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Wahlkampfrede in Michigan In die Enge getrieben zeigt Donald Trump seine abscheulichste Seite

US-Präsident Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Michigan
US-Präsident Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Michigan
© Jeff Kowalsky / AFP
Als im US-Repräsentantenhaus über ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump entschieden wurde, stand der Präsident in Michigan auf einer Wahlkampfbühne. Was er dort tat, macht fassungslos.

Donald Trump ist jetzt fast auf den Tag genau seit zwei Jahren und elf Monaten im Amt. In dieser Zeit hat der US-Präsident die Grenzen des Anstands im Umgang mit politischen Gegnern so oft verletzt, dass man kaum noch aufmerkt, wenn er mal wieder jemanden beleidigt, verspottet oder mit Hass und Hetze überzieht. Doch was Trump sich nun auf einer Bühne im US-Bundesstaat Michigan geleistet hat, macht selbst nach all seinen vorangegangenen Entgleisungen noch fassungslos.

Donald Trump fordert Spendengelder zurück

Während das US-Repräsentantenhaus in einem historischen Schritt ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump in Gang setzte, sprach der 73-Jährige auf einer Wahlkampfveranstaltung in Battle Creek zu seinen Anhängern. Dabei wetterte er auch gegen die Impeachment-Bestrebungen der Demokraten und nahm in dem Zusammenhang einzelne Abgeordnete ins Visier. Zunächst beklagte sich Trump über die Demokratin Carolyn Maloney, die das Amtsenthebungsverfahren unterstützt. Meloney sitzt für den New Yorker Bezirk im Kongress, in dem auch der Trump Tower steht. Er habe sie über die Jahre mit zahlreichen Spenden unterstützt und nun wende sie sich gegen ihn, monierte der Präsident. Dann rief er: "Gib mir das verdammte Geld zurück."

Trump hat damit öffentlich klar gemacht, dass Politiker für seine Unterstützung gefälligst auch eine Gegenleistung zu erbringen haben. Die Demokraten dürfte das freuen, ist doch ein solches Quidproquo im Umgang mit der Ukraine einer ihrer Kernvorwürfe gegen den Präsidenten im Impeachment-Verfahren.

Doch nach dem Plädoyer des mächtigsten Mannes der Welt für die Käuflichkeit von Politik kam es noch schlimmer. Als nächstes nahm Trump sich Debbie Dingell vor. Die demokratische Abgeordnete aus Michigan, die das Impeachmentverfahren ebenfalls unterstützt, ist Witwe. Ihr Ehemann war der Trump-Kritiker John Dingell, der 59 Jahre lang für die Demokraten im Kongress saß und im Februar dieses Jahres im Alter von 92 Jahren starb.

US-Präsident verhöhnt trauernde Witwe

"Es gibt da diese Dingell, Dingell. Kennt Ihr Dingell aus Michigan? Kennt Ihr Dingell? Habt Ihr schon von ihr gehört?", fragte Trump sein Publikum. Dann behauptete er in einer Reihe teilweise unvollendeter, wirrer Aussagen, die Abgeordnete habe ihn in einem Telefonat um eine Sonderbehandlung für ihren verstorbenen Mann gebeten. "Debbie Dingell, das ist eine wirklich schöne Frau", stellte Trump - warum auch immer - zunächst fest. "Also, vor etwa acht Monaten ruft sie mich an - ihr Mann war lange Zeit hier. Aber ich habe ihm nicht die zweitklassige Behandlung gegeben. Ich habe ihm weder die drittklassige noch die viertklassige gegeben - das hätte ich tun können, Niemand hätte ..., versteht Ihr? Ich habe ihm die Spitzenbehandlung gegeben: 'Setzt die Flaggen auf Halbmast!'", erklärte der US-Präsident.

Dann sagte er mit einer Stimme, als würde ihm jemand anderes die Frage stellen:

"Warum setzten Sie die Flaggen auf Halbmast?"

Mit eigener Stimme antwortete er: "Für den Ex-Kongressabgeordneten Dingell."

Dann wieder der imaginäre Fragesteller: "Oh, okay."

Anschließend sprach er als Dingell: "Tu dies, tu das, tu jenes!"

Und schließlich wieder als Trump: "Rotunde (Aufbahrungsort für verdiente Persönlichkeiten im US-Kapitol, d. Red.), alles. Ich hab ihm alles gegeben. Das ist okay. Ich will nichts dafür. Ich brauche nichts für irgendwas", behauptete der Präsident, nachdem er gerade erst mit seiner Attacke gegen Carolyn Maloney das Gegenteil bewiesen hatte.

"Sie ruft mich an", erzählte Trump und veralberte anschließend in weinerlichen Tonfall Debbie Dingell : "'Es ist das Schönste, was je passiert ist, vielen Dank. John wäre so begeistert. Er schaut zu uns herunter, er wäre so begeistert. Vielen Dank, Sir", imitierte der Präsident die Abgeordnete.

"Ich sagte: 'Keine Sorge, das ist okay'", fuhr Trump fort. Dann deutete er an, dass John Dingell vielleicht gar nicht oben im Himmel weilt, sondern unten in der Hölle schmort. "Vielleicht schaut er zu uns herauf, ich weiß nicht. Ich weiß es nicht. Vielleicht. Vielleicht", rief er der Menge zu.

Selbst im Publikum fiel einigen Leuten auf, wie erbärmlich dieses Nachtreten des Präsidenten gegen den Verstorbenen war, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis gekämpft und sich fast sein gesamtes Leben lang politisch engagiert hatte. Zwischen Gelächter und Jubel war auch ein deutliches Aufstöhnen zu hören.

Trumps Verhalten wird immer skrupeloser

Debbie Dingell selbst zeigte sich schwer getroffen, nachdem sie von der Attacke erfahren hatte: "Herr Präsident, lassen wir die Politik beiseite", schrieb die 66-Jährige auf Twitter. "Mein Mann hat sich nach lebenslangem Dienst alle seine Ehrungen verdient. Ich bereite mich auf die ersten Feiertage ohne den Mann, den ich liebe, vor. Sie haben mich auf eine Weise traurig gemacht, die Sie sich nicht vorstellen können und Ihre verletzenden Worte haben mir meine Heilung sehr erschwert."

Dass Trump es bei seinem Spott über den Toten und dessen Witwe mit der Wahrheit nicht so genau nahm, erschreckt schon gar nicht mehr, nach all den Lügen die er in seiner bisherigen Amtszeit verbreitet hat. So war er es, der Debbie Dingell angerufen hatte, und nicht umgekehrt, wie US-Medien berichten. Außerdem wurde John Dingell gar nicht in der Rotunde des Kapitols aufgebahrt und Trump hätte dies auch nicht genehmigen können, denn das liegt allein in der Macht des Kongresses.

Was aber erschreckt, ist, dass Donald Trump offenbar immer skrupelloser wird, je mehr die Demokraten ihn in die Enge treiben. Vor zwei Jahren, elf Monaten und einem Tag war es noch unvorstellbar, dass der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika in aller Öffentlichkeit nach dessen Tod einen langgedienten Politiker verhöhnt und sich über die Trauer von dessen Witwe lustig macht. Mittlerweile pfeift Trump vollständig ungeniert auf Regeln, Anstand, Respekt, Mitgefühl und die Wahrheit, wenn es darum geht, seine Macht zu erhalten. In Hinblick auf sein mögliches Verhalten, sollte er im kommenden November womöglich aus dem Amt gewählt werden, kann einem das nur Angst machen.

Quellen:FactbaseCNN, "New York Magazine", Twitter

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