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Thomas von der Osten-Sacken "Die wahren Brandstifter sitzen in Berlin, Brüssel oder Rom" – Helfer schildert dramatische Szenen aus Moria

Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos; Thomas von der Osten-Sacken
Thomas von der Osten-Sacken ist für die Kindernothilfe-Partnerorganisation Stand By Me Lesvos in dem Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos im Einsatz
© Angelos Tzortzinis / AFP, privat
Tausende Menschen haben nach dem Brand im Elendslager Moria ihre Obdach und ihr Hab und Gut verloren. Flüchtlingshelfer Thomas von der Osten-Sacken schildert im stern-Interview die Lage auf Lesbos – und blickt sorgenvoll in die Zukunft.

Fast 13.000 Menschen stehen über Nacht ohne Dach über dem Kopf da – das Feuer im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos hat das Elend unter den Geflüchteten weiter verschärft.

Im stern-Interview berichtet der deutsche Helfer Thomas von der Osten-Sacken von der Kindernothilfe-Partnerorganisation Stand By Me Lesvos über die Not der Menschen auf Lesbos und zeichnet ein düsteres Bild von den kommenden Wochen.

Flüchtlingshelfer berichtet über die Lage in Moria

stern: Herr von der Osten-Sacken, wann haben Sie mitbekommen, welche Katastrophe sich im Flüchtlingslager Moria abspielt?

Thomas von der Osten-Sacken: Eine Katastrophe spielt sich hier eigentlich schon seit Monaten ab. Das Camp ist seit einem halben Jahr im Lockdown, es gab immer wieder äußerst kritische Situationen, Gewalt, Feuer. Wir befürchten seit Tagen das Schlimmste. Dass die Situation eskaliert, ist mir am Dienstagabend gegen 21.30 Uhr klar geworden, als uns Bilder, Videos und Berichte der chaotischen Zustände aus dem Innern des Lagers erreicht haben.

Was haben Sie von dort gehört und gesehen?

Es gab wütende Demonstrationen. Auslöser dafür war offenbar der Umgang mit 35 Bewohnern, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden und in behelfsmäßigen Holzbaracken isoliert werden sollten. Sie wurden äußerst ruppig und unsensibel dorthin gebracht. Allerdings ist diese Situation nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Menschen lebten hier in Zelten ohne fließend Wasser, mit offenen Feuerstellen – und das ganze in einem völlig überfüllten Lager. Wie in einem Slum. So etwas darf es in Europa nicht geben. Wir haben seit Wochen davor gewarnt, dass etwas Schlimmes passiert.

Haben die Bewohner von Moria im Zuge der Proteste die Feuer gelegt?

Das weiß ich nicht. Und es ist – um es einmal drastisch zu sagen – auch egal, ob es nun die Bewohner waren oder Rechtsradikale oder sonstwer. Die wahren Brandstifter sitzen in Brüssel, in Berlin oder in Rom. Die europäische Politik wusste, was passieren wird. Alle wussten, was hier passieren wird. Allen war klar, dass es so nicht weitergehen kann und dass das Lager geräumt werden muss. Es gibt jedoch seit Jahren keine Versuche, die Lage auf Lesbos ordentlich zu managen – der Coronavirus-Ausbruch hat die Situation nur noch weiter verschärft.

Wie ist die Lage auf Lesbos jetzt?

Wir waren gegen 2 Uhr am Flüchtlingslager. Es war das absolute Chaos, es brannte überall. Wir erhielten die Information, dass noch Mitarbeiter von uns von den Flammen eingeschlossen waren und haben der Feuerwehr klar gemacht, dass sie dort intervenieren muss. Gegen 5.30 Uhr waren alle Menschen vor dem Feuer gerettet, das Chaos wurde aber nicht kleiner. Die Menschen waren in alle Himmelsrichtungen verteilt, kauerten in den Olivenhainen, hockten an Straßenrändern, versuchten die umliegenden Dörfer zu erreichen. Viele waren in entsetzlicher Panik, dass Freunde oder Angehörige im Feuer gestorben sind. Minderjährige sind völlig verängstigt umhergeirrt. Noch immer weiß niemand, wie es weitergehen soll. Die Menschen haben keine Obdach, keinerlei Besitz mehr. Nur noch die Kleidung, die sie am Körper tragen – und die riecht nach Rauch.

Wie kann den Menschen nun geholfen werden?

Es braucht jetzt eine sofortige Nothilfe: Zelte, Nahrung, Medikamente. Bisher habe ich aber noch nicht feststellen können, dass irgendetwas in diese Richtung passiert. Im nächsten Schritt müssen die Geflüchteten evakuiert werden. Die Bewohner der Insel [rund 83.000; Anm. d. Red.] haben kein Problem mit vielleicht 3000 Flüchtlingen, aber mehr als 12.000 – das ist zu viel. Das würde auch in keiner deutschen Stadt funktionieren. Noch einmal: So etwas darf es in Europa nicht geben.

Glauben Sie daran, dass sich jetzt etwas ändert?

Ich würde nicht einmal einen griechischen Kaffee darauf verwetten, dass den Menschen nachhaltig geholfen wird. Es ist schon so oft etwas versprochen worden, das nicht eingehalten wurde. Ich bin seit 30 Jahren in der Entwicklungshilfe tätig, arbeite hauptsächlich im Irak, aber ich habe keine Vorstellung davon, wie es nun auf Lesbos weitergehen soll. Es fällt mir wirklich schwer, positiv in die Zukunft zu blicken.

Was sehen Sie, wenn Sie in die Zukunft schauen?

Die Lage wird sich vermutlich zuspitzen. Kriminelle Banden aus dem Camp werden die Chance nutzen, Profit aus der Situation zu schlagen. Die Spannungen zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen werden wachsen, Rechtsradikale werden Morgenluft wittern. Wir rechnen hier mit einer weiteren Eskalation.


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