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Vor dem Brexit: IRA – die alten Geister sind zurück in Nordirland

Sie wollen Irland einen, jedes Mittel ist ihnen recht. Schon jetzt bomben sie wieder und schießen scharf. Eine Begegnung mit Nordiren, die sagen: Wir sind die IRA, der Kampf geht weiter.

Vermummter Mann der neuen IRA in Nordirland

"Wir sind die IRA. Wir kämpfen seit hundert Jahren für die Unabhängigkeit Irlands von den britischen Besatzern."

stern

Wir könnten diese Geschichte beginnen mit den Ereignissen vom Gründonnerstag, 18. April 2019, als es in Londonderry – wie die Briten sagen – oder Derry – wie die Iren sagen – zu Unruhen kam im Stadtteil Creggan und die junge Journalistin Lyra McKee erschossen wurde von einem Aktivisten der IRA.

Wir könnten sie ebenso beginnen mit dem, was die Briten euphemistisch "Troubles" nennen und die Iren "Struggle", was aber ein und dasselbe meint, nämlich jene bürgerkriegsähnlichen Zustände, die in diesem Sprengsel im Norden der irischen Insel drei Jahrzehnte lang wüteten und von dort nach England schwappten, mit Bombenterror und Anschlägen, Morden und mindestens 3500 Toten. Auf dem Papier beendet mit dem Karfreitagsabkommen von 1998, das einen brüchigen Frieden festzurrte, später noch veredelt mit dem Nobelpreis.

Blood Sunday Januar 1972

Blutsonntag, 30. Januar 1972: Bei einer Demonstration für Bürgerrechte und gegen eine Inhaftierungswelle vornehmlich gegen Katholiken in Londonderry erschießen britische Soldaten 13 unbewaffnete Demonstranten. Der Nordirlandkonflikt eskaliert.

Picture Alliance

Derry – Frontstadt seit Jahrzehnten

Wir könnten aber auch im Hier und Jetzt beginnen in Londonderry/Derry, dieser Frontstadt seit Jahrzehnten, gespalten in probritische Loyalisten und proirische Republikaner, die todtraurige Weltberühmtheit erlangte am 30. Januar 1972, als 14 Zivilisten von britischen Fallschirmjägern erschossen wurden, der „Bloody Sunday“, für den es lange keine richtige Entschuldigung gab und der seit knapp 50 Jahren wie ein Fanal über den Häusern hängt, an deren Fassaden Gemälde von diesen blutigen Tagen erzählen.

Man muss wissen: Die Vergangenheit hat in Derry die Gegenwart im Griff, und der blutige Sonntag von 1972 und der blutige Gründonnerstag vom April sind irgendwie und immer noch miteinander verbunden. Es ist dies ein eigenartiger und einzigartiger Ort, nach Belfast zweitgrößte Stadt Nordirlands, mit einer bunten Kulturszene und erstklassigen Schulen und schicken Läden und Bars einerseits. Und Armut, Drogen, Verzweiflung, hoher Arbeitslosigkeit und geringer Lebenserwartung andererseits. 95 Prozent der jungen Leute hier sagen, sie sähen keine Zukunft in dieser Stadt.

IRA-Wandgemälde in Derry / Londonderry

Nordirland im Zentrum des Brexits - ein Treppenwitz

Drüben in London wird alsbald ein neuer Premierminister gekürt. Er wird entweder Boris Johnson oder Jeremy Hunt heißen, aber das kümmert die Menschen von Derry und viele andere in Nordirland bestenfalls am Rande. London ist kaum mehr als eine Flugstunde entfernt, gefühlt aber Lichtjahre. Unionisten und Nationalisten eint bei allen Unterschieden eines: Sie fühlen sich von Westminster vernachlässigt und weitgehend ignoriert. Insofern wirkt es wie ein Treppenwitz, dass ausgerechnet Nordirland im Zentrum der politischen Debatte steht wegen des Brexits und der Frage der inneririschen Grenze und dieses Gerangel womöglich über die Zukunft Großbritanniens entscheidet. 

