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Auf Staatsbesuch Patsch. Patsch. Patsch. Grobklotz Trump fegt mit Zuckerbrot und Peitsche über die Insel

Auf dem Landsitz Chequers geben US-Präsident Donald Trump und die britische Premierministerin Theresa May eine gemeinsame Pressekonferenz
Auf dem Landsitz Chequers geben US-Präsident Donald Trump und die britische Premierministerin Theresa May eine gemeinsame Pressekonferenz
© Stefan Rousseau-WPA Pool / Getty Images
Donald Trump auf Staatsbesuch in Großbritannien. Erst beleidigt er Premierministerin May, tags drauf lobt er sie überschwänglich. Und während in London Hunderttausend demonstrieren, muss die Königin einen ungebetenen Gast bewirten.

Die britische Premierministerin Theresa May hat eine verdammt anstrengende Woche hinter sich. Erst kündigten der Brexit-Minister David Davis und Außenminister Boris Johnson, dann hielt sie eine West-Balkan-Konferenz ab, flog hernach nach Brüssel zum Nato-Gipfel, während in London ihre Regierung das längst überfällige Weißbuch zum Brexit vorlegte, in dem sie auf knapp 100 Seiten die Blaupause für einen weichen Brexit postuliert. Worauf die Rechte in der Partei schäumte und Rebellion ankündigte und sich viele ihrer Landsleute in der Tat zu fragen beginnen: Warum das alles überhaupt?

Das alles kennt sie. Die Machtspielchen, das Bashing in Partei und Presse. May hat sich im Laufe der vergangenen zwei Jahre ein dickes Fell zugelegt.

Donald Trump räumt mit Theresa May via "Sun" auf

Und dann ... kam Trump. Staatsbesuch mit Pomp und Zirkus und Königin, Galadinner und Windsor. Er hatte als kleines Gastgeschenk, pünktlich zu Mays zweijährigem Dienstjubliäum, noch eine Überraschung parat. Ein Interview mit dem Massenblatt "Sun", in dem er mit seinen Gastgebern in etwa so unverblümt aufräumte wie mit der Nato tags zuvor. Er kritisierte May für ihr Brexit-Handling und merkte fast beleidigt an, dass sich die Kollegin nicht an seine Ratschläge gehalten habe, was auf Dauer ein Handelsabkommen zwischen den beiden Staaten "killen könne". Er lobte den zurück getretenen Boris Johnson und sprach, der würde einen guten Premierminister abgeben. Er trat nach gegen den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, bezeichnete dessen Amtsführung als fürchterlich und unterstellte, das weltoffene London sei eine Brutstätte für Terror und Kriminalität. Patsch. Patsch. Patsch.

Nun sind die Briten ein sehr höfliches Volk, und die Reaktionen fielen entsprechend britisch aus. Vielleicht auch deshalb, weil niemand genau einordnen konnte, ob es sich um Trumps gewöhnliche Flegeleien oder eben doch um einen exakt getimten Angriff auf die britische Regierung und die bereits waidwunde May handelt. Er mag ja lieber Autokraten wie Putin und neuerdings sogar Kim-Jong Un. Sein Geschwätz von gestern kümmert ihn im Übrigen noch weniger als einst Franz Beckenbauer.

Dass dieser Trump unter verblüffenden Erinnerungs- und Wahrnehmungsstörungen leidet, ist ja bekannt, und das stellte er auf seiner Europa-Tour wieder beeindruckend unter Beweis. In Brüssel hatte er fabuliert, sein Vater sei Deutscher und den kurzerhand mit seinem teutonischen Opa verwechselt. Ihm war offenkundig auch entfallen, dass sein neuer Freund Boris Johnson ihn einmal als "geistesgestört" bezeichnet hatte, "He lost his mind". Ehe er schließlich über den Kanal setzte, sagte Trump noch, dass "die Briten mich mögen" – und zwar insbesondere wegen seiner restriktiven Einwanderungspolitik.

