HOME

ANTI-TERROR-KRIEG: Somalia als zweites Afghanistan

Somalia im Fadenkreuz der USA: Das Land am Horn von Afrika gilt als potenzielles Versteck für Bin Laden, der dort viele Unterstützer hat. Die Vorbereitungen für einen Militärschlag laufen bereits.

Erste Anzeichen gab es am Horn von Afrika schon seit Wochen. Nach dem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel ist nun klar, dass Somalia nächstes Ziel im internationalen Kampf gegen den Terrorismus sein soll. Die Vorbereitungen der USA unter Einbeziehung der Bundeswehr laufen bereits. Und eine »Einladung« aus Mogadischu an Washington gibt es auch schon. »Wir würden eine Militärdelegation der Amerikaner begrüßen, um den Anschuldigungen nachzugehen, dass sich Mitglieder von Osama bin Ladens Terrornetz El Kaida bei uns verstecken«, sagte der Premierminister der somalischen Übergangsregierung, Hassan Abshir Farah, im lokalen Rundfunk.

Der ehemalige somalische Botschafter in der Bundesrepublik reagierte damit auf Anschuldigungen aus Washington, nach denen es Verbindungen zwischen El Kaida und der in Somalia operierenden fundamental-islamischen Organisation Al-Ittihad gibt. »Wir haben einen Brief an die Bush-Regierung geschickt. Darin laden wir sie ein, hierher zu kommen und selbst zu sehen, was hier ist. Wir sind bereit, gegen den Terrorismus zu kämpfen«, sagte Abshir Farah.

Chaos und Anarchie

Auf der FBI-Terrorfahndungsliste belegt Somalia einen der obersten Plätze. Seit der letzte Präsident, Siad Barre, 1991 ins Exil vertrieben wurde, herrschen in dem ostafrikanischen Land Chaos und Anarchie. Clanchefs streiten sich in wechselnden Allianzen um die Macht, die offiziell seit einem Jahr in den Händen der Übergangsregierung von Präsident Abdikasim Salat

Hassan liegt. Doch der Einfluss der in Dschibuti gewählten Regierung reicht noch nicht einmal über die gesamte Hauptstadt Mogadischu. Nach Meinung der Amerikaner ist das Land ein idealer Hafen für Terroristen. Sie schließen nicht aus, dass Bin Laden dort Asyl suchen könnte.

Viele Unterstützer Bin Ladens

In Somalia hat der Terroristenführer viele Unterstützer, seit die USA dort 1993 mit ihrer Aktion »Restore Hope« die größte Niederlage seit dem Krieg in Vietnam erlitten haben. Der Fundamentalismus hat in Somalia das Machtvakuum nach dem Staatenzerfall gefüllt, der mit der Vertreibung Barres eingesetzt hatte. Die Organisation Al-Ittihad nutzte dieses Machtvakuum zumindest in den 90er Jahren.

Während Somalia-Experten bezweifeln, dass die Gruppe noch immer als geschlossenes Netzwerk besteht, ist eine Vorhut amerikanischer Militärs offenbar anderer Ansicht. Sie vermuten Ausbildungslager in der nordostsomalischen Region Puntland sowie im Süden des Landes, nahe der kenianischen Grenze. Dort, in Ras Kamboni, sollen nach Erkenntnissen des FBI auch die Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998 geplant worden sein.

Äthiopien und Kenia haben Unterstützung zugesagt

Für einen möglichen Militärschlag haben die USA bereits Verbündete in der Region gesucht. Die somalischen Nachbarländer Äthiopien und Kenia haben bereits ihre Unterstützung zugesagt. Ein Erkundungstrupp der Bundeswehr lotete im vergangenen

Monat Quartiere im an Somalia angrenzenden Dschibuti aus. Mit 3000 französischen Soldaten existiert in der ehemaligen Kolonie der größte europäische Militärstützpunkt außerhalb Europas. »Als Rückendeckung der Amerikaner könnten deutsche Soldaten logistische und medizinische Aufgaben übernehmen«, mutmaßten westliche Diplomaten am Horn von Afrika. Das Verteidigungsministerium in Berlin schwieg.

Aidid einer der meistgefürchteten Kriegsherren Somalias

Auf seiner Tour durch die Region Anfang des Monats könnte der US-Staatssekretär für Afrika, Walter Kansteiner, aber auch Insider getroffen haben, an deren Händen Blut klebt: »Zum selben Zeitpunkt, an dem er in Addis Abeba war, weilte auch Hussein Mohamed Aidid dort«, weiß ein westlicher Beobachter. Der Sohn des Clanchefs Mohamed Farah Aidid, bei dessen Jagd sich die USA ihre schmähliche Niederlage holten, ist heute einer der meistgefürchteten Kriegsherren Somalias. Er hat einen amerikanischen Pass und diente Anfang der 90er Jahre der US-Marine. Mehrfach betonte er in letzter Zeit seinen angeblichen Willen zur Terror-Bekämpfung.

»Gibt es in Somalia ein Ziel?«

Während nach Berichten lokaler Medien ein US-Regierungsvertreter am Dienstag zu Verhandlungen mit Präsident Salat Hassan in Mogadischu eintraf, soll eine andere Delegation mit militanten somalischen Clanchefs der oppositionellen »Rahanwein Resistance Army« im 25 Kilometer entfernten Baidoa gesprochen haben. »Die USA scheinen ihren Einsatz in Somalia nach dem Muster der Nordallianz-Strategie in Afghanistan zu planen«, meint ein Somalia-Experte in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. »Die Frage ist nur: Gibt es in Somalia ein Ziel?«