Im Parlament reden Leute über Nordirland, die sich ansonsten einen Dreck um die sechs Counties auf der anderen Seite der Irischen See scheren, und von Boris Johnson ist verbürgt, dass er bei einem seiner seltenen Besuche kurz vor dem Referendum nicht die leiseste Ahnung davon hatte, welche Folgen der Brexit für die Menschen hier haben könnte. Die ihrerseits wiederum verblüffend wenig reden vom Backstop und vom Brexit und der möglichen Rückkehr einer harten Grenze mit Kontrollen und Zöllen und Türmen. Harte Grenzen waren hier immer, sie verlaufen nach wie vor durch Belfast und Derry, wenn man nur die Straßenseite wechselt und von katholischen Gegenden in protestantische tritt.

"Die alten Geister waren nie weg"

Denn das ist die Crux und die Realität: Die Mauern und Grenzen in den Köpfen blieben, auch wenn sie in Derry die "Peace Bridge" über den Foyle-Fluss bauten – als Symbol der Annäherung. Es kehren – im Gegenteil – die Rituale aus den dunklen Tagen zurück, verübt von paramilitärischen Milizen, die Drogendeals und "antisoziales Verhalten" mit Prügel, Schüssen und schlimmstenfalls Tod sanktionieren. Die Zahl dieser sogenannten Punishment Crimes stieg in den vergangenen Jahren dramatisch. Das ist der Alltag in Londonderry/Derry, während in London dieses Nordirland auf den Backstop reduziert wird, gelegentlich unterbrochen von Meldungen, die wie ein Echo aus vergangen geglaubten Zeiten klingen. 

Lyra McKee - getötete Journalist bei NEW IRA Ausschreitungen

Lyra McKee

AFP

Im Januar detonierte eine Autobombe vor einem Gerichtsgebäude in Derry, verletzt wurde durch pures Glück niemand; anders als 2016, als ein Sprengsatz unter dem Auto eines Gefängnisbeamten in Belfast zündete und ihn tötete. Im März gingen in London und Glasgow Briefbomben ein, durch die aber niemand zu Schaden kam.

Am Gründonnerstag schließlich starb die junge Journalistin, die sich bei einer Straßenschlacht neben einem Fahrzeug der Polizei befand, als sie von einer Kugel getroffen wurde, die zwar nicht für sie, sehr wohl aber für die Beamten bestimmt war. In allen Fällen übernahm die IRA die Verantwortung. Sie entschuldigte sich für den Tod Lyra McKees, der ein Unfall gewesen sei, ein Kollateralschaden im bewaffneten Kampf gegen die britischen Besetzer. Die Polizei stuft das Bedrohungslevel der IRA als "severe" ein, schwerwiegend. Der nordirische Terrorexperte Ken Pennington rechnet "mit einem spektakulären Bombenanschlag" in naher Zukunft. Die alten Geister sind offenbar zurück. Oder in den Worten des aus Derry stammenden Altaktivisten, Autors und Mitbegründers der Friedensbewegung Eamonn McCann: "Die alten Geister waren nie weg."

Ein Kontaktmann holt uns ab

Es ist nicht unser erster Besuch in Derry, vor einem Jahr recherchierte der stern schon einmal für eine Reportage in dieser Stadt. Und seit diesem ersten Besuch versuchten wir über diverse Kanäle an jene Männer zu kommen, für die der bewaffnete Kampf um die irische Einheit weitergeht; die das Friedensabkommen von 1998 als Verrat an ihrer Sache und ihre einstige politische Heimat, die Sinn-Féin-Partei, als Hochverräter betrachten. Die Drogendealer abstrafen, Drohungen aussprechen, die wieder bomben und wieder scharf schießen. Ursprünglich war ein Termin unmittelbar nach Ostern vereinbart worden, aber dann starb Lyra McKee, und die Stadt, stets ein heißes Pflaster, wurde noch heißer. Uns wurde mitgeteilt: später. 

An einem Tag im Juni werden wir schließlich nach Derry gebeten. Wir warten 14 Stunden in einem Hotel und werden spät am Abend von einem Kontaktmann abgeholt und zu einem unübersichtlichen Wohnkomplex gefahren. Ein junger Mann geleitet uns in ein leer stehendes Apartment im dritten Stock. Drei maskierte Männer durchsuchen uns, kein Bandgerät, nur Notizen, zunächst auch keine Fotos. Im Wohnzimmer vier Stühle, eine alte Wanduhr auf dem Boden, Spülmittel auf der Küchenzeile, hier wurde bis vor Kurzem noch gelebt. Zwei Männer, sie wollen als Volunteers, Freiwillige, bezeichnet werden, erheben sich. Sie tragen Masken und blaue Gummihandschuhe und Tarnjacken. Kurze Begrüßung, man nimmt Platz, danach entspinnt sich folgendes Gespräch, anschließend sofort niedergeschrieben:

Blick auf Londonderry - Frontstadt in Nordirland

Londonderry/Derry, Frontstadt zwischen probritischen Loyalisten und proirischen Republikanern. 

stern

Wer sind Sie?
Wir sind die IRA. Wir kämpfen seit hundert Jahren für die Unabhängigkeit Irlands von den britischen Besatzern.

Es ist aber doch immer wieder von der Neuen IRA die Rede?
Wir sind nicht neu, das ist die Schreib- und Sichtweise der britischen Medien. Unser Ziel ist die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Und unser Ziel besteht darin, der Welt deutlich zu machen, dass der Konflikt nicht vorüber ist.

Selbst alte IRA-Veteranen sagen, die Kampagne sei vorüber, niemand will eine Rückkehr zu den Zuständen von damals.
Unser Kampf geht weiter, solange der Feind Irland besetzt. Uns geht es nicht um Popularität, darum ging es nie. Es geht um die Sache. Die Sache ist die Einigkeit Irlands. Man wird nicht reich, wenn man in der IRA ist, man tut das aus Überzeugung. Es heißt nicht umsonst Struggle. Also Kampf. Die IRA war immer ein Struggle.

Und deshalb lehnen Sie auch das Karfreitagsabkommen ab.
Es schreibt die Teilung Irlands fest. Das ist absolut unakzeptabel.

Kollegen oder Kameraden von Ihnen erklärten vor einigen Wochen, Ihre Operationen hätten eher symbolischen Charakter …
Nein, sie benutzten das Wort Propaganda. Propaganda kann aber eine ganze Menge bedeuten, es schließt strategische Operationen ausdrücklich mit ein. Es gibt viele Möglichkeiten für uns.

Nach dem Mord an Lyra McKee verloren Sie selbst unter Sympathisanten an Unterstützung.
Es war ein Unfall, eine Tragödie, das haben wir auch immer gesagt. Wir wurden danach als Tiere bezeichnet. Aber Sie können uns glauben, ihr Tod hat an unserem Rückhalt und an der Unterstützung nichts geändert. Wir bekommen Wohnungen gestellt wie diese hier, wir bekommen Autos gestellt, wir haben Waffen. Und wir haben Leute.

New IRA? IRA? Fakt ist: Sie sind da

Die beiden Männer folgen einem Manifest. Ihnen ist sehr wichtig, IRA genannt zu werden, obschon Sicherheitsexperten davon ausgehen, dass sich die Gruppe erst 2012 in dieser Form gebildet hat und eine Allianz ist aus früheren Mitgliedern der "Real IRA" und der "Republican Action Against Drugs" (RAAD). Am Ende macht es auch keinen Unterschied, ob New IRA oder IRA. Fakt ist: Sie sind da. Die Männer wissen genau, was sie sagen wollen und dürfen und was nicht. Ihre Antworten wirken zuweilen gestanzt.

Irgendwann geht es um den Brexit und dessen Konsequenzen. Die Männer sagen, die IRA profitiere vom Brexit, weil alles, was den Briten schade, ihrer Sache diene. Sie sagen aber auch, dass ein freies Irland die EU verlassen müsse, um "absolute nationale Souveränität" zu erreichen. Worauf man entgegnet, sie hörten sich genauso an wie die britischen Hardliner, die sie eigentlich verabscheuen – und beide kurz lachen müssen. Dann wird es wieder ernst. Sie wollen nichts sagen über die personelle Stärke, versichern aber gleich zweimal, "dass wir keine Nachwuchsprobleme beim Rekrutieren haben". Sie sagen auch nichts zu möglichen Angriffen in Großbritannien: "Wir werden uns zu Details über unsere Strategien und Operationen nicht äußern." Danach geht es um den Terror auf den Straßen, die Schüsse, die Einschüchterung. Und um Selbstjustiz.

