HOME

Die Geschichte des Iran, Teil 2: Das Goldene Zeitalter

Nie ist die islamische Welt fortschrittlicher gewesen als im Mittelalter. Und immer sind es die Muslime aus Persien, die für die Blüte von Architektur, Dichtkunst und Medizin sorgen. Selbst wenn ein brutaler Eroberer wie Dschingis Khan ihre Heimat besetzt, gelingt es den Iranern, die Barbaren bald zu zivilisieren.

Von Steffen Gassel

Die persische Prinzessin muss gespürt haben, dass sie nicht viel weiter kommen würde. In rasendem Galopp hat der weiße Hengst sie gen Osten getragen, quer durch das untergegangene Reich ihres toten Vaters, des letzten Schahs aus dem stolzen Herrscherhaus der Sassaniden. Fort aus der Ebene des Zweistromlandes hat sie die wilde Flucht geführt, durch die Berge Kurdistans, bis auf das iranische Hochplateau vor die Tore der alten Königsstadt Ray, die Häscher des Kalifen immer hart auf ihren Fersen. Doch hier, im Angesic ht der Berge, ist die Flucht von Bibi Schahr Banu zu Ende. Jeden Moment wird der Prinzessin das gleiche Schicksal widerfahren wie ihrem Ehemann Hussain, dem Enkel des Propheten, und seinen aufrechten Gefährten. Die sind gerade dahingemetzelt worden bei Kerbela am Ufer des Euphrat, weil sie Mohammeds neue Religion verteidigt haben. "Nimm Dhul Dschana und rette dich", hatte Hussain seine Gattin im Tode angefleht. Doch deren Pferd kann nicht mehr, Schaum steht ihm vor den Nüstern, und aus den Wunden, die Pfeile in seine zitternden Flanken geschlagen haben, rinnt das Blut.

Da wendet die Prinzessin sich an den neuen Gott, für den ihr Mann gefallen ist. Doch statt der Formel, mit der die fremden Araber ihn um Hilfe anrufen, kommen ihr in all der Not nur Worte ihrer persischen Muttersprache über die Lippen: Statt "Ya Allah! - Oh Allah!" schreit sie "Ya Kuh! - Oh Berg". Da öffnet sich eine Spalte in der Felswand, und der Berg nimmt Pferd und Reiterin auf und schließt sich wieder hinter ihnen. An einer Ritze im Fels, in der ein Stück ihres Schleiers hängen geblieben ist, verliert sich ihre Spur.

Eine sassanidische Prinzessin als Ehefrau des schiitischen Imams Hussain? Eine Flucht zu Pferd ohne Stopp vom Euphrat bis kurz vor Teheran? Seit Jahrhunderten streiten muslimische Gelehrte über diese Geschichte - klingt sie doch allzu wundersam, um wahr zu sein.

Sagenumwobenes Heiligtum

Zehntausende fromme Iraner stört das nicht. Bis heute pilgern sie jedes Jahr zum Schrein der Bibi Schahr Banu am Ort ihrer sagenumwobenen Rettung, am südlichen Stadtrand von Teheran. Ein kleines Heiligtum aus Lehmziegeln schmiegt sich dort an den rauen Fels. Die Menschen kommen, um die Hilfe der Geretteten zu erbitten. Und sie betrauern mit großer Inbrunst die Toten von Kerbela. "Es fällt schwer, länger im Inneren des Schreins zu verweilen", schreibt eine westliche Besucherin. "So sehr klingen einem die Ohren vom Jammern und Klagen der schwarz verhüllten Frauen."

Für die Pilger ist der Schrein ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird: die der stolzen Nation Iran, Erbin des Großreichs der Sassaniden, der ersten Supermacht der Welt. Und die der erhabenen Religion des Islam, Gottes letztgültiger Offenbarung an die Menschheit durch den Propheten Mohammed.

Der ist zum Zeitpunkt der sagenumwobenen Flucht der Bibi Schahr Banu im Jahr 680 christlicher Zeitrechnung schon seit 48 Jahren tot. Doch sein Erbe hat eben erst begonnen, den Lauf der Welt zu verändern. Noch zu Lebzeiten hat der Prophet fast alle Stämme der arabischen Halbinsel unter der neuen Religion vereint. Nur acht Jahre sind vergangen zwischen der Hidschra, der Vertreibung des ungeliebten Predigers aus seiner Heimatstadt Mekka ins benachbarte Medina im Jahr 622, und seiner siegreichen Rückkehr, dem ersten Triumph des Islam.

Weitreichende Eroberungszüge

In den folgenden Jahrzehnten dehnen die Nachfolger des Propheten, die Kalifen, die Grenzen des jungen islamischen Reichs in rasanten Eroberungszügen aus. 637, fünf Jahre nach Mohammeds Tod, schlägt eine muslimische Streitmacht die Armee des letzten Sassaniden-Schahs, des mythischen Vaters der Bibi Schahr Banu. Vier Jahre später folgt die zweite Niederlage der Perser nahe der heutigen Stadt Hamadan. Der Schah flieht gen Osten, wo er Schutz bei ehemaligen Vasallen sucht - und wird 651 von seinen Untertanen unter nicht näher überlieferten Umständen in einer Mühle ermordet. Drei Jahre später sind die muslimischen Heere bis an die äußersten Grenzen im Osten vorgedrungen, 707 nehmen sie Balch ein, den letzten Außenposten des alten persischen Reichs. Von nun an und für die nächsten 800 Jahre bestimmen fremde Herrscher die Geschicke des Iran.

Der schnelle Erfolg der arabischen Eroberer hat viele Gründe: Zum einen fällt ihnen mit dem Sassaniden-Reich ein geschwächter Staat zu, der nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit dem römischen Reich viel von seiner Macht eingebüßt hat. Hinzu kommt, dass der Siegeszug des Islam meist ohne Massenmord, Zwangsbekehrungen oder Enteignungen geschieht. Die neuen Herren aus Arabien sind zufrieden, wenn sie in den eroberten Gebieten Militärstützpunkte einrichten und von nicht muslimischen Untertanen eine Kopfsteuer eintreiben können. Die Spitzen der Provinzverwaltungen werden mit Arabern besetzt. Für die meisten Menschen behält das Leben seinen gewohnten Gang. An die 300 Jahre vergehen, bis sich eine Mehrheit zur "Religion der Araber" bekennt.

Dabei sind viele der zentralen Gedanken der islamischen Offenbarung den Einwohnern von "Iransamin", wie das Gebiet des alten Reichs auch genannt wird, bereits recht geläufig. Himmel und Hölle, ein Jüngstes Gericht, der Glaube an einen einzigen Schöpfergott: Die Iraner kennen all das schon seit gut eineinhalb Jahrtausenden aus ihrer alten Religion, dem Zarathustra-Glauben.

Kampf um die Nachfolge Mohammeds

Trotz aller Erfolge lassen die Konflikte unter den Muslimen nicht lange auf sich warten. Schon unmittelbar nach Mohammeds Tod gibt es Streit um seine rechtmäßige Nachfolge. Eine Gruppe ist der Ansicht, der Prophet habe seinen Cousin und Schwiegersohn Ali zum Nachfolger bestimmt. Doch eine Mehrheit ist dagegen. Sie wählt nacheinander drei Männer zu Kalifen, die zum Adel des Prophetenstammes gehörten. Als der Letzte von ihnen 656 durch revoltierende Truppen ermordet wird, kommt Ali doch noch an die Macht.

Trotzdem findet die muslimische Gemeinde weiterhin keine Ruhe. Auch Ali, der vierte Kalif, stirbt schon fünf Jahre später durch den Dolch. Nun reißt der mächtige Clan der Umayyaden die Macht an sich: Sie verlegen nun die Hauptstadt des Reichs ins syrische Damaskus und herrschen von dort über das islamische Weltreich.

Damit wollen sich die Schiiten, die Anhänger Alis, nicht abfinden. Als der Kalif in Damaskus stirbt, sieht der Sohn Alis, Hussain, seine Chance. Mit einer kleinen Zahl Getreuer zieht er nach Kufa, einer Garnisonsstadt, von deren Bewohnern er sich Unterstützung verspricht. Doch die lassen Hussein im Stich. So sind seine Truppen der zehnfach mächtigeren Armee aus Damaskus ausgeliefert. Im Oktober 680 kommt es bei Kerbela im heutigen Irak zur verhängnisvollen Schlacht, an deren Ende die sagenhafte Flucht der Bibi Schahr Banu steht.

Rebellion der Perser

Für die islamische Gemeinde gleicht die Niederlage der Schiiten einem Erdbeben. Sie reißt zwischen den Muslimen Gräben auf, die bis heute nicht geschlossen sind - und die den Iran Jahrhunderte später vom großen Rest der islamischen Welt trennen werden. Fürs Erste jedoch haben die iranischen Muslime andere Sorgen: Im Reich der Umayyaden fühlen sie sich als Muslime zweiter Klasse: Obwohl zum rechten Glauben übergetreten, waren sie rechtlich und sozial benachteiligt. Besonders in der ostiranischen Provinz gärt es. Dort schart in den späten 40er Jahren des achten Jahrhunderts ein persischer Konvertit namens Abu Muslim Gleichgesinnte um sich und schlägt die Armeen der Umayyaden in den Jahren 749 und 750 nahe Kufa vernichtend. Anschließend ruft er dort Abu al-Abbas, aus der Familie des Propheten, zum neuen Kalifen aus. Der ist zwar Araber, doch Abu Muslim verspricht sich von ihm mehr Gleichberechtigung für die Iraner. Er täuscht sich: Abu al-Abbas, der Begründer der Dynastie der Abbasiden stirbt, und sein Nachfolger lässt Abu Muslim 755 umbringen, aus Angst, der Perser könnte zu mächtig werden.

Doch der Versuch, die aufstrebenden Muslime iranischer Herkunft kurzzuhalten, ist vergebens: Auch wenn mit den Abbasiden die Araber weitere 500 Jahre das Kalifenamt besetzt halten werden, sind es vor allem die iranischen Muslime, die diese Ära zum Goldenen Zeitalter des Islam machen. Und schon bald muss ein Nachfolger von Abu al-Abbas eingestehen: "Die Perser haben uns Araber in 1000 Jahren Herrschaft nicht einen Tag lang gebraucht; wir hingegen sind erst seit 200 Jahren an der Macht und kommen nicht eine Stunde ohne sie aus."

Das neue Reich ist in vieler Hinsicht eine Kopie des untergegangenen Perserstaates der Antike. Schon die Lage der neuen Hauptstadt ist programmatisch: Sie bekommt den persischen Namen Bagdad, "die von Gott Gegebene", und entsteht ab 762 nur 35 Kilometer von den Ruinen der alten persischen Königsstadt Ktesiphon entfernt. Iranische Architekten prägen das Bild der neuen Metropole. Iranische Beamten bilden das Rückgrat des neuen Staats: Sie teilen die Verwaltung in einzelne Ministerien auf, Diwane genannt; sie führen das Amt des Wesirs ein, einer Art Premierminister. Sie bauen ein Postsystem auf, das binnen kurzer Zeit Nachrichten von den westlichen Provinzen auf der Iberischen Halbinsel bis nach Bagdad und von dort bis an den Indus trägt; auch das alte System lokaler Steuereintreiber übernehmen die Abbasiden.

Die inoffiziellen Herrscher

Auch in ihrem Selbstverständnis als Herrscher stehen die Kalifen von Bagdad den alten Persern näher als ihren Vorgängern in Damaskus: Sie sehen sich als "Schatten Gottes auf Erden" - eine reichlich unislamische Vorstellung, in der sie womöglich die Blüte der Hauptstadt bestärkt. Bis zum Anfang des neunten Jahrhunderts wächst Bagdad zur größten Metropole außerhalb Chinas mit etwa 400.000 Einwohnern. Handel und Landwirtschaft gedeihen und bescheren dem Hof ein stattliches Einkommen.

Einen guten Teil dieses Reichtums setzen die Kalifen zur Förderung der Wissenschaft ein. Ein Großteil der Gelehrten kommen aus dem Iran. Sie treiben die Kodifizierung des islamischen Rechts voran und verfassen die erste Grammatik der arabischen Sprache. Sie stellen auch die meisten Übersetzer der neu gegründeten Bibliothek von Bagdad. Dort werden in den kommenden drei Jahrhunderten die Texte von Aristoteles, Plato, Galen und anderen Denkern der Antike ins Arabische übersetzt. So entsteht ein Kanon des Wissens in Philosophie, Mathematik, Medizin, Geschichte und Literatur, der später über Spanien und Sizilien den Weg nach Europa findet und dort zur Keimzelle einer Renaissance der Wissenschaften wird.

