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Interview

"Briten gehirngewaschen": Ein deutscher Brexit-Flüchtling über Chaos und Hass in dem Land, das lange seine Heimat war

Ralf Zeigermann ist vor 24 Jahren nach Großbritannien gezogen. Vor dem Brexit zog er zurück nach Deutschland. Was bleibt, sind Frust und Wut über ein Land, das sich selbst zerstört. Ein Gespräch.

Brexit

Der Brexit spaltet Großbritannien

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Der 23. Juni 2016 wird als schwarzer Tag in die Geschichte Europas eingehen. So viel ist schon jetzt klar. Das britische Volk stimmte mit einer knappen Mehrheit für "Leave". 51,9 Prozent der Wähler wollten raus aus der EU, die ihnen so lange – so der Konsens der meisten – zu viel vorgeschrieben hatte. Fast drei Jahre später hat sich im Land nichts gebessert. Im Gegenteil.

Das Volk ist geteilt wie nie zuvor, die Politik findet keinen Weg, den Brexit mit Anstand und guten Vereinbarungen durchzuziehen. Die Leidtragenden werden in ein paar Jahren vor allem die Briten selbst sein. Aber genauso die vielen Europäer, die seit Jahrzehnten auf der Insel leben und arbeiten, die sich dort Existenzen aufgebaut haben und das Land ihre Heimat nennen. 

Brexit-Geflüchteter Ralf Zeigermann

Lebte 24 Jahre in Großbritannien, jetzt ist er vor dem Brexit geflohen: Ralf Zeigermann

So wie Ralf Zeigermann, der vor gut 24 Jahren nach Cambridge zog, weil er einen Job in einer Werbeagentur angeboten bekommen hatte. Wenige Jahre später ging der Illustrator und Grafikdesigner dann nach London. Nach dem 23. Juni hieß es für ihn nur noch: Nichts wie weg. Jetzt ist er zurück in Deutschland und blickt im Gespräch mit dem stern zurück.

Herr Zeigermann, was machte Großbritannien und im Speziellen London vor 2016 für Sie aus?

Zum einen war das diese Mischung aus Altem und Hochtechnisiertem. In Cambridge sah man morgens auf dem Marktplatz noch Pferdefuhrwerke, gleichzeitig hatte 1994 dort schon fast jeder ein Mobiltelefon. Völlig verrückt. Das gleiche Bild in London: Da hat man zum einen Soho und als Gegensatz die City mit den Hochhäusern. Das ist faszinierend. Und natürlich waren das auch die Engländer selbst. Dieses Ruhige, Gelassene, Pragmatische.

Schicksalstag war der 23. Juni 2016. Das Referendum, das alles verändert hat. Wie haben Sie den Tag erlebt?

Anfangs dachte ich noch, alles würde gut ausgehen. Die ersten Ergebnisse, die reinkamen (unter anderem aus Gibraltar), waren alle pro EU. Am nächsten Morgen dann der Schock. Ich hatte direkt Panik: Muss ich mir jetzt in ein paar Jahren eine Arbeitserlaubnis besorgen? Und dazu ein Visum?

Welche Veränderungen sind Ihnen als erstes aufgefallen?

Es wurde schnell klar, worum es hauptsächlich ging: Nämlich um die Ablehnung Ausländern gegenüber. Nach dem Referendum wurden in London polnische Geschäfte angegriffen. Da wurden Scheiben eingeschlagen. Das Absurde: Als Deutscher, Franzose, Italiener, galt man als "guter Ausländer". Ich habe oft gehört: "Wir meinen ja nicht dich." Es geht hauptsächlich gegen die Polen, Bulgaren und Rumänen.

Aber trotzdem gehst du in London durch die Pubs und dir fällt auf: Jeder Zweite will nicht, dass du hier bist. Mittlerweile sollte man aufpassen, dass man in der Straße in London besser nur Englisch redet und nicht in seiner Landessprache. Das könnte sonst gefährlich werden.

Weil viele jetzt eine Legitimation für ihre rassistischen Ansichten sehen?

Genau. Und das wird von der Regierung ja auch noch gefördert. Theresa May hat uns Europäer bei der ersten Rede auf dem Parteitag 2016 als "Citizens of Nowhere" beschimpft. Und kürzlich meinte sie, die Europäer sollten keine "Queue jumpers" mehr sein. Was so viel heißt wie: Wir sollten nicht mehr bevorzugt werden. Die wollen keine Ausländer mehr im Land haben. Egal von woher.

Sie haben Großbritannien mittlerweile verlassen und sind zurück nach Deutschland gezogen. Wann ist Ihnen der Gedanke zum ersten Mal gekommen?

Der kam im Grunde direkt nach dem Referendum. Es hat sich 2016 aufgebaut und 2017 habe ich angefangen, meine Fühler wieder nach Deutschland auszustrecken. Der Hauptgrund dafür war die Stimmung im Land. Man liest täglich neue Hiobsbotschaften in der Presse. Und von der Regierung kommt rein gar nichts, was Hoffnung macht. Ich sehe in England keine Zukunft mehr.

Inwiefern haben Sie mit der Entscheidung, zu gehen, gehadert?

England war mein Zuhause, da hadert man natürlich. Ich hatte ein Haus in der Nähe von London, habe mich dort immer wohlgefühlt.

Welchen Eindruck haben Sie von der momentanen politischen Situation?

Im Grunde ist es wie erwartet: das totale Chaos.

Verstehen die Engländer nicht, dass sie am 29.3. raus sein werden, und zwar ohne Deal?

Ich frage mich seit über einem Jahr: Checken die eigentlich überhaupt noch was? Bis jetzt denkt Jeremy Corbyn (Labour Parteivorsitzender, Anm. d. Red.) noch, er könne mit der EU einen neuen Deal verhandeln. Und May hat jetzt auch noch mal angekündigt, zu verhandeln. Völliger Blödsinn. Da ist nichts mehr zu verhandeln.

Wie bewerten Ihre britischen Freunde die Entwicklungen?

Mein Freundeskreis besteht vor allem aus Künstlern, die natürlich alle komplett entsetzt sind. Vor allem die Musiker fragen sich, wie das in Zukunft funktionieren soll. Womöglich brauchen sie bei einer Tournee Visa für alle Länder, in denen sie spielen.

Wer sind für Sie die größten Brexit-Verursacher?

Meiner Meinung nach hat die britische Tabloid-Presse einen großen Anteil an dem Debakel. Boris Johnson (der frühere Außenminister, Anm. d. Red.) war jahrelang als Journalist in Brüssel tätig. Er hatte eine regelmäßige Kolumne im "Telegraph". Da konnte er permanent Lügen über die EU verbreiten. Sei es über die Krümmung von Bananen, oder über Energiesparlampen. Die "Daily Mail", der "Daily Express" und die "Sun" von Rupert Murdoch – die schießen seit 30 Jahren gegen die EU. Mit allen Lügen, die es überhaupt nur gibt. Die Briten haben eine Gehirnwäsche bekommen. Für solche Typen wie Johnson und Nigel Farage (Gründungsmitglied der 'UK Independence Party' UKIP, Anm. d. Red.) war es dann letztendlich einfach. 

Warum haben so viele Farage und Co. geglaubt?

Ich wünschte, ich könnte die Frage beantworten. Der gesunde Menschenverstand sagt ja eigentlich schon, dass das völliger Blödsinn ist. Aber speziell der Norden von England ist relativ arm und wird von der Regierung schon lange vernachlässigt. Da leben viele desillusionierte Menschen. Das hängt natürlich alles zusammen.

Glauben Sie an ein zweites Referendum?

Corbyn ließ jetzt verlautbaren, er würde eventuell einem zweiten Referendum zustimmen. Der ist permanent am Rumeiern. Aber wahrscheinlich würde das genauso ausgehen wie das erste.

Corbyn hat viele enttäuscht.

Ich war Labour-Mitglied, als die "Daily Mail" damals Ed Milliband angegangen hat. Und ich habe damals sogar für Corbyn gestimmt, weil er als Einziger der Kandidaten etwas Vernünftiges gesagt hat. Aber das Gefühl hat sich schnell in Wohlgefallen aufgelöst. Es wird immer mehr klar: Corbyn ist in den Siebzigerjahren stecken geblieben. Als sich heraus kristallisierte, dass Labour den Brexit unterstützt, bin ich ausgetreten.

Man hört in Gesprächen mit Betroffenen und Europäern mittlerweile immer öfter die Haltung: "Sollen sie doch raus, möglichst ohne Deal". Es erinnert fast an Rachegelüste eines Verlassenen. Aber Hand aufs Herz: Wie sehen Sie es wirklich?

Ganz ernsthaft. Das wäre grauenhaft. Absolut furchtbar. Und es würde die Insel erstmal am meisten treffen, weil da erstmal gar nichts mehr ginge. Aber auch für Europa hätte es katastrophale Konsequenzen. Medizinprojekte, Raumfahrtprojekte, länderübergreifende Projekte werden kaum mehr möglich sein. Aus der EU raus zu sein, heißt auch, aus sämtlichen Projekten und Förderungen raus zu sein.

Gäbe es ein Szenario, in dem Sie zurückgehen würden?

Ehrlich gesagt, nein. Ich fühle mich hier mittlerweile wieder sehr wohl. Ich sehe die EU auch nicht zu 100 Prozent positiv. Da gibt es Dinge, an denen man arbeiten müsste. Aber dieses dauernde EU-Bashing ist Schwachsinn. Die EU ist im Augenblick einfach das Beste, was wir haben. Da rauszugehen, wäre einfach Blödsinn und ein Rückfall in die 30er- und 40er-Jahre. Das kann sich keiner wünschen.

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