HOME
Interview

"Feuer und Zorn": Starautor Michael Wolff im stern-Gespräch: "Der nächste Akt in Trumps Präsidentschaft wird blutig"

Michael Wolffs Buch "Feuer und Zorn" sorgt für Furore. Im Interview mit dem stern spricht er über die Tricks des Präsidenten, was er mit der #metoo-Bewegung zu tun hat und wovor sich Trump in nächster Zeit fürchten muss. 

Michael Wolff, US-amerikanischer Autor, blickt mit nach rechts gedrehtem Kopf in die Kamera. Er trägt eine schwarze Brille

Herr Wolff, nachdem "Feuer und Zorn" erschienen ist, sprach Donald Trump von Lügen und Erfindungen. Seine Anwälte wollten ihr Buch sogar vom Markt nehmen lassen. Haben Sie jemals wieder mit ihm gesprochen?

Nein.

Würden Sie?

Nein.

Warum?

Sehen sie, meine Rolle ist nicht die der Washington-Journalisten, die jeden Tag aufs Neue ihren Geschichten hinterherlaufen müssen. Der Luxus des Bücherschreibens ist: Wenn es fertig ist, ist es fertig. Ich bin jetzt raus und das erlaubt es mir, die Brücken hinter mir abzureißen, wenn sie so wollen.

Das heißt, wir können keinen weiteren Teil von ihnen erwarten? Feuer und Zorn II?

Als ich das Buch geschrieben habe, war mir klar, dass das nur der erste Akt sein würde und noch zwei weitere kommen werden.

Gleich zwei?

Im nächsten Akt wird es blutig. Da haben wir Sonderermittler Robert Mueller. Da haben wir die Demokraten. Wenn die bei den Zwischenwahlen im Herbst gewinnen, droht Trump ein Amtsenthebungsverfahren, befeuert durch die #metoo-Bewegung. Und die Republikaner, die zutiefst vom Präsidenten angewidert sind, werden ihn fallen lassen. Interessant wird auch zu sehen sein, wie sich die Leute verhalten, die für ihn gearbeitet haben, im Weißen Haus und außerhalb - denn sehr viele haben keine guten Erfahrungen mit Donald Trump gemacht.

Und der dritte Akt?

Ich glaube man kann jetzt schon von einer gescheiterten Präsidentschaft sprechen. Wie sie endet - noch unklar, aber das wird der dritte Akt werden.

Ihnen wird oft unterstellt, sie würden es mit den Fakten nicht so genau nehmen und ihr Buch sei eher Unterhaltung als Sachbuch. Bedauern sie es, Teile ihres Buches so und nicht anders verfasst zu haben?

Nein, überhaupt nicht. Im Übrigen: Die Fakten sind präzise, natürlich. Aber gleichzeitig hoffe ich, dass das Buch auch ein Stück Belletristik ist. Ich glaube, man muss unterscheiden zwischen Nachrichtenjournalisten und mir. Ihr Job ist wichtig, aber es ist nicht mein Job. Ich erzähle eine Geschichte in einem großen Rahmen. Ich interessiere mich für Charaktere, Erlebnisse, Szenen und ich möchte den Leser da hineinziehen. Mein Buch ist für Leser, die Kollegen in Washington schreiben eher fürs Protokoll. Und auch wenn sie gerne glauben, dass das, was im Weißen Haus geschieht, ihre Story sei. Nein. Es ist unser aller Geschichte, es die größte Geschichte seit langer Zeit und sie wird noch in sehr vielen Variationen erzählt werden.

Michael Wolff, US-amerikanischer Autor, blickt mit nach rechts gedrehtem Kopf in die Kamera. Er trägt eine schwarze Brille

Sie sprechen von Charakteren. Wer war, neben Donald Trump, der interessanteste Charakter, den sie im Weißen Haus kennengelernt haben?