Leuchtendes Beispiel für die Blüte der Naturwissenschaften in dieser Zeit ist Abu Ali al-Husein ibn Abd Allah ibn al-Hassan ibn Ali ibn Sina al-Balchi, Sohn eines Verwaltungsbeamten aus dem zentralasiatischen Buchara, im Westen besser bekannt unter seinem latinisierten Namen Avicenna. Sein Buch von den Gesetzen der Medizin, "Qanun fi al-Tibb", veröffentlicht im Jahr 1037, vereint das gesamte medizinische Wissen seiner Zeit. Es bleibt für die nächsten 600 Jahre das Standardwerk für Medizinstudenten im Orient wie an europäischen Universitäten in Montpellier, Paris oder Jena. Und das, obwohl er neben allerlei Nützlichem über die Diagnose aus dem Puls oder dem Urin oder über die Therapie mit Klistieren, Aderlässen und Blutegeln auch allerlei Unsinn überliefert: etwa die Meinung, kranke Zähne könne man mit dem Fett von Fröschen zum Ausfallen bringen.

Schwindende Kontrolle

Um sich all dies antike Wissen und Halbwissen anzueignen, ist der Perser Avicenna nicht einmal darauf angewiesen, im Zentrum des Reichs zu leben und zu forschen. Seit ein chinesischer Kriegsgefangener Mitte des achten Jahrhunderts das Geheimnis der Papierherstellung verraten hat, boomt überall die Buchproduktion. Zwischen Andalusien und Zentralasien entstehen Bibliotheken mit Beständen von Tausenden Bänden, die das Wissen in alle Ecken tragen. Zur selben Zeit sind die Mönche im Kloster von Benediktbeuern stolz, mit etwa 100 Büchern eine der größten Bibliotheken der Christenheit zu besitzen.

Dass die politische Kontrolle ihres riesigen Reichs den Kalifen mehr und mehr entgleitet, tut der Blüte persischer Gelehrsamkeit keinen Abbruch. Im Gegenteil: Je unabhängiger die Kleinstaaten werden, die ab Mitte des zehnten Jahrhunderts neben- oder nacheinander die Gebiete des Iransamin beherrschen, desto schwächer wird der arabische Einfluss zwischen Bagdad und Buchara.

Dort beginnt im Jahr 977 ein Mann namens Abu l-Qasim Ferdusi die Arbeit an einem Buch, das für die persische Sprache und das Nationalbewusstsein der Iraner eine Bedeutung haben wird wie später die Lutherbibel für die Deutschen.

Ein Buch gegen das Vergessen

In 30 Jahren stellt er das "Schahnameh", das Buch der Könige, fertig. Mit diesem Monumentalepos erhebt der Dichter, gut 300 Jahre nach dem Untergang des Sassanidenreichs, das umgangssprachliche Persisch seiner Zeit zur Literatursprache. Ferdusis Geschichte über Aufstieg und Fall von 50 iranischen Herrscherhäusern beginnt in mythischer Vorzeit und endet mit der arabischen Eroberung als nationale Katastrophe. Dazwischen erzählt er in Tausenden gereimten Zeilen von den Abenteuern Rostams, Sohrabs, Siawaschs und anderer Helden, hoch zu Ross mit Pfeil und Bogen; von ihren Affären mit atemberaubend schönen Frauen, schlank wie Zypressen und strahlend wie der Mond; vom ausgelassenen Leben bei Hofe, voll Musik und Tanz und Wein; und vom Dilemma guter Menschen, die unter bösen Herrschern zu leiden haben.

Es geht Ferdusi darum, eine Erinnerung an die Wurzeln iranischer Identität jenseits der Offenbarung des Korans zu schaffen - bevor dieses Erbe vollständig in Vergessenheit geraten ist.

Im Jahr 1218 taucht eine Gruppe Händler aus den fernen Steppen Innerasiens an einem der Außenposten des Reichs nahe des Aral-Sees auf. Der örtliche Gouverneur hält die Männer für Spione und lässt sie hinrichten. Das hätte er besser nicht getan, denn als den Stammesfürsten der Mongolen, Dschingis Khan, in seinem Lager rund 2000 Kilometer weiter östlich die Nachricht vom Mord an seinen Leuten erreicht, schwört er Rache.

Am 25. Februar 1221 stehen seine Horden vor den Toren Merws. Nach sieben Tagen Belagerung ergeben sich die Einwohner - um auf den Feldern vor der Stadt dahingemetzelt zu werden. "Vierhundert Handwerker und ein paar Kinder wurden als Sklaven weggeführt, und es wurde befohlen, dass der gesamte Rest der Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder mit dem Schwert erschlagen werden sollten. Zu diesem Zweck wurden jedem Soldaten drei- bis vierhundert Personen zugeteilt", berichtet ein zeitgenössischer Chronist.

Dschingis Khans blutige Rache

Auf die Bürger, die in Verstecken überlebt haben, wartet eigens eine Nachhut der Angreifer. "Weil sie auch ihren Anteil am Schlachten haben wollten, riefen sie diesen unglücklichen Kerlen zu, sie sollten herauskommen, jeder mit einer Schürze voll Getreide. Und als sie ihnen so ausgeliefert waren, massakrierten sie die letzten schwachen Überlebenden einer der größten Städte des Islam." Allein in Merw sterben zwischen 700.000 und 1,3 Millionen, viele von ihnen Flüchtlinge vom Land.

In den folgenden Jahren erleiden Städte wie Nishapur, Herat und Isfahan ein ähnliches Schicksal. 1258 schließlich überrennt Dschingis Khans Enkel Hülägü mit seinen Truppen Bagdad. "Sie töteten sie auf den Dächern, und das Blut überflutete die Rinnsteine und floss auf den Straßen", heißt es in einem Bericht. 800.000 Menschen lassen ihr Leben. Das Reich der abbasidischen Kalifen gibt es nicht mehr.

Und die Iraner tun, was sie schon immer mit Invasoren getan haben: Sie machen sich ihnen nützlich. Wie den Arabern zuvor bauen sie auch den Nachfahren Dschingis Khans gut funktionierende Reiche auf. Nicht lange nach dem Gemetzel leben Dichtkunst und höfisches Leben wieder auf, die barbarischen Horden konvertieren vom Buddhismus zum Islam, Persisch wird neben Chinesisch und Mongolisch dritte Kanzleisprache im Reich zwischen Kiew und Korea.

Erneuter Sieg des Schiitentums

Um das Jahr 1380 zieht die nächste Horde Steppennomaden am östlichen Horizont auf. Unter ihrem Führer Timur unternimmt sie von ihrer Hauptstadt Samarkand aus Raubzüge durch die Länder des Iransamin. Auf dem freien Feld vor Isfahan lässt Timur 120 Säulen aus 70.000 Schädeln geköpfter Bewohner errichten, vor Bagdad sind es gar 90.000. Nebenbei hat er noch das indische Delhi erobert und den osmanischen Sultan besiegt. Auch diese Invasion endet wie die vorherige: Die Barbaren lassen sich von den Iranern zähmen.

"Mein Name ist Ismail. Ich bin auf Gottes Seite. Ich bin der Anführer dieser Kämpfer. Ich bin der Alexander dieses Zeitalters." So selbstbewusst tritt kurz vor 1500 ein Jüngling in die iranische Geschichte ein. An der Spitze einer Truppe aus den Bergen Ostanatoliens, die wegen ihrer eigentümlichen Kopfbedeckung nur die Rothüte genannt wird, erobert Ismail 1501 die Stadt Täbris und ernennt sich zum Schah. Da ist er gerade mal 14.

Bis zu seinem 24. Geburtstag haben Schah Ismail und seine Rothüte das ehemalige Sassaniden-Reich inklusive Bagdad unter ihre Herrschaft gebracht. Feinde, die sich ihm in den Weg stellen, werden schon mal am Spieß gegrillt und den Soldaten zum Abendessen vorgesetzt. Ismail macht das Schiitentum zur Staatsreligion - gut 700 Jahre nach der Niederlage von Kerbela und knapp 1000 Jahre nach dem Untergang der ersten iranischen Staatsreligion, des Zarathustra-Glaubens.

Der Kreislauf ist durchbrochen

Und ganz nach dem Beispiel der Sassaniden benutzt Ismail die Religion zur Kontrolle und Disziplinierung seiner Untertanen. Er holt schiitische Geistliche aus dem Libanon, die den Glauben den Bedürfnissen der Staatsräson anpassen. Dazu gehört die Teilnahme aller Iraner am Freitagsgebet, bei dem staatstreue Mullahs im Namen des Schahs predigen. Falls nötig, umstellen Soldaten die Moscheen, damit sie jedem, der sich den neuen schiitischen Gebräuchen nicht fügen will, auf der Stelle eine Lektion erteilen können. Die sunnitischen Osmanen sind bei offiziellen Anlässen publikumswirksam zu verfluchen.

