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Einigung bei Getreideausfuhren Das Ende des Kornkrieges? Was Russland zum Umdenken bewegt haben könnte

Russlands Präsident Wladimir Putin
Russlands Präsident Wladimir Putin
© Mikhail Klimentyev/Pool Sputnik Kremlin/AP / DPA
Russland macht den Weg für Getreideexporte aus der Ukraine frei. Keine weiteren Fragen, außer: Warum gerade jetzt – und kann man sich darauf verlassen? 

Der Satz stammt von Annalena Baerbock, sie formulierte ihn schon vor einigen Wochen, doch an seiner Gültigkeit hat er bisher nicht eingebüßt: "Russland führt seinen brutalen Krieg nicht nur mit Panzern, Raketen und Bomben", sagte sie Mitte Mai während eines Außenministertreffens bei den Vereinten Nationen in New York. "Russland führt diesen Krieg mit einer anderen schrecklichen und leiseren Waffe: Hunger und Entbehrung." 

Es waren drastische Worte der Bundesaußenministerin, die Russland einen "Kornkrieg" vorwarf, ins Werk gesetzt durch die Blockade ukrainischer Häfen, der Zerstörung von Getreidesilos, Straßen, Eisenbahnen und Feldern von Bauern, mit einer "globalen Nahrungsmittelkrise" als Folge. 

Nun, nach wochenlangen Verhandlungen, die lange Zeit aussichtslos erschienen, gibt Russland offenbar jene Waffe aus der Hand: Die Ukraine und Russland haben an diesem Freitag ein Abkommen zur Ausfuhr von Getreide unterzeichnet. Die Einigung war über mehrere Wochen unter Vermittlung der Türkei und der Vereinten Nationen ausgehandelt worden (mehr dazu lesen Sie hier).

Keine weiteren Fragen, außer: Will der Kreml den "Kornkrieg" wirklich beenden – und wenn ja, warum gerade jetzt?

"Ich glaube nicht, dass Russland bereit dazu ist, die Exporte eins zu eins umzusetzen"

Anruf bei Gerhard Mangott. Der Politologe an der Universität Innsbruck sieht in der sich abzeichnenden Einigung ein ermutigendes Zeichen, wenngleich mit belastbarer Skepsis. Aber eins nach dem anderen.

Am Donnerstag hat die Europäische Union zum siebten Mal ein Sanktionspaket geschnürt, das unter anderem ein Importverbot von russischem Gold vorsieht. Darin geht die EU, zumindest im Streit um blockierte Weizenlieferungen, allerdings auch einen Schritt auf Russland zu: Der Export von Getreide und Düngemitteln aus Russland wird erleichtert, zudem die Wartung von zivilen Passagierflugzeugen wieder ermöglicht.

"Die EU ist Russland mit ihrem siebten Sanktionspaket entgegengekommen", sagt Politologe Mangott am Freitagvormittag zum stern, der die "Zugeständnisse" als wesentlichen Faktor hinter dem mutmaßlichen Umdenken des Kreml sieht. "Damit ist die EU in Vorleistung gegangen, was Russland offenbar dazu veranlasst, ebenfalls nachzugeben." So habe Russlands Präsident Wladimir Putin abermals betont, dass solche Zugeständnisse nötig seien, um über eine Entschärfung der Situation nachzudenken. 

Allerdings sei auch das russische Ansehen sicherlich ein Faktor gewesen, so Mangott. "Für den Kreml ist es nicht leicht zu argumentieren, dass vor allem die Unterversorgung in Afrika nichts mit der russischen Blockade zu tun habe." Zwar verfange in einigen afrikanischen Staaten das russische Narrativ, die Lebensmittelkrise sei etwa eine Folge der westlichen Sanktionen oder von verminten Häfen in der Ukraine. Aber eben nicht überall. "Insofern möchte Russland womöglich auch einem weiteren Reputationsverlust vorbeugen", so der Experte. 

Derzeit sind zwischen 20 und 25 Millionen Tonnen Getreide in der Ukraine blockiert. Der russische Angriffskrieg und seine Folgen haben die Preise in die Höhe getrieben. Diesbezüglich könnte das Abkommen für Entspannung sorgen, wenngleich viele Fragen noch offen sind. So könnte die Umsetzung des Abkommens – und damit die Ausfuhr von Nahrungsmitteln aus der Ukraine – noch Wochen dauern. Zudem könnte Moskau die Vereinbarungen durch vorgeschobene Gründe torpedieren oder sogar ganz scheitern lassen, wie es offenkundig auch schon bei Gaslieferungen nach Europa der Fall ist.

Auch Politologe Mangott mahnt: Ob die Getreideexporte reibungslos ablaufen werden, oder es womöglich zu Verschleppungen durch Russland kommt, muss abgewartet werden. "Ich glaube nicht, dass Russland bereit dazu ist, die Exporte eins zu eins umzusetzen", sagt er. Russland werde vermutlich Einwände finden, "warum dieses und jenes nicht gehen wird", um die Getreide-Knappheit als Druckmittel zu behalten. Eines dürfe nicht vergessen werden, so der Experte: "Selbst wenn die Vorjahresernte verschifft werden kann, hält Russland immer noch an seinem Verhalten fest, Getreide aus den besetzten Gebieten in der Ukraine zu stehlen und gezielt Anbauflächen abzubrennen." Die Folge: "Im kommenden Jahr dürfte es immer noch Quantitätsprobleme geben, selbst wenn ein freier Transport gewährleistet wäre."   

Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund lasse sich der Schritt nicht als Deeskalation verstehen. "Das würde zu weit gehen", so Mangott. "Das Abkommen ist ein positiver Schritt in einem Krieg, der keine positiven Schritte kennt." Dass es überhaupt zu einer Art Durchbruch kommen könnte, sei nicht erwartet worden. "Insofern ist das ein ermutigendes Zeichen – auch, wenn es nichts über die Dauer des Krieges oder die Positionen der Kriegsparteien aussagt. Das wäre eine überoptimistische Interpretation der Geschehnisse." 


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