Ex-Geisel Rojas Wiedersehen mit Betancourt


Sie ist die beste Freundin von Ingrid Betancourt, wurde mit ihr zusammen von der Farc entführt. Während der Geiselhaft hatte Clara Rojas ihren Sohn im Dschungel geboren und wurde nach neun Monaten von ihm getrennt. Nun kann sie, inzwischen freigelassen, nach ihrem Sohn auch ihre Freundin wieder in die Arme schließen.
Von Joachim Rienhardt

Die viel zu große Daunenjacke reicht dem kleinen Jungen mit den pechschwarzen Haaren fast bis zu den Knien. Die Ärmel sind so lang, dass seine Hände mitsamt den Fingern darin verschwinden. Emmanuel wirkt darin noch zerbrechlicher, als er mit seinen fast vier Jahren tatsächlich ist. "Mama, ich möchte Kaffee", ruft er, läuft zu ihr an den Tisch und bringt mit einem Schwapp aus dem Milchkännchen eine leere Espresso-Tasse zum Überlaufen.

Clara Rojas lächelt stolz. "Er lernt das gerade", sagt die 43-jährige Kolumbianerin und lässt den Kleinen gewähren, der nun mit seiner rechten Hand und den Zähnen eine Tüte Zucker aufreißt. Die linke bleibt schlaff im Ärmel hängen. Nur an den Fingerspitzen kann man erkennen, dass sein Arm, der ihm bei der Geburt gebrochen worden war, verdreht zusammengewachsen ist. Die Mutter wischt ihm liebevoll den Papierfetzen aus dem Mund, den er ihr auf der Zunge entgegenstreckt. "Wir verstehen uns prima", sagt sie. "Schon der erste Kontakt war fantastisch."

"Ich bin die glücklichste Mutter der Welt"

Erst elf Tage ist es her, dass Clara Rojas ihren Sohn nach fast drei Jahren erzwungener Trennung wieder in die Arme schließen konnte. Es war das Ende eines Martyriums, das Lateinamerika zu Tränen rührte. Vor knapp sechs Jahren war die Anwältin zusammen mit der damaligen kolumbianischen Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt entführt worden. Ihr Emmanuel ist das Kind eines Guerilleros. Sie hatte es während der Gefangenschaft tief im Dschungel geboren und seit seinem neunten Lebensmonat nicht wiedergesehen. Jetzt sagt sie: "Ich bin die glücklichste Mutter der Welt. Ich danke Gott, dass ich ihn zur Welt bringen durfte."

In Madrid, beim 4. Internationalen Kongress der Opfer des Terrorismus, wohin sie mit ihrem Sohn und ihrer Mutter Clara reiste, ist Clara Rojas nun eine Heldin, empfangen mit stehenden Ovationen, für ihre Tapferkeit, ihren starken Willen und ihre Kraft. "Ich war nur eine von mehr als 800 Geiseln in meinem Land, die irgendwo da draußen seit Jahren langsam vor die Hunde gehen", sagt sie. "Wir dürfen nicht ruhen, bis der Krieg in unserem Land ein Ende findet und alle in Freiheit leben können."

Insgesamt 30.000 Entführte

Seit 50 Jahren ist ihr Heimatland durch einen unendlich scheinenden Krieg zwischen Staat, Guerilla und paramilitärischen Gruppen immer mehr ins Chaos gesunken. Mit insgesamt 30.000 Entführten und Verschwundenen, vergessen von der Weltöffentlichkeit, ausgeblendet auch von den Menschen im eigenen Land, die der immer neuen Horrornachrichten von mehr als 50 Morden täglich müde waren. Bis sie von Clara Rojas und der Geburt ihres Sohnes hörten.

Ihren Anfang nahm die Geschichte in der Gegend um Neiva, gut 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Bogotá. Am 22. Februar 2002 wollte Clara Rojas mit Ingrid Betancourt, der Vorsitzenden der gemeinsam gegründeten Ökopartei "Grüner Sauerstoff", 120 Kilometer durch Rebellengebiet in die Provinzhauptstadt San Vicente de Caguán fahren, wo der einzige grüne Bürgermeister des Landes regierte. "Ingrid hat mich erst einen Tag zuvor gefragt, ob ich mitkomme", sagt Clara Rojas, die damals für die Oppositionspolitikerin den Wahlkampf organisierte und bei einem Sieg stellvertretende Präsidentin hätte werden sollen. Ihr Ziel lag mitten in einer entmilitarisierten Zone von den Ausmaßen der Schweiz, wo die Guerilla seit Jahren schalten und walten konnte. Erst wenige Tage zuvor waren die Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Rebellen gescheitert. "Dass ich mitkam, war eine Geste der Liebe", sagt Rojas. "Ingrid und ich waren beste Freundinnen, so eng wie Schwestern."

