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Reportage

"Wir müssen wieder raus": Retter ohne Hilfe - ein Besuch bei den Seenotrettern am Mittelmeer

Das Bergen von Schiffbrüchigen ist nach Seerecht Pflicht. Doch vor Europa ertrinken wieder Tausende Flüchtlinge. Weil Schiffe wie die "Aquarius" festsitzen. Vom Sieg des Populismus über die Menschlichkeit.

Von Uli Rauss

Aquarius im Hafen von Marseille - Seenotretter ohne Hilfe

Die "Aquarius" im Hafen von Marseille. Italien wollte das Schiff der Seenotretter beschlagnahmen, Gibraltar entzog die Flagge.

stern

Die alte Dame liegt am Kai im Hafen von Marseille, 77 Meter lang, den Bauch rot getüncht. "Silvester wird die 'Aquarius' auslaufen", sagt der Eigner, der Bremer Reeder Christoph Hempel. Erst mal in einen Atlantikhafen und dann auf hohe See. Er verhandelt die neue Charter, Offshore-Windparks, Glasfaserkabel-Verlegung, da sind robuste Vermessungsschiffe gefragt. Weil Italien die Beschlagnahme angedroht hat, zieht er sein Schiff ab aus dem Mittelmeer. "Da steht sie zu sehr in Verruf, die alte Dame."

Aquarius-Seenotrettung - Christoph Hempel

Christoph Hempel - sein Schiff muss er nun aus dem Mittelmeer abziehen.

stern

Es ist Weihnachtszeit, eine milde Sternennacht. Auf der Brücke sitzt Handelsschiffkapitän Klaus Vogel, Erfinder der Seenotretter "SOS Méditerranée", ein promovierter Historiker. Erst saß er unten bei der kleinen Abschiedsfeier mit der Crew zusammen, den Leuten von "Ärzte ohne Grenzen". Vom Stuhl des Rudergängers blickt er aufs Meer. Der Schiffsdiesel brummt, klare Sicht.

Zigtausende vor dem Tod gerettet

Was passiert da draußen jetzt, im Mittelmeer, wo sie binnen 34 Monaten 30.000 Menschen vorm Ertrinken gerettet haben? Werden seine Leute eine neue Chance bekommen, obwohl die EU-Politik die private Seenotrettung gezielt sabotiert?

Ohne die Retter ist das tödliche Risiko für die Leute in den Gummibooten noch größer geworden, dabei legen jetzt, in den Wintermonaten, eigentlich viel weniger Boote ab in Libyen. Mehr als 2200 sind ertrunken in diesem Jahr, und das Sterben wird 2019 weitergehen da draußen. "Wir müssen wieder raus", sagt Klaus Vogel. "Wir können sie doch nicht einfach absaufen lassen."

Anfangs leitete er noch selbst die Rettungseinsätze. Spürte die Todesangst von Müttern, hörte die Schreie der Kinder. Bis er sich zurückziehen musste, kraftlos, erschöpft. Jetzt will "SOS Méditerranée" ein anderes Schiff chartern als die "Aquarius": groß, ganzjährig einsetzbar, am besten wieder achtern mit niedrigem Deck, damit Überlebende leicht an Bord zu bekommen sind.

Symbol für Retten und Sterben im Mittelmeer

Aquarius-Seenotrettung - Frédéric Pénard

Frédéric Pénard - der Logistiker managte die Einsätze der "Aquarius".

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Die "Aquarius" war das größte humanitäre Rettungsschiff im Mittelmeer. Sie war das erste mit Überlebenden an Bord, dem die neue populistische Regierung in Rom die Häfen sperrte. Ein rüder Tabubruch, der im vergangenen Sommer zu einer Irrfahrt durchs Mittelmeer führte. Die Geretteten konnten erst nach zehn Tagen in Spanien an Land. Vorher schrubbten sie das Achterdeck, freiwillig, als Dank.

Das Schiff wurde zum Symbol für das Retten und Sterben im Mittelmeer, für den Kampf engagierter Bürger in Europa gegen die rigide Abschottungspolitik der EU-Regierungen. Es steht dafür, dass Menschen, die Menschen aus elementarer Not retten, als Schlepper kriminalisiert und von Behörden schikaniert werden. Es steht für das Wegducken von Regierungen und Politikern vor den Rechtspopulisten und Rassisten, die ihre Hetze gegen Migranten auch bei der Europawahl im kommenden Mai zum Wahlkampfschlager machen wollen.