Unter der von Ismail gegründeten Dynastie der Safawiden wird der alte Kreislauf aus Eroberung und Zerfall endlich durchbrochen, der die Geschichte des Iran in den Jahrhunderten zuvor bestimmt hat. Schah Ismail und vor allem seinem Nachfolger Schah Abbas I. gelingt es, die Grundlagen für einen modernen Staat zu legen und aus den Völkerschaften des iranischen Plateaus eine schiitische Nation zu schmieden. Vor deren Kultur und Reichtum erblasst der Rest der Welt.

Als Zentrum des Reichs wird ab 1598 Isfahan zur prachtvollsten Stadt des Orients ausgebaut. Herzstück der neuen Hauptstadt ist der zentrale Platz, eingerahmt von der blauen Kuppel der großen Moschee, dem prächtigen Basar-Tor, der filigranen Lutfollah-Moschee und dem Ali- Qapu-Palast. Von seinem Balkon aus verfolgen die Herrscher unten auf dem Rasen den neuen Modesport Polo.

Europäische Berichterstattung

"Es hilfft zur Weitleuffigkeit der Stadt viel daß bey jedem Hause ein und bißweilen zwey geraume Garten seynd. Auf dieselben halten die Perser sehr viel, zieren sie aber nicht so wol nach art der Europeer mit allerhand schönen Blumen, als mit vielen ordentlich gesetzten Bäumen von allerley Früchten und Weinstöcken." So beschreibt der Schneidersohn Adam Öhlschlegel, alias Olearius, aus dem holsteinischen Gottorf in seinem Reisebericht aus den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts den Prunk Isfahans.

Er ist mit einer Delegation des Herzogs von Holstein via Russland an den Hof des Schahs gereist, um den Seidenhandel mit Europa anzukurbeln. Die Expedition dauert vier Jahre und verfehlt ihr Ziel. Doch Olearius' "Vermehrte Beschreibung der Muscovitischen und Persischen Reyse" wird zu einem barocken Bestseller. Ausgiebig bedient der Autor im Kapitel "Die Laster der Perser" zeitgenössische Fantasien vom zügellosen Leben im Orient: "In Geilheit und Unkeuschheit geben die Perser keiner Nation etwas zuvor, denn neben dem das sie viel Weibern hemen, hangen sie der Hurerey gewaltig nach."

In Wahrheit herrscht im öffentlichen Leben der Hauptstadt eine strenge Geschlechtertrennung. Frauen sind auf den Straßen so gut wie nie zu sehen. Den Muezzinen ist es gar verboten, zum Gebetsruf auf die Minarette zu steigen, aus Furcht, sie könnten von dort oben einen Blick auf eine Frau in einem der privaten Gärten erhaschen. Mittwochs wird die Hauptstraße für Männer gesperrt, damit die Frauen im Freien spazieren können. Es gibt auch Markttage nur für Frauen, dann ist der riesige zentrale Platz für Männer tabu.

Der Anfang vom Ende

Nur für den Schah gilt der strenge Moralkodex nicht. Zwar pilgert Abbas I. öffentlich zum Schrein des Imam Resa in Maschhad und spendet großzügig an die Heiligtümer der Schiiten. Doch zurück bei Hofe ist Schluss mit solch demonstrativer Frömmigkeit: Eine ganze Armada von Tanzmädchen und Buhlknaben, Kurtisanen und Konkubinen kümmert sich um die Unterhaltung des Herrschers und seiner Gäste. Auch dem Wein sind viele der Safawiden sehr zugetan. Viele Zeitgenossen sind davon überzeugt, dass Alkohol für den frühen Tod Ismails und mehrerer seiner Nachfolger verantwortlich sind.

Schah Abbas wiederum, der seine Gelüste im Zaum gehalten haben soll, sperrt die eigenen Söhne aus Angst, sie könnten gegen ihn rebellieren, zuerst im Harem ein. Später lässt er einen von ihnen umbringen und die anderen mit heißen Eisen blenden, um ganz sicherzugehen.

Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts verliert die Safawiden-Dynastie viel von ihrem Glanz. Sulaiman, einer der letzten Schahs des Herrscherhauses, ist ein Simpel, der kaum Interesse für die Welt jenseits des Harems aufbringt und die Staatsgeschäfte meist seiner Tante und einflussreichen Mullahs überlässt. Es ist das Ende der Blütezeit. Und die nächsten Invasoren warten schon.

print