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Argentinien: Besser gehen als gegangen werden

Carlos Menem, alternder argentinischer Präsidentschaftskandidat, hat die Zeichen der Zeit erkannt. Nachdem in Umfragen 80 Prozent der Wähler für seinen Gegner votierten, warf er vozeitig das Handtuch.

Angesichts einer sich abzeichnenden katastrophalen Niederlage bei der argentinischen Präsidentenwahl hat der Peronist Carlos Menem entnervt das Handtuch geworfen und auf seine Kandidatur für die Stichwahl verzichtet. Der Wahlkampf des politischen Stehaufmännchens gegen seinen parteiinternen Gegner Néstor Kirchner hatte zum Schluss fast schon tragische Züge angenommen. Während der 72-jährige Ex-Staatschef an der Seite seiner 35 Jahre jüngeren Frau, der früheren Miss Universum Cecilia Bolocco, fast nur noch Fragen nach einem Verzicht zurückweisen musste, wurde sein Tonfall zunehmend nervöser.

Land "wie das blühende Spanien" versprochen

Holzhammer-Methoden prägten zuletzt den Wahlkampf des konservativen Menems. "Wenn Sie eine Demokratie wie in Iran, die Freiheiten des Kubas Fidel Castros und eine Sicherheitslage wie im Irak wollen, wählen Sie Kirchner", stand auf Wahlzetteln, die nur wenige Stunden vor Menems Abgang in Buenos Aires verteilt wurden. "Wollen Sie aber ein Land wie das blühende Spanien, wählen Sie Menem." Die Vergleiche waren aus Sicht der meisten Argentinier verschroben und eher Anlass für Gelächter.

Selbst der Rücktritt von der Kandidatur geriet nach Meinung argentinischer Fernsehkommentatoren zur "Farce". Mehr als 24 Stunden ließ Menem das Land im Ungewissen über seine Absichten. Nebulöse Äußerungen von einem Fenster seines Wahlkampfhauptquartiers in Buenos Aires ließen Freund und Feind verzweifeln. Die Gegenseite habe "betrügerisch" gehandelt, sagte Menem.

Umfragen sahen Gegner Kirchner weit vorn

Der sozialdemokratisch geprägte Kirchner, der für eine Politik der ruhigen Hand steht, konnte nach letzten Umfragen in der Stichwahl mit bis zu 80 Prozent der Stimmen rechnen. Die Aussichtslosigkeit des Kampfes zersetzte offenbar die Kampfmoral Menems. Schon der Sieg in der ersten Runde, bei der er 24,4 Prozent und damit die meisten Stimmen erzielte, glich einer Niederlage. Dem schwarz gefärbten, maskenhaft lächelnden Menem trauten immer weniger Argentinier zu, das Land aus der tiefen Misere zu führen.

Kein Werben um Buenos Aires

Zudem habe es Menem versäumt, in der Provinz Buenos Aires um Stimmen zu werben, sagt der Meinungsforscher Rosendo Frage. Und das bedeute vor allem, sich mit Bürgermeistern gut zu stellen. Denn die würden die Sozialhilfe verteilen und könnten armen Stadtteilen das Wahlverhalten faktisch vorschreiben. Fällt der Favorit des Bürgermeisters durch, gibt es keine Hilfsgelder mehr. In der Provinz Buenos Aires mit 38 Prozent aller Wähler hat der frühere Gouverneur und bisherige Interimspräsident Eduardo Duhalde die Zügel fest in der Hand. Um seinen Intim-Feind Menem von der Macht fern zu halten, unterstützte er Kirchner mit allen Kräften.

Menems Ex-Wähler sind reifer geworden

Während Menems zwei Amtszeiten zwischen 1989 und 1999 paukte er Reformen wie die von vielen als brutal empfundene Privatisierung großer Teile der Wirtschaft durch. Zugleich aber bürdete er Argentinien eine horrende Verschuldung von umgerechnet bis zu 135 Milliarden Euro auf, die das Land nun zu erdrücken droht.

Vor allem aber sein von Korruptionsvorwürfen begleiteter Regierungsstil widerspreche der Sehnsucht nach Normalität, sagt die Meinungsforscherin Graciela Römer. "Champagner für die Freunde und Pizza fürs Volk", erinnern sich viele an die 90er Jahre. "Die Wähler sind reifer geworden und wollen einen Rechtsstaat, der Regeln aufstellt und auch durchsetzt", beschreibt Römer die Stimmung.

Schwierige Aufgabe

Unter Duhalde ist Argentinien trotz einer Armutsrate von 60 Prozent, katastrophal geschrumpfter Wirtschaft und internationaler Zahlungsunfähigkeit nicht im Chaos versunken. Das achtgrößte Land der Erde mit einer gut ausgebildeten Bevölkerung, reichen Bodenschätzen und fruchtbaren Provinzen endlich wieder zu einem funktionierenden Gemeinwesen zu machen, diese Herausforderung hinterlässt er Kirchner.

Jan-Uwe Ronneburger / DPA