"Du bist der Erste, der erschossen wird"

Angst hatten an jenem Morgen alle, die den Geländewagen bestiegen, an dem sie zwei weiße Fahnen montiert hatten. Die Polizei hatte die Straße zwar für befahrbar erklärt, aber gewarnt. "Du bist der Erste, der erschossen wird", sagten sie dem Fahrer. Die Kandidatin und ihre Freundin redeten sich das Risiko klein. Schließlich waren sie vor Kurzem noch bei Friedensverhandlungen als Kämpferinnen gegen Oligarchie, gegen Korruption und für einen Dialog mit der Guerilla aufgetreten. "Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass sie gerade uns schnappen."

Es passierte nach etwa 40 Kilometern Fahrt. Uniformierte Banditen mit Maschinengewehren stoppten ihr Auto genau in dem Moment, als im Buschwerk eine Mine detonierte und einem Guerillero ein Bein wegriss, der sich blutend auf die Straße schleppte. "Sie haben Ingrid sofort erkannt und sie gefragt, wer ich bin", sagt Clara Rojas. "Ingrid hat mich als ihre beste Freundin vorgestellt, und dann haben sie uns vom Rest der Gruppe getrennt." Mehrere Stunden lang wurden sie durch den Dschungel gekarrt, bis auch der letzte gerade noch befahrbare Weg im Dickicht endete. Nur einmal, bei einem kurzen Halt in einem Dorf, durften die Frauen eine Nachricht an ihre Familien schreiben.

Vom Frieden ist Kolumbien weit entfernt

Die winzigen Buchstaben dieser Notiz verraten die Anspannung jenes Moments. Selbst Rojas Mutter konnte die Handschrift der Tochter nur mit Mühe entziffern. "Wenn so etwas passiert, hat das meist einen Grund", schrieb diese. "Hoffentlich kann unsere Freilassung dazu beitragen, Kolumbien den Frieden zu bringen." Sie ahnte nicht, was ihr noch alles widerfahren würde. Vom Frieden ist Kolumbien heute so weit entfernt wie von der Freilassung ihrer Freundin Ingrid Betancourt. Die war bis nun das wertvollste, weil prominenteste Faustpfand der Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc), der größten Guerilla-Organisation des Landes.

Erst vor wenigen Wochen haben die Entführer als Lebensbeweis ein Foto ihrer berühmten Geisel geliefert: eine schmale Frau mit langen schwarzen Haaren und gefalteten Händen. Ingrid Betancourt schaut zu Boden, als wolle sie verbergen, wie geschwächt sie ist. In einem Brief an ihre Mutter vom Oktober 2007, der irgendwie den Weg aus der grünen Hölle fand, schreibt sie: "In meinen Träumen, wenn irgendwann die Freiheit kommt, liebe Mama ... möchte ich, dass Du mit mir lebst, keine SMS mehr, keine Telefonate, keine Entfernung mehr zwischen uns, nie soll es mehr als einen Meter Distanz zwischen uns geben", um dann ihrer Verzweiflung Luft zu machen. "Ich bin es müde zu leiden, Mamita. … Ich habe versucht, die Hoffnung zu behalten, wie jemand, der versucht, den Kopf über Wasser zu halten. Aber, Mamita, ich gebe mich geschlagen … mir erscheint der Tod als eine süße Option."

Die Blässe verrät die Leidenszeit

Ihre Freundin Clara sieht auf den ersten Blick inzwischen schon wieder aus, als käme sie gerade vom Büro. Modische braune Hose, eng geschnittenes, rotes Jackett, fein manikürte Nägel. Doch die mühsam überschminkte Blässe in ihrem Gesicht verrät ihre Leidenszeit. Rojas trägt zwei schlichte silberfarbene Armreifen am Handgelenk, Ohrschmuck eigentlich, Geschenk einer Guerillera, doch für Märsche durch den Dschungel viel zu groß. Sie hat ihn zu Armreifen umfunktioniert. Falls ein Foto zum Lebensbeweis von ihr hätte gemacht werden sollen, wollte sie die Hände aneinanderhalten, als wäre sie gefesselt.