Sie führen nicht nur gegen die Briten Krieg, sondern auch gegen die eigene Bevölkerung. Es wird wie früher in Kniescheiben geschossen, es werden Menschen bedroht. Die Zahl der „Punishment Crimes“ hat dramatisch zugenommen. Und Sie führen diese Verbrechen aus.
Zunächst mal stimmt der Begriff nicht. Es sind keine Verbrechen, sondern Community-Strafen.

Menschen in die Knie zu schießen ist ein Verbrechen.
Das sehen die Leute hier anders. Sie kommen auf uns zu – und nicht umgekehrt. Wenn sie Probleme mit antisozialem Verhalten und Drogendealern haben, melden sie sich bei uns und bitten um Hilfe.

Und dann übernehmen Sie die Rolle der Polizei …
Der Polizei traut hier niemand.

Sie leiten daraus das Recht auf Selbstjustiz ab.
Es ist keine Selbstjustiz. Wir beschützen die Gemeinschaft, denn die IRA hat immer die Gemeinschaft beschützt. Und diese Gemeinschaft hat das Vertrauen in den Staat schon lange verloren, also wenden sie sich an uns.

Und dann?
Prüfen wir die Vorwürfe und sprechen Warnungen aus. Niemand wird bestraft, ohne vorher mindestens einmal gewarnt worden zu sein, meist zwei- oder dreimal. Sie werden das vielleicht nicht verstehen, aber die Leute sind uns dafür dankbar. Wir helfen ihnen.

Wir trafen vor einem Jahr einen jungen Mann, dessen Vater vor seinen Augen die Knie zerschossen wurden. Da war er noch ein Kind und ist seitdem traumatisiert und selbstmordgefährdet. Das nennen Sie Hilfe?
Das tut uns leid. Aber die Verantwortung für das, was passiert ist, lag nicht bei uns, sondern bei dem Vater. Außerdem kommt es nur in den seltensten Fällen zu dieser Form von Bestrafungen.

Früh militarisiert, gekämpft, geschossen, getötet, Knast

Nach 45 Minuten, die Nacht legt sich über die Stadt, ist das Gespräch beendet, und wir werden aus dem Raum geleitet. Die Wohnung gilt fortan als kontaminiert, sie wird lediglich noch einmal benutzt am darauffolgenden Tag für das Foto, diesmal sind die beiden total in Schwarz gekleidet und bewaffnet. Fragen sind nicht mehr gestattet, einer sagt irgendwann zum Fotografen: "Sie haben noch 15 Sekunden."

Vieles von dem, was die beiden gesagt haben, lässt sich nicht verifizieren. Aber wer sich in Derry länger aufhält, bekommt ein Gefühl für diese Stadt und dafür, wie sie tickt. Wir treffen alte Kämpfer, die Tag für Tag ins Zentrum des "Ex Prisoners Outreach Programme" kommen, einer Mischung aus Schrein und Museum, und unentwegt von früher reden, weil das Früher ihr Heute bestimmt. Sie heißen Davy Glennon oder Eamonn Docherty oder Don Browne, und ihre Geschichten klingen alle ähnlich: früh militarisiert, gekämpft, geschossen, getötet und Knast. Sie haben eine Zelle nachgebaut aus dem berüchtigten Knast Long Kesh in Belfast. Braune Farbe imitiert die Scheiße, die die Häftlinge seinerzeit an die Wände schmierten.

"You fucking bastards, my new jeans!"

Christy Kyle - Veteran der IRA

IRA-Veteran Christy Kyle

stern

Einer, Christy Kyle, erzählt, sie hätten als Kids den Krawall als Sport verstanden, weil es keine Sportvereine gab wegen Zusammenrottungsgefahr. Vor allem aus Langeweile seien sie auf die Häuser geklettert und hätten Soldaten mit Steinen beworfen. Er sagt, dass sie dann aber politisiert wurden und militant, weil sie ständig gestoppt wurden auf der Straße – von den Truppen auf dem Weg zur Schule durchsucht, und auf dem Weg zurück von der Schule wieder durchsucht. So war das in den Siebzigern und Achtzigern, und irgendwann schlossen sie sich der IRA an oder anderen Gruppierungen wie der ebenso militanten „Irish National Liberation Army“ (INLA). Davon gab es reichlich.