Im Grunde jeder. Der größte Teil von Trumps Mitarbeitern empfand angesichts der Regierungsverantwortung ein radikales Unwohlsein. In so einer Situation wird wohl jeder zu einem interessanten Charakter. Für mich persönlich aber war es Steve Bannon. Er war am allernächsten dran und er hatte am meisten zu verlieren. Bannon war der Mann, der Donald Trump erst zum Präsidenten gemacht hat. Er ist der Mann mit der Vision. Und er ist derjenige, der am meisten unter Trump gelitten hat. Die allermeisten von Trumps Mitarbeitern waren schnell enttäuscht und desillusioniert. Aber keiner so sehr wie Steve Bannon. Von all meinen Quellen, die nah am Präsidenten waren, waren seine Schilderungen am lebhaftesten.

Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Seit das Buch erschienen ist, nicht. Aber ich schätze, dass wir zu einer angemessenen Zeit in der Zukunft wieder miteinander sprechen werden.

Wenn Sie ihr Buch erst kürzlich geschrieben hätten statt vor einem Jahr - wäre es mehr oder weniger das gleiche geworden? Anders gefragt: Hat sich an Zuständen im Weißen Haus etwas geändert, seit sie es verlassen haben?

Nicht besonders viel. Das liegt an der Natur von Donald Trump. Er hat ein paar ganz gute Tricks auf Lager, aber eben nicht sehr viele.

Welche zum Beispiel?

Er ist ein Produkt des Reality-TV und die Essenz von Reality-TV sind Konflikte, Konflikte, Konflikte. Das ist es, was Donald Trump fabriziert: Konflikte. Konflikte sind gleich Aufmerksamkeit, und danach dürstet es Donald Trump. Der Plot verlangt, dass es immer so weitergeht. Das ist die Essenz von Donald Trump.

Der Autor von "Trump im Amt", David Cay Johnston, sieht das ähnlich. Er spricht von einer "Überwältigungsstrategie" des Weißen Hauses. Glauben Sie an ein geplantes Vorgehen oder ist es Trumps Natur?

Das ist das traurige an der Geschichte, es gibt keinen öffentlichen und einen privaten, anderen Donald Trump. Seine Persönlichkeit ist das Ergebnis eines lebenslangen Kampfs um Aufmerksamkeit.

Sie haben ihn jüngst einen "schäbigen Hurensohn" genannt. Harte Worte.

Er setzt Menschen herab, er sieht keine Notwendigkeit darin, nett zu Leuten zu sein oder gängige Höflichkeitsformen einzuhalten. In seiner Zeit als Geschäftsmann war es im Grunde so: Entweder Du kaufst ihm etwas ab oder er verklagt dich. Und das Verhalten hat er auch als Präsident bislang nicht abgelegt. Und egal wer du bist, er macht dir das Leben zur Hölle. Das ist auch der Grund, warum ihn die Republikanische Parteiführung so verachtet: Weil er sie nicht als mächtige Menschen behandelt.

Was ist mit Selbstreflexion? Sitzt er abends auf dem Sofa und überlegt sich, was er hätte besser machen können? Gar ändern?

Ich glaube, er wird sich manchmal fragen, warum er nicht genug Aufmerksamkeit bekommt, warum über andere mehr gesprochen wird als über ihn. Dann twittert er eben. Aber Gedanken über seine eigenen Leistungen oder darüber, was wohl in anderen Menschen vorgeht, kommen ihm nicht in den Sinn.

Seine Tochter Ivanka gilt als einer der wenigen Personen, die ihm wichtig sind. Nun gerät sie in die Kritik, weil ihre Rolle im Weißen Haus so uneindeutig ist. Nach ihrem Besuch der Abschlussfeier der Olympischen Spiele hat der Skifahrer Gus Kenworthy auf Twitter geschrieben: "Was zur Hölle macht sie hier?" Wissen Sie es?

Ivanka steht für sich selbst. Sie ist seine Tochter und sie nutzt solche Gelegenheiten wie die Olympischen Spiele, um sich von diesem ganzen Ärger in Washington abzulenken. Und natürlich kann sie auf solchen Veranstaltungen interessante und einflussreiche Menschen treffen.

