auch damals noch der Text eines Auto-Aufklebers, mit dem damals ein paar Liberale durch die Gegend fuhren. "I am from Massachusetts." Nein, sollte das heißen, wir hier sind nicht schuld, wenn es mit der Politik bergab geht: Neben dem District of Columbia war Massachusetts 1972 der einzige Staat gewesen, dessen Bürger bei der Präsidentschaftswahl mehrheitlich nicht für den späteren Watergate-Präsidenten Richard Nixon gestimmt hatten, sondern für dessen demokratischen Konkurrenten George McGovern.

Später, als Student in der Hauptstadt Washington, war es nicht nur die politische Kultur, die mich weiterhin für die USA begeisterte, sondern auch das amerikanische Universitätssystem. Während sich Deutschland noch im bildungsnostalgischen Glanz des 19. Jahrhunderts sonnte, nahm man Studenten in den USA tatsächlich ernst. Bildung kostete, aber sie war auch etwas wert. Es war die Zeit, als Francis Fukuyama vom Ende der Geschichte schrieb, fast einen ewigen, demokratischen Frieden beschwor, und als der liberal-mittige Präsident Bill Clinton eine gewisse Monica Lewinsky zu ganz persönlichen Gesprächen ins Oval Office des Weißen Hauses bat. In dem Haus, das fünf Studenten unweit der Universität gemietet hatten, hatten wir die "New York Times" und die "Washington Post" abonniert, an den Wochenenden, so man sich nicht mit "Papers" mühte, gab es "Keg Parties."

Ich reiste 1997 mit dem Gefühl ab, das Land zu kennen, Amerika, zumindest oberflächlich, zu verstehen.

Befremden und Verunsicherung

Mittlerweile bin ich nicht mehr sicher, ob ich das noch behaupten kann. Sicher, die US-Nachrichten habe ich immer gelesen. Seit das technisch möglich ist, lade ich mir hin und wieder auch die einschlägigen Sendungen herunter, von "Meet the Press" bis hin zu den Abendnachrichten. Auch die ersten Auswirkungen der Anschläge, den wütenden Aufschrei im Moment des überraschenden, schmerzhaften Getroffenseins vermeinte ich, verstehen zu können. Erste Fehler im Anti-Terror-Kampf erschienen mir entschuldbar, in einer Situation, in der Sicherheit das oberste Gebot war, in der es galt, die klassische Balance zwischen den Zwängen der Sicherheit und Freiheit neu auzutarieren angesichts eines schwer zu fassenden, allgegenwärtigen Gegners. Ich glaubte an die Kräfte, die für eine Selbstkorrektur sorgen würden, dafür, dass das Pendel nicht zu weit ausschlägt.

Aber dann kamen all die Entscheidungen und Entwicklungen, die ich nicht mehr verstanden habe. Die Rechtfertigung des Irak-Kriegs, Guantanamo, Abu Graib, die Folter-Praxis im Ausland, die "renditions", die Entführung ausländischer Staatsbürger. Weshalb fanden weite Teile dieser Politik den Segen der Mehrheit der US-Bürger, der sich mindestens darin ausdrückte, dass sie George W. Bush 2004 als Präsidenten bestätigten? Stimmte gar das Bild einer amerikanischen Gesellschaft, die sich immer stärker polarisierte, in "Liberale" und "Konservative", in "Linke" und "Rechte", jeweils befeuert von immer lauter und mächtiger werdenden Medien-Konglomeraten sowie basisdemokratischen Blog-Bewegungen auf beiden Seiten. Wie konnte es zudem sein, dass die fundamental-christliche Kreationisten-Bewegung, die Darwins Evolutionslehre verwirft, so einen Zulauf erhielt? Mit der Person George W. Bushs alleine war das längst nicht mehr zu erklären. Er erschien eher Ausdruck denn Ursache des gegenwärtigen Zustands Amerikas.

Boston Logan Airport und die Terroristen des 11. September

Keine meiner Fragen ist neu. Auch kann keine davon letztgültig beantwortet werden, schon gar nicht im Rahmen einer dreiwöchigen Reise. Auch an definitiven Thesen ermangelt es mir. Dennoch möchte ich jetzt, kurz vor dem fünften Jahrestag der Anschläge des 11. September 2005, zumindest in Ansätzen verstehen, wie sehr dieser Angriff und der darauf folgende Kampf gegen den Terror die USA verändert haben, im Großen und im ganz Kleinen. Ich möchte zumindest mit Momentaufnahmen erfassen, wie sich dieses Land anfühlt, dessen Regierung dem Terror den Krieg erklärt hat.

Wie ergeht es den Muschelgräbern?

Zunächst fahre ich deshalb nach Boston. Dort, im liberalen Staat Massachusetts, liegt jener Flughafen, von dem aus am 11. September 2001 zwei der vier Todesmaschinen starteten. Vom Flughafen Logan stammen jene Bilder, die zeigen, wie die Terroristen problemlos die Sicherheitsbarrieren passierten, bevor sie gen New York flogen. Ich möchte wissen, wie dieses Ereignis diesen Ort, verändert hat, die Menschen, die dort arbeiten, leben, reisen. Wie etwa hat der Flughafen-Chef die Zeit nach dem 11. September erlebt? Was für Maßnahmen hat er ergriffen? Wie steht der Flughafen nun wirtschaftlich da? Wie ergeht es der dortigen Polizei - und wie hat man sich mit jenen arrangiert, die direkt unter den Folgen des 11. September zu leiden hatten, jene Muschelgräber, die zuvor im Schlick um den Flughafen herum nach Beute gruben und die dann verbannt wurden, weil man fürchtete, sie könnten die Sicherheit gefährden?