Abends erzählen ein paar der Alten beim Bier im Derby-Pub von den Strafen damals, auch damals ausgesprochen und verübt von der IRA, auch damals oft wegen Drogen. Sie erzählen prustend vor Lachen von einem Delinquenten, der pünktlich zu seiner Strafe erschien und die IRA-Kombattanten bat, seine neue Jeans hochkrempeln zu dürfen vor den Schüssen durchs Knie – und davon, dass die das zunächst auch bejahten, es sich aber anders überlegten. Und der Mann schrie: "You fucking Bastards, my new Jeans!" 

Was hatte die Polizei zu suchen in Creggan ...?

Einen anderen hatten sie in einen Pub bestellt und dem Wirt bedeutet, er solle ihn schön abfüllen, was der tat, und als sie zurückkamen, hatten sie die Strafe vergessen, und der Wirt beschwerte sich über den Besoffenen im zweiten Stock, und auch die Frau des Opfers schimpfte, "verdammt noch mal, das hätte doch alles schon am Morgen geschehen sollen", und was sie sich dabei dächten, sie müsse schließlich noch einkaufen. Die Alten klopfen sich auf die Schenkel vor Lachen, "weißt du noch", und bestellen noch ein Pint.

Dies sind die Anekdoten von Derry, aber wenn man die Männer dann fragt, was sie von ihren Nachfolgern halten und dem Mord an Lyra McKee, werden sie ruhig und nennen es einen tragischen Unfall. Sie fragen sich aber auch, was die Polizei am späten Gründonnerstagabend zu suchen hatte in Creggan, und dann fallen Worte wie Provokation, und man dürfe sich nicht wundern. Sie verurteilen den Mord, aber nicht die Ideologie dahinter.

Hier wird nichts vergessen

IRA-Veteran John Donnelly und INLA-Veteran Thomas McCourt

IRA-Veteran John Donnelly (li.), INLA-Veteran Thomas McCourt und der junge "Liam", der bei den Mediatoren Rat sucht.

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Oben auf einem Hügel über der katholischen Bogside, dem Schauplatz des "Bloody Sunday", sitzen tags drauf John Donnelly und Thomas McCourt in ihrem kleinen Büro im vierten Stock einer alten Firma. Beide sind alte Widerständler, beide legten die Waffen vor langer Zeit schon nieder. John war ein ziemlich hohes Tier in der IRA und saß im Knast. Tommy war ein ziemlich hohes Tier in der INLA, entging aber dem Knast, weil er in die Republik floh. John und Tommy sind wie siamesische Zwillinge, sie treten fast immer im Doppelpack auf und benutzen sehr häufig das Wörtchen "fucking". Sie arbeiten als Mediatoren zwischen Bedrohten und Milizen, permanent klingelt eines ihrer Handys.

An diesem späten Vormittag hockt in ihrem Büro ein junger Mann von Ende 20, wir nennen ihn Liam, was aber nicht sein richtiger Name ist, der seit mehr als zehn Jahren in Angst lebt, weil er 2006 mit anderen Jungs aus der Bogside in einen Streit verwickelt war, an dessen Ende ein Teenager mit Kugeln im Bauch tot im Staub lag. Tommy vermittelte seinerzeit, er besuchte einige der Jungen in einem Safe-Haus auf der anderen Seite der Grenze, er sprach mit den Familien, der Polizei und den Milizen. Nach ihrer Rückkehr saßen die meisten ein, Liam auch, aber die Angst blieb, und neulich flog wieder ein Molotowcocktail gegen sein Haus, als Warnung, dass hier nichts vergessen wird.

Die Jungen trauen keinem, erst recht nicht der Polizei

Liam lebt von Sozialhilfe. Er sagt, dass er keine Pläne hat fürs Leben und nur von Tag zu Tag denkt. Tommy und John sagen, die meisten Jungs hätten lediglich das Ziel, die 50 zu erreichen, alles andere sei Zugabe. Sie haben im Laufe der Jahre Hunderten das Leben gerettet, aber sie führen einen Sisyphuskampf. Sie sind die Anlaufstelle für Alte, Kranke, Bedrohte und Verzweifelte.