Anfangs schien den beiden Frauen eine baldige Befreiung möglich. "Über uns knatterten ständig Hubschrauber der Armee", erzählt Clara Rojas. Deswegen mussten sie mit ihren Entführern tagelange Märsche hinter sich bringen, Fahrten in kleinen Booten, weiter hinein in die Wildnis und dann noch weiter ins feuchte Nirgendwo marschieren. Sie wechselten täglich das Lager, schliefen in Hängematten oder auf Plastikplanen auf dem Boden. Zu essen gab es Reis und Maisfladen, was beide nicht mögen, später Vögel und Urwaldgetier. "Wir haben kaum etwas gegessen. Manchmal drei Wochen lang nicht", sagt Clara Rojas. Dann kamen die Kommandanten und fragten, was los sei. Das waren die einzigen Gespräche mit ihnen. "Ansonsten war das Klima zwischen uns sehr rau. Es gab keine Kommunikation", sagt die ehemalige Geisel. "Die vollkommene Isolation - das war das Schlimmste. Ohne Information, was passiert und ob was passiert. Ohne zu wissen, wo du bist und für wie lange noch. Ohne zu wissen, was mit dir geschieht und wie es deiner Familie geht. Ich musste mich zwingen, an gar nichts zu denken."

"Plötzlich war sie weg"

Ihre Mutter Clara, eine vornehme, grauhaarige Dame von heute 77 Jahren, hatte gerade ihren Mann Andrés verloren, nach 50 Jahren Ehe. Jetzt war auch ihre einzige Tochter verschwunden, das jüngste ihrer fünf Kinder. "Sie war meine wichtigste Stütze in dieser schweren Zeit. Und plötzlich war sie weg", sagt Clara González de Rojas in ihrem Hotelzimmer in Madrid und nippt am Tee. Der hingekritzelte erste Brief blieb lange die einzige Nachricht von ihr. "Es kam niemand, der mir half oder mich mit Informationen versorgte. Es kam einfach nichts. Und wenn im Fernsehen von der Entführung die Rede war, dann nur von Ingrid Betancourt. Meine Tochter tauchte da höchstens am Rande auf." Vergessen wie Tausende andere.

Claras Mutter zog von ihrem Häuschen auf dem Land in das Apartment der Tochter, um ihr wenigstens auf diese Weise nahe zu sein. Allmählich ergab die alte Dame sich der Traurigkeit und der Agonie. "Drei Jahre lang habe ich gar nichts gemacht." Ihre Tochter, die Musik liebt, gern Zeitschriften und Bücher liest, versuchte sich die Zeit ohne Lektüre und ohne Radio mit Sport zu verkürzen. Es waren lange Tage, weil sie sich bei Einbruch der Dunkelheit gegen sechs Uhr abends niederlegten und immer früh am Morgen aufwachten. "Manchmal lief ich vier Stunden im Kreis. Manchmal legte ich mich auf den Rücken und strampelte mit den Beinen wie beim Fahrradfahren. In Gedanken kurvte ich durch die Straßen von Bogotá."

Ein Soldat steckt ihr eine Taschenbibel zu

Bei einem der Märsche steckte ihr ein gefangener Soldat eine kleine Taschenbibel zu, in der sie stundenlang las. Immer und immer wieder betete sie den Rosenkranz. Oder sie blieb einfach still sitzen, um der Natur zu lauschen. Eine meditative Erfahrung, die die Sinne schärft für jedes knackende Hölzchen. Nach zwei Jahren durften die Geiseln zum ersten Mal Radio hören. Manchmal, an den Wochenenden zwischen fünf und sechs Uhr, das Programm "Stimmen der Entführung", eine Sendung, in der die Angehörigen Grüße und Botschaften verlesen.