Wut und Wille zum Weitermachen

Aquarius Rettungsschiff - Tanguy Louppe

Tanguy Louppe - der Seemann sah Flüchtlinge ertrinken.

stern

Die Stimmung an Bord in Marseille ist eine Mischung aus Frust und Wut und dem Willen zum Weitermachen. Tanguy Louppe, ein bretonischer Seemann, der Jahre bei einer Rettungseinheit der französischen Armee gedient hatte, erzählt von dem Mann neben dem sinkenden Schlauchboot, der ihm nicht mehr aus dem Kopf geht. Wind mit 14 Knoten, anderthalb Meter hohe Wellen. "20 Leute drohten zu ertrinken. Ein Mann hält seine Nase und seinen Mund gerade noch über Wasser. Und er hält seine Frau fest. Sie ist einen Meter tief unter ihm. Sie ist tot, er will sie nicht gehen lassen."

Frédéric Penard ist Operationschef bei "SOS Méditerranée". Er managte für "Ärzte der Welt" humanitäre Katastropheneinsätze, beim Tsunami in Asien, bei Erdbeben in Haiti und Pakistan. "Seenotrettung, das ist eine genuin humanitäre Aktion", sagt er. "Du rettest unmittelbar Leben. Dort, wo Regierungen versagen. Über das Retten von Leben kann man nicht schachern. Wer Mitmenschen rettet, rettet auch Prinzipien."

Ende von "Mare Nostrum" hinterließ große Lücke

Aquarius-Senotrettung - Sophie Beau

Sophie Beau - die Vizepräsidentin von "SOS Méditerranée" will ein neues Boot finden.

stern

Sophie Beau ist Vizepräsidentin von "SOS Méditerranée" . Sie haben eine Bewegung aufgebaut, humanitäre Profis zusammengebracht mit Berufsseeleuten und Medizinern. Dahinter stehen Tausende Spender, vor allem in Deutschland und Frankreich. "Als wir anfingen, fuhr kein Rettungsschiff im Mittelmeer. Heute ist das im Prinzip wieder so. Wir müssen zurück aufs Meer."

"SOS Méditerranée" entstand 2015, nachdem Italiens Marine die Militärmission "Mare Nostrum" eingestellt hatte. Eine gigantische humanitäre Rettungsoperation, Satellitenaufklärung, Flugzeuge, Fregatten, Küstenwachschiffe. Über 130.000 Menschen zogen sie binnen zwölf Monaten aus dem Meer und brachten sie nach Europa. Das wollte Rom nicht länger allein zahlen. EU-Mitgliedstaaten verweigerten Hilfe. Kommerzielle Frachter mussten Rettungseinsätze übernehmen, da sie dazu nach Seerecht verpflichtet sind. Unglücke führten zu Katastrophen mit Hunderten Toten. Diese Nachrichten von Menschen im Todeskampf vor europäischen Küsten zwang auch Deutschland zum Handeln. Gedrosselt beteiligten sich wieder Soldaten an der Seenotrettung, Marinesoldaten der Bundeswehr bekamen Orden dafür. Damals nahmen auch humanitäre Organisationen wie "SOS Méditerranée" auf der "Aquarius" die Arbeit auf.

Retter auf dem Mittelmeer: Weihnachten an Bord der "Sea Watch 3": Flüchtlinge an Bord und kein Hafen in Sicht

Italien koordinierte die Seenotrettung vor Libyens Küste wie zuvor äußerst professionell. Zuständig dafür war das Seenotrettungszentrum der Küstenwache in Rom. Der Kommandant war dankbar, ein Schiff wie die "Aquarius" im Mittelmeer zu wissen, das 550 Überlebende aufnehmen konnte.

