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Aufstand in Ägypten Zwischen Bürgerkrieg und Volksfest

Setzen sich Aufständischen in Ägypten durch oder kann Präsident Hosni Muburak die Macht weiter in den Händen halten? stern-Korrespondent Steffen Gassel berichtet aus Kairo.

Kairo gleicht in diesen Tagen einem surrealen Gemälde: Vor dem Ägyptischen Museum stehen Panzer, nebenan brennt ein Parteigebäude, und auf der anderen Seite herrscht Volksfeststimmung. Manchmal kommen Demonstranten und zeigen aufgesammelte Patronenhülsen - auf ihnen steht "Made in USA". "Schau, sie schießen mit amerikanischen Patronen auf uns", sagt einer. Über ihm und den anderen Tausenden von Oppositionellen kreisen die Hubschrauber. Von Tag zu Tag wird die Lage in Ägypten unübersichtlicher: Kurzzeitig sah es so aus, als würde der Aufstand gegen den seit 30 Jahren herrschenden Diktator Hosni Mubarak das Land in Anarchie stürzen. Jetzt, am Tag sieben der Unruhen, ruft der selbsternannte Oppositionsführer Mohamed ElBaradei seine Landsleute zum Generalstreik auf.

Nachts das Viertel bewachen, mittags protestieren

Vergeblich hat das Regime versucht, die Aufständischen von den Straßen zu prügeln, am Wochenende dann wurde eine neue, perfidere Taktik ausprobiert: Völlig überraschend zogen plötzlich sämtliche Polizisten ab und das Vakuum füllten marodierende Horden, die brandschatzend und plündernd durch die Straßen zogen. Um sich gegen den Mob zu schützen, haben sich die Menschen zu Bürgerwehren zusammengeschlossen: Grimmig bewachen sie, bewaffnet mit alten Stangen oder Küchenutensilien, ihre Viertel und Straßenzüge - und harren die ganze Nacht aus. Morgens geht es ins Bett, und ab Mittag beginnen die Proteste wieder aufs Neue. So läuft das seit Tagen.

Trotz ihres bedrohlichen Aussehens geben sich die Mitglieder der Bürgerwehren halbwegs entspannt. Wer offensichtlich nichts Übles im Sinn hat, wird in Ruhe gelassen. So ist es zumindest in der Hauptstadt. In Alexandria und anderen Orten dagegen soll es bereits Fälle von Selbstjustiz gegeben haben, teilweise sollen die Bürgerwehren missliebige Landsleute kurzerhand gefangen genommen haben.

Geht die Taktik des Regimes auf?

Seit Sonntagabend lässt sich die Polizei in Kairo wieder blicken. Nicht jedem gefällt das, denn die Polizei war es, die in den Anfangstagen des Aufstands die Demonstrationen mit Gewalt auseinandergetrieben hat, und die Polizei ist es, die von den meisten Menschen als die eigentliche Bedrohung wahrgenommen wird. Doch es gibt auch diejenigen, die die Beamten wegen der unsicheren Lage wieder herbeisehnen. Immer wieder sind Gewehrschüsse zu hören, niemand weiß, wer schießt und auf wen. Die Taktik des Regimes, die Polizei abzuziehen, um zu demonstrieren, was ohne sie droht, nämlich ein Schrecken aus Chaos und Anarchie, scheint teilweise aufzugehen.

Bislang ist es zudem nur eine Minderheit, die der Staatsmacht trotzt. Wenn es voll wird auf dem Tahrir-Platz, dem zentralen Ausmarschpunkt der Opposition, kommen vielleicht 30.000, 40.000 Demonstranten. Aber allein in Kairo leben mehr als acht Millionen Menschen. Die überwältigende Mehrheit geht nicht auf die Straße. Sie hat keine Lust, traut sich nicht oder kann es sich schlicht nicht leisten: wie die Bewohner der Armenviertel, die tagsüber arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Opposition schmiedet bereits Pläne, wie das Land für die Zeit nach Mubarak zu regieren sei, doch letztlich enstcheidet das Militär über die Zukunft Ägyptens

Ein Mann Mubaraks als Hoffnungsträger

Die anderen, die den verhassten Präsidenten Mubarak aus dem Amt jagen wollen, werden dagegen von Tag zu Tag optimistischer. "Wir gehen hier nicht eher weg, bevor Mubarak geht", skandieren sie. Was danach passiert, darüber sind sie aber noch unschlüssig. Einige können sich gut vorstellen, dass Omar Suleiman die Staatsgeschäfte übernimmt. Der ehemalige General gehört zwar auch zu Mubaraks Führungsclique und wurde von ihm nun zum Stellvertreter ernannt - dennoch ist er in der Bevölkerung relativ beliebt. Viele trauen ihm zu, dass er für Stabilität sorgen wird - zumindest in die Übergangszeit. Auch beim Militär genießt er hohes Ansehen - und ohne die Armee läuft in Ägypten nicht viel. Auf der anderen Seite stehen die Menschen, die mit den Repräsentanten des bisherigen Regimes brechen und frische, neue Leute an der Staatsspitze sehen wollen.

Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei wäre so jemand, der ausreichend Distanz zum Staatsapparat hat und dennoch in der Lage wäre, ein Bündnis aus erfahrenen und neuen Kräften zu schmieden. Doch der vermeintliche Hoffnungsträger begeistert die Ägypter bislang nur mäßig, seine Fangemeinde ist überschaubar. Als er am Sonntag zu den Demonstranten gesprochen hat, zog er kaum Aufmerksamkeit auf sich. Nichtsdestotrotz fordert er nun eine Einheitsregierung für das Land. Dieser solle auch Mohamed al Beltagi angehören, ein führendes Mitglied der Muslimbruderschaft.

Aufständische kommen nicht aus dem Kreis der Etablierten

Die Islamisten sind die große Unbekannte unter den Oppositionellen. Offiziell verboten und intern zerstritten, lässt sich ihre politische Ausrichtung am ehesten mit dem Mainstream-Islamismus der türkischen AKP vergleichen, aus deren Reihen der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan stammt. Das Ausland, allen voran Israel, fürchtet eine Beteiligung der Muslimbruderschaft an einer möglichen neuen Regierung. Allerdings verfügen die Islamisten über parlamentarische Erfahrung und gehören damit zum politischen Establishment. Die Bewegung am Nil ist aber deswegen so erfolgreich, weil sich die Aufständischen eben nicht aus dem Kreis der etablierten Parteien speisen.

Letztlich entscheidet das Verhalten der Armee über die Zukunft des Landes. Zwar zeigt es an allen strategisch wichtigen Orten massive Präsenz, hält sich ansonsten aber zurück. Die meisten Soldaten sind bislang sehr darauf bedacht, niemanden zu provozieren. Am Tahrir-Platz etwa kontrollieren sie lediglich die Demonstranten und nehmen ihnen alles ab, was als Waffe dienen könnte. Viele Aufständische sehen in den Militärs sogar Brüder im Kampf: Einige Kairorer reichen den Soldaten sogar Essen auf die Panzer. Ein Befehl, gegen die Aufständischen vorzugehen, hat es bislang noch nicht gegeben. Am Abend verspricht ein Militärsprecher über das Staatsfernsehen sogar, die Armee werde keine Gewalt gegen die Bürger einsetzen. Und: "Wir verstehen die Forderung der Bürger."

Auf welcher Seite die Armee steht oder zu welcher sie wechseln wird, ist dennoch unklar. Denn von den rund 500.000 Soldaten ist bislang nur ein kleiner Bruchteil im Einsatz.

Von Steffen Gassel, Kairo

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