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Amerika wieder entdecken, Teil 1: "Damit müssen Sie jetzt leben"

Seit dem 11. September 2001 durchleuchtet die US-Regierung Einreisende genauer als zuvor. Wer einmal verdächtig wurde, hat kaum eine Chance, diesen Makel wieder loszuwerden - so wie stern.de-Autor Florian Güßgen.

Vielleicht ist es Ironie, vielleicht versteckte Kritik, wahrscheinlich purer Zufall. Auf dem Weg von Hamburg nach New York zeigt Continental Airlines an diesem Morgen ausgerechnet Clooneys "Good Night, and Good Luck." Fast scheint es, als sollten die Besucher eingestimmt werden. In dem Film geht es um das Amerika der 50er Jahre, das Amerika Joseph McCarthys. Blindwütig jagte er die verhassten Kommunisten, hetzte Unschuldige, missachtete rechtsstaatliche Regeln und spaltete das Land in vermeintliche Patrioten und vermeintliche Vaterlandsverräter. Er schuf eine Atmosphäre der Angst und des Misstrauens. Clooneys brillanter Schwarz-Weiß-Film zeichnet den Versuch des CBS-Journalisten Edward R. Murrow nach, dem Hexenjäger zu begegnen, seine Methoden anzuprangern, ihn auf den Boden des Rationalen zurückzuzwingen.

Patrioten und Vaterlandsverräter

Der Film ist eine Metapher für das Amerika dieser Jahre. Am 11. September 2001 trat die Verwundbarkeit des Landes schrill und schmerzhaft zu Tage. Seither unternimmt die Regierung unter US-Präsident George W. Bush alles, um Amerika zu panzern und seine Feinde zu jagen. Es geht um Sicherheit, fast um fast jeden Preis. Wer in diesem Anti-Terror-Kampf nicht immer für die Regierung ist, muss in ihren Augen gegen sie sein. Aus der Sicht des Weißen Hauses gibt es Patrioten und Vaterlandsverräter, Freunde und Gegner. Das Raster ist grob - so grob, dass Freunde schnell zu Gegnern gemacht werden. Auch ich habe das schon vor meiner Abreise zu spüren bekommen.

1,86 Euro für eine Minute Amerika

Jeder Journalist, der in den USA arbeiten will, muss ein Journalisten-Visum beantragen. Deutsche Touristen müssen das nicht. Für sie gilt eine Ausnahme-Regelung. Ein Journalisten-Visum kostet 85 Euro. Wer es beantragen will, wird zu einem persönlichen Interview-Termin mit einem Konsularbeamten gebeten, je nach Heimatort entweder in Frankfurt oder in Berlin. Um den genauen Termin zu vereinbaren, muss der "Bewerber" eine Hotline anrufen, für die er pro Minute 1,86 Euro zahlt.

Die konsularische Abteilung der US-Botschaft Berlin ist in der Clayallee 170 in Dahlem angesiedelt. Mit S- und U-Bahn dauert die Reise von Berlin-Mitte in den tiefen Westen der Stadt fast eine Stunde. Das Gebäude in der Clayallee ist ein neoklassizistischer Hochsicherheitstrakt. Handys oder andere elektronische Geräte müssen leider draußen bleiben. Auch Taschen sind verboten. Dass sich Amerika seit 9/11 verändert hat, wird einem spätestens im Warteraum des Konsulats klar. "Remember September 11" steht auf einem Plakat, das in dem Raum hängt, als ich dort Anfang Juli mein Visum beantrage. Das Plakat zeigt die brennenden Türme des World Trade Centers in New York. "Never again", steht darauf. Bis zu 25 Millionen Dollar Belohnung, informiert das Plakat, gebe es für Hinweise, die helfen, Al-Kaida-Terroristen zu fangen. Deren Werk sei "Work of Evil".

Probleme in Miami

Wer einen frühen Termin vereinbart, also um halb acht morgens dort ist, hat gute Chancen, sein Visum schnell und problemlos zu erhalten. Die Konsularbeamtin in Berlin ist freundlich, hilfsbereit. Sie lacht, als sie Abdrücke meines Zeigefingers abnimmt. Und sie lächelt auch, als sie mich fragt: "Hatten Sie schon einmal Probleme bei der Einreise?" - "Ja", antworte ich. Und erzählte ihr meine Geschichte, die vor allem davon handelt, wie schwer sich die US-Regierung damit tut, kleine Fehler bei der Terroristenjagd zuzugeben und zu korrigieren.