Aus dem Stahlkäfig zum Dinner und zurück

Wie sehr die Briten ihn mögen, übersah und überhörte er. Ein Blick aus dem Fenster der US-Residenz im Regent’s Park hätte gereicht. Weiträumig abgesperrt durch einen hohen und hässlichen Stahlzaun, der Spötter an einen Probelauf für die Mauer zu Mexiko erinnerte. Drinnen Trump und Entourage, davor mehrere Hundert Protestanten, ein zugegeben eher trauriges Häuflein mit Trillerpfeifen und geschüttelreimtem Singsang, "Make it loud, make it clear, Donald Trump isn’t welcome here". Und während sie sangen und Kindergeschrei vom Band spielten, dass an die unselige Trennung von Kleinkindern und deren Eltern gemahnen sollte, hoben im Park die Hubschrauber ab, und "Marine One" flog den mandarinenfarbenen US-Präsidenten mit Gattin Melania zum Dinner nach Blenheim Palace, historischer Ort, wo ihn Theresa May im langen Roten erwartete. Es gab schottischen Lachs und englisches Filet und erbaulichen Smalltalk, vermutlich nicht über seine Worte in der "Sun". Dann knatterte er zurück in den Londoner Stahlkäfig, und der "Daily Mirror" titelte wortwitzig "The Ego has landed".

Nein, Donald Trump ist in Großbritannien keineswegs willkommen. Es ist nur so, dass sich die Briten mit dem Brexit in eine missliche Abhängigkeitsposition manövriert haben, sie auf ein bilaterales und großzügiges Handelsabkommen mit den USA hoffen, aber außer Acht ließen, dass der US-Präsident nicht mehr Obama heißt. Sondern Trump. Mal Zuckerbrot, mal Peitsche.

Ein schreiendes Baby mit Windeln und Handy

Am Freitag versammelten sich Hunderttausend rund um Trafalgar Square zur großen Gegendemo; über dem Parliament Square schwebte ein Ballon, ein sechs Meter hoher Trump als schreiendes Baby mit Windeln und Handy in kleiner Hand. Und das Original schwebte im Hubschrauber aus dem Stahlkäfig nach Chequers, dem Landsitz der Regierung, abermals May, abermals altes Gemäuer und schwerer Teppich. So liebt er das. Seine Mutter ist Schottin, betonte er gern, und das stimmt sogar.

Gut gelaunt traten die beiden später vor die Medienvertreter. Die harschen Töne aus der "Sun" nunmehr vergessen, fake news, natürlich falsch zitiert. May mache nämlich einen tollen Job, sei eine tolle Frau und überhaupt alles toll, toll, toll. "Highest level of special", nannte er die Beziehungen zum Königreich. Es sprach der Zuckerbrot-Trump. Er lobte sich, "ich mache einen großartigen Job" und kritisierte Obama und immer wieder Merkel. Sein erratischer Auftritt gipfelte in dem Ausspruch, Putin hätte die Krim nie annektiert, hätte er, der Donald, damals schon im Weißen Haus gesessen. 

May lächelte süß-sauer dazu. Zuweilen sah sie fast erschrocken aus.

In London lief die Demo, Hunderttausend auf der Straße.

Und in Windsor Castle wartete die Königin auf den Präsidenten aus den früheren Kolonien. Tea for two. Noch ein Haken auf seiner Liste der Dinge, die man als Donald unbedingt erlebt haben sollte. Es ist nicht überliefert, ob sich die Queen die Pressekonferenz im Fernsehen angeschaut hatte. Es ist auch nicht überliefert, was sie von dem New Yorker Grobklotz hält. Was überliefert ist, keine fake news, sondern die Wahrheit und nichts als das: Die Queen hat viele Privilegien. Und mindestens ebenso viele Pflichten. Darunter auch lästige. Der größte Nachteil ihres Jobs ist wohl, dass sie sich ihre Gäste nicht immer selbst aussuchen kann.

tkr

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