Neuer Minister beschimpft Retter als Taxiunternehmen

Die Leitstelle in Rom ist das Nervenzentrum der Rettungsmaschinerie im Mittelmeer. Die Offiziere dort arbeiten vor einer Wand aus Monitoren, geredet wird nur das Nötigste. 500 Kilometer sind es von Libyens Küste nach Sizilien, im Mittelmeer sind jeden Tag Tausende Schiffe unterwegs, Küstenwachboote, Marinepatrouillen, Stückgutfrachter, Fischtrawler. Wird die Position eines Schlauchboots mit Flüchtenden bekannt, muss Rom entscheiden, wer hinfährt. Dem Rettungsschiff soll nach dem Einsatz ein sicherer Hafen zugewiesen werden zum Ausschiffen der Überlebenden. Menschen in Not auf See zu retten, begriffen die Offiziere der "Guardia Costiera" stets als gesetzliche und traditionelle Pflicht.

Das war auch so, als Nicola Stalla Ende Mai 2018 die Einsatzzentrale besuchte. Die Küstenwache hatte mittlerweile mehr als 200 Operationen der "Aquarius" koordiniert. Alle paar Monate besprach man Einsatztaktiken, Verbesserungsvorschläge. Nun sollte es wieder losgehen. Stalla hat Nautik und Navigation studiert, war Jahre auf Frachtern als Offizier an Deck gefahren, bevor er zu "SOS Méditerranée" stieß.

Die Seenotretter wussten natürlich, dass in Rom damals die neu gewählte Regierung antrat. Starker Mann war der Innenminister, Matteo Salvini, Chef der rechtsradikalen Lega-Partei. Ein Populist, der die Hilfsschiffe im Mittelmeer als "Taxiunternehmen" beschimpfte. Aber auch er war an Völkerrecht und Seerecht gebunden.

Es galt, Panik zu vermeiden

Die "Aquarius" legte am 8. Juni im Hafen von Catania ab. Bis zur Such- und Rettungszone in internationalen Gewässern vor Libyens Küste rechnen sie 20 Stunden. Auf dem Weg dorthin beorderte Rom Stalla zu Einsätzen, zu einem Notfall am Ölfeld Farwah, zu einem Schlauchboot mit 150 Personen in Seenot. Die Einsätze übernahmen andere, als ein Flugzeug der EU-Militärmission "Sophia" zwei Gummiboote sichtete. Je 120 Personen, 70 Seemeilen vor Libyen. Alltag im Mittelmeer.

Um 19.40 Uhr hatte Stalla Radar- und Sichtkontakt: zwei weiße Schlauchboote, Distanz vier Seemeilen. Er ließ die Schnellboote "Easy 1" und "Easy 2" zu Wasser, koordinierte selbst per Funk von der Brücke des Mutterschiffs. Hundert Kinder, Frauen, Männer in einem 14-Meter-Schlauchboot, das Gummi dünn wie bei Kinderspielzeug, Einlegeböden aus Sperrholz. Beim Erstkontakt galt es, Panik zu vermeiden, die Körpersprache der Retter zählte, der direkte Blick in die Augen. Eine halbe Stunde, dann kamen die ersten Kinder und Frauen an Deck der "Aquarius".

Dann wurde es dunkel. Die Lage eskalierte. Das zweite Migrantenboot, Hunderte Meter vom ersten entfernt, kenterte. 50 Menschen waren im Wasser, alle ohne Schwimmwesten, alle Nichtschwimmer. Schreie, Funkgeräte plärrten, im Licht von Suchscheinwerfern griffen Hände nach Händen. Zwei Männer ertranken. Die übrigen zogen sie in die Boote. Erst weit nach Mitternacht waren 229 Überlebende an Deck. Schwarzafrikaner, die meisten aus Sudan und Südsudan, viele Nigerianer. Teams von "Ärzte ohne Grenzen" versorgten die Notfälle, einige hatten Verätzungen vom Diesel-Wasser-Gemisch im Gummiboot.

Aquarius-Seenotrettung - Gerettete Flüchtlinge im Schlauchboot

90 Menschen rettete das Team der "Aquarius" bei diesem Einsatz Anfang 2018.

Picture Alliance

Der Tag, an dem sich alles änderte

In den nächsten Stunden brachten drei Schiffe der italienischen Küstenwache weitere 281 Überlebende aus anderen Seenotfällen. Danach kamen noch 119 Migranten von einem italienischen Frachter an Deck. Nach neun Stunden Einsatz dampfte die "Aquarius" mit 629 Geretteten ab, Richtung Sizilien.

Die Seenotleitstelle in Rom bot zwei Optionen als "sicheren Hafen" an, die "Aquarius" entschied sich für Messina, Fahrtzeit ist etwa ein Tag. Aber diesmal kam aus Rom keine Bestätigung. Stattdessen Stunden später eine E-Mail: die Forderung an Malta, die Überlebenden aufzunehmen. Malta lehnte ab. Die nächsten 48 Stunden blieb die "Aquarius" auf Stand-by, 30 Meilen nur vor Siziliens Küste. Die Geretteten lagen auf dem Vorschiff oder unter Deck. Um die Schwangeren kümmerte sich eine Hebamme von "Ärzte ohne Grenzen" .

Das war der Tag, an dem sich alles änderte. Italiens Populistenregierung vollzog den radikalen Kurswechsel in der Flüchtlingspolitik. Erstmals wies das Land ein Schiff mit geretteten Migranten ab. Im Seerecht ist festgelegt, dass Schiffbrüchige schnell in den nächsten sicheren Hafen zu bringen sind. Paris warf Innenminister Salvini "Zynismus" vor. Spanien erklärte, die Geretteten aufzunehmen.

Valencia? Das klang nach fahrlässiger Tötung

"

Spanien, das klang verrückt für uns", sagt Nicola Stalla. Valencia war 1300 Kilometer entfernt, vier Tage. Schwere Wetter waren prognostiziert. Eine Fahrt gegen den Westwind bei vier Meter hohen Wellen mit Leuten auf dem Vorschiff, das wäre fahrlässige Tötung. Der Kapitän der "Aquarius" weigerte sich. Die Küstenwache in Rom ließ 523 Migranten an Bord von zwei ihrer Schiffe bringen, 106 blieben auf der "Aquarius". Im Konvoi fuhren sie nach Spanien.

Am 17. Juni 2018 lief die "Aquarius" im Hafen von Valencia ein. Nachdem der letzte Migrant von Bord war, hielt Reeder Hempel auf der Brücke eine Ansprache vor der Crew. Die "Aquarius" hatte der Welt bewiesen, was Seenotrettung im Mittelmeer bedeutet. Sie war das einzige private Rettungsschiff, das noch fuhr. Im Juni 2018 ertranken im Mittelmeer 564 Menschen. Es war der tödlichste Monat seit vier Jahren.

Gezielte Sabotage, die EU sah zu

In den Wochen darauf wurde "SOS Méditerranée" gezielt sabotiert. 22 Mitglieder der rechtsextremen Gruppe "Génération Identitaire" überfielen das Büro der Organisation in Marseille. Gibraltar entzog dem Schiff die Flagge, ein völlig ungewöhnlicher Vorgang. Auf Sizilien ordneten Justizbehörden die Beschlagnahme des Schiffes an, weil angeblich Bordabfälle nicht ordnungsgemäß entsorgt wurden. Die "Aquarius" störte den neuen Kurs der italienischen Regierungskoalition.

Und die EU sah zu, wie Italien die Koordination der Seenotrettung fortan an die Küstenwache in Libyen auslagerte, sie bekam eine eigene Such- und Rettungszone zugewiesen. Über Libyen kommen 90 Prozent aller Flüchtenden, die über die zentrale Mittelmeerroute in die EU gelangten. Aber Libyens Küstenwache ist keine Küstenwache, sondern eine fragwürdige, chaotische Miliz.

Die Folgen erlebten die Seenotretter bei der letzten Fahrt der "Aquarius" als Rettungsschiff. Sonntag, 23. September, 1.18 Uhr: Vor Zuwarah leckt ein Holzboot mit 50 Personen. Die "Aquarius", die 30 Seemeilen südlich patrouilliert, bekommt die Information nicht von der libyschen Küstenwache, sondern über die humanitäre Organisation "Alarm Phone". Die Seenot-Zentrale in Tripolis ist mitten in der Nacht nicht erreichbar. Die "Aquarius" informiert die Leitstelle in Rom. Dort rät man, das libysche Küstenwachschiff "Al Khifa" zu kontaktieren und um Instruktionen zu bitten. Die nächsten 50 Minuten bleibt "Al Khifa" stumm.

Flüchtlinge aus Afrika: "Über das Meer wollen nur die, die überhaupt nichts zu verlieren haben"
Humu Mohamad, 23      "Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Humu Mohamad, 23   

"Ich hatte schon Geld gespart, war fest entschlossen zum Trip nach Europa. Von den Gefahren wusste ich: Als Frau hätte ich unterwegs vergewaltigt werden können. Aber hier in Tamale hatte ich einfach keine Hoffnung mehr. Aminu Munkaila hat mich überzeugt zu bleiben. Seine Organisation AFDOM finanzierte mir eine zweijährige Ausbildung zur Schneiderin und dann eine eigene Nähmaschine. Nur mit Handantrieb, aber egal. Ich arbeite im Freien, im Schatten eines Baums, da gibt es eh keinen Strom. Für eine Werkstatt fehlt mir noch das Geld. Aber ich habe genug Kundschaft. 

Was folgt, ist eine Drohung

Ein abstruses Rennen beginnt: Die Libyer wollen die Menschen auf dem Holzboot zurück in ihr Land zwingen. Das ist der Deal mit der EU, dafür bekommen sie Millionen. Die privaten Seenotretter wollen die Flüchtenden retten und in Europa in Sicherheit bringen. In Libyen gibt es keinen "sicheren Hafen" , für Migranten sind Folter, Vergewaltigung, Erpressung Alltag.

Um 5.17 Uhr erscheint das kleine Migrantenboot auf dem Radar der "Aquarius". In den nächsten Minuten scheitern sechs Versuche, "Al Khifa" über VHF-Funkkanal 16 noch einmal zu erreichen. "Aquarius" schickt seine beiden Schnellboote zum Migrantenkahn. 47 traumatisierte Kinder, Frauen, Männer, der Einsatz beginnt. Eine halbe Stunde später meldet sich "Al Khifa" über Funk. "Aquarius" soll sich "fünf Seemeilen" vom Migrantenboot entfernen, "wir kommen jetzt". "Aquarius" antwortet, Frauen und Kinder müssten sofort evakuiert werden. Sähen die Leute im Holzboot jetzt die libysche Patrouille, drohe eine Massenpanik. Kinder und Frauen werden aufs Rettungsboot gehievt, "Aquarius" bittet um Genehmigung, sie an Bord nehmen zu dürfen. Funkstille.

"Guten Morgen", meldet sich die libysche Patrouille um 6.14 Uhr. Was folgt, ist eine Drohung: "Wart ihr schon mal in Tripoli Town? Wie wär’s, wenn ihr dort zwei Wochen bleibt, mit uns?" Wütend geben die Libyer auf. "Ihr habt Instruktionen missachtet. Ihr versucht, die Leute nach Europa zu zerren. Ihr seid hier nicht erwünscht."

JWD: Team Joko an Bord der "Sea-Watch 3" im Mittelmeer

"Migration übers Mittelmeer nicht zu stoppen"

Die Flüchtlinge können erst sieben Tage später in Malta von Bord, nachdem Regierungen in fünf EU-Staaten eine Aufnahme zugesichert haben. Die Fahrt der "Aquarius" endet am 4. Oktober im Hafen von Marseille.

"Wir haben gesehen, dass es keinen Weg gibt, die Migration übers Mittelmeer zu stoppen", sagt Nicola Stalla. "Nicht die Seenotrettung durch Marine oder Hilfsorganisationen zieht die Armen aus Afrika an, es ist der Reichtum Europas." Ein weiterer Beweis dafür sei jenes Migrantenboot, das Ende November mit 264 Menschen an Bord den ganzen Weg vom libyschen Misrata bis nach Pozzallo auf Sizilien schaffte.

Nicht ein einziges Schiff hat unterwegs Hilfe geleistet. Die meisten Flüchtlinge kamen aus Eritrea. Sie waren tagelang ohne Wasser und Essen auf dem Meer. An Bord waren 40 Frauen und 44 Kinder, unter ihnen ein 15 Tage altes Mädchen. Die Mehrzahl durfte erst an Land, als der Kahn zu sinken drohte. Laut UNHCR kamen viele aus einem Gefängnis von Schleppern in Libyen.

"Solche Boote können wirklich jede Sekunde sinken", sagt Nicola Stalla. "Wäre das zwei Meilen vor der Küste Siziliens passiert, sie wäre überschwemmt worden mit Hunderten Leichen. Ich fürchte, so ein Fanal wird bald wieder passieren."