Die Geschichte geht so: Im vergangenen Jahr musste ich auf der Reise von Hamburg nach Costa Rica in Miami umsteigen. Bei der Passkontrolle in Miami ließen mich die US-Grenzbeamten nicht durch. Irgend etwas schien nicht zu stimmen. Sie baten mich in ein Hinterzimmer, dort unterzogen sie meine Daten einem zweiten "Screening". Ein Beamter sagte, der Computer zeige an, dass ich mich seit 1997 illegal in den USA aufhalte. Weshalb der Computer das anzeigte, verriet er mir nicht. Irritiert versicherte ich den Beamten in Miami, dass es sich um einen Irrtum handelte. Seit 1997 war ich nicht mehr in den USA gewesen. Nach einer Stunde ließen mich die Beamten ziehen, so dass ich meinen Anschlussflug gerade noch erreichen konnte. Gleichzeitig versicherten sie mir, dass sie mich nicht ohne Weiteres in die USA hätten einreisen lassen. Der Eintrag in meiner Akte mache das fast unmöglich.

In Berlin sage ich der freundlichen Konsularbeamtin, dass ich seit diesem Tag versuche, allen erreichbaren Behörden meine Unschuld zu belegen, den lästigen Makel in meiner Akte, der mich verdächtiger macht als andere, los zu werden - mit Zeugnissen, mit Pässen, alles brav ins Englische übersetzt. Erst versuchte ich es bei der US-Botschaft in Costa Ricas Hauptstadt San José, dann bei der dortigen deutschen Botschaft, dann bei der US-Botschaft in Berlin (1,86 Euro pro Minute). Alles vergebens.

Eine Adresse in London, Kentucky

Seit dem 11. September 2001, heißt es immer wieder, habe sich viel geändert. Das neu geschaffene Heimatschutzministerium, das Department of Homeland Security (DHS), habe die Kontrolle über die Einreise in die USA übernommen - und auch die Kontrolle über die einschlägigen Datenbanken. Selbst von Seiten der US-Botschaft in Berlin hieß es, man könne nichts machen. Stattdessen verwies man mich an eine postalische Adresse in London im US-Bundesstaat Kentucky. Dorthin könne ich mich wenden, nur schriftlich, versteht sich, versicherte mir ein 1,86-Euro-Pro-Minute-Ratgeber. Eine Telefonnummer gebe es nicht. Auch keine Homepage. Folgsam schickte ich alle meine Dokumente an besagte Adresse und bat um Aufklärung darüber, was man mir genau vorwerfe und belegte meinen Verbleib in Europa. Die Antwort ließ auf sich warten. Nach einem halben Jahr rief ich erneut - für 1,86 Euro pro Minute - bei der US-Botschaft in Berlin an. Nein, das Department of Homeland Security antworte auf derartige Anfragen aus Prinzip nicht, hieß es. Man könne mir auch nicht sagen, ob der Eintrag aus meiner Akte gelöscht worden sei. Ich solle doch einfach noch einmal versuchen, in die USA einzureisen.

Genau das probiere ich jetzt. Die Konsularbeamtin bleibt trotz meiner Geschichte freundlich. Ich dürfe fest mit der Erteilung des Visums rechnen, sagt sie. Und sie werde versuchen, den offenbar falschen Vermerk aus meiner Akte zu löschen. Versprechen könne sie jedoch nichts. Der Zugriff auf die Datenbanken sei schwierig. Ob ich bei meiner Einreise in die USA wieder mit Problemen rechnen müsse, frage ich. Sie könne nichts versprechen, sagt die Frau.

Landung am Newark Liberty International Airport

An diesem Tag steht der Test an. Ein paar Stunden nach dem Ende des Clooney-Films, um 11.40 Uhr Ortszeit, lande ich an jenem Flughafen in New Jersey, der nunmehr Newark Liberty International Airport heißt. New York ist nur ein paar Kilometer von hier entfernt. Die Terroristen haben auch diesen Flughafen gebrandmarkt. Am 11. September 2001, um 8.42 Uhr, starteten sie von hier aus mit United Airlines Flug Nummer 93 - jenem Flugzeug, das später dank des heroischen Widerstands von Crew und Passagieren nicht in der Hauptstadt Washington niederging, sondern auf ein offenes Feld in Shanksville in Pennsylvania stürzte.

Bevor ich in Newark nur einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt habe, sind die US-Behörden bereits gut über mich informiert. Wie alle anderen Fluglinien auch muss "Continental" vor jedem Abflug aus Europa einen Datensatz mit insgesamt 34 Datensätzen zu jedem Passagier übermitteln: Wie heißt der Gast? Wann wurde er geboren? Wo wohnt er? Wie lautet seine Kreditkartennummer? Was isst er auf dem Flug? So was. Diese Daten werden in das so genannte Advanced Passenger Information System, kurz APIS, eingespeist. Dieses gleicht die Namen mit Listen von Terroristen ab - und informiert gegebenenfalls die Grenzpolizei, die wiederum dem Heimatschutzministerium untersteht. Zwar hat der Europäische Gerichtshof den Vertrag zwischen den USA und der Europäische Union, der diesen Datenaustausch ermöglicht, kürzlich gekippt. Aber noch werden die Daten überliefert. Weil der Gerichtshof das Abkommen nur aus formalen Gründen kassiert hat, ist auch unklar, ob sich das jemals ändern wird. Die US-Behörden drohen damit, Fluglinien die Landeerlaubnis zu entziehen, wenn sie die Passagierdaten verweigern.

"US Customs welcomes you to the United States"

Weil die US-Behörden so umfassend informiert sind, funktioniert die Abfertigung der meisten Passagiere nach deren Ankunft in Newark schnell und reibungslos Es gibt ausreichend Schalter, an denen die Reisepässe kontrolliert werden. Die uniformierten Beamten sind freundlich. "US Customs and Border Control welcomes you to the United States" steht auf einem großen Schild geschrieben, das über dem Durchgang zur Gepäckausgabe hängt. Fast alle Passagiere meines Flugs können sich schnell auf den Weg machen, ihr Gepäck abholen oder zu ihrem Anschlussflug eilen.

Ich muss mich gedulden. Fast entschuldigend sagt mein Schalterbeamter, ich müsse mich eines"Second Screenings" unterziehen. Ich habe zwar ein Visum, aber der Vermerk in meiner Personalakte wiege schwerer. Er könne mich nicht durchlassen. Sorry. Wann mein Anschlussflug abfliege, will er wissen. Ich habe Glück, sagt er, heute sei ein ruhiger Tag. Da werde es nicht lange dauern. 30 Sekunden vielleicht, wenn ich mich beeilen würde, vor den anderen einen Stock tiefer zu gehen. Meinen Reisepass (nagelneu, biometrisch) steckt er in eine Klarsichthülle, die er mir in die Hand drückt. "Have a nice trip", sagt er. Er meint es gut. Ein Stock tiefer trennt eine Glaswand die Gepäckausgabe von einem Wartebereich mit blauen Stuhlreihen.

"Hier wird nicht telefoniert"

Es gibt drei Schalter aus gebürstetem Stahl. Nur an einem sitzt ein Beamter in Uniform. Noch haben sie keinen anderen Touristen rausgezogen. Ich habe Glück. Wortlos nimmt der Mann meine Klarsichthülle. Ich solle warten, sagt er. Langsam kommen weitere Passagiere. Drei, vier Frauen sind es, ein Mann. Als ich mein Mobiltelefon heraushole, um eine SMS zu verschicken, wird der Schalterbeamte barsch. "Hier wird nicht telefoniert", herrscht er mich an. "Stecken sie das Telefon weg. Stecken Sie es weg." Zehn Minuten vergehen, der Uniformierte guckt konzentriert in seinen Computer. Ein paar gelangweilte Kollegen scherzen leise. Hinter der Glaswand knallen Koffer auf die Förderbänder. Ich werde nervös, ich muss meinen Anschlussflug erreichen, nach Boston. Dann ruft der Beamte meinen Namen. "Sie können durch", sagt er. "Holen Sie ihr Gepäck ab und gehen Sie durch den Zoll." Ob das denn jetzt immer so weiter gehe mit diesem "Second Screening", frage ich ihn. "Ja," sagt er unumwunden. "Sie müssen damit rechnen, dass sie bei jeder Einreise in die USA noch einmal überprüft werden." Was ich denn dagegen tun könne, frage ich. Es handele sich um einen falschen Eintrag. Der Mann mit der blauen Uniform zuckt mit den Achseln. An wen ich mich wenden könne, setze ich nach. Er habe keinen Zugriff auf die Datei, sagt er. Er führe nur Anweisungen aus. Es gebe aber eine Adresse in London, Kentucky. An die könne ich schreiben, wenn ich wolle. Das habe ich schon getan, sage ich. Vergeblich. "Nun ja," sagt der Mann. Er lacht. Nicht höhnisch, eher hilflos, als ob er mir die Nachricht einer unheilbaren Krankheit überbringen müsse. "Damit müssen Sie jetzt wohl leben. Ich habe jedenfalls noch niemanden kennen gelernt, der seinen Eintrag wieder los geworden wäre."

In der Glaswand ist eine Tür angebracht. Schon bevor ich hindurchgehe, sehe ich meinen Koffer. Auf dem Rollband dreht er Runden.