Clara Rojas konnte bald schon die Stimmen der Anrufer den verschiedenen Geschichten zuordnen; sie überlegte sich, wie die Gesichter der Menschen aussehen, die da Nachrichten und Grüße an ihre Liebsten in die Welt hinaussendeten, ohne zu wissen, ob sie überhaupt noch am Leben sind. Ab und zu erhaschten sie und Ingrid Betancourt auch eine Stimme ihrer Angehörigen. Die Guerilla erlaubt das, weil sie annimmt, dieser Kontakt beruhige die Geiseln und mache es einfacher, sie in Gefangenschaft zu halten. "Es ist so wichtig, Nachricht zu bekommen", sagt Clara Rojas. "Aber wenn man merkt, wie traurig die in Freiheit sind, dann ist das sehr demoralisierend." Dann steigt die Sehnsucht nach zu Hause ins Unermessliche, dann entstehen Pläne zur Flucht.

Streit, in welche Richtung sie laufen sollten

Bei ihrem ersten Versuch gelang es ihnen, den Bewachern vier Tage lang zu entkommen. Allein irrten sie durch den Dschungel. Sie aßen etwas Brot, das sie zuvor gehortet hatten. Sie stritten sich, in welche Richtung sie laufen sollen. Dann waren sie wieder eingefangen. "Die ersten 30 Tage nach der Flucht wurden wir in Ketten gehalten. Das Schlimmste war, stundenlang an einen Baum gefesselt zu sein und sich nicht rühren zu können", sagt Rojas. In den nächsten anderthalb Jahren unternahmen die Frauen drei weitere Fluchtversuche. Jedes Mal wurden die Sicherheitsmaßnahmen verschärft, die Kommandeure des Camps ausgetauscht. Und immer wieder wurden sie in Ketten gelegt.

Auch beim Kongress der Opfer des Terrorismus in Madrid sitzt ein Mann in Ketten, symbolisch gefesselt um Hände und Hals. Es ist der Sozialwissenschaftler Gustavo Moncayo, dessen Sohn Pablo Emilio seit zehn Jahren in den Händen der Guerilla ist, rund um die Uhr mit Ketten an einen Leidensgenossen gefesselt, so wie alle gefangenen Soldaten und Polizisten. Unter Tränen berichtet der Professor vom Leiden des Sohnes, dem Kampf um seine Freilassung, von seinem Protestmarsch durchs ganze Land, an dessen Ende er mehr als zwei Millionen Unterschriften gesammelt hatte. Es herrscht Totenstille im Saal.

Weitere zwölf Kolumbianer erzählen ihre Geschichte, alle eingeladen von der erst kürzlich gegründeten Stiftung "Víctimas Visibles", die Schicksale der Terroropfer sichtbar macht. "Wir wollen zeigen, dass sich hinter den Statistiken Tragödien abspielen", sagt Sofía Giraldo de Melo, die Direktorin der Stiftung. "Hinter jeder Zahl steckt ein Gesicht, eine Familie, eine Geschichte und eine Zukunft."

Jedes Gespräch war Frust

Clara Rojas hatte nach den vier missglückten Fluchtversuchen niemanden mehr, an den sie sich klammern konnte. Das Gespräch zwischen ihr und Ingrid Betancourt war ihr kein Trost mehr. "Irgendwann haben sich selbst die besten Freundinnen nichts mehr zu erzählen. Jetzt kam auch noch hinzu, dass die eine der anderen die Schuld am Misslingen der Flucht gab. Jedes Gespräch war Frust. Die Beziehung war ausgezehrt, die gemeinsame Wellenlänge war weg. Wir verloren unseren Humor."

Im Camp "Caño Caribe", in dem sie inzwischen angekommen waren, wurden rund 30 Geiseln gefangen gehalten. Entführte Abgeordnete, drei US-Agenten, deren Hubschrauber die Farc abgeschossen hatte, Militärs und Polizisten, die Tag und Nacht jeweils zu zweit aneinandergekettet waren und so auch zur Toilette gehen mussten. Man schlief auf aufgehäuftem Blattwerk, das zwischen zusammengebundenen Hölzern die Bettstatt bildete.

