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Angebliche Wikileaks-Quelle Bradley Manning Der Höchstverräter


Er ist 22 Jahre alt, und er könnte sehr lange ins Gefängnis wandern. Bradley Manning brüstet sich damit, der Informant der Wikileaks-Enthüllungen zu sein. Geschah es aus Enttäuschung?
Von Niels Kruse

Wer der Böse an der Geschichte ist, wird die Zukunft zeigen, wer der Blöde ist, steht jetzt schon fest: Es ist Bradley Manning. 22 Jahre alt, Obergefreiter, zuletzt stationiert in einem US-Stützpunkt eine Autostunde von Bagdad entfernt. Er soll es gewesen sein, der der Enthüllungsplattform Wikileaks im ganz großen Stil geheimes Material zugespielt hat: Zunächst die Papiere über den Afghanistankrieg , dann Akten aus und über den Irak-Krieg und nun die Dokumente aus dem US-Außenministerium.

Mehr als 200.000 zum Teil vertrauliche Dokumente wird Wikileaks nun peu à peu veröffentlichen und damit ziemlich sicher für diplomatische Verwerfungen sorgen. Die ganze Welt kann nachlesen, dass der US-Botschafter Außenminister Guido Westerwelle für "aggressiv und substanzlos" hält, dass für einige Staaten der Preis für die Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen ein Staatsbesuch Barack Obamas war und dass Jordanien inoffiziell den Iran-Kurs der USA unterstützt. John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland, spricht davon, dass die "Ära des vertraulichen Gesprächs" erstmal vorüber sei. Wenn sich irgendwann die Schwaden des diplomatischen Misstrauens verzogen haben werden, wird Bradley Manning wohl immer noch im Gefängnis schmoren. Im Mai wurde er festgenommen. Ihm drohen bis zu 52 Jahre Gefängnis. Eine Strafe, die er sich selbst eingebrockt hat.

Die Daten als Musik von Lady Gaga getarnt

Denn der junge Mann hat selber damit geprahlt, die Daten gestohlen zu haben, als hätte er Fort Knox geknackt. Noch dazu vor den falschen Leuten: "Wenn du mehr als acht Monate lang, sieben Tage in der Woche, 14 Stunden täglich unbegrenzten Zugang zu geheimen Netzen hättest, was würdest du tun?", fragte er rhetorisch seinen Chatpartner Adrian Lamo. Dem in Hackerkreisen bekannten Amerikaner hatte sich Manning anvertraut. Hatte ihm erzählt, wie er die Dokumente auf CDs und DVDs kopiert, als Musik von Lady Gaga getarnt aus seinem Stützpunkt rausgeschmuggelt und an Wikileaks weitergeleitet hat. Tagelang unterhielten sich die beiden via Internet, wie im US-Magazin Wired nachzulesen ist, bis Lamo - von dem niemand so genau weiß, auf welcher Seite er eigentlich spielt - den Obergefreiten nach ein paar Tagen Plauderei im Mai an die US-Behörden verriet.

Dass dieser Hochverrat irgendwann passieren würde, war absehbar, denn auf das geheime US-Netzwerk SIPRNet, auf dem die Papiere lagen und von dem sich Manning bediente, haben nicht weniger als 2,5 Millionen Staatsangestellte Zugriff. Und selbst den Bereich, in dem sich die nun veröffentlichten Unterlagen des Außenministeriums befanden, können noch mehrere Hunderttausend Personen einsehen - laut "Washington Post" selbst Privatunternehmen. Doch nur einer hat bislang zugegriffen, behauptet er zumindest selbst von sich: Bradley Manning aus Potomac, Maryland. Sein vernichtendes Urteil über die Sicherheitsarchitektur: "Schwache Server, schwacher Zugriffsschutz, schwache Spionageabwehr, nachlässige Signalanalyse, ein komplettes Desaster."

Über seine Motive wird kräftig spekuliert

Doch allein die Tatsache, dass er die Möglichkeit hatte, die Daten zu klauen, erklärt noch nicht, warum er es nach eigenem Bekunden letztlich auch getan hat. Über seine Motive jedenfalls wird deshalb kräftig spekuliert. Sicher ist: Manning ist homosexuell. Er hat daraus auch nie ein Geheimnis gemacht, außer bei der US-Armee. Dass Homosexuelle dort weiter diskriminiert werden, könnte ihm, so wird nun schon spekuliert, zu schaffen gemacht haben. Außerdem habe er sich in seinem Job isoliert und diskriminiert gefühlt, vertraute er seinem Chatpartner Adrian Lamo an. Es ist die Rede von Liebeskummer und dass er sich wohl einsam gefühlt habe. In seiner Unterhaltung mit dem ehemaligen Hacker sprach Manning davon, dass die Menschen die Wahrheit sehen sollen. Und dass nun etwas passieren solle: Diskussionen, Debatten und Reformen, so sein naiv-frommer Wunsch.

Nach dem jetzigen Stand der Dinge war es kein Terrorist, kein Staatsfeind und auch kein Krimineller - sondern nur ein einfacher Soldat mit Sendungsbewusstsein und Herzschmerz, der die mächtigste Nation der Welt vor Freund und Feind bloßgestellt hat.

mit Agenturen

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