Missouri und die Frau, die ein Mann war

Vom liberalen Ostküsten-Massachusetts geht es in den konservativen Mittleren Westen. Die nächste Station meiner Reise ist Missouri, ein Staat in der Mitte der USA. Küsten und Großstädte wählen tendenziell demokratisch, auf dem Land herrschen zumeist die Republikaner. Deren Stimmung, deren Einschätzung der Regierung Bush wird auch die wichtigen Kongresswahlen im November dieses Jahres entscheiden. Im siebten Wahlkreis des Staates kommt es dabei innerhalb der republikanischen Partei zu einer kaum spannenden, dafür skurillen Auseinandersetzung. In der Vorausscheidung der Republikaner am 8. August tritt erneut der übermächtige Amtsinhaber Roy Blunt an, der in Washington die Funktion des "Majority Whip" hat. Blunt ist derjenige, der die republikanische Mehrheit der Abgeordneten in Washington auf Linie bringen soll. Er gehört dabei zu jenem Establishment, das auch Präsident Bush sehr nahe steht. Blunts Gegnerin innerhalb des republikanischen Lagers ist Midge Potts, eine Frau, die früher ein Mann war und als solcher sogar in der Marine gedient hat. Wie reagieren die Wähler auf Blunt? Wie ist die Stimmung in dem Wahlkreis gegenüber der eigenen, konservativen Regierung? Wie stark macht sich der Unmut über die zermürbende Situation im Irak, über das vermeintliche Versagen der Regierung bei der Reaktion auf den Wirbelsturm Katrina im vergangenen Jahr und über die Korruptions-Affäre um den Lobbyisten Jack Abramoff hier breit - und wie reagieren die Wähler auf die skurille Republikanerin Midge Potts? Meine Reise durch den Mikrokosmos im Südwesten Missouris wird vielleicht ein paar Antworten auf diese Fragen erbringen.

Wie steht es um die "vierte Gewalt"?

Von Missouri geht es zurück an die Ostküste, nach Washington und nach New York. Beide Städte waren Ziele der Terroristen des 11. September, aber beide Städte sind auch Zentren der amerikanischen Medienlandschaft. In Washington, nahe des Weißen Hauses, sitzen die politischen Korrespondenden, in New York haben große Fernseh-Anstalten wie das konservative Murdoch-Flagschiff Fox-News und wichtige Zeitungen wie etwa die "New York Times" oder das "Wall Street Journal" ihre Redaktionssitze. Und gerade für sie, die etablierten Nachrichten- und Meinungsführer und Macher, hat der Kampf gegen den Terror zu schwer wiegenden Turbulenzen geführt.

Als US-Präsident Bush behauptete, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen und deshalb müsse er in den Krieg ziehen, haben führende US-Medien ihm das schnell abgenommen. Zu schnell, wie sich später herausstellte, weshalb sie Glaubwürdigkeit einbüßten und sich die Frage gefallen lassen mussten, ob sie ihrer Kontrollfunktion als "vierte Gewalt" überhaupt noch gerecht werden konnten. Nach diesem Desaster gelobten viele Qualitätsmedien Besserung.

In diesem Jahr hagelt es nun erneut erbitterte Kritik, diesmal von Seiten der Regierung. Jetzt wird nicht das Schweigen einiger Medien moniert, sondern, im Gegenteil, ihre angeblich landesverräterische Veröffentlichungs-Ethik. Die "New York Times" wird seit Wochen aufs Schärste attackiert, weil sie bekannt gemacht hat, mit welchen Methoden die Bush-Regierung Terroristen jagt - vom Sammeln privater Telefondaten bis zur Überwachung internationaler Überweisungen. Konservative Journalisten fordern sogar, den liberalen Kollgen von der "New York Times" die Akkreditierung für das Weiße Haus zu entziehen.

Was ist "guter" Journalismus?

Ist die Presse in diesen Zeiten des Krieges in der Lage, ihrer Kontrollfunktion nachzukommen? Wie haben sich die Rahmenbedingungen der Arbeit der Journalisten seit dem 11. September 2001 verändert? Wo verläuft die Grenze zwischen schützenswerte Staatsgeheimnissen, den Arcana Imperii, und dem öffentlichen Interesse? Und was sind die ethischen Kriterien für "guten" Journalismus in diesen Zeiten? In Washington und New York werde ich zum Ende meiner Reise zusammentragen, was Medienmacher und Medienkritiker auf diese Fragen antworten.

Auf stern.dewerde ich regelmäßig über meine Eindrücke und Erfahrungen auf dieser Reise berichten. Die Geschichten und Beobachtungen mögen, wie eingangs erwähnt, nicht für jeden interessant sein. Sie sind vielleicht spannend für jene, die Sympathien hegen gegenüber den USA, für die es auch mit einer geschwinden Verteufelung George W. Bushs nicht getan ist, und die das Land - und vor allem seine Regierung - nicht mehr verstehen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker