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Schlag 12 - der Mittagskommentar: Athens Vorschlag ist eine echte Chance

Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras hat tatsächlich ein ernsthaftes Angebot vorgelegt. Die Gläubigerstaaten sollen es prüfen und, wenn es stimmig ist, annehmen.

Von Andreas Hoffmann

Griechenlands Verbleib im Euro wird wieder wahrscheinlicher

Die griechische Regierung hat der Euro-Gruppe neue Reformvorschläge unterbreitet. Griechenlands Verbleib im Euro wird wieder wahrscheinlicher

Na? Noch Lust etwas über Griechenland zu lesen. Nach diesen hunderten Artikeln, Kommentaren, Reportagen, Live-Blogs, Dauer-Talkshows und Sondersendungen, die seit Wochen über uns hereinbrechen. Eine Medienwelle hat sich aufgetürmt, der keiner entkommt.

Immer noch nicht ausgestiegen? Dann scheint Interesse vorhanden zu sein. Bleiben Sie dran, es lohnt sich.

Was Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras vorgelegt hat, ist bedenkenswert. Die Ideen können einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, den vielzitierten Grexit, vermeiden und Europa vielleicht neu erfinden.

Ja, das sind große Worte und glauben Sie mir, ich schreibe sie nicht leicht dahin. Seit fünf Jahren beschäftige ich mich mit der Griechenland-Krise; fünf Jahre, in denen ich tausende Artikel und Statistiken gelesen, mit hunderten Experten gesprochen und dutzende Artikel geschrieben habe, fünf Jahre, in denen ich viele Wendungen nicht mehr nachvollziehen konnte, fünf Jahre, in denen ich es zuweilen leid war.


Ein Grexit ist teurer als der Verbleib im Euro

Lange habe ich geglaubt, dass ein Grexit unmöglich ist. Jeder, der bei Verstand ist, merkt schnell, dass ein Ausstieg für alle Beteiligten teurer ist, als ein Verbleib im Euro.

Das glauben sie nicht? Weil die Griechen mit der Drachme abwerten und Güter auf dem Weltmärkten verkaufen könnten? Blödsinn. Griechenland hat nicht viel, was die Weltmärkte begehren. Ein paar Reedereien, Tourismus und einige Agrarprodukte, das war's, und wenn die Chinesen nach deutschen Autos und Maschinen fiebern, dann kaufen sie keinen griechischen Joghurt oder Feta-Käse - auch wenn er noch so billig ist.

Nein, vergessen Sie die Argumente der Wissenschaftler, dieser Herren Sinn und Co. Die meisten Ökonomen verstehen nichts von der ökonomischen Realität. Sie verstehen etwas von ökonomischen Modellen, aber wer ein bisschen im Sandkasten buddelt, weiß noch nicht, wie er in der Sahara überlebt. Beispiel gefällig? Vor einem Jahr hat der Wirtschaftswissenschaftler Hans Werner Sinn prophezeit, dass der Mindestlohn bis zu 500.000 Jobs kosten würde. Seit einem halben Jahr gilt der Mindestlohn, und im Juni lag Arbeitslosigkeit auf dem niedrigsten Stand seit 24 Jahren.  

Griechenland verschwindet nicht einfach von der Landkarte

Nein, ein Grexit ist viel teurer als der Verbleib der Griechen. Dann müssen wir Deutschen wirklich zahlen. Bislang haben die Steuerzahler nur gebürgt, bei einem Ausstieg würden die Bürgschaften von über 50 Milliarden Euro tatsächlich fällig. Und das wäre erst der Anfang. Nach einem Grexit verschwindet Griechenland nicht von der Landkarte, das Land läge weiter in der Agäis, würde verarmen, und wir könnten nicht zusehen. Zusätzliches Geld würde fließen.

Aus all diesen Gründen dachte ich, dass ein Grexit unmöglich ist. Aber das war  eine Überlegung des Verstandes. Der Verstand  ist ausgeschaltet, zumindest seit einigen Wochen. Das Gefühl regiert. Viele Deutsche, aber auch Niederländer, Finnen, Letten, Litauer, Slowaken sind genervt von den Griechen, insbesondere von ihrer Regierung. Von Versprechungen, die gebrochen worden sind, von Verhandlungen ohne Ergebnissen und von den Auftritten mancher Athener Politiker. Wenn der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis die Geldgeber als "Terroristen" beschimpft und Alexis Tsipras von "Erpressung" redet, dann steigt bei vielen Menschen in Nordeuropa die Empörung. Völlig zu recht.

Und doch glaube ich, dass das Gefühl nicht die Entscheidung beeinflussen sollte. Nicht bei uns. Nicht bei den Staats- und Regierungschefs. 

Ein Blick in die deutsche Geschichte wäre hilfreich

Ja, die Griechen haben Regeln gebrochen. Aber die Welt funktioniert nun mal nicht nach Regeln, auch wenn das viele regelfixierte Deutsche glauben. Ja, die Griechen haben viele Schulden angehäuft. Aber das haben die Deutschen in der Vergangenheit auch getan und nebenbei zwei Weltkriege angezettelt.

Ein Blick in die Geschichte wäre ohnehin hilfreich. Nach dem Ersten Weltkrieg wollten sich die Siegermächte rächen und erniedrigten Deutschland mit dem Versailler Vertrag, sie diktierten Bedingungen, die das Land nicht erfüllen konnte. Das machte die Nazis stark und die Weimarer Republik schwach; die Saat für den Zweiten Weltkrieg war gesät. Nach 1945 gingen die Siegermächte überlegter vor. Sie erließen Schulden und halfen Deutschland hoch. Die Sieger waren vernünftig, nicht rachsüchtig.

Dieses vernünftige Handeln sollte uns leiten, nicht das Gefühl. Alexis Tsipras hat ernstzunehmende Angebote gemacht. Er will Renten kürzen, die Mehrwertsteuern anheben, Privilegien für die Inseln abbauen, Korruption bekämpfen, Subventionen verringern, Staatsbetriebe privatisieren, den Arbeitsmarkt verändern. Er schlägt vor, was die Griechen vor einer Woche in dem Referendum abgelehnt haben.  Verrückt, oder?

Nein. Er ist nicht verrückt. Mit einem solchem Konzept erreicht Tsipras mehr, als mit dem letzten Gläubigerangebot. Es gäbe nun ein Hilfsprogramm, das über drei Jahre läuft und einen Umfang von 53 Milliarden Euro hat. In dieser Zeit könnte Tsipras beweisen, dass er das Land in eine bessere Zukunft führt. Das ständige Verhandeln hätte ein Ende, Ruhe würde einkehren, die Hitzköpfe auf beiden Seiten kühlten sich ab. 

Tsipras' Vorlage ist eine echte Chance. Wir sollten sie ergreifen. Und den Verstand regieren lassen, nicht das Gefühl. Es wäre gut für Europa.

 

Andreas Hoffmann hat nicht mehr geglaubt, dass sich der Grexit noch vermeiden lässt. Seit Donnerstagabend ist seine Hoffnung auf ein gutes Ende wieder gestiegen. Er twittert unter AndreasHoffman8.