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Eskalation in Nahost Darum steht Israel vor einem neuen Krieg


Seit fast einer Woche steuern Israel und Gaza auf einen neuen Krieg zu. Wieso ist die Situation im Heiligen Land erneut eskaliert? Wer ist schuld? Und wie stehen die Chancen auf eine Waffenruhe?
Von Mareike Enghusen und Sophie Albers Ben Chamo

Seit Tagen beherrscht das heftige Aufbrechen des Nahost-Konflikts die Berichterstattung. Israel und Gaza stehen vor einem neuen Krieg. Offensichtlich ist die israelische Bodenoffensive nur noch eine Frage der Zeit. Aber wie konnte es überhaupt wieder so weit kommen? Drei Fragen und drei Antworten:

Was hat die neue Welle der Gewalt ausgelöst?
Am 12. Juni sind an einer Bushaltestelle nahe Hebron drei israelische Teenager verschleppt worden. Die israelische Armee startete daraufhin eine massive Suchaktion. Während die Soldaten das Westjordanland systematisch wie brutal durchkämmten, rund 350 Palästinenser verhafteten, Häuser zerstörten und bei Auseinandersetzungen fünf Palästinenser getötet wurden, begann die Hamas im Gaza-Streifen, Raketen auf Israel abzufeuern. Die israelische Armee bombardierte daraufhin Einrichtungen der Hamas in Gaza.

Die islamistische Hamas, von EU und USA als Terrororganisation gelistet, regiert im Gaza-Streifen seit 2007, hat aber auch Anhänger im Westjordanland. Am 30. Juni hat ein freiwilliger Suchtrupp die Leichen der drei verschwundenen Teenager gefunden, verscharrt unter einem Steinhaufen nahe Hebron.

Am 2. Juli wurde in Ostjerusalem ein 16-jähriger palästinensischer Junge entführt und ermordet. Drei junge jüdische Extremisten haben die Tat mittlerweile gestanden. Angeblich wollten sie den Tod der drei Israelis rächen. Seitdem kommt es immer wieder zu Ausschreitungen in Israel und den palästinensischen Gebieten. Militante Palästinenser in Gaza schießen inzwischen sogar Raketen auf Tel Aviv, Jerusalem und Haifa. Im Gegenzug feuert die israelische Armee auf Hamas-Einrichtungen in Gaza, was regelmäßig auch Zivilisten das Leben kostet.

Die Wurzeln des israelisch-palästinensischen Konflikts reichen zurück in die Zeit noch vor der Staatsgründung Israels im Jahr 1948, als Großbritannien das Territorium regierte. Erste Einwanderungswellen osteuropäischer Juden, die vor Antisemitismus und Pogromen in ihrer Heimat flohen, gab es um die Jahrhundertwende.

Wer trägt die Schuld an der Eskalation?
Es ist bisher nicht geklärt, wer die israelischen Teenager entführt und ermordet hat. Die israelische Regierung beschuldigt – unter Hinweis auf Geheimdiensterkenntnisse - die Hamas. Die Hamas-Spitze hat den Vorwurf zurückgewiesen. Es ist auch denkbar, dass eine islamistische Splittergruppe in Eigenregie gehandelt hat. Es gibt auf beiden Seiten Interessen, den (ohnehin stagnierenden) Friedensprozess weiter zu zerrütten, beziehungsweise das junge Bündnis zwischen Fatah und Hamas zu zerschlagen.

Die Fatah, die im Westjordanland unter Präsident Abbas regiert, hat bisher mit Israels Sicherheitskräften kooperiert und war jahrelang mit der radikaleren Hamas verfeindet. Erst Anfang Juni hatten Fatah und Hamas eine Einheitsregierung gebildet, um die Bildung eines eigenen palästinensischen Staates voranzutreiben. Ein Vorhaben, das die israelische Regierung komplett ablehnt.

Zwar hat Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zunächst versucht, eine größere Militäroperation in Gaza zu vermeiden - "Ruhe wird mit Ruhe beantwortet", lautete seine Botschaft an die Hamas -, doch erntete er dafür heftige Kritik in der eigenen Regierung. Außenminister Avigdor Lieberman zog aus Protest sogar seine Partei Israel Beiteinu aus der Koalition ab.

Nachdem das Raketenfeuer aus dem Gaza-Streifen andauerte, gab Netanjahu dem Druck von rechts nach und ordnete eine Luftoffensive gegen die Hamas an: "Operation Schutzrand". Dabei sollen bisher mindestens 100 Palästinenser ums Leben gekommen sein, viele davon Zivilisten.

Seit Dienstag sollen rund 470 Raketen aus Gaza auf Israel gefeuert worden sein. Während in Israel das Raketenabwehrsystem Iron Dome bisher größere Schäden verhindern konnte, hat die Hamas die Menschen in Gaza aufgerufen, sich auf die Dächer ihrer Häuser zu setzen - als menschliche Schutzschilde. Die Eskalationsschraube dreht sich immer weiter.

Wie stehen die Chancen auf einen Waffenstillstand?
Die stehen schlecht, weil es dieses Mal keinen Vermittler zu geben scheint und beide Parteien sich in Eskalationsdrohungen toppen. US-Präsident Obama hat sich angeboten, aber schon die dem neuen Krieg vorangegangenen intensiven Bemühungen für einen dauerhaften Frieden von US-Außenminister John Kerry waren erfolglos. Jordanien ist zu schwach. Ägypten, früher mehrfach Waffenruhestifter, hat die Hamas zu Feinden erklärt und die Grenze geschlossen. Die Hamas steht allein wie nie zuvor, wofür auch spricht, dass sie schon frühzeitig in den aktuellen Kampfhandlungen weiter reichende Raketen abfeuert, die in früheren Eskalationen immer erst gegen Ende zum Einsatz kamen. Weil die Hamas sich mit Syrien überworfen hat, bleibt die Unterstützung aus dem Israel-verdammenden Iran aus. Es steht zu befürchten, dass die Radikalen in ihrer hasserfüllten Verzweiflung ihr gesamtes Arsenal verschießen werden - auch ohne Rücksicht auf die eigene Bevölkerung.

Israel muss zudem fürchten, was nach der Hamas kommen könnte. Sollte die Gaza-Regierung stürzen, droht ein Machtvakuum, das Mudjschahedin, Salafisten und andere Terrorgruppen ausnutzen könnten. Ein Albtraum-Szenario.


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