Enthüllungsbuch über Trump: Das müssen Sie über "Fire and Fury…" wissen

In ihrem Buch schildern sie, wie Ivanka mit ihrem Mann Jared Kushner beschließt, irgendwann für die Präsidentschaft zu kandidieren. So, wie Sie es beschreiben, klingt es beinahe so, als würde sie fest mit ihrer Wahl rechnen. Sind solche Pläne ernst gemeint oder nette Tagträumereien?

Es ist diese Art Ernsthaftigkeit von Menschen, die glauben, sie können alles bekommen und es stehe ihnen alles zu. Ich glaube, sie schätzt ihre Lage völlig falsch ein, aber andererseits: Ihr Vater hat es ja auch ins Amt geschafft.

Feuer und Zorn Cover

Michael Wolff, Feuer und Zorn - im Weißen Haus von Donald Trump ist bei Rowohlt erschienen und kostet 19,95 Euro (gedruckt) und 16,99 Euro (E-Book)


Der US-Präsident wird immer wieder, auch von ihnen, als jemand beschrieben, der sich im Grunde für nichts außer sich selbst interessiert. Als Präsident der USA aber ist er einer der mächtigsten Menschen der Welt. Gibt es Möglichkeiten, ihn für Pläne zu begeistern, die wichtig sind für die Menschen und das Land?

Wissen Sie, Donald Trump ist 72 Jahre alt und sein ganzes Leben hat er die Aufnahme von Informationen regelrecht verweigert. Außer natürlich, sie betreffen ihn selbst. Er ist schlecht zu erreichen, er liest nicht und er hört nicht einmal zu. Nach dem Giftgasangriff im syrischen Chan Scheichun aber war er plötzlich davon überzeugt, etwas tun zu müssen. Seine Tochter hatte ihm Bilder von Kindern mit Schaum vorm Mund gezeigt. Das muss ihn offenbar berührt haben, er hat dann ja die Bomber losgeschickt. Oder zuletzt nach der Schulschießerei in Florida: Da hat er offenbar Handlungsbedarf erkannt und will nun Lehrer bewaffnen. Absurd, aber ja, er sieht durchaus die Notwendigkeit Anteilnahme zu zeigen, aber leider hat er kein Einfühlungsvermögen, kein Rechtsempfinden oder einen Sinn für Gerechtigkeit.


Donald Trump ist berühmt dafür, sich oft und gerne mit Frauen zu umgeben, er ist nicht nur zum dritten Mal verheiratet, er hatte zahllose Affären. Im US-Fernsehen haben Sie angedeutet, dass er auch als Präsident eine Geliebte hat.

Das zieht sich durch sein ganzes Leben. Ich glaube, das scheint einer seiner Haupttriebfedern zu sein. Im Grunde betreibt er ein Geschäft für Frauen-ins-Bett-quatschen. Ob das nun seine Schönheitswettbewerbe sind oder seine Modelagenturen. Oder nehmen sie die Frauen, die ihm sexuelle Übergriffe vorwerfen. Wir alle kennen das Band, auf dem er sich damit brüstet Frauen zwischen die Beine zu greifen - das ist Donald Trump. Warum sollte er das vor der Tür zum Weißen Haus plötzlich ablegen?

Glauben Sie, dass ihm das zum Nachteil gereichen könnte?

Viele Menschen fragen sich, was da in der Präsidentenehe eigentlich los ist. Aber wie in so vielen Dingen gibt es mehrere Realitäten: Während Trump mit seinem Sexismus davonkommt, ändert das Land rasant seine Ansichten über diese Dinge. Als das Hollywood-Band mit dem 'Grab them by the pussy' bekannt wurde, haben alle gedacht - sein Team, die Medien, große Teile der Öffentlichkeit - das es das nun war. Vorbei. Aus. Offenkundig war es das nicht. Gleichzeitig aber ist die #metoo-Bewegung sehr groß geworden. Da bahnt sich eine kulturelle Revolution an und Donald Trump hat eine Menge damit zu tun.