Immer wieder, sagt John, kommen junge Pärchen, und die Jungs fragen, ob sie nicht dafür sorgen könnten, dass ihnen die Maskierten mit Stangen oder Kugeln die Knie zertrümmern, damit sie fortan von der Wohlfahrt leben könnten, und die Mädchen sekundieren, das sei eine gute Idee und sie würden ihre Freunde im Rollstuhl schieben. "Fucking hopeless", sagt John, weil: Teufelskreis. Die Jungen nehmen Drogen, um der Tristesse zu entkommen. Und weil sie Drogen nehmen oder damit dealen, werden sie eingeschüchtert von der IRA oder INLA, und Tom fasst das Lebensgefühl zusammen: "Die Jungen hier trauen niemandem. Sie vertrauen ihren Eltern nicht, sie vertrauen den Lehrern nicht, sie vertrauen den Sozialarbeitern nicht und erst recht nicht der Polizei."

Das ist perfekter Humus für neuen, alten Extremismus. Und man versteht nun, was die beiden maskierten IRA-Männer damit meinten, keine Probleme beim Rekrutieren von Nachwuchs zu haben.

Brexit als Brandbeschleuniger für Republikaner

Am Ende unserer Zeit in Derry betreten wir das Büro von Saoradh, das bedeutet Befreiung auf Irisch. Saoradh versteht sich offiziell als streng antikapitalistische und sozialistische Partei und ist inoffiziell der politische Flügel der Neuen IRA. Weshalb sich nach dem Tod von Lyra McKee Demonstranten vor deren Zentrale versammelten, die Hände in rote Farbe tauchten und Abdrücke hinterließen; "an euren Händen klebt Blut". An der Fassade des Hauses steht in großen Lettern "Unfinished business" und auch "Join the IRA". Davor lungern auffällig viele junge Männer, von denen einige T-Shirts tragen, die an den Hungerstreik von IRA-Inhaftierten in den frühen 80er Jahren erinnern.

Der Sprecher heißt Paddy Gallagher, ein alerter 27 Jahre junger Mann. Er hat Politik und irische Geschichte studiert und gehört zu den Gründungsmitgliedern der Partei. Er sagt: "Jedes Problem für Großbritannien ist immer eine Möglichkeit für Irland. Das Chaos, das der Brexit ausgelöst hat, ist gut für uns als Republikaner." Der Brexit gilt ihnen als eine Art Brandbeschleuniger ihrer Interessen. Es geht um die Errichtung einer vereinigten sozialistischen Republik Irland.

Die Stelle, an der Lyra McKee ihr Leben ließ

Blumen am Tatort. Die Stelle, an der Lyra McKee ihr Leben ließ. "Ein Unfall, eine Tragödie", sagen die Vermummten.

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Nie in den Genuss der Ernte gekommen

Der junge Gallagher hört sich fast genauso an wie seine maskierten und bewaffneten Brüder im Geiste, würde aber seine Unterstützung für die IRA nicht öffentlich machen, weil das auf britischem Boden und unter britischem Gesetz Strafe bedeutete und womöglich Haft. Auch Gallagher weiß genau, was er sagen darf und was nicht. Die IRA? "Wir nehmen zur Kenntnis, dass der bewaffnete Kampf gegen den britischen Staat offenbar weitergeht." Auch er sagt, dass der Tod von Lyra McKee nicht viel geändert hat in Derry. Saoradh wächst, "im nächsten Jahr hoffen wir, ein Büro in unserer Hauptstadt zu eröffnen". Mit Hauptstadt meint er Dublin, Irland.

Die roten Handabdrücke an der Wand sind längst abgewaschen, und in der Straße, wo McKee starb, welken ein paar Blumen. Sonst erinnert nicht mehr viel an diese junge, talentierte Frau, die wunderbare Essays schrieb über ihre Heimat. Einer beginnt so: "Wir sind die Generation des Karfreitagsabkommens; wir waren dazu bestimmt, nie mehr den Horror von Krieg und Terror zu erleben und stattdessen die Ernte dieses Friedens zu genießen. Aber wir sind nie in den Genuss dieser Ernte gekommen."

Das liest sich im Nachhinein noch prophetischer und beinahe wie ein Testament. Lyra McKee, erschossen am Gründonnerstag 2019 in Derry, wurde 29 Jahre alt.

Die Reportage über den Besuch in Derry/Londonderry ist erschienen im stern Nr. 29 vom 11.7.2019.