Auf Sex mit Geiseln steht die Todesstrafe

Mit welchem der Guerilleros sich Clara Rojas in diesem Lager nun anfreundete, möchte sie als ihr Geheimnis wahren. "Als ich merkte, dass ich schwanger war, hatte ich keinen Kontakt mehr zu ihm", sagt sie. Auf Sex mit Geiseln steht für Guerilleros die Todesstrafe. Doch der Dschungel, heißt es, hat mehr Augen als Blätter. Geheimnisse lassen sich hier schlecht hüten. Laut Quellen um Venezuelas Staatschef Hugo Chávez soll der Vater des Kindes ein hoher Kommandant mit Kriegsnamen Timoschenko sein. "Die Farc-Leute haben immer wieder gebohrt, aber ich habe es nie gesagt. Warum auch?", fragt Clara Rojas. "Hätte ich sagen sollen, dass es meine Schuld war? An meiner Lage hätte es nichts geändert. Ich, mitten im Dschungel, mit einem kleinen Kind ..." Die Sorge um das Ungeborene, die Angst vor der Geburt machten ihr Leben noch elender.

Zwei Monate vor der Niederkunft kam sie in eines der aufgegebenen Häuser abseits des Lagers. Sie betete mehr als zuvor, an manchen Tagen viermal den Rosenkranz, sang immer wieder das Ave Maria. In diesen Tagen kam ihr auch der Name des Kindes in den Sinn. Sie entnahm ihn der Bibel, Matthäus-Evangelium, erstes Kapitel: Emmanuel. "Das ist der von Gott Gesegnete."

Armbruch bei der Geburt

Bei der Geburt gab es Komplikationen. Ein Guerillero namens Guillermo, der behauptete, mal ein paar Semester Medizin studiert zu haben, machte einen Kaiserschnitt mit dem Buschmesser. Während der Operation wurde dem Säugling der Arm gebrochen, den die Rebellen mit einem Zweig notdürftig schienten. Doch die Mutter war glücklich. "Emmanuel war so klein und so süß. Was mich am meisten ergriff, war sein Lachen und auch sein Gebrüll." Ein Journalist mit engen Verbindungen zur Guerilla war der Erste, der - in einem Buch - von einem Baby berichtete, von der nächtlichen Geburt während eines Bombardements der Armee. Das tat man in Kolumbien noch als Hirngespinst ab. Dann aber glückte dem Hauptmann John Fran Pinchao im Mai vergangenen Jahres die Flucht, und er bestätigte die Existenz von Claras Kind. Jetzt gab es kaum mehr jemanden in Kolumbien, den die Geschichte nicht rührte.

Emmanuels 77-jährige Großmutter schrieb einen offenen Brief an ihren Enkel: "Uns hat man gesagt, dass Deine Mutter nicht bei Dir ist. Ist das wahr? Ist es möglich, dass sie Dich nicht beschützen kann? Dass sie Dich nicht pflegen kann? Dass sie Dir nicht ihre Liebe geben kann, wie jede Mutter es tun kann und muss? Dass sie sie von Dir getrennt haben? Wie kann das sein? ... Wie gerne würde ich Dich beschützen. Wie gerne würde ich Dich verhätscheln. Was würde ich geben, nur um Dich in den Armen zu halten. Ich fühle eine unendliche Sehnsucht."

Der älteste Guerillero der Welt

Im Dschungel wurden die Bombardements massiver denn je. Clara Rojas ausgemergelter Körper gab keinen Tropfen Milch. Und dann hatte der Kleine auch noch den gebrochenen Arm, der dringend behandelt gehörte. Vom ersten Tag an schrieb die Geisel Briefe an den pockennarbigen Farc-Chef Manuel Marulanda, genannt Tirofijo (sicherer Schuss), mit seinen 77 Jahren wohl der älteste Guerillero der Welt. "Ich schrieb, bis die Stummel der Stifte so klein waren, dass ich sie nicht mehr halten konnte", sagt Clara Rojas. Das Rote Kreuz solle ihren Sohn zu ihrer Mutter bringen. "Ich schrieb, bis es kein Papier mehr gab. Aber eine Antwort habe ich nie erhalten." Stattdessen bekam sie zwei Monate nach der Geburt wieder den Befehl, sich in Marsch zu setzen. Da konnte sie gerade wieder einigermaßen gehen, war aber viel zu schwach, ihr Kind zu tragen. Das hat eine Guerillera übernommen, die sich auch sonst stundenweise um das kranke Kind kümmerte, Milchpulver besorgte und der Mutter nach der Geburt das rosafarbene Rosenkranzarmband mit den vielen Heiligenbildchen schenkte, das sie jetzt noch am Handgelenk trägt.

Einen ganzen Monat lang mussten sie marschieren, die Regierungstruppen stießen immer weiter ins Rebellengebiet vor. "Aber ich habe viel mit meinem Sohn gesprochen, obwohl er ja noch kein Wort verstand. Ich sagte, dass er vorsichtig sein soll, wenn er getragen wird. Dass er nicht weinen soll, wenn es wenig zu essen gibt. Ich sagte ihm, dass wir irgendwann hier herauskommen", erzählt Rojas. In diesen Gesprächen sieht sie das Glück begründet, dass er sie vom Moment des ersten Wiedersehens an akzeptiert hat und jetzt unablässig ihre Nähe sucht. "Er konnte mich zwar nicht verstehen. Aber er hat mir zugehört. Es war sein emotionales Begriffsvermögen."

Claras Mutter nahm das Heft in die Hand

Claras Mutter spürte, dass sie das Heft im Kampf um ihre Tochter und den Enkel in die Hand nehmen musste. Die 77-Jährige machte sich mit dem Internet vertraut. Post, die sie aus aller Welt erhielt, gab ihr Kraft. Sie koordinierte Friedensmärsche, an deren Spitze sie durch die Straßen der Hauptstadt zog, bis hin zum Palast des Präsidenten Álvaro Uribe, der von jeher seine knallharte Linie durchzieht, niemals mit der Guerilla zu verhandeln. Sie sagte ihm: "Allein kann ich keine Wunder vollbringen."

Clara González de Rojas setzte sich für Gespräche aller beteiligten Parteien ein. Und nie hat sie eine von ihnen beschimpft. Sie ging nicht auf die starrköpfige Regierung los, der die Geiseln ebenso gleichgültig zu sein scheinen wie die soziale Ungerechtigkeit im Land, gegen die die Guerilla immer noch vorgibt zu kämpfen. Sie legte sich nicht mit der Farc an, die längst zu einer Bande von Drogen- und Menschenhändlern verkommen ist. "Auch da gibt es viele desorientierte, verirrte Seelen, die schlecht informiert sind und immer noch glauben, für das Gute zu kämpfen", sagt sie. "Man muss eine gemeinsame Sprache finden. Eine Sprache, die beide verstehen."

Chávez präsentiert sich als Befreier

Zumindest begriff die Farc, dass sie Menschlichkeit demonstrieren musste, um sich nicht die letzten Sympathien im Land zu verscherzen. Auch die Regierung reagierte auf den Druck der Straße. Präsident Uribes bat sogar seinen ideologischen Gegenspieler Chávez um Hilfe. Venezuelas Präsident ergriff die Gelegenheit, sich auch den Kolumbianern als großen Befreier zu präsentieren. Im persönlichen Gespräch mit Emmanuels Großmutter schwor er, alles zu tun, um ihre Tochter und ihr Enkelkind zu befreien.

Chávez empfing einen von den USA wegen Drogen- und Waffenhandels steckbrieflich gesuchten hohen Farc-Kommandanten aus dem Führungsstab in seinem Palast in Caracas. Der versprach, ein Lebenszeichen zu besorgen. Das war im Oktober vergangenen Jahres. Die Befreiungsaktion hatte sogar schon einen Namen: "Operación Emmanuel". Die kubanische Nachrichtenagentur vermeldete als erste die bevorstehende Freilassung durch die Farc. Nur: Zu dieser Zeit war Emmanuel schon seit fast drei Jahren nicht mehr in ihrer Gewalt.

Ohne Medizin im Dschungel

Noch heute hat der Junge eine große Narbe auf seiner linken Wange. Es sind Spuren von Leishmaniose, einer Infektionserkrankung, die durch Sandmücken übertragen wird und tödlich enden kann. "Es gab für das Kind im Dschungel keine Medizin", sagt Clara Rojas. "Ich hatte Angst, dass Emmanuel stirbt. Die Kommandanten überzeugten mich, dass es besser sei, mich von ihm zu trennen. Ich nahm allen Mut zusammen und stimmte zu, weil sie mir versprachen, dass er ärztlich versorgt werde und in 15 Tagen wieder bei mir sei. Später habe ich das bereut. Ich hätte etwas warten sollen und darauf bestehen, dass sie mich zusammen mit dem Kind verlegen." Der 23. Januar 2005 war der Tag, an dem sie ihren Emmanuel das letzte Mal sah. Da war er gerade neun Monate alt.

An jenem Tag, abends um 18 Uhr, machten ein Mann und eine Frau ihr kleines Boot am bescheidenen Häuschen des Bauarbeiters José Crisanto Gómez fest. Sie hatten den kleinen Emmanuel auf dem Arm und verlangten von dem Mann, sich um die medizinische Versorgung des Geschwürs an der Wange und des gebrochenen Armes zu kümmern. "Sie drohten mir und sagten, sie kämen morgen wieder, um Milch und Windeln zu bringen", sagt Gómez. "Das Kind sah elendig schlecht aus."

Vom Kranken- ins Waisenhaus

Das Guerilla-Pärchen tauchte jedoch nicht mehr auf, und nach vier Monaten brachte er das Kind in ein Krankenhaus, wo es unter dem Namen Juan David Gómez Tapiero registriert wurde. Ärzte attestierten neben dem Geschwür und dem verkrüppelten Arm Unterernährung, Sumpffieber und soziale Verwahrlosung. Sie päppelten den Jungen auf und übergaben ihn an ein Waisenhaus in Bogotá. Als die Guerilla für Chávez zwei Jahre später den Lebensbeweis liefern musste, bedrängten sie den Bauarbeiter massiv, drohten ihm mit Ermordung, wenn er das Kind nicht wieder auftriebe. Gómez offenbarte sich der Polizei, die Emmanuels Spur bis nach Bogotá verfolgte.

Clara Rojas fieberte derweil ihrer Freilassung entgegen. Sie hatte bereits im August 2007 übers Radio von entsprechenden Plänen der Farc gehört. Vor Weihnachten aber musste sie wieder marschieren, 20 Tage lang. Die Militärhubschrauber kamen manchmal so nah, dass sie vor Schreck zusammenzuckte. Es dauerte bis zum 7. Januar, dann hatten die kolumbianischen Behörden und Chávez durch einen Gentest die Gewissheit, dass Emmanuel am Leben und tatsächlich Claras Sohn ist. Drei Tage später war sie frei.

"Chávez ist effektiv"

"Der Abschied war gespenstisch", sagt Clara Rojas, die ihre Bibel bei anderen Geiseln zurückließ. Der Tag der Übergabe war der erste seit Monaten, an dem sie auf einer Lichtung Tageslicht sah. Es war der Tag, den Chávez zur großen Show inszenierte. Er hatte extra seinen Innenminister einfliegen lassen, Teams seiner eigenen Fernsehanstalt Telesur und auch den Filmregisseur Oliver Stone. Clara Rojas aber ist Chávez dankbar. "Er hat einen offenen Kanal zur Farc, den die Kirche offenbar nicht mehr hat", sagt sie. "Und er hat erreicht, dass die kolumbianischen Militärs eine Feuerpause einlegten. Das war wie eine Prise Sauerstoff, das gab Hoffnung. Er ist effektiv, weil er Dinge einfordert und Forderungen festnagelt."

In Bogotá hat sich Clara Rojas zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Sohn in ein einfaches Aparthotel zurückgezogen, vor dem zivile Leibwächter stehen. Sie möchte sich schützen vor dem Rummel der Presse, alle Zeit Emmanuel widmen. Sie ist auch noch nicht weit genug, um wieder in den Alltag einzusteigen, einkaufen zu gehen, den Kühlschrank zu füllen. Später will sie einmal Urlaub machen, Musik- und Literaturkurse besuchen, ein Buch über ihre Entführung schreiben. "Ich werde für die Entführten kämpfen, damit sie das gleiche Licht sehen, das ich am Tag meiner Freilassung sah. Ich war ein Opfer. Aber ich bin kein Opfer mehr", sagt sie zum Abschied in Madrid. "Und ich möchte mich auch nicht so fühlen." Doch es klingt, als würde sie dazu noch sehr lange brauchen.

Liebe Leser, dieser Text ist am 31. Januar 2008 im stern erschienen - und wenig später auch bei stern.de. Aus Anlass der Befreiung von Ingrid Betancourt veröffentlichen wir ihn erneut

